Part 12:                                                                                                                         back

/Ich habe ihn alleine gelassen. (Was macht das schon?) Er ist mein Freund (Freund?).../

Kim fühlte sich, als wären seine Arme und Beine aus Blei gegossen. Es fiel ihm schwer, die Stufen hinabzusteigen, ohne dabei ins Schwanken zu geraten und hin und wieder musste er kurz stehen bleiben, um sich an dem polierten, aber dennoch abgegriffenen goldenen Geländer festzuhalten. Er fasste sich benommen an den Kopf und schloss kurz seine Augen.

/Eine schleichende Schwärze klebt an meinem Bewusstsein wie ein Schatten, der erbarmungslos sein Opfer verfolgt. Was hat mir Bernard denn nur in den Champagner gemischt?! Keine Sorge... es wird gleich vergehen... nur noch einen Moment ausruhen.../ Mühsam öffnete er seine Augen wieder zu kleinen Schlitzen, dann setzte er, sich noch immer am Geländer festklammernd, vorsichtig einen Fuß vor den anderen.

/Ich muss fort von hier. Das betäubende närrische Lachen der Gäste dringt durch die Wände wie Sirup. Schon als Kind vertrieben mich die lauten Stimmen der Menschen aus den Festsälen. Ich hoffte, es würde sich im Laufe der Zeit ändern, aber das hat es nicht.../

Kim wurde übel als er an die ganzen Personen dachte, die in ihren aufgeplusterten Ballkleidern und den steifen Anzügen dicht aneinender gedrängt miteinander feierten, tanzten, lachten und... was das wichtigste war... boshaftes Geschwätz verbreiteten.

Immer näher kam er dem Ballsaal, aus dem die Violinenklänge verzerrt hervorquollen. Hier klirrte ein Glas, dort quietschte ein Sofa und ganz leise, wenn man in all dem Wirrwarr genau hinhörte, konnte man ein Kind weinen hören.

/Wieso verstummen die Klagelaute nicht? Hört denn niemand sein Schreien? Sie sind alle beschäftigt, nur mit sich selbst. Über die Leiden der anderen hört man hinweg oder belächelt sie.../

Kim wischte sich eine kleine Schweißperle von der Stirn und schmunzelte dann leicht. Vielleicht übertrieb er gerade etwas mit seinen Ansichten, vielleicht war es das Rauschmittel, was bei ihm das positive Denken ganz und gar außer Kraft setzte. Nicht alle Menschen waren gleich. Nicht alle so gemein, falsch und hinterhältig wie die Masse. Es gab Ausnahmen (doch sie werden verschluckt und... keiner fragt nach ihnen...)

Die Musik wurde lauter, die Töne klarer, verschwammen nicht mehr zu einem verzerrten Getöse sondern schmiegten sich harmonisch in eine süße Melodie, die Kim vertraut schien und ihn aufatmen ließ.
 

„Ah Kim, da bist du ja!“ Der Junge zuckte zusammen als er plötzlich angesprochen wurde und seine Augen richteten sich auf Luise, die ihre blassen, aber leicht geröteten Arme bockig in die Hüften stemmte.

„Ich hoffe du weißt, dass ich dich schon seit einer halben Ewigkeit suche! Dass du ausgerechnet hier steckst, hätte ich nun wirklich nicht erwartet! Die Zimmer da oben stehen doch alle leer. Was wolltest du dort?“

„...“

„Geht mich ja auch nichts an. Ich muss gleich wieder in die Küche. Gibt noch viel zu tun! Du weißt ja, wie das ist! Der Herzog schickt mich. Er erwartet dich in seinem Arbeitszimmer, natürlich erst, wenn er seinen Tee zu sich genommen hat. Wird wohl nichts mit deiner Arbeit hier zu tun haben, denn heute Abend bist du ihm ja nicht verpflichtet...“

Mit einem kurzen Kopfnicken bedankte sich Kim bei der Dienstmagd, die daraufhin beschämt lächelnd die Augen niederschlug und mit ihrem kleinen Händchen an der weißen Schürze herumzupfte. Dann schreckte sie plötzlich auf und huschte schnell davon, so dass sich die dunkle Haarsträhne, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte und locker auf die Schulter hing, im Luftzug bewegte.
 

Kim verspürte eine tiefe Abneigung gegen einen Aufenthalt im Arbeitszimmer des Herzogs. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, weshalb nach ihm geschickt worden war. Sein Dienst begann erst morgen früh und auch sonst war es nicht Sitte, Angestellte privat zu sich zu bitten. Er beschloss, zuvor etwas Luft zu schnappen ,was ihm die Sinne vielleicht wieder schärfen und die grauen Schleier von den Augen nehmen würde.
 

Unauffällig betrat er den glänzenden Festsaal, denn nur über ihn konnte man den großen Balkon erreichen, der verlassen draußen in der Dunkelheit lag. Er schlich sich an der mit Spiegeln verzierten Wand entlang und erreichte schließlich eine schmale, aber hohe Glastür, deren Scheiben durch goldene Querstreben gehalten wurden und auf denen sich das Licht der großen Kronleuchter matt widerspiegelte. Vorsichtig drückte er den Griff nach unten. Dieser knarrte leise, doch niemand schien es zu hören. Kim wollte doch nur für einen Moment alleine sein. Niemanden um sich haben, der ihn in seinen Gedanken unterbrach oder ihm seine Freundlichkeit aufzwang. Noch einmal wanderten seine Augen absichernd nach links und rechts, bevor er schnell nach draußen huschte.

Kühl empfing ihn die Nachluft und Kim atmete tief ein. Sie war rein, nicht durchtränkt von dem süßlichen Parfum und den Ausdunstungen der Menschen, die sich im Schloss vergnügten.

Er trat einige Schritte nach vorne, zu dem hüfthohen Mäuerchen, das den Balkon umgrenzte. Die Nacht war bereits angebrochen, das letzte Hellblau am Horizont verschwamm allmählich mit dem Schwarz des Himmels und leuchtete wie ein helles Band noch einmal kurz auf, als würde es mit letzter Kraft versuchen, sein Licht durchzusetzen. Kim sah dem Spiel der Dunkelheit lange zu und ließ sich den frischen Wind durch die braunen Haare wehen. Die Schwere in seinen Gliedern legte sich allmählich und er fühlte sich nicht mehr so müde und ausgelaugt.

/Ob sich die kleine Sophie noch im Schloss aufhält? Ich war heute sehr abweisend zu ihr, obwohl es ein Wiedersehen nach so langer Zeit war. Ich glaube, von Reichert kann mich nicht ausstehen. Sophie beteuert mir immer wieder, dass sie glücklich ist... ich wünschte, ich könnte es für die Wahrheit halten.../

Kim beugte sich etwas weiter über die Mauer und seufzte. Für einen Moment schloss er die Augen, lauschte den leisen Klängen des Klaviers, welches gerade angefangen hatte, zu spielen.

„Ich... möchte nach Hause...“

...

...

...

„Was hält dich dann noch hier?“
 

Er erstarrte bei diesen Worten und riss weit die Augen auf, als er den tiefen Bass in der Stimme hörte. Vorsichtig wendete er seinen Kopf nach links, wo sich der Schatten von Sinnts aus der Dunkelheit löste und auf ihn zutrat.

„Was... ich...“ /Und wieder verfalle ich in ein Stottern, das mir die Sprache verschlingt.../

Der Graf kam näher, schien sich in seinen Bewegungen fast dem Wind anzupassen, der sanft und leise blies.

Kim senkte seine Augen und wendete sich von dem großen Mann ab.

„Ich wusste nicht, dass Ihr auch hier draußen seid. Oder habt ihr den Balkon gerade erst betreten?“

Der Graf antwortete mit einem kurzen, kaum deutlichen Kopfschütteln und lächelte dabei zart, bevor wenig später Verzweiflung in seinen grünen Augen aufglomm.

„Wieso habt ihr Euch nicht bemerkbar gemacht?“

„...“

/Ich wusste,.... er würde auf diese Frage nicht antworten... Also warum habe ich sie gestellt? Weil... ich nicht weiß, was ich sonst zu ihm sagen soll. Er steht leise hinter mir, hat seine Blicke auf meinem Körper oder starrt wie ich in die Dunkelheit. Ich weiß es nicht, doch ich kann ihn nicht ansehen.../

Kim hörte, wie sich von Sinnt einen Schritt auf ihn zu bewegte und wurde leicht rot.

/Herzklopfen... Ich kann es jetzt nicht gebrauchen, nicht jetzt.../
 

„Geht... es Euch wieder besser? Ich hörte, dass Ihr Euch vorhin während des Tanzens plötzlich nicht wohlfühltet.“

/Wieso schweigt er nur? Bin ich denn keine Antwort wert?/

„Geht es euch wieder gut?“

Plötzlich erklang ein leises „Nein...“, gefolgt von schneidender Stille.
 

/Nein... es geht mir nicht mehr gut seit... seit drei Jahren. Wieso tust du das? Wieso verhältst du dich so... Spiele keine Anteilnahme, wo die Liebe erloschen ist. Wirst du angeekelt vor mir zurückweichen, wenn.../
 

Sanft legte der Graf seine Arme von hinten über die Schultern des Jungen, umschlang fest dessen Körper, der zu zittern begann.
 

//Gleitende Zärtlichkeit erwacht, die Wirklichkeit kleidet sich in den Schleier der Sehnsucht.//
 

Bevor Kim begriff, was geschah, lehnte er sich kurz vertraut in die starken Arme. Er atmete flach und seine Wangen glühten. In seinem Nacken spürte er den warmen, fast stoßartigen Atem von Sinnts.

/Man könnte meinen, dass er weint.../

Dann hob der Junge seine Hand und fasste nach der des Grafen, die Bewegung jedoch verebbte augenblicklich, erfror in der Hitze des anderen, als dieser erstickt in sein Ohr flüsterte:

„Nur für diesen Augenblick... Man sieht uns nicht!“

/Man sieht... uns nicht. Sieht uns nicht... /

„Von Sinnt... ich...“

„Weshalb nennst du mich so?“

/Weshalb ich ihn bei seinem Namen nenne?/

Kim konnte deutlich die Auf- und Abbewegung der Brust des Grafen spüren, die sich dicht an seine Schulterpartie schmiegte. Immer fester schlangen sich von Sinnts Arme um den zierlichen Körper, als habe er Angst, er könne ihm wie ein Vogel entfliehen und nie wieder zurückkehren.

„Wieso... hast du...“

/Er ringt um Worte, was will er mir sagen und bekommt es nicht über die Lippen?/

...

...

...

„Wieso hast du mich verstoßen, Kim?“

/Verstoßen? Ich... ihn? Was redet er nur.../

„Willst du mir nicht endlich eine Antwort geben?! Ich warte schon so lange darauf. Ich habe... mich immer gefragt, weshalb du plötzlich aufgehört hast...“

„Aber aufgehört womit denn?“

„Ist es wegen dieses jungen Burschen? Wegen dem Enkel des Herzogs? Hat sich dein Herz etwa nach der Liebe eines Gleichaltrigen gesehnt?“

„Graf... bitte, Ihr...“

Der Griff um Kims Schultern wurde noch fester.

...

...

...

„Fickt er dich besser als ich, ja?“

Ruckartig entriss sich der Junge der Umarmung und starrte dem Grafen mit funkelnden Augen in das blasse Gesicht.

„Wieso sagt Ihr so etwas?“

„Ich war dir also nicht mehr gut genug...“

„Ich weiß überhaupt nicht, wovon Ihr redet. Ihr verwechselt mich. Ich...“

„Oder konntest du es nicht ertragen, mich als Krüppel vor dir liegen zu sehen, nach Luft japsend wie ein Hund, der seinen letzten Atemzug macht. Ich versuchte, mein eigenes Blut vor dir zu schlucken, aber verdammt... es war so viel... ich... konnte... nicht...“

/Blut? Blut?! Das kann doch unmöglich.../

„Von Sinnt, bitte...“

Der Graf sah Kim mit einem geringschätzenden Blick von oben bis unten an.

„Du hast deine eigene Art, mich zu quälen. Zwei Jahre wartete ich. Auf dich. Doch du kamst nie. Wieso hast du auf keinen meiner Briefe geantwortet?! Ich wünschte ich könnte dich noch immer dafür hassen, dass du mich in meinen Qualen allein gelassen hast. Verdammt... ich...“

Er senkte kurz seinen Blick um sich wieder zu fassen und richtete ihn anschließend erneut auf sein Gegenüber. Kim war unfähig, auch nur ein Wort zu alldem zu sagen. Seine Gedanken drehten sich unaufhörlich im Kreis und wiederholten wieder und wieder den selben Namen: /Eduard!/.

„Ich schrieb’ dir sooft es ging. Manchmal auch, wenn mich die Schmerzen in meiner Brust fast in den Wahnsinn trieben.

...

...

...

Ich was einsam. Die Krankenschwestern und Ärzte um mich herum nahm ich nicht wahr, denn ich hoffte nur auf eines: auf dich! Manchmal sah ich dich im Fieberwahn sogar vor mir stehen, wie du mich anlächelst, aber das Erwachen war jedes Mal bitter. Die Doktoren gaben mich auf, so wie ich mich selbst aufgab, nach einem Jahr. Die Krankheit breitete sich immer weiter aus, zerfraß meine Lunge und ließ mich bluten. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als...“

Kim fiel plötzlich auf die Knie und hielt sich krampfhaft die Ohren zu. Dicke Tränen tropften auf den grauen Boden des Balkons. Er biss sich auf die Lippe, dass es schmerzte.

„Mein Gott, Bernard?! Was hast du mir nur untergejubelt?! Der Wahnsinn greift mit seinen gierigen Fingern nach mir und raubt mir den Verstand! Aufhören! Bitte aufhören!!!“

Mit einem Satz sprang er auf und rannte zu der Glastür, die in den Festsaal führte. Er riss sie auf, konnte dumpf noch die dunkle Stimme des Grafen hören. Was dieser sagte, wollte er nicht hören, durfte er nicht hören, weil es... niemals wahr sein konnte. Eduard war tot. Tot! Er selbst hatte die Papiere für die Beerdigung unterzeichnet, bevor sie Heinrich mit sich nahm. Eduard war tot!Seit drei Jahren!

Kim rannte fast blind vor Verzweiflung in den großen Saal, stolperte beinahe über einen Diener, der auf einem goldenen Tablett einige Sektgläser transportierte und sie den Gästen anbot.

Alle Aufmerksamkeit richtete sich plötzlich auf den Jungen, erneut an diesem Abend breitete sich ein Raunen in der Menge aus und es wurde lauter, als wenig später der Graf durch die Balkontür eintrat und sich suchend nach allen Seiten umblickte, kurz bevor er dem verstörten Jungen dann hinterher rannte.

„Ich möchte ja zu gerne mal wissen, was die beiden auf der Terrasse getrieben haben. Der Prokter Sohn sieht ja schrecklich verstört aus!“

„Nun, vielleicht wollte sich der schöne Graf ja an ihm zu schaffen machen!“ scherzte eine Frau mit weit ausgeschnittenem Dekolletee und rümpfte dabei ihre spitze Nase.

„Man hört so manches über ihn, haha! Aber hat er heute nicht seine Frau bei sich?“

Heinrich, der direkt neben den beiden Damen stand, verzog mürrisch das Gesicht, als er ihre Äußerungen hörte, mit seinen Augen verfolgte er jedoch jede Bewegung Kims.

„Hey, Heinrich! Trinkst du noch ein Gläschen mit uns?“ fragte ein kleiner Mann neben ihm, worauf er jedoch nur eine abwinkende Handbewegung als Antwort bekam.

„Na dann eben nicht...“ lachte er und sah, wie sich Heinrich nun ebenfalls in Bewegung setzte und Kim folgte.

„Ah, verstehe! Der Kleine ist doch mit ihm befreundet. Jetzt muss er wahrscheinlich erst einmal die Schulter hinhalten, damit sich der Junge bei ihm ausheulen kann! Aber anscheinend steht er auf solche Mutter-Sohn Beziehungen, sonst würde er nicht ständig in so etwas hineingeraten!“ Ein keckes Grinsen schlich sich auf die dünnen Lippen des Mannes, der von seinen angeheiterten Freunden dann in eine andere Ecke gezogen wurde, in der sich etliche junge Frauen versammelt hatten, die sich angeregt miteinander unterhielten.
 

Kim war in den Garten gerannt und saß nun auf einer kleinen Bank, seine Ellenbogen ruhten auf seinen Knien und die Hände hatte er an die Stirn gelegt (um dein Gesicht zu verbergen?). Viele Gäste waren ihm hinterher ins Freie geeilt und standen im Halbkreis um ihn herum, jeder gespannt darauf, was nun passieren würde, da der Graf sich ihm mit langsamen Schritten näherte.

/Er steht vor mir... beschützt er mich vor den fremden Blicken der Menschen um uns herum? Oder wirft er mir einen verächtlichen Blick zu?/

„Es tut mir leid, wenn ich...“

„Eduard ist tot, Ihr könnt es unmöglich sein! Also lasst die Scherze!“

Der Graf verschmälerte seine Augen, griff Kim leicht ans Kinn und zwang ihn dann, ihm direkt in die kühlen grünen Augen zu sehen.

„Ich bin also tot, ja? Wie kommst du darauf?“

„Ich habe Eure Beerdigung unterzeichnet... Ihr wart krank... und Ihr...“

„... und ich wurde wieder gesund...“

„Wie wünschte ich, Euch diese Worte glauben zu können, aber...“

Von Sinnt schloss halb die Augen und beugte sich hinab zu Kim, wobei er ihn noch immer mit der Hand am Kinn festhielt.

Ihre Lippen berührten sich, verschmolzen miteinander in einem leidenschaftlichen Kuss, dessen Zierde die Trauer war.
 

„Du hast nichts dazu gelernt,... Eduard von Kalau...“ bemerkte Heinrich in die Stille und trat auf die beiden Männer zu.

„Beherrschung war nie deine Stärke, wenn die Leidenschaft mitspielte. Hat man Euch nicht schon vor Jahren diese Liebe untersagt? Und jetzt küsst du ihn, vor tausenden Menschenaugen... Liebt euch, wo ihr wollt, jedoch tut es klugerweise im Verborgenen!“

Heinrich versuchte, die beiden mit seinem Körper so gut es ging vor den neugierigen Blicken der Anwesenden abzuschirmen, doch dies stellte sich als ein sinnloses Unterfangen heraus. Die Öffentlichkeit war überall.

Von Kalau löste den Kuss, der Kim zitternd zurückließ.

„Entschuldige... ich hätte mich dir nicht aufzwingen dürfen...“ Eduard machte einen Schritt nach hinten, doch Kim griff nach seinem Hemdärmel und hielt ihn fest, die Augen auf den Kiesboden gerichtet.

„Von... welchen Briefen spracht Ihr?“

„...?“

„Von denen, die ich nie bekommen habe?“

/Nie bekommen?! Es waren so viele... sie konnten nicht verschwinden!/

„Ich gab’ sie Heinrich mit...wenn er mich...“

Von Kalau musterte seinen Bruder, der neben ihm stand und keine Miene verzog. Nur ein leichtes Kräuseln in den Augenbrauen ließ erkennen, dass es ihn innerlich fast zu zerbersten drohte. Er schluckte, atmete dann noch einmal tief ein.
 

„Ja, Kim... Er gab sie mir mit... und ich... Teufel... verbrannte sie zu Asche, so dass sie dich niemals erreichen würden. Kein einziger!“

„Was?“ Ungläubig richtete Kim seine Augen auf den Blondschopf, der seine rechte Hand auf die Schulter des Grafen legen wollte, doch jäh zurückgestoßen wurde.

„Ihr müsst mir glauben, dass ich...“

„Mein eigener Bruder... Mein...“ Eduards Stimme wurde leiser, immer leiser und verebbte schließlich. „Mein eigener... Bruder...“

Kim sprang auf, wedelte abwehrend mit seinen Armen. „Dafür gibt es doch bestimmt eine Erklärung! Es muss doch... Heinrich, du kannst doch nicht...“
 

„Doch, Kleiner! Ich kann! Ich habe dich drei Jahre betrogen! Dich und ihn, den Mann, den du einst über alles geliebt hast und zu dem du dich auch jetzt noch hingezogen fühlst. Ihr müsst wissen, dass ich niemals gegen euere Liebe war...“

„Drei Jahre! Drei verfluchte Jahre!“ stieß von Kalau plötzlich hervor.

„Du hast mich drei Jahre für tot erklärt?! Hast mich verschimmeln lassen in diesem winzigen Bett am Meer, hast mich darum betteln lassen, mich wieder mit zurück nach hause zu nehmen, weil ich die Einsamkeit nicht länger ertragen konnte? Wie konntest du mir in die Augen sehen und sagen, Kim hätte mir keine Antwort geschrieben? Auf die zahlreichen Briefe die... wie sich ja nun herausstellt... ihn niemals erreicht haben?!“ Der Graf packte wütend seinen Bruder am Kragen, ließ ihn jedoch gleich wieder los und wendete sich von ihm ab.

„Du bist es nicht wert... Niemals mehr wert, dass ich mich über dich aufrege!“

„Eduard... es...“

„... tut dir leid, ich weiß! Leere Worte von einem...“

„Verräter!“ Heinrich beendete selbst den Satz. /Ich hatte meine Gründe./

Kim starrte nur vor sich hin, als Eduard seinen Arm über seine Schulter legte und sich mit ihm entfernte. Heinrich sah den beiden hinterher, wie die anderen Menschen auch, die abwechseln auf ihn und dann wieder auf das Paar stierten.
 

/Ich hatte meine Gründe und doch... befreit mich dies nicht von meiner Schuld, nicht von dem Hass, der mir nun zuteil wird, von den Menschen, die ich am meisten liebe!/

Von Kalau wendete noch einmal kurz seinen Kopf zu Heinrich, senkte dann die Augen und lief weiter.
 

/Noch einmal hat er mich angesehen. Ich habe ihn tief verletzt. Das weiß ich jetzt, denn... er weinte vor mir zum ersten Mal in seinem Leben.../ 

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Part 13:

Heinrich knirschte mit den Zähnen, seine Augen hielt er auf den Kiesboden gerichtet. Er wollte nicht in die Gesichter der Menschen blicken müssen, ihr unaufhörliches boshaftes Gelächter und das nicht abklingen wollende Geschwätz waren bereits weitaus mehr als er ertragen konnte.

Mit zusammengesunkenen Schultern ließ er sich hilflos auf der kalten Bank nieder, auf der zuvor Kim gesessen hatte und schüttelte wie in Trance ein paar Mal mit dem Kopf, ganz langsam. Nach wenigen Minuten gesellte sich ein junger dunkelhaariger Mann zu ihm, dessen Nase weit aus dem Gesicht hervor sprang und dem Ganzen Kopf eine Art Strenge verlieh, welche durch ein hämisches Lächeln jedoch bald gebrochen wurde. Der Mann wartete einen kurzen Augenblick, in dem er seine Augen nicht von Heinrich ließ, doch als dieser seine Anwesenheit ganz und gar zu ignorieren schien und sich nicht einmal bewegte, klopfte er ihm fest auf die Schultern.

„Mit dir werden Festlichkeiten doch immer viel interessanter!“

„Spar’ dir deinen Spott, Hans-Peter!“ fauchte Heinrich und betrachtete seinen Freund aggressiv aus den Augenwinkeln, was diesen jedoch nicht abschreckte, sondern dazu antrieb, weiter auf ihn einzureden.

„Wieso hast du dem Burschen nicht einfach einen linken Haken verpasst, als er dich am Kragen packte? Wir alle rechneten mit einer Schlägerei...“ Das Grinsen wurde breiter. „Du versuchtest also, die Beziehung zwischen den beiden zu verhindern, ja? Bist du nun so niedergeschlagen, weil es nicht funktioniert hat?! Komm’ schon!“ Mit seinem Ellenbogen stieß er Heinrich spielerisch leicht zwischen die Rippen, doch eine Reaktion folgte daraufhin nicht.

„Ich bin mir sicher, die Leute rechnen dir deinen Edelmut alle positiv an. Ich meine, wir alle hätten wohl so gehandelt, oder zumindest hätten wir so handeln sollen, wenn wir von so einer Schweinerei in Adelskreisen gewusst hätten. Ich verstehe nicht, wie man sich als Mann für einen Kerl interessieren kann. Schon bei dem Gedanken wird mir übel! Was meinst du...“ Ein schrilles Lachen ertönte. „... ob die beiden schon miteinander...? Wie weit kann ein Mensch noch sinken?! Man sollte sie entmannen, um dieser Sodomie ein Ende zu bereiten! Entweder... sie stecken ihre Schwänze in Frauen oder nirgendwo hin... Das sind doch alles Schweine!“

„Er ist mein Bruder!“ bemerkte Heinrich trocken und Hans-Peters Miene verzog sich zu einer grässlichen Fratze.

„Ist es die Schuld meines Bruders? Ist er ein verdammter Frevler, nur weil er sich in das gleiche Geschlecht verliebt hat?! Schweine sind nur Leute wie du, Hans-Peter, die glauben, über anderer Menschen Leben urteilen zu müssen.“

„Dir ist wohl der Wein zu Kopf gestiegen?! So einen Ton verbitte ich mir. Auch wenn ich dein Freund bin, solltest du nicht auf diese Weise mit mir reden! Man könnte sonst vielleicht Verdacht schöpfen, dass auch du der Knabenliebe verfallen bist! Liegt so etwas nicht in der Familie?...“

Heinrich erschrak bei diesen Worten und riss die Augen weit auf, beherrschte sich aber im nächsten Augenblick und ließ sich seine Wut nicht anmerken. Unter einem lauten Stöhnen erhob sich Hans-Peter.

„Aber gut, weil du es bist, so will ich dir noch einmal verzeihen. Ich verstehe, wie tief der Schock sitzen muss, wo sich doch dein eigener Bruder mit Schmutz besudelt, indem er einen anderen Mann begehrt. Tröste dich, mein Freund! Solche Beziehungen bestehen nicht lange, weil... weil sie es nicht dürfen. Wir alle können uns in deine Lage versetzen, also sei dir vergeben. Nun komm’ mit uns zurück ins Schloss. Die Nacht ist kühl und Madelene wäre sicher nicht erfreut, wenn du morgen mit Schnupfen oder etwas Schlimmerem im Bett liegen müsstest...“

Damit entfernte er sich einige Schritte von Heinrich und blinzelte den Umstehenden mit einem Lächeln auf den Lippen zu, gab ihnen so zu verstehen, dass das Spektakel nun zu Ende sei. Selbstgefällig stemmte er die Hände in die Hüften und sah sich dann noch einmal zu Heinrich um, der sich ebenfalls erhob.
 

/Ihr versteht einen Dreck von dem, was ich gerade fühle! Ich habe Verrat begangen und... ich schwöre bei meiner Ehre... Minsk... dass ich Euch das irgendwann heimzahlen werde!/

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„Ich dachte immer, ich könnte dir blind vertrauen... Aber, all die Jahre war dein Lächeln nie echt... das weiß ich jetzt. Ich weiß es und wünschte doch, ich hätte es niemals erfahren. Dann hätte ich an einer Lüge festhalten können. Wieso sagst du nichts, Heinrich?! Weshalb schweigst du nur? Weil du fort bist? Fort für immer ? – Vielleicht für immer. Wie konntest du nur.../

Kim lief neben dem Grafen her, einfach weiter geradeaus. Er wusste nicht wohin, folgte dem Mann an seiner Seite in die dunkle Nacht, in der der fahle Mond am Himmel das einzige dumpfe Licht spendete, das die Umgebung mit seichten Schleiern in zärtliche Melancholie tauchte.


/Wir verschwinden in der Finsternis, aber die Augen der Menschen lasten auf unseren Schultern. Sie sehen uns, verurteilen uns und wir sind ihnen schutzlos ausgeliefert. Die Welt ist schlecht und wir... gehen in ihr unter. Allein./
 

Kims Blicke streiften von Kalau, der stumm an seiner Seite schritt, ebenso in sich gekehrt und vor sich hin in die Leere starrend, keine Regung auf dem Gesicht. Der Graf hatte sich nicht verändert. Schon damals verbarg er seinen Kummer in seinem Inneren, wollte ihn nicht mit anderen teilen, sondern belächelte sich nur selbst für seine Gefühle, die ihm so sinnlos erschienen.

/Treibt Ihr Euch so nicht selbst in den Wahnsinn? Verbergt Euren Schmerz nicht länger. Es würde jeden zerreißen, wenn er hintergangen würde... von seinem eigenen Bruder. Ihr habt sehr an Heinrich gehangen, vielleicht mehr als ich selbst.../

Ein leises bitteres Schluchzen huschte unbeholfen über Kims Lippen. Er blieb abrupt stehen und schlug sich eine Hand vor die Augen, die andere verkrampfte er in von Kalaus Hemdärmel. Er versuchte, es zu unterdrücken, konnte aber nicht verhindern, dass sein Seufzen allmählich in ein Weinen überging, bis schillernde Perlen seine Wangen hinabrannen. Kim sackte in sich zusammen, klammerte sich immer fester an Eduard, weil er Angst hatte, jeden Augenblick die Kontrolle über seinen Körper zu verlieren und umzufallen. Seine Augen röteten sich, was man in der Finsternis jedoch nur erahnen konnte, auch über sein Gesicht schlich sich eine zarte Röte.
 

/Gejagt von den Dämonen des Schicksals

Sind wir einem Gott nie begegnet.

Was ist es, woran wir noch glauben?

Die dichten Nebelschwaden werden sich irgendwann auflösen.

Lass uns im Wind stehen und...

Breite deine Arme aus.

Kannst du sehen? Verstehst du nun?

Freiheit gibt es nicht.

Breite deine Arme aus...


Dir wachsen keine Flügel.../
 

„Mein Gott, Eduard... Wie kann das Schicksal nur so grausam sein... Was haben wir getan...?“

/Eine Frage. Wir beide kennen die Antwort und wollen sie doch nicht hören.../

Erst, als Eduard seine Arme um die Schultern des Jungen schlang, verebbte allmählich dessen Zittern.

„Beruhige dich, Kim! Von jetzt an wird alles anders, weil wir... wieder zusammen sind.“

/Nichts kann uns jetzt mehr trennen... niemals mehr. Wie wünschte ich, dir diese einfachen Worte zum Trost sagen zu können, aber... sie wären gelogen, denn die ganze Welt geht gegen uns... Nichts kann uns mehr trennen. Ein Versprechen./

Kim spürte, wie sich von Kalau in die Umarmung lehnte, sich immer mehr an ihn schmiegte, bis ein kaum hörbarer Atemzug seinen Lippen entwich.

Für einen Moment schwiegen beide, fühlten sich geborgen.

„Ich möchte... Ich möchte so gerne nach Hause...“ stammelte Kim, so leise, dass man es für ein entferntes Flüstern hätte halten können.

Mit einer sanften Handbewegung strich ihm von Kalau durch die Haare, dann über die Wange, wobei seine Augen unendlich lächelten, auch wenn die Trauer das Grün fast Schwarz färbte.

„Du willst nach Hause... dann lass’ uns gehen!“

Doch als der Graf Kim leicht an der Schulter mit sich führen wollte, zögerte der Junge, starrte unbelebt in die eisige Ewigkeit der Nacht.

„Verzeiht, aber ich kann nicht zurück, nicht jetzt...“

Daraufhin empfing er Eduards fragende Blicke.

„Ich muss zum Herzog. Er will mich sprechen!“

„Du solltest nicht gehen...“

„Ich muss... Er ist der Herzog.“

Daraufhin erwiderte von Kalau nichts, nur seine Miene verfinsterte sich und Resignation schlich sich in seine Augen, wurde abgelöst von einem verzweifelten Lächeln, als sich Kim von ihm entfernte und zurück in Richtung Schloss lief. Einen Augenblick lang sah er dem Jungen hinterher, dann senkte er den Kopf und zog sich den Mantel fester um die Schultern.

„Dann werde ich mit dir gehen!“ sprach er schließlich mit tiefer Stimme, doch als ob Kim seine Worte aus der Entfernung gehört hätte, schüttelte er im Gehen mit dem Kopf.

„Er würde Euch nicht zu sich lassen. Er rief nur nach mir. Wartet nicht auf mich...“

Noch einmal sah er sich um, dann verschwand er schließlich in der Nacht. Von Kalau blieb zurück.


Kim stand vor der massiven dunkelbraun gefärbten Tür, die in das Arbeitszimmer des Herzogs führte. Er zögerte erst, dann klopfte er dreimal zaghaft an.

Er musste nicht lange warten, bis ein Bediensteter von innen heraus öffnete, der ihm dann einen geringschätzigen Blick zuwarf und auf Anweisung des Herzogs schließlich den Raum verließ.

Kim trat ein, unsicher, was er nach außen hin jedoch nicht zeigen wollte. Der Herzog saß auf einem großen Sessel, der an einem Glastisch stand und paffte genüsslich eine Zigarre, während er Kim von oben bis unten genau musterte. Mit einer einzigen Handbewegung forderte er den Jungen auf, die Tür hinter sich zu schließen und dann näher zu treten.

„Es freut mich, dass du trotz allem zu mir gekommen bist, Junge!“

/Trotz allem? ... Er weiß es also auch schon... Wie dumm von mir zu glauben, es wäre noch nicht bis in jede kleinste Ritze des Schlosses gedrungen.../

„Nun mach’ nicht so ein bitteres Gesicht. Willst du mir die Laune verderben? Heute ist der Geburtstag meiner Nichte und du hast weiß Gott schon für genug Aufsehen gesorgt! Du weißt nicht, weshalb ich dich zu mir kommen ließ, richtig?“

Kim bejahte und starrte vor sich auf den polierten Parkettboden.

„Nun... weshalb du dich zu diesem Grafen hingezogen fühlst, weiß ich nicht. Wenn ich nicht selbst einen Neffen hätte, der sich dem eigenen Geschlecht mehr zugeneigt sieht, als Frauen, würde ich mit Sicherheit anders reagieren, aber...“ Er zögerte und amüsierte sich über Kims erschrockenen Gesichtsausdruck.

„Meinst du, ich sei dumm und hätte den Grund nicht erahnen können, weshalb Bernard ausgerechnet dich als seinen Bediensteten haben wollte?“ Ein lautes Lachen brach aus dem Mund der Herzogs hervor, bevor er sich nervös über die schwitzende Stirn strich.

„Ich gebe zu, dass du für einen Jungen sehr hübsch bist, was nicht heißen soll, dass ich euere Sodomie stillschweigend hinnehme. Doch für den Augenblick ist das unwichtig. Ich habe dich zu mir gebeten, um dir eine andere Arbeit aufzutragen...“

In diesem Augenblick bewegte sich der schwere dunkelgrüne Samtvorhang, der die hintere Hälfte des Zimmers verdeckte und Kim stockte der Atem, als er beobachtete, wie sich Bernard mit geschmeidigen Bewegungen unter ihm durchschlich, bevor er auf seinen Onkel zustrebte, ohne dabei Kim auch nur eines Blickes zu würdigen. Fast spielerisch tänzelnd bewegte er sich um den Herzog herum, bis er innehielt und von hinten seine schlanken Arme um den Mann legte und ihm dann einen Kuss auf die Wange drückte. Kim glaubte beinahe, etwas Sinnliches in dieser Geste mitschwingen zu sehen, doch dann belächelte er diesen absurden Einfall und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf sein Gegenüber.

„Du schweigst in dich hinein? Willst du denn gar nicht wissen, welche Aufgabe ich dir zugedacht habe?“

Kim schluckte und noch bevor er antworten konnte, fiel ihm Bernard ins Wort.

„Nun spann’ ihn nicht so auf die Folter, Onkel! Natürlich will er es wissen. Nun sag’ es ihm schon!“

Der Herzog faltete seine Hände vor der Brust und kniff seine Augen etwas zusammen.

„Ich werde bald einen neuen Gast auf meinem Schloss empfangen. Er ist ein Mann von hohem Ansehen und sehr viel Einfluss. Und außerdem ein sehr guter Freund von mir. Wie ich erst gestern erfahren habe, werden seine Frau und sein fünfjähriges Töchterchen ebenfalls mit anreisen. Sie werden wohl einige Wochen hier bleiben und brauchen eine Gouvernante für ihr Kind...“

/... Eine Gouvernante?/

„Ich bin mir sicher, dass du mit Babette gut auskommen wirst. Sie ist ein bezauberndes kleines Ding. Du wirst dich um sie kümmern, ich brauche dich also jeden Tag.“

„Aber als Gouvernante?... Ich bin...“

„Kim... sei nicht unklug!“ fuhr ihn Bernard plötzlich an. „Du solltest meinem Onkel für seine Großzügigkeit dankbar sein. Dass er dir die Aufgabe einer Frau anvertraut hat, sollte dich nicht stören, hast du doch auch einen Mann als Liebhaber... Nebenbei... wie hast du es geschafft, seine Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen? Hat denn der Kuss gut geschmeckt? War er süß? Oh... du willst mir nicht antworten, wie ich sehe... Setze dich da auf die Couch, nur für einen Moment, bis ich dir sage, dass du gehen darfst!“

Kim gehorchte und ließ sich willenlos nieder.

Bernard hatte nun wieder begonnen, seinen Onkel zu umtänzeln, dann blieb er vor der Couch stehen, auf der Kim saß und biss sich leicht auf die Unterlippe. Mit seinen Händen strich er seinem Oberkörper entlang, verführerisch, so dass Kim eine heimliche Panik packte und er beinahe anfing zu zittern. Bernard jedoch ließ nicht ab von seinem Tun, auch als er die Nervosität seines Gegenübers bemerkte und sah, wie dieser abwechselnd auf den Herzog und dann auf ihn blickte.

Vorsichtig knöpfte Bernard sein Hemd auf, Stück für Stück und streichelte dabei zärtlich seinen eigenen Körper.

Kim stand plötzlich in einer schnellen Bewegung auf, doch der Junge drängte ihn rückwärts wieder auf das Sofa, kaum merklich mit dem Kopf schüttelnd.

„Keine Sorge, Kim. Ich habe gerade keine Lust auf dich!“ flüsterte er dann und streifte mit seinem heißen Atem die Wange seines Gegenübers.

Mit einer grazilen Bewegung wendete er sich dann abrupt ab und erst jetzt bemerkte Kim die Blicke des Herzogs, die gierig an seinem Neffen klebten. Die Zigarre hatte er beiseite gelegt und nun streckte er seine Arme willkommendheißend nach Bernard aus, der sich ohne zu zögern in den Schoß seines Onkels setzte, die Arme um dessen Schultern schlang und dann seine feuchten Lippen auf den Mund des Mannes presste.

Ungläubig begann Kim zu begreifen, was die beiden taten. Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Hals stecken und er schluckte sie mühsam hinunter.

„Sieht du auch genau her, Kim? Ich möchte dir zeigen, wie es geht, wenn du die Nacht mit deinem Grafen verbringst. Siehst du... zuerst knöpfst du seine Hose auf, ganz langsam. Du musst ihn befreien. Dann...“

Ruckartig stieß der Herzog seinen Neffen von sich und stand auf.

„Genug jetzt, Bernard! Geh’ nach hinten. Ich werde gleich zu dir kommen. Ich kann deine elenden Vorspiele nicht ertragen, das weißt du...“

Ein trotziger Ausdruck schlich sich über Bernards Miene, dann grinste er Kim noch einmal breit an und zog sich anschließend wieder hinter den grünen Vorhang zurück, leise vor sich hin redend.

Der Herzog richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Kim, der blass noch immer auf der Couch saß, mit seinen Blicken jedoch in eine der Zimmerecken geflüchtet war.

„Ich erwarte von dir, dann du am Dienstag pünktlich zur Arbeit erscheinst. Morgen hast du frei. Anna wird nun deine alten Aufgaben mit übernehmen. Und nun wirst du mich entschuldigen... ich muss mich einer dringenden Angelegenheit widmen!“

Kim sprach kein Wort, als er den Raum verließ, sondern war in seinen Gedanken verfangen.

/Bernard und der Herzog... Er... mit seinem Neffen. Willst du das, Bernard? Willst du... das.../

Aus der Tür drang lautes Stöhnen und Kim rannte die Treppen hinunter. 

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Part 14:

So schnell wie möglich hatte er das Schloss des Herzogs verlassen, war die Treppen hinabgerannt, die nur den Bediensteten zugänglich waren, um sich vor vorwurfsvollen Blicken der Gäste zu schützen. Er hatte nicht hinter sich gesehen, immer nur geradeaus und erst, als er allein in einer Kutsche saß, konnte er aufatmen. Die Fahrt kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, das Schaukeln des Gefährtes drohte ihn sanft in den Schlaf zu wiegen. Nur die lähmenden Gedanken an die vergangenen Stunden hielten ihn wach und irgendwann kam die Kutsche zum Stehen.
 

Mit zitternden Knien stand Kim vor Schloss Hornbach, allein, in der Dunkelheit. Alles schien so friedlich still, nur das gleichmäßige Rauschen des Windes, der über die großen Grasflächen strich, störte die Ruhe.

Mit tiefen Atemzügen sog er die frische Luft in seine Lungen, die ihm das Gefühl von etwas Freiheit gab.
 

/... dir wachsen keine Flügel.../
 

Kim wollte gerade seine Hand auf den kalten Knauf der Eingangstür legen, als auch schon von innen geöffnet wurde und Anna mit einem kupfer- schimmernden Kerzenlicht in der Hand erschien. Müde blinzelte sie ihren Herren durch die dichten Wimpern an und setzte dann ein Lächeln auf.

„Ich wusste doch, dass Ihr es seid.“

Kim trat ein und fragte verwundert mit monotoner Stimme, weshalb das Mädchen zu dieser Uhrzeit überhaupt noch auf den Beinen sei. Dann lief er, ohne auf eine Antwort zu warten, auf die große Treppe zu, die in sein Schlafgemach führte.

 

„Uhm... Herr?“ erklang das leise Flüstern Annas und Kim hielt in seiner Bewegung inne, um ihr einen eindringlichen, fast ärgerlichen Blick zuzuwerfen.

„Ihr seht müde aus und bitte verzeiht, wenn ich Euch unaufgefordert um diese Zeit noch anspreche, aber...“ Ihre Augen begannen zu funkeln, als sie stockte. Zuerst sah sie auf die kleine Kerze, die sie vor ihrem Körper in einem goldenen Ständer trug, beobachtete genau, wie sich die Flamme mit jedem klitzekleinen Luftzug veränderte. Dann erwiderte sie Kims Blick, wobei sie etwas errötete, aber standhaft blieb.

„Jemand erwartet Euch...“

Ihr Herz schlug schneller als sie die Veränderung in den Gesichtszügen ihres Herren erkannte, wie sich ein hoffnungsvoller Schimmer in seine Augen schlich, auch wenn dieser wenig später bereits wieder erlosch.

Kim bewegte seinen Mund, doch Worte drangen nicht hervor, so als habe er seine Stimme verloren. Erst schien er unschlüssig zu überlegen, aber dann drehte er sich auf der Treppe in die entgegengesetzte Richtung und stieg wieder hinab in die Vorhalle.

„Er ist also gekommen, ja?“ flüsterte er dann leise und Anna schlug sich die Hände verträumt vor den Mund, blinzelte Kim mit zusammengekniffenen Augen liebevoll an und nickte schließlich.

Stumm folgte er dem Mädchen zu einem kleinen Zimmer, durch dessen Tür bereits die Wärme eines angeschürten Kamins drang und aus dem leises Knistern verbrennenden Holzes zu hören war.

Kurz bevor Kim den Türgriff in die Hand nahm, lächelte er seinem Dienstmädchen freundlich zu.

„Ich danke dir, Anna. Du kannst jetzt wirklich schlafen gehen. Ich werde nichts weiter benötigen... heute Nacht.“ Kaum hatte er den Satz beendet, eilte die Magd auch schon davon, ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen.

/Er ist also gekommen. Und er... erwartet mich... wartet schon lange?/

Als er seine linke Hand auf den Türknauf legte, zitterten leicht seine Beine und er atmete tief durch, um sich etwas zu beruhigen.

Leise öffnete er die Tür, sein Blick glitt an den goldenen Ornamenten hinab, die sich spielerisch in der Tiefe vereinten und dann wieder auseinander liefen, wie eine feinstrahlige Pfauenfeder. Die Augen hielt er gesenkt, als er den Raum betrat, er sah sich nicht um, sondern schloss hinter sich die Tür, bevor er erschöpft seinen Kopf an das dunkle Holz lehnte.

/Wovor habe ich Angst... /

Zögerlich wendete er seinen Körper in Richtung Kamin. Das warme Licht, welches durch den Raum floss und viele Schatten an den umstehenden Schränken, Stühlen und Tischen warf, tauchte sein Gesicht in einen bronzenen Glanz.

Sein Blick heftete sich an die breiten Schultern des Grafen, der still auf dem kleinen Sofa saß, welches direkt vor dem Kamin stand. Er bewegte sich nicht, hatte vermutlich nicht gehört, dass Kim den Raum betreten hatte.

Mit langsamen Schritten näherte sich ihm der Junge, sprach jedoch kein Wort, sondern setzte sich einfach neben den großen Mann, dessen Lippen sich bei Kims Anblick leicht öffneten.

Viele Minuten verstrichen, in denen sie nichts sagten. Sie saßen einfach nur so da, nebeneinander und von Kalau hatte sanft seinen Arm um Kims Schultern gelegt, zog ihn näher an sich.

Wie gebannt starrten sie ins Feuer, beobachteten aufmerksam das knisternde Züngeln der gelben Flammen, bis Kim das Schweigen nicht mehr aushielt.

 

„Ich sagte Euch, Ihr solltet nicht auf mich warten...“

„...“

„Weshalb habt Ihr es dennoch getan?“
 

Kim wendete seine Augen auf das Gesicht des Grafen, der seinen Blick erwiderte, aber dennoch nichts sagte. Stattdessen zog er den Jungen näher zu sich, seine rechte Hand spielte mit dem obersten Knopf seines Hemdes. Leicht glitten von Kalaus Finger über Kims warme Haut, ertasteten die kleine Vertiefung, die zwischen seinen sich abzeichnenden Schlüsselbeinen lag. Kim schluckte, als er die sinnliche Berührung an seiner Brust spürte. Er fühlte seine Vernunft dahinschmelzen, ein warmes Feuer begann sich durch all seine Glieder auszubreiten und hüllte ihn in blindes Verlangen.

Dann schmeckte er Eduard auf seinen Lippen, ihre Zungen spielten miteinander, bis sich der Graf schließlich durchsetzte und den Jungen willenlos unter sich hatte. Immer weiter öffnete er Kims Hemd, mit jedem neuen Knopf schneller atmend. Kim legte seine Hände um von Kalaus Kopf, strich durch seine weichen haselnussbraunen Haare, die ihm daraufhin ungebändigt und wild in die blasse Stirn fielen, ihn noch verführerischer erscheinen ließen.

/So lange habe ich mich nach seinen Händen gesehnt, die mir Halt geben und mich dennoch mit ihren Zärtlichkeiten in den Wahnsinn treiben. Ich lasse mich fallen, will ich die Wahrheit nicht sehen? Nicht jetzt.../

Auf Eduards Miene zeichnete sich Verlangen ab, gemischt mit der Verzweiflung des Glücks, als er Kims Hals küsste. Wehrlos lag der Junge unter ihm, ließ es geschehen, als der Graf ihm das Hemd vom Körper streifte und es auf den Boden warf. Ein siegreiches Lächeln schlich sich in von Kalaus Mundwinkel, als Kim ein leises Stöhnen entwich, dessen er sich vermutlich nicht bewusst war. Doch dann kniff der Junge plötzlich die Augen zu, seine Augenbrauen legten sich in Falten. Eduard hielt inne und sah ihn eindringlich an, strich ihm mit den Fingern zärtlich über die geröteten Wangen, bis Kim seinen Arm hob und ihn sich über die Augen legte.

„Was hast du?“ flüsterte der Graf leise und schluckte, als er das Zittern unter sich fühlte.

„Möchtest du, dass ich aufhöre?“

/Ich will die Wahrheit nicht sehen, doch sie drängt sich mir unerbittlich auf.../

Kim zögerte einen Moment, bevor er seine Faust an Eduards Brust stemmte und ihn so dazu brachte, zurück zu weichen, so dass er sich aufrichten konnte. Bebend stützte er sich nach oben, senkte den Kopf auf seine Brust und schämte sich für seine Nacktheit, weshalb er gleich nach seinem Hemd griff und es sich über den Oberkörper legte.

Von Kalau schloss seine Augen, durchdrang Kim mit seinem Schweigen.

/Wo ist der Vorwurf in euerem Gesicht, den ich immer sah, wenn Ihr nicht bekommen habt, was Ihr wolltet?/

Aber stattdessen hörte er nur ein stilles Seufzen, das sich über die sinnlichen Lippen des Grafen schlich.

„Du fürchtest dich vor mir... Ich kann verstehen, wenn du...“

„Ihr versteht mich überhaupt nicht!“ brach es grob aus Kim hervor, dann lächelte er verzweifelt über seine eigenen Worte.

„Wie solltet Ihr auch... Ihr folgt blind Eurer Lust. Aber... Ihr überseht dabei, dass Ihr andere damit verletzt...“

„Niemals würde ich dich verletzten wollen...“

Sie sahen sich tief in die Augen, keiner wich den Blicken und Gefühlen des anderen.

„Ich rede ... nicht von mir, Eduard!“

„...“

„Euer Schweigen halte ich für Verleugnung. Wenn Euere Gemahlin davon wüsste, ich glaube, es würde sie in tiefe Trauer stürzen...“

„Wovon redest du, Kim?“

„Spielt nicht den Unwissenden! Ihr habt Schloss Wielnach einfach so verlassen, hab’ ich nicht recht?! Ohne ihr zu sagen, wohin Ihr gehen oder wann Ihr wieder kommen würdet... Habt Ihr mich auch auf diese Weise verleugnet, als Ihr Eure Affären mit zahlreichen Frauen auslebtet? Wieso sagtet Ihr nie, dass Ihr nur den Beischlaf von mir wolltet? Ihr hättet uns so viel ersparen können...“

Eduards Augen schimmerten feucht, als er in das Gesicht des Jungen blickte.

/Er senkt den Kopf... Sieht er es endlich ein? Fühlt er sich schuldig?/

„Ich weiß nicht... wie du darauf kommst, dass ich dir untreu war ,Kim! Und von welcher Gemahlin sprichst du? Ich kann deinen Worten nicht... folgen.“

Die Stimme des Grafen war schwach, fast unwirklich leise und tief.

Kim erschrak innerlich, als er von Kalau in sich zusammensinken sah, wie er seine Hand an die Stirn legte und mit glasigen Augen auf den Jungen starrte.

/Die Wirklichkeit hat noch niemanden glücklich gemacht.../

„Mein Gott, Kim...“ begann er schließlich mit unregelmäßigen Atemzügen zwischen den Worten.

„Ich weiß nicht, was man dir für Lügen über mich aufgetischt hat...  in den drei Jahren. Ich weiß nur, dass... ich dir niemals das Herz brechen wollte!“

Er fasste sich äußerlich wieder etwas und richtete sich auf, die Augen nicht von Kim abwendend, der angsterfüllt seiner Stimme zuhörte.

„Vertraust du mir so wenig, dass du anderen mehr glaubst, als mir?“

„Sie wusste von Eurer Narbe! Sie wusste, dass Ihr befleckt seid!“

„Die Narbe...“ Eduard schob seine Hand vorsichtig unter sein Hemd und strich mit den Fingerspitzen leicht über die Erinnerung an Minsk.

„Ja, sie ... verunstaltet mich. Aber... ich verbarg sie stets vor den Augen anderer, wann immer es mir möglich war...“

„Aber woher kannte dann sie...“

„Ich weiß es nicht.“

„Ihr wollt es nicht wissen!“

„...“

/Du irrst. Ich weiß es wirklich nicht.../

In diesem Augenblick knarrte die Tür und beide wendeten ihre Blicke in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Zuerst konnte man nicht viel erkennen, nur die schwarze Silhouette einer zierlichen Person, die sich langsam näherte. Fast schien sie zu schweben, auch wenn man deutlich das Klicken der Absätze ihrer Schuhe auf dem Marmorboden vernehmen konnte.  Erst, als das goldene Licht des Feuers ihre Züge bestrahlte, konnte man erkennen, wer es war.

„Alexandra...“ Die Stimme des Grafen klang fast erschrocken als er in das Gesicht der jungen Frau sah, dann jedoch seine Aufmerksamkeit wieder auf Kim richtete und zu lächeln versuchte.

/Ich kann das Entsetzen in deinen Augen sehen, Kim! Und nun begreife ich auch, weshalb du vor mir zurückweichst.../

Als Alexandra an die beiden herantrat und sie neugierig, aber auch ärgerlich musterte, wich Kim von Eduard und wollte aufstehen, was jedoch durch einen festen Handgriff an seinem Arm verhindert wurde.

„Hältst du etwa diese Frau für meine Gattin?“

Kim antwortete daraufhin nicht, sondern entriss sich dem Grafen und lief zu einem breiten Fenster um hinaus zu blicken.

/Sieh in die Dunkelheit der Nacht.

Wenn ich eine Seele hätte...

Sie wäre genauso schwarz.

Meinst du nicht auch?

Wieso fühle ich mich so schrecklich hilflos in diesem Augenblick? Alles zerbricht.../

„Pah... lieber würde ich mein Leben lang alleine bleiben, als mit so einem Griesgram wie Ihr es seid zusammen zu leben. Wie kommt Ihr dazu, mich als Euere Frau zu bezeichnen?!“

Die junge Frau stemmte entrüstet ihre Hände, an denen sie Samthandschuhe trug, in die schmalen Hüften. Ihr zorniger Gesichtsausdruck jedoch erlosch bald wieder, als sie bemerkte, dass all ihr Zetern fruchtlos blieb, weil der Graf seine grünen Augen auf den Jungen gerichtet hatte, der mit dem Gesicht zum Fenster etwas abseits stand. Sie stieß ein deutlich hörbares, fast genervtes Seufzen aus und hob dann ihren rechten Zeigefinger.

„Tut so etwas nie wieder, Eduard von Sinnt! Hört Ihr? Nie wieder! Ich bin vor Sorge fast umgekommen... Was meint Ihr denn was...“ Sie stockte und starrte ungläubig auf den großen Mann vor sich, der langsam von der Couch aufstand und mit sicheren, aber leisen Schritten auf den Jungen zuging, ihm anschließend die starken Arme um den zierlichen Körper schlang.

/Was tun die beiden da eigentlich?/

War sie denn Luft? Jedenfalls benahmen sich beide so, als wäre sie gar nicht anwesend. Sie verschmälerte ihre Augen zu kleinen Schlitzen, so dass sie alles nur sehr verschwommen sah. Mit laut schlagendem Herzen beobachtete sie, wie von Kalau seinen Kopf in den Nacken des Jungen legte, fast liebkosend, dabei die Arme immer fester schlingend.

/So kenne ich diesen Mann gar nicht. Er erscheint mir wie ausgewechselt.../

Erst jetzt wurde ihr durch die leisen Töne, die das Zimmer durchdrangen und fast wie ein verzweifeltes Weinen klangen, klar, dass der Jüngere Tränen vergoss.

/Ich sollte sie alleine lassen. Zwar weiß ich nicht, was das zu bedeuten hat, aber... Ich bin überflüssig und störend.../

Gerade, als sie sich in Richtung Tür drehen wollte und schon die Augen von den beiden gewendet hatte, fühlte sie eine leichte Berührung an ihrer Schulter und ohne, dass sie es gehört hatte, war der Junge auf sie zugetreten, der Graf stand hinter ihm.

„Geht nicht... Ich... möchte die Frau gerne kennen lernen, an die Eduard sein Herz verschenkte...“ sprach Kim leise und setzte dabei ein Lächeln auf, das von Alexandra warm erwidert wurde, auch wenn sie nicht verstand, von was der junge Herr vor ihr sprach.

„Sie ist nicht meine Gemahlin, Kim. Weshalb glaubst du mir nur nicht...?“

/So tief... Die Stimme so unendlich tief und sinnlich. Jedes Mal durchströmt sie mich wie ein warmer Windhauch.../

„Bitte setzt Euch!“ Kim deutete mit einer ruhigen Handbewegung auf einen Stuhl, der gegenüber des Sofas stand. Alexandra bedankte sich mit einem kleinen Knicks und nahm dann Platz, legte ihren Rock zurecht, nachdem sie sich hingesetzt hatte und faltete anschließend wartend ihre Hände in ihrem Schoß.

„Uhm... ich hoffe, Ihr nehmt mir mein unangemeldetes Eindringen nicht übel... Eure Magd öffnete mir und ich ließ sie aus Wut nicht zu Wort kommen...“

Von Kim bekam sie keine Antwort, er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein und nur oberflächlich zuzuhören. Vielleicht auch gar nicht, doch im Grunde kümmerte sie das nicht, denn sie war wegen des Grafen nach Schloss Hornbach gekommen. Und genau diesen musterte sie nun eindringlich, bis er ihre Blicke genervt erwiderte.

„Ihr sagtet, Ihr würdet nicht lange bleiben. Inzwischen sind drei Stunden vergangen und... da soll ich mir keine Gedanken machen?“

„Was sind drei Stunden schon... ich wartete 3 Jahre!“

Alexandra räusperte sich und spielte einen Augenblick nervös an ihrem Samthandschuh, den sie sich von den Fingern zog und dann wieder anlegte, da sie diese Bemerkung nicht ganz verstand.

„Hättet Ihr mir gesagt, ich solle ohne Euch zurückreisen, wäre ich Euch nicht hierher gefolgt...“

„Ich bin kein kleines Kind...“

Kim bemerkte, wie die junge Frau mit den Worten rang.

„Manchmal kommt Ihr mir aber so vor! Es ist spät, Eduard! Ich möchte nicht mit Euch diskutieren. Versteht endlich, dass Ihr es Euch nicht leisten könnt, Euch von mir längere Zeit zu entfernen!“

Auf von Kalaus Miene spiegelte sich Bitterkeit wider und er hob seine Hand an seine Stirn.

„Habt Ihr wieder Kopfschmerzen?“

„Nein...“

„Ihr seid übermüdet. Lasst uns fahren!“

Kim hatte nicht bemerkt, wie er bei den Worten Alexandras seine Hand immer fester in das weitärmlige Hemd des Grafen verkrampft hatte. Erst als Eduard ihn von der Seite ansah und sanft seine Wange berührte, wurde es ihm bewusst. Aber es war ihm inzwischen egal. Vielleicht hatte sein Vater ja recht gehabt, als er sagte, dass der Graf seinen Verstand vergiftete.

/So egal. So egal. Ich weiß nur, dass... ich ihn nicht... wieder... Bitte nicht.../

Er schloss seine Augen und lehnte sich an von Kalaus Schultern. Wenig später legte der Graf seinen Arm um ihn.

„Ich werde heute nacht hier bleiben. Ich bleibe nun... für immer hier. Denn das ist... mein Schloss... und dieser Junge hier...“

Mit liebevoller Zärtlichkeit strich er Kim eine braune Strähne seines Haares aus der Stirn.

Er erwiderte mit vielsagenden Blicken Alexandras erschrockenen blassen Gesichtsausdruck.

Verwirrt stand sie mit einem Ruck auf und wich einen kleinen Schritt zurück.

„Ihr wollt damit also sagen, dass...“

„Dass ich bei ihm bleiben werde.“

/Für immer? Ich wünschte, für immer.../

„Ihr braucht mich...“

„Ich komme auch ohne Euch zurecht...“

„Nein... Ihr braucht mich!“

„Denjenigen, den ich brauche... halte ich in meinen Armen...“

„Aber das kann nicht Euer Ernst sein!“

„Nennt mir einen Grund, weshalb ich scherzen sollte!“

„Aber ich...“ /Ich kann Euch nicht so einfach gehen lassen.../

„Niemals könntet Ihr mit einem Mann wie mir zusammen leben. Ihr habt es selbst gesagt...“

„Ich meinte es nicht...“

„Ich gab ihm ein Versprechen...“

„...?“

„Ich versprach ihm, nicht zu sterben!“

Alexandra schlug sich die Hände vor die Augen, in denen dicke Tränen standen.

„Ja... ich versprach es ihm und hielt... daran fest!“

„Nein... Ich war es, die Euch den Lebensmut zurückgab, als sie... als ER Euch allein gelassen hat!“

„Die Trennung von ihm war eine einzige Lüge... für die weder ich, noch er etwas kann!“

Eduard sprach ruhig, was die junge Frau fast wütend machte, wäre nicht die Traurigkeit größer gewesen, die ihr das Herz abschnürte.

„Ich dachte... Ihr...“ Sie stotterte unter den zittrigen Atemzügen.

„Ihr dachtet, dass ich Euch liebe?“

„...“ /Ich war mir sicher!/

„Ich habe Euch nie Hoffnungen gemacht!“

„Aber dass es ein Junge... sein...“

„Verurteilt mich. Hasst mich.“

„Das tue ich bereits. Ihr macht Euch schuldig!“

/Schuldig. Für immer./

Alexandra sah dem Grafen noch einmal fest in das Gesicht, konnte jedoch keine Gefühlsregung in der kalten Miene erkennen. Die heißen Tränen verschleierten ihr die Sicht und mit einem lauten stoßartigen Seufzer wendete sie sich ab, bevor sie hastig aus dem Zimmer stürmte. 

/Ihr scheint nicht zu verstehen... Ihr habt Euch falsch entschieden.../

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Part 15:

Das Zwitschern eines kleinen Vogels weckte Kim sanft am nächsten Morgen. Benommen schlug er seine Augen auf und wischte sich die Haare aus der Stirn, bevor er sich mit einem Ruck aufsetzte und seinen Blick im Zimmer umherschweifen ließ.

Er befand sich in seinem Bett und als er an sich hinabblickte, bemerkte er, dass sowohl sein Hemd als auch seine Hose aufgeknöpft waren. Verdammt, er konnte sich an nichts mehr erinnern, was vergangene Nacht vorgefallen war und er wusste auch nicht, aus welchem Grund Eduard mit ihm im Bett lag und an seiner Seite ruhig weiterschlief.

Der Graf trug noch seine Weste, nur die Schuhe hatte er ausgezogen. Er lag auf dem Bauch und sein Gesicht verschwand halb in dem weichen Kopfkissen, welches er mit beiden Händen fest umklammert hielt. Kim schmunzelte bei dem Anblick, auch wenn ihm bei dem Gedanken, vielleicht die Nacht mit Eduard verbracht zu haben, ohne es zu wissen, ganz mulmig zumute war.

„Kim....“ erklang plötzlich die Stimme des Grafen und der Junge riss erschrocken die Augen auf. Sein Herz begann wild zu schlagen und er fing an, zu stottern, wofür er sich innerlich selbst verfluchte.

„Uh... ich... ich weiß ja, dass Ihr es nicht mögt, wenn... also wenn ich Euch... beim Schlafen beobachte, aber...“

„Kim, nimm’ deinen Fuß aus meinem Gesicht!“ nuschelte Eduard in sein Kissen und Kim schlich eine ungewollte Röte über die Wangen, als er sich schmollend zur anderen Seite drehte /Er träumt ja nur!/, insgeheim aber einen leisen Seufzer der Erleichterung ausstieß. Eigentlich wollte er es gar nicht, aber wie von selbst wanderten bald seine Augen wieder zu dem großen Mann und beobachteten ihn eindringlich.

„Wie ein kleines Kind liegt er da. Beim Schlafen sieht er immer so niedlich aus!“

Für einen Augenblick überlegte er unschlüssig, ob er sich noch ein Weilchen hinlegen und die Ruhe genießen oder lieber aufstehen sollte, wobei er sich für die erste Variante entschied und sich mit einem kleinen Seufzen wieder zurück auf sein Kissen fallen ließ. Jedoch nicht, ohne vorher seinen Hosenknopf geschlossen zu haben.

/Mein Leben hat sich gestern drastisch geändert. Nicht nur zum Guten. Mir wird noch immer übel, wenn ich an die Sache mit Heinrich denke. Noch vor wenigen Tagen ging er auf diesem Schloss ein und aus und ich freute mich, wenn er mich besuchte und mir die Zeit etwas versüßte, indem er mich mit seiner fröhlichen Art zum Lachen brachte. Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn er jetzt vor mir stände. Wäre ich traurig und könnte mich nicht mehr rühren oder würde sogar Hass in mir auflodern? Nein... hassen kann ich ihn nicht. Wir gaben ihm keine Chance, sein Verhalten zu erklären, ließen ihn einfach stehen, ohne, dass er sich rechtfertigen konnte. Wir hätten.../

Eine sanfte Berührung an seiner Wange, die sich hinab zu seinem Hals fortbewegte, löste ihn aus seinen Gedanken und er wendete seinen Kopf zur Seite, um wenig später in das tiefe Grün der Augen des Grafen zu blicken. Eduard war inzwischen wach /vielleicht war er es schon die ganze Zeit... / und hatte sich näher zu Kim gelegt, was der Junge allerdings nicht bemerkt hatte, als er über die vergangenen Geschehnisse grübelte.

Kim wurde ganz warm ums Herz als er das süße Lächeln auf von Kalaus Lippen bemerkte und mit einem freudigen Gesichtsausdruck erwiderte er es.

„Woran denkst du gerade?“

„Mhm... an nichts besonderes.“ /Ich möchte ihn nicht an gestern erinnern.../

Stumm wechselten sie einsame Blicke und Kim starrte dann an die hohe Zimmerdecke.

„Was meint Ihr... wollen wir nicht aufstehen? Es ist mit Sicherheit schon Mittag!“

Doch Eduard legte seinen Arm über Kims Brust und seinen Kopf ganz nahe an den des Jungen, der deshalb rot wurde und sich am liebsten weggedreht hätte.

„Letzte Nacht war lang. Lass’ uns noch eine Weile liegen bleiben!“ Von Kalau grinste ihn mit breitem Lachen an, richtete sich dann auf und zog sich seine Weste aus, dann legte er sich wieder hin.

/Letzte Nacht war lang???/

„Was... war denn so lang... Habt Ihr...?“

„Soll das heißen, du hast alles vergessen, Kim? Das sieht dir aber nicht sehr ähnlich. Vor allem, da du mir noch versichert hast, dass es sehr schön war und du nicht genug haben konntest...“

„Es war... schön?“ Kim wurde feuerrot als er sich die weiße Zudecke halb über das Gesicht zog und fast hinter ihr verschwand. Mit verführerischer Langsamkeit strich Eduard ihm über die Brust.

„Du kannst froh sein, dass deine Bediensteten schon alle im Bett lagen, sonst hätten sie dein Stöhnen vielleicht noch gehört!“

Die Hand des Grafen fuhr in kleinen Kreisen tiefer hinab und glitt vorsichtig über Kims Oberschenkel, wanderte weiter nach innen.

Abrupt drehte sich Kim zur anderen Seite. Er wollte nicht, dass Eduard seine erregte Männlichkeit spürte, wollte sich dem großen Mann an seiner Seite nicht einfach so preisgeben.

„Ihr macht Euch nur über mich lustig. Von wegen... ich habe gestöhnt! Wir können nicht... zusammen... Ich kann mich wirklich an nichts erinnern und außerdem... ist das Bett ... nicht...“ erwiderte Kim mit trotziger Stimme.

Doch von Kalau ließ sich durch seine Worte nicht abhalten, sich über ihn zu beugen, so dass Kim ihm nun ganz ausgeliefert war und sich kaum noch bewegen konnte.

Er packte ihn an den Handgelenken und drückte sie sanft nach hinten, hielt sie dort fest. Seine Lippen legte er leidenschaftlich auf die Kims und der Jüngere ließ die Zunge willenlos in sich eindringen, spürte die Hitze, die sich durch die Berührung in seinem Körper ausbreitete und sich zwischen seinen Beinen sammelte.

„Natürlich mache ich mich nur über dich lustig!“ Der Graf verkniff sich ein Kichern und Kim puffte ihn auf diese Bemerkung hin leicht an die Brust, sah ihn dann aber lächelnd an.

„Ihr seid so... anders als sonst...“

Er atmete plötzlich keuchend aus, als die Hand des Grafen in seine Hose glitt und ihn dort streichelte. Er wusste nicht, ob Eduard ihm zugehört hatte, wo er doch damit beschäftigt war, ihm die Kleidung auszuziehen, aber er wollte in diesem Moment auch nichts mehr weiter sagen, sondern schloss stattdessen halb die Augen um wie in Trance auf den Mann über sich zu blicken, der sich in geschmeidigen Bewegungen immer weiter nach unten vorwagte. Er griff Kim zwischen die Beine und trieb den Jungen mit rhythmischer Langsamkeit der Erlösung immer näher, so dass er sich unter lautem Stöhnen unter ihm wand. Mit einem Mal jedoch hielt er in der Bewegung inne und Kim krümmte sich vor Enttäuschung. Kleine Schweißperlen standen ihm auf der Stirn als er gequält in Eduards blasses Gesicht blickte.

„Uh, Kim...“ stammelte von Kalau plötzlich und bemerkte dabei den Vorwurf in den Augen des Jüngeren.

„... tut... mir leid!“ Fast gläsern klang seine Stimme und er setzte sich auf.

/Es tut ihm leid?/

Kim konnte sehen, wie der Graf versuchte, seine Hand still zu halten, aber dass sie zitterte, konnte er dennoch nicht verbergen. Ein paar Mal schien es so, als würde er sie an seine Brust legen wollen, doch dann ließ er jedes Mal von dieser Bewegung ab, als wollte er sie verstecken, als wollte er verhindern, dass Kim es bemerkte. Der Junge jedoch setzte sich neben ihn und legte ihm die warme Hand auf die Schulter. Erst jetzt bemerkte er, dass Eduard laut keuchte.

„Was ist denn los? Sagt doch etwas!“

„Es ist... ung... ist... gleich wieder vorbei...“ Von Kalau warf Kim einen sanften Blick zu, hatte seinen Kopf jedoch noch immer gesenkt. Fast kauernd saß er auf dem Bett und seine dunklen Haare bedeckten halb seine Augen, die er zusammengekniffen hatte.

Panik erfasste Kim, als Eduard plötzlich seine Hand an die Brust legte und sie in sein halb geöffnetes Hemd verkrampfte. Hatte er Schmerzen?

/ Er versuchte immer, vor mir alles geheim zu halten, vielleicht bekommt er keine Luft mehr und ich sitze hier und kann nichts für ihn tun!/

Von der Angst überwältigt, die sich in seinem Inneren ausbreitete, füllten sich seine Augen mit verzweifelten Tränen. Er sprang auf und wollte Hilfe holen. Einen Arzt... verdammt... irgendwo musste doch ein Arzt in der Gegend sein. Er wusste, dieser Gedanke war töricht, doch er wollte daran festhalten, nicht noch einmal hilflos mit ansehen müssen, wie sich Eduard unter Schmerzen wand.

Bevor er jedoch losrennen konnte, packte von Kalau ihn am Handgelenk und sah ihm tief in die Augen.

„Warum zitterst du so, Kim? Ich verspreche dir... es wird gleich vorbei sein. Mir ist... kalt. Setzt du dich neben mich? Wir können uns in eine Decke hüllen...“ Eduard lächelte leicht, doch nur unter großer Anstrengung, was seine Augen verrieten.

„Ich hole einen Arzt!“ Kim sprang auf das Bett und legte dem Grafen eine dunkle Wolldecke über die Schultern.

„Kim... hast du vergessen, wie weit es von hier aus zum nächsten Doktor ist? Ich mag diese Menschen nicht! Das weißt du!“ Und mit diesen Worten zog er den Jungen neben sich auf das weiche Bett und hüllte ihn mit sich in die Zudecke. Müde griff er nach Kims Hand und legte sie sich an die Brust, dann wurde seine Miene auf einmal todernst.

„Weißt du... als ich... in den drei Jahren... Das wünschte ich mir immer. Dich an meiner Seite zu haben... und du würdest mir die Hand auf den Körper legen... Es ist so beruhigend...“

„... Von Kalau...“ Kims Lippen formten seinen Namen wie von alleine, in einem belegten Flüsterton.

„Es geht mir schon wieder etwas besser...“ beteuerte der Graf und richtete seinen gebeugten Oberkörper etwas auf, um tief durchatmen zu können. Er wendete seinen Kopf zu Kim, der ihn mit großen Augen anstarrte und den Mund leicht geöffnet hatte. Seine Wangen waren gerötet.

„Manchmal... bekomme ich schlecht Luft...“

„Seid Ihr noch immer krank?“

„Nein... drei Jahre müssten vollkommen reichen, denkst du nicht auch? Nur... von Zeit zu Zeit... habe ich Probleme. Ich... war damals verzweifelt und wollte nicht mehr leben, Kim...“

„Es war alles meine Schuld.“

„Deshalb konnte sich mein Körper nie so erholen, wie er es eigentlich sollte...“

„... Meine...“

„Die Ärzte meinen, dass ein Teil meiner Lunge wohl nie mehr ganz...“

„Ich hätte Heinrich nicht vertrauen dürfen...“

„Wenn ich mich anstrenge, dann kann es manchmal vorkommen, dass mir die Luft knapp wird... Es sind keine schlimmen Schmerzen...“

„Deswegen habt Ihr Euch auch so gekrümmt und Eure Hand in das Hemd verkrampft, ja?“ Kim starrte vor sich hin, rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle, bis von Kalau ihm leise über die vollen Lippen strich.

„Alexandra... sie...“

Bei diesem Namen zuckte der Junge plötzlich zusammen und richtete fragende Blicke auf sein Gegenüber, dessen Augen auch in der Tiefe des Raumes umherzuirren schienen.

„Sie war... meine ... nun ja, eine Art persönliche Pflegerin! Ich mochte sie von Anfang an nicht sonderlich, da sie mich stets wie ein kleines Kind behandelte und ständig auf mich einredete. Aber ich glaube, dass mir die Einsamkeit im Laufe der Zeit beigebracht hat, auch ihre Anwesenheit zu schätzen. Manchmal schaffte sie es sogar, ein Lächeln bei mir hervorzurufen. Selten, und dennoch... war ich ihr dafür so dankbar. Als ich hierher zurück reiste, schickte sie der Arzt mit mir. Als ständige Begleiterin...“

„Eduard?“

„...?“

„Weshalb von Sinnt?“

„...

...

...

Warum ich meinen Namen änderte?“

Kim nickte kurz, bekam jedoch nicht gleich eine Antwort.

„Du kannst es dir nicht denken, oder?“

„Ich hätte sonst nicht gefragt!“

„Sicher...  Nun... ich... konnte es nicht ertragen, wenn mich jemand bei meinem richtigen Namen nannte. Ich wollte nicht mehr an dich erinnert werden, wollte nicht mehr daran denken, wie er in deinem Mund geklungen hatte, also entschied ich mich für von Sinnt. Zudem hoffte ich auch, dir so bei meiner Rückkehr besser aus dem Weg gehen zu können, was sich letztendlich allerdings als sinnloses Unterfangen offenbarte. Und darüber bin ich... glücklich!“

Gebannt lauschte Kim den Worten des Grafen. Hin und wieder fragte er sich, ob es wirklich Eduard war, der da neben ihm saß. Dieser Mann sprach über seine Gefühle, lächelte oft... so, wie es bei dem Grafen früher nie der Fall gewesen war. Hatten ihn die Jahre so verändert? Trieb ihn die Einsamkeit zu diesem Wandel?

Erst als von Kalau nach Kims Hand griff, schreckte er aus seinen Gedanken hoch.

„Weshalb schweigst du jetzt?“

„Ich... es kommt mir alles so unwirklich vor. Ihr... hier neben mir, wie ihr mich so sanft berührt, dass ich meine, jeden Moment in Eurer Wärme zu verglühen...“

Schweigen kehrte ein. Doch nicht lange, da sich Kim die nächste Frage aufdrängte.

„Was soll nun mit Alexandra geschehen? Ihr könnt sie nicht einfach...“

„Nein... kann ich nicht. Morgen werde ich zu ihr gehen, ihr meinen Standpunkt noch einmal verdeutlichen und sie... zurück schicken, wenn... sie es will...“

Nachdenklich stützte Kim sein Kinn auf seine zusammengefalteten Hände.

„Ich werde... morgen nicht hier sein... Nicht bis zum Abend.“ Noch bevor von Kalau ihn unterbrechen konnte, sprach er schnell weiter.

„Ich bin noch immer ein Diener des Herzogs... Wenn Ihr unterwegs seid, werdet Ihr mich sowieso nicht vermissen...“

/Die Worte sprudeln einfach aus meinem Mund. Ich überlege nicht, sage sie einfach und... manchmal verwirren sie mich selbst.../

Von Kalau erhob sich augenblicklich, ließ Kim jedoch die Decke zurück und legte sie zuvor sorgfältig über dessen Schultern. Dann ging er mit langsamen Schritten im Zimmer auf und ab, wobei er seine Arme vor der Brust verschränkte und einen nachdenklichen Blick in den Augen hatte.

„Ich möchte nicht...“ begann er schließlich zu sprechen. „Ich möchte nicht, dass du noch länger bei diesem Mann arbeitest. Du musst es auch nicht tun. Ich bin zurück, es besteht keine Notwendigkeit für dich, Geld zu verdienen...“

„Aber ich...“ protestierte Kim, konnte dann aber nicht aussprechen, als Eduard ihm seinen Zeige- und Mittelfinger über die roten Lippen legte. Ihre Blicke trafen sich und lösten sich für einige Zeit nicht voneinander.

„Ich bin zurück, Kim. Wenn du nicht bei mir bist, weiß ich nicht, was...“

Nun stand auch der Junge auf, stellte sich hinter Eduard und schlang ihm liebevoll die Arme um den Körper.

„Ihr denkt immer nur an Euch... Natürlich möchte auch ich so oft es geht, mit Euch zusammen sein, aber... ich kann die Stelle beim Herzog nicht einfach aufgeben. Weil er... nun... weil er nun einmal der Herzog ist. Ich bin ihm verpflichtet. Ich wünschte, es wäre nicht so, aber ich bin es... und Ihr auch...“

Hierauf konnte von Kalau nichts mehr erwidern. Er wusste, dass der Junge recht hatte. Er selbst war nur ein kleiner, unbedeutender Graf... Sein Einfluss würde bei weitem nicht ausreichen, um Kim aus den Fängen des Herzogs frei zu bekommen. Wieder verfluchte er den Adel, die zahlreichen hohlen Sitten und Bräuche, die allen nur noch mehr Lasten aufbürdeten und letztendlich nur die nährten, die bereits Macht im Überfluss hatten.

Als Kim bemerkte, wie stumm der Graf war, legte er seinen Kopf an den Rücken des großen Mannes.

„Ihr werdet sehen... Die Stunden werden nur so dahin fliegen... Dann sind wir wieder zusammen. Spätestens in der Nacht. Und die Nacht ist lang. Wisst Ihr noch? Früher haben wir uns manchmal... die ganze Nacht hindurch, bis das erste Morgenlicht die Dunkelheit verdrängte... da haben wir uns... geliebt...“

Von Kalau wendete seinen Körper zu Kim und strich ihm mit der linken Hand durch das braune Haar, mit seinem Daumen liebkoste er dabei seine Wange zärtlich, bis er seinen Mund dem des Jungen näherte. Leidenschaftlich legten sie ihre halb geöffneten Lippen aufeinander, begannen, sich gegenseitig zu verschlingen. Ihre feuchten Zungen spielten miteinander, manchmal lösten sie sich voneinander, um sich dann wieder zu vereinen.

Eduard führte den Jüngeren zurück zum Bett, legte seine Hand an Kims Hinterkopf um den Jungen vorsichtig zurückbeugen zu können.

Kims Lippen schimmerten feucht, als der Graf den Kuss löste und seine Aufmerksamkeit Kims Brust zuwendete, die sich unter heftigen Atemstößen rhythmisch auf- und ab bewegte, mit jedem Zentimeter schneller, den Eduard weiter hinabglitt.

Die warmen Sonnenstrahlen fielen durch das große Fenster neben dem Bett, durch die schweren Samtvorhänge, die zurückgezogen waren und deren Oberfläche rau schimmerte.

Von Kalau zog mit seinem Zeigefinger die Spur des Lichtstrahls nach, der über Kims Oberkörper lief und ihn in Bronze hüllte.

Federleicht glitt er zärtlich über die weiche Haut des Jungen, bis er zu dem kleinen roten harten Punkt gelangte, um den er seine Finger schloss, so dass Kim aufstöhnte und seinen Kopf nach hinten beugte. Bald löste er die Finger durch seinen Mund ab und Kim konnte einen leichten Schauer spüren, als Eduard mit der Zunge über den Nippel glitt.

„Uh...“ stieß er keuchend hervor. „ Bitte... ich... kann nicht...“

/So sensibel .../

„Shhh... Wir haben doch gerade erst begonnen...“

Der Jüngere kniff gequält die Augen zusammen und krampfte seine Hände in das weiße Bettlaken.

/Wenn die Stille fällt...

und ich drohe, in Kälte zu erstarren...

Weiß keiner, was ich fühle.

Nur Ihr.

Werdet Ihr jetzt für immer bei mir sein?

Still und leise, in endloser Wärme an meiner Seite...

Ich wünsche es mir.../

Von Kalau legte die linke Hand auf Kims Bauch, wobei sein Mittelfinger mit der kleinen Vertiefung in der Mitte spielte, sie umkreiste und hin und wieder leicht Druck darauf ausübte.

Kim konnte den Körper des Grafen fühlen, wie er über sein Glied streifte und so die Lust in ihm immer mehr steigerte. Als Eduard ihn schließlich in die Hand nahm, entwich ihm ein heftiger Atemstoß, gefolgt von einer ruckartigen Bewegung seiner Hüfte.

Einige Augenblicke lang bewegte der Graf seine Hand nicht, steigerte so das Zittern, welches ununterbrochen durch den Jüngeren fuhr. Dann, allmählich und sehr langsam, strich er sanft nach oben, anschließend nach unten, sein Tempo mit jedem Mal etwas steigernd und Kim keuchte laut durch seine geöffneten Lippen, aus denen heißer Atem strömte.

Er versuchte die Hitze zwischen seinen Beinen zu verdrängen, wusste, dass der Graf ihn nicht so schnell erlösen würde.

Seine Hände legte er an Eduards Oberkörper und streifte ihm das Hemd von den Schultern, welches er zuvor aufgeknöpft hatte. Es war ihm schwer gefallen, mit diesem wahnsinnigen, pochenden Rhythmus an seiner Männlichkeit, den der Graf ausübte.

Als sich die Hand von Kim löste, warf er erneut den Kopf zurück und hob seine Hüfte an, suchte nach der Berührung von Kalaus. Dieser hatte seine Hose ausgezogen und begab sich anschließend wieder zurück neben den Jüngeren, der erwartungsvoll seine Augen nicht von dem schönen Gesicht des großen Mannes nehmen konnte.

Eduard legte seine Finger an Kims Mund, die der Junge in sich aufnahm und befeuchtete, bis sie schließlich seinen Lippen wieder entglitten.

Von Kalau nahm Kim auf, in schnellen Auf- Und Abbewegungen brachte er ihn der Erlösung immer näher, führte jedoch gleichzeitig zwei Finger in Kim ein, so dass er sich unter Stöhnen an den ziehenden Schmerz gewöhnen musste, der jedoch bald von der Leidenschaft und Hitze zwischen seinen Beinen überdeckt wurde.

Immer schneller hob und senkte der Graf seinen Kopf, ebenso entwichen dem Jungen die Atemzüge immer heftiger, bis er unter einem leisen Aufschrei schließlich kam, wobei er mit seinen schlanken Fingern durch die dunklen Haare des Grafen strich.

„Uh... uh... wie lange... hab’ ich mich danach... g...“ Das letzte Wort verschluckte er.

Eduard legte Kims Beine über seine Schultern, lächelte ihm noch einmal lieb ins Gesicht, wobei seine dunkelgrünen Augen fiebrig glänzten.

„Entspann’ dich...“ hörte Kim ihn noch sprechen, dann fühlte er auch schon, wie er fest, doch zärtlich in ihn eindrang, so einen Moment verharrte, damit sich der Junge unter ihm daran gewöhnen konnte, und dann jedoch langsam begann, sich gleichmäßig zu bewegen.

Als sich Eduard über Kims Körper stützte, fuhr ihm der Junge mit seinen Händen sanft über die glatte Brust, vermied es absichtlich, die Narbe zu berühren, um alte Wunden nicht wieder aufzureißen. Er wusste, dass Eduard sehr unter ihr litt, auch wenn er es immer als Nichtigkeit abspielte und so tat, als kümmere es ihn nicht.

Plötzlich durchfuhr ein tiefes Stöhnen den Raum, hallte an den Wänden wider und Kim konnte spüren, wie sich in seinem Inneren eine flüssige Wärme ausbreitete.

Von Kalaus Bewegungen verebbten allmählich, schließlich ganz, nur hin und wieder, fast nicht merkbar, bewegte er seine Hüfte, dann beugte er sich über Kim und verharrte noch einen Moment in dieser Position, legte dann leicht seinen Kopf in den Nacken des Jüngeren, keuchte laut. Ihm standen kleine Schweißperlen auf der Stirn, als er Kim einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund drückte. Noch einmal fanden sich ihre Zungen und als sie sich voneinander lösten, schimmerten beider Lippen feucht. Den Jungen durchfuhr ein leichtes Zittern, als er bemerkte, wie sich der Graf über ihm bewegte und wie er nun ganz langsam aus ihm glitt, sich dann erschöpft an seine Seite legte. Er spürte die klebrige Feuchtigkeit zwischen seinen Beinen, wusste, dass sie das Bettlaken durchdrang. Eduard hüllte ihn liebevoll in seine Arme. So blieben sie liegen, in endloser Stille...

bis schließlich nach einiger Zeit ein zaghaftes Klopfen an der Tür zu hören war. Ruckartig erhob sich Kim, seine Wangen überzogen von einem roten Schimmer. Mit klopfendem Herzen griff er nach seinem Morgenmantel.
 

/Jemand platzt in unsere Sünde.../
 

„Herein!“ rief er mit fester Stimme, fragte sich dann aber gleich, ob es vielleicht falsch war, denn schließlich war von Kalau zurückgekehrt und hatte nun wieder das Sagen, da ihm das Schloss mitsamt den Bediensteten gehörte.

Doch als er dem Grafen einen entschuldigenden Blick zuwarf, lächelte ihn dieser an, was Kim ungemein erleichterte.

Die Tür öffnete sich. Ganz vorsichtig, als bliese nur der Wind gegen das massive Holz. Doch bald erschien Annas Kopf, der mit einem weißen Häubchen geschmückt war, dessen Rüschen das Mädchen fast verspielt erscheinen ließen.

Die Magd schlug ihre Augen nieder und wurde rot, als sie Kim vor sich stehen sah, der Morgenmantel seine Nacktheit kaum verbergend, da er von oben bis zum Gürtel weit offen stand.

Eduard war ebenfalls aufgestanden, hatte sich nur schnell seine Hose übergezogen, das Hemd hing ihm wallend, aber offen am Körper. Annas Herz schlug heftig als ihre Blicke auf das weiße Bettlaken fielen, dessen Oberfläche stellenweise feucht schimmerte.

„Uhm... ich... es ist bereits... also was ich sagen will, ist...“
 

/Haben sie miteinander geschlafen?/
 

Das Mädchen verfiel in ein Starren, bemerkte es jedoch sofort und räusperte sich kurz.

„Also... eigentlich bin ich nur gekommen, weil...“

/Wie gerne wäre ich an Kims Stelle... Der Graf ist sicher sehr zärtlich gegen ihn. Ob der Fleck im Bett... von seinem... Samen...?/

Anna kniff kurz ihre großen Augen zusammen, um sich auf ihre eigenen Worte konzentrieren zu können.

„Wünscht Ihr nun... zu Mittag zu speisen?“ sprudelte es schließlich aus ihrem kleinen Mund und sie ballte die Hände zu Fäusten, um den Blicken der beiden Männer vor ihr standhalten zu können...

Kim nickte kaum merklich und das Mädchen drehte sich augenblicklich um, um wenige Sekunden später durch die Tür zu verschwinden. Ihre tapsigen Schritte drangen dumpf an seine Ohren.

 

„Sie hat gesehen, dass wir...“ flüsterte er tonlos und streifte dabei mit seinen hellen Augen das Bettlaken. Eduard jedoch stellte sich dem Jungen gegenüber und küsste ihn zart auf die Stirn.

„Anna weiß, dass wir uns lieben... Dass wir miteinander schlafen, war ihr sicher vorher schon bewusst...“

„Aber wenn sie...“

Von Kalau legte seinen Zeigefinger auf Kims Lippen und unterbrach ihn mitten im Satz.

„Selbst Dienstmädchen sind nicht so unschuldig, wie du vielleicht glaubst. Sie wird es niemandem sagen... Komm’ jetzt. Wir sollten uns schnell umziehen, sicher warten sie unten schon auf uns!“

Kimm stimmte abwesend zu und Eduard verschwand im Nebenzimmer, welches den Durchgang zu seinem Schlafgemach darstellte. Die Schränke standen an genau der selben Stelle wie vor drei Jahren. Auch seine Kleidung hatte man aufbewahrt, trotz der Lüge, die ihn für tot erklärt hatte.

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