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Part 16:

Während des Mittagessens hatte Kim den Vorschlag gemacht, ein wenig auszureiten. Das Wetter war ideal dafür und etwas anderes hatten sie an diesem Tag sowieso nicht geplant. Von Kalau hatte zugestimmt und eine halbe Stunde später saßen beide auch schon auf den Pferden und ritten nebeneinander durch die Landschaft, deren beginnende Kargheit, hervorgerufen durch die Jahreszeit, überdeckt wurde von dem warmen Licht der Sonne, das die Umgebung in schillernden Glanz tauchte.

Für eine Weile ritt Kim dem Grafen hinterher, als die Wegstelle für beide Pferde zu eng wurde, doch er nutzte hierbei die Gelegenheit, um von Kalau heimlich von hinten zu betrachten. Selten hatte er die Möglichkeit, den schönen Mann so eindringlich anzusehen, denn er wusste ganz genau, dass es ihm unangenehm war und umso mehr genoss er es nun, im Heimlichen.

/Er weiß, dass er schön ist. Eigentlich zu schön für einen Mann... und dennoch scheint er sich manchmal für seinen eigenen Körper zu hassen. Warum? Wie gerne sehe ich den zahlreichen Lichtspielen in seinen haselnussbraunen Haaren zu, die sich mit jeder seiner Bewegungen verändern.../

Kim hielt plötzlich die Zügel seines Pferdes etwas lockerer, denn der Weg hatte sich nun verbreitert und er gesellte sich wieder neben von Kalau, der ihm einen lieb lächelnden Blick zuwarf, der Kim das Blut in die Wangen steigen ließ.

Irgendwann ritten sie unter einer dichten Baumreihe hindurch, dann querfeldein, bis zu einem kleinen See, auf dessen Oberfläche sich die Umgebung schwarz widerspiegelte. Nur die Sonne reflektierte wie ein weißer großer Ball zurück.

Sie zügelten die Pferde und saßen ab, knoteten die Lederriemen des Zaumzeugs an einem alten Baum fest, unter dem sich die Tiere niederließen und begannen, zu grasen.

/Alles geschieht wie in einem wunderschönen Traum. Er hält meine Hand und geleitet mich sanft zu der kleinen Bank, die eher nach einem umgefallenen Baumstamm aussieht. Wie friedlich still doch alles scheint, vergessen der Aufruhr des gestrigen Tages, verschluckt von der Ruhe des Sees. Wie hätte ich jemals ohne Eduard weiter leben sollen?/

Von Kalaus Augen glitten über die hohen Ufergräser, deren Köpfe sich geschmeidig dem gleichmäßigen Wehen des kühlen Herbstwindes beugten, doch dann immer wieder zurückwippten, als würden sie jedes Mal neue Kraft schöpfen. Die Oberfläche des dunklen Sees kräuselte sich leicht, versetzte die abgeblühte Seerose am anderen Ende in Schwingungen, so dass das Nass über die fast herzförmigen Blätter schwappte und drohte, sie mit sich in die Tiefe zu ziehen.

 

Kim und Eduard standen einfach nur da, alleine, am Rande der Welt, wie es ihnen schien, auch wenn die nächste Stadt oder das nächste Schloss sehr nahe waren.

Behutsam und sehr vorsichtig legte von Kalau seinen linken Arm über Kims Schultern und der Junge griff gleich nach der Hand des Grafen, um zu zeigen, dass ihm die Berührung willkommen war und er am liebsten für immer so verharren würde.

/Ob er sich in diesem Augenblick genauso glücklich fühlt, wie ich?/

Kim hätte zu gerne gewusst, an was Eduard gerade dachte, denn aus den funkelnden grünen Augen konnte er nichts ablesen. Er hätte glücklich sein können, aber ebenso gut traurig, vielleicht besorgt, er wusste es nicht, doch er wollte auch nicht nachfragen. Vielleicht hätte der Graf es für Aufdringlichkeit gehalten und ihn nur kühl angeblickt, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

„Wir hätten schon viel früher hier sein können... hier sein sollen...“

Ein erstaunter Blick traf das Gesicht von Kalaus, was dieser jedoch nicht weiter beachtete.

„Wenn ich nicht krank geworden wäre... dann... hätte es auch niemals diese Lüge geben können, die uns so viele Jahre der Einsamkeit bescherte...“

In sich gekehrt senkte er den Kopf, richtete sich dann allerdings gleich wieder auf und lächelte, als er Kims Gesichtsausdruck bemerkte, der so voller Trauer stand.

Unerwartet strich er dem Jungen durch die Haare und kaum hatte er seine Hand von Kims Kopf genommen, tat es ihm der Jüngere nach und fuhr ihm ebenfalls durch die sorgfältige Frisur, grinste dabei breit, als er sich einen kritischen Blick des Grafen einfing.

„Kim...“ knirschte Eduard drohend mit den Zähnen, woraufhin der Junge ein paar Schrittchen zurückwich, jedoch das Lachen auf seinem Gesicht nicht verlor. Er kniff fröhlich die Augen zusammen und faltete seine Hände hinter seinem Rücken, steckte dem Grafen dann kurz die Zunge heraus.

„Macht Euch keine Sorgen um Euer Haar. Es sah vorher auch nicht viel ordentlicher aus, hahaha!“ spottete er dann und rannte los, dicht gefolgt von Eduard, der durchaus gerne auf das kleine Spielchen einging und hinter ihm herjagte.

Kim wusste, dass er keine Chance gegen den großen Mann hatte, im Nu konnte er ihn einholen, doch anscheinend blieb Eduard absichtlich etwas zurück, genoss er vielleicht diese Herumtollerei ebenso sehr wie er?

Lautes Lachen hallte durch die Luft, gemischt mit dem angestrengten Keuchen der beiden Männer, die sich wie zwei Kinder quer über die große Grasfläche jagten.

Kim sah nicht nach hinten, das würde ihn nur den kleinen Vorsprung kosten, den er hatte.

„Wo bleibt Ihr denn, von Kalau?“ lachte er deshalb nach vorne, ohne sich umzudrehen.

„Habt Ihr etwa schon aufgegeben?“ Doch genau in diesem Moment spürte er einen mächtigen Ruck von hinten, konnte bald darauf die Arme Eduards sehen, die sich schnell um seinen Körper schlangen und ihn gefangen hielten. Die Wucht, mit der die beiden aufeinandergestoßen waren, ließ sie das Gleichgewicht verlieren und zu Boden fallen. Doch es war ihnen in diesem Augenblick ganz egal. Herzhaft kicherten sie und ihre Oberkörper hoben und senkten sich mit schnellen Atemzügen.

„Von wegen aufgegeben, Kleiner!“ hauchte der Graf Kim ins Ohr und nippte mit seinen Zähnen leicht am Ohrläppchen des Jungen, so dass dieser schmunzelnd die Augen zusammenkniff.

Dann trafen sich ihre Blicke, tief sahen sie sich in die Augen, ließen nicht voneinander ab und konnten die Leidenschaft aufschimmern sehen.

Kim drückte Eduard unerwartet einen feuchten Kuss auf die Lippen, stieß den Mann über sich dann etwas nach hinten und richtete sich auf, wobei er sich abklopfte und so seine Kleider von den anhaftenden Grashalmen befreite. Auch der Graf war aufgestanden und stellte sich hinter ihn. Sein heißer Atem kitzelte den Jüngeren im Genick, doch bevor er leise kichern konnte, ertönte erneut die sanfte tiefe Stimme von Kalaus an seinem Ohr.

„Du hast mir Lust auf mehr gemacht!“

 

Kims Augen öffneten sich weit, als er fühlte, wie Eduard zärtlich über seinen Bauch strich, dann immer weiter hinab glitt.

Kim legte plötzlich seine Hand auf die des großen Mannes, der bereits wieder begann, seinen Zauber auf ihn auszuüben und seinen Verstand auszulöschen, und erwiderte leise:

„Ihr könnt doch nicht schon wieder Lust... haben auf...“

 

„Ich bin ein Mann...“

 

„Ich zufällig auch!“ konterte Kim trotzig, puffte von Kalau dann leicht in die Seite und rannte zu der kleinen Bank am Ufer. Dort ließ er sich erschöpft nieder und schloss entspannt seine Augen, sog mit tiefen Atemzügen die frische, wenn auch kühle Luft in seine Lungen.

Es dauerte nicht lange, bis sich auch Eduard neben ihn setzte, ohne etwas zu sagen, was Kim erst verunsicherte, doch als er den zufriedenen Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht sah, stillschweigend hinnahm.

Sie achteten nicht auf die Zeit. Nur der sich ständig verändernde Stand der Sonne zeigte an, dass der Nachmittag langsam spät wurde.

 

Plötzlich hörten sie das Wiehern eines Pferdes nahe hinter sich und beide drehten sich erschrocken um.

„Ich war gerade auf dem Weg zu euch...“ erklang Heinrichs Stimme leise, fast schüchtern und ein liebevolles, aber breites Grinsen legte sich in seine Mundwinkel.

/Heinrich? Wie kommt er hierher?!/

Kim bemerkte die Spannung, die zwischen von Kalau und seinem Bruder aufflammte, noch dadurch genährt wurde, dass sich Eduard mit einem genervten und enttäuschten Gesichtsausdruck wieder von Heinrich abwendete, etwas vor sich hin sprechend, was man jedoch nicht verstehen konnte. Auch Kim senkte den Kopf, war sich nicht sicher, wie er hätte reagieren sollen, einem Lügner gegenüber, einem Freund, der... keiner mehr war. Nie mehr einer sein konnte? Wieso war alles nur so kompliziert.

Der Graf erhob sich schließlich von der Bank und lächelte Kim an, versuchte es zumindest, auch wenn seine Augen verrieten, dass ihn der Kummer und der Zorn innerlich fast zerfraßen.

 

„Lass’ uns jetzt zurück reiten.“

 

Kim zögerte einen Augenblick, folgte dann jedoch Eduard, der sich mit langsamen Schritten von ihm entfernte. Er streifte mit seinen Blicken kurz Heinrich, dessen Gesicht von einer unheimlichen Blässe heimgesucht worden war. Doch dieser beachtete ihn nicht weiter, sondern richtete seine Augen starr auf den Rücken seines Bruders. Sein Mund stand halb offen, wollte er etwas sagen? Wieso schwieg er dann... und weshalb...

„Eduard... bitte warte doch!“ rief Heinrich schließlich, doch von Kalau reagierte nicht, weshalb sich sein Bruder augenblicklich in Bewegung setzte und zu ihm rannte, sein Pferd zog er an den Zügeln mit sich.

Vorsichtig legte er von Kalau eine Hand auf die Schulter, vermutlich wusste er sich nicht anders zu helfen, denn Eduard blieb eisern und wollte nichts von dem Verräter wissen.

Kim zuckte zusammen, als sich der Graf auf die Berührung hin abrupt umdrehte und allein durch seine Blicke Heinrich dazu brachte, einen Schritt zurückzuweichen.

„Ich sagte dir, du sollst mich nie wieder anfassen! Besudle meinen Körper nicht mit deiner Lüge!“ erklang scharf Eduards Stimme und Kim fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, als er sich den Brüdern immer weiter näherte.

„Dein Körper ist bereits besudelt... doch nur von deiner eigenen Sünde, die ich nicht verhindern konnte!“ erwiderte Heinrich trocken, verfluchte sich dann aber innerlich für seine Worte, die ihm so hilflos aus dem Mund gesprudelt waren, obwohl er sie selbst nicht für richtig hielt.

„Ich wollte mit dir sprechen!“

„Ich wüsste nicht, weshalb ich dir auch nur eine Sekunde meiner Zeit widmen sollte...“

„Weil ich dein verdammter Bruder bin!“

Eduard musterte ihn lange, lächelte dann geringschätzig.

„Mein Bruder also, ja? Wärst du das wirklich, hättest du nicht...“

„Du weißt nicht, weshalb ich es tat!“

Kim lauschte stumm dem brüderlichen Streit, traute sich nicht einmal, sich zu bewegen. Er beobachtete beide genau und obwohl Heinrich verzweifelt wirkte, schien er dennoch froh zu sein, Eduard endlich zum Sprechen bewegt zu haben.

„Ich will es nicht wissen. Glaubst du, es gibt irgendeinen Grund, der dein Verhalten entschuldigen kann?“

Schweigen kehrte ein und Heinrich kniff seine Hände fest zu Fäusten zusammen. Die blonden Haare verdeckten halb sein Gesicht, glänzten kurz, als ein Sonnenstrahl auf seinen Kopf fiel, bevor sich wenige Sekunden später die Wolke am Himmel wieder schloss und das Licht verschluckte.

„Ich... ich weiß...“ begann er zu stottern. „Ich weiß, dass ich einen Fehler begangen habe... aber ich sagte bereits, dass es niemals meine Absicht war, dich und... ihn... zu trennen!“

„Natürlich nicht!“ antwortete sein Bruder, woraufhin der Jüngere seine schmalen Lippen zusammenkniff, als er die Ironie mitschwingen hörte.

Von Kalau schluckte, auch ihn schien der Streit an den Nerven zu zehren.

„Hätte ich gewusst, dass auch du gegen mich bist ... Hätte ich gewusst, dass du mich in Wirklichkeit für ebenso abstoßend und krank hältst wie all die anderen Menschen um mich herum... ich hätte dir niemals von meinen Vorlieben erzählt...“

„Du hättest sie nicht verbergen können... weil du mit Minsk... das wusste ich...“

„Minsk...“ entwich dem Grafen ein leises tiefes Fluchen. „Ja, du wusstest es. Und hast mir verdammt noch mal nicht geholfen!“

„Wirfst du mir vor, dass mir die Hände gebunden waren?“

„Du sahst stillschweigend zu, wie er seine Lust an mir...“ Der Graf schüttelte kaum merklich den Kopf und schien sich in seinen eigenen Gedanken zu verfangen. Das Glänzen seiner Augen erlosch, wurde stumpf, als hätte sich ein undurchdringbarer Schleier vor sie gelegt, durch den kein Funken Licht brechen konnte.

„Ich war hilflos! Was hätte ich denn tun sollen? Denkst du wirklich, Vater und Mutter hätten mir geglaubt, wenn ich ihnen erzählt hätte, dass sich der Fürst an einem ihrer Söhne vergreift?“

„Du hast es nicht einmal versucht, es ihnen zu sagen... Vielleicht hätten sie dann bestätigt gefunden, was sie doch ohnehin schon längst wussten, doch stillschweigend übergingen, da es nur für Aufruhr gesorgt hätte...“

„Dass sich Minsk sexuell an dir vergriff, war mir lange nicht... Ich wusste es erst, als ich dich mit ihm im Garten sah...“

„Du hast mir nicht geholfen, dachtest damals schon ich sei krank. Glaubtest du, es hat mir gefallen, wenn sich dieser schmierige Kerl über meinen Körper beugte und seinen...“ von Kalau stockte „... in mich ...?!“

„Nein...“

„Du ließest mich alleine und ich verzieh’ es dir! So viele Male! Erst jetzt wird mir klar, dass du... mich gerne hast leiden sehen. Strafe muss eben sein, auch wenn die Sünde mit einer Sünde vergolten wird, habe ich recht?“

„Was redest du nur, Eduard von Kalau! Wenn ich einen Ausweg gesehen hätte... ich hätte ihn dir geboten..., aber auch ich war nur ein Kind! Ein verflucht hilfloses kleines Kind!

Was meinst du, weshalb ich dir Hornbach überließ, obwohl es eigentlich mir zustand? Was denkst du?“

„...“

„Ich gab’ es dir als Zufluchtsort. Ein Schloss für dich allein, von welchem aus du jedem Ankömmling den Zutritt verweigern konntest... Ich verzichtete auf Hornbach! Für dich!“

Eduard wendete sich von Heinrich ab, seine Brust bewegte sich nun ruhiger, vielleicht weil die Erinnerungen begannen, ihm die Luft abzuschnüren. Kim stellte sich neben ihn und legte ihm den Arm um die Taille. Der Junge wusste, wie schmerzhaft die Vergangenheit war. Nie hatte von Kalau offen darüber gesprochen, hatte es als unwichtig abgetan, es verdrängt, alles belächelt.

„Du gabst mir das Schloss... weil du es nicht unterhalten wolltest. Du sagtest es damals selbst zu mir. Und jetzt soll ich es als ein wohltätiges Geschenk von dir für deinen kleinen, ach so armen geschändeten Bruder ansehen, ja? Geh’ mir aus den Augen! Ich will dich nicht mehr sehen!“

Inzwischen hatte er die Pferde losgebunden und saß auf,  bevor er mit seinem tiefen Bass das Pferd zum davongaloppieren brachte. Kim folgte ihm nach.

 

Heinrich blieb stumm zurück, starrte vor sich auf den Boden, dann den zwei Männern hinterher, die sich weiter und weiter von ihm entfernten.

/Wieso lässt du mich nicht erklären, Eduard? Wieso verstehst du nicht, dass es mir selbst das Herz zerreist und die Brust bluten lässt. Ich konnte doch nicht anders. Mein Gott... er hätte sie... mir weggenommen. Was hätte ich tun sollen? Sag’ es mir! Was hätte ich tun sollen?!/

 

Er schluckte, stieg dann zurück auf sein Pferd und ritt in die entgegengesetzte Richtung, ohne sich noch einmal umzusehen.

 

/Könnt ihr mir jemals vergeben? Euere Liebe verurteilte ich nie. Ihr wisst das und... verschließt dennoch die Augen vor der Wahrheit. Es ist leichter, sich hinter einer Lüge zu verstecken, als durch sie hindurchzublicken... Vergebt mir weil ich... nicht wissen wollte, was ich tat!/

Als er davon ritt, strich ihm der kühle Wind durch die langen Haare, verfing sich in ihnen. Die Tränen, die seine Wangen hinabstürzten glitzerten wie Morgentau in den hellen Strahlen der Sonne.

 

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Part 17:

Als Eduard am nächsten Morgen erwachte und neben sich blickte, bemerkte er einen kleinen weißen Zettel mit einer kurzen Notiz in Kims Handschrift. Der Junge war bereits nach Schloss Wielnach aufgebrochen, ohne dass von Kalau etwas mitbekommen hatte.

Missmutig fuhr er sich mit der linken Hand durch die Haare, strich die Strähnen nach hinten, die ihm gleich darauf jedoch wieder in die Stirn fielen. Erst musterte er das kleine weiße Papier etwas, an dessen oberem Rand ein winziger Knick zu sehen war. Vermutlich hatte Kim es heute morgen sehr eilig und hatte die Notiz nur schnell geschrieben, ging dabei auch mit dem Zettel  unvorsichtig um. Der Graf setzte sich auf und lehnte seinen Oberkörper an das große weiße Federkissen, das er zuvor etwas aufgeschüttelt und an die hohe Hinterwand des Bettes gelegt hatte. Sein Blick heftete sich dabei an dem Fenster fest, welches sich direkt gegenüber befand. Mit einem leisen Murren legte er seine Augenbrauen in Falten, als er die verschleierten Nebel vor dem Glas entdeckte, gegen die sich die Helligkeit des anbrechenden Tages nur sehr schwer durchsetzen konnte.

Inzwischen hatte der Graf das kleine Stück Papier ergriffen, bemerkte gar nicht, wie er es mit den Fingerspitzen glatt strich.

 

/Bin spätestens heute nacht zurück. Schlaft Euch aus. Ich gab dem Dienstmädchen die Anweisung, nicht vor halb zehn das Frühstück aufzutragen.../

 

Die letzten Buchstaben waren verwischt. Eduard schmunzelte, denn er konnte sich gut vorstellen, wie Kim darüber geflucht hatte, jedoch aus Zeitmangel keine neue Notiz hatte schreiben können. Mit einer geschmeidigen langsamen Bewegung legte er das Stück Papier auf das neben dem Bett stehende Nachttischchen, über welchem eine kleine Lampe angebracht war, deren Schirm reichhaltig mit weißen Lilien verziert war und deren Saum aus schmalen goldenen Fransen bestand. Eduard ließ seine Hand kurz über die Borte gleiten, was sie in kleine schwingende Bewegungen versetzte, die jedoch wenige Augenblicke später wieder erloschen.

„Dieser Tag wird nie vergehen...“ flüsterte er plötzlich leise in den Raum, fast, als würde er mit sich selbst sprechen, dann schwang er die große Bettdecke zurück und stand schließlich auf. Ein Frösteln übermannte ihn, trieb ihm ein kurzes Zittern durch den ganzen Körper, aber letztendlich war es ihm völlig egal. Er hätte das Fenster schließen können, durch dessen Spalt die kalte Luft unaufhörlich einströmte, aber dann entschied er sich, es geöffnet zu lassen, da er glaubte, nur so frei durchatmen zu können.

Für einige Augenblicke verschwand er in einem der kleinen Nebenzimmer, dessen Tür man direkt in die Wand verkleidet hatte und das somit nicht auffiel. Ein Fremder hätte vermutlich nicht einmal gesehen, dass sich an dieser Stelle der Zugang zu einem Raum befand.

Nachdem er seine Morgentoilette gemacht hatte, schien von Kalau etwas besser gelaunt. In seinem Kopf summte er ein kleines Liedchen vor sich hin, welches ihm sein Onkel manchmal vorgesungen hatte, als er noch ein kleines Kind war. Es hatte ihn immer sehr beruhigt, meistens war er darüber eingeschlafen, was auch der Grund war, weshalb er nur die erste Strophe kannte, der Wortlaut der darauffolgenden wollte ihm nicht mehr einfallen. Währenddessen hatte er sich neu eingekleidet. Die schwarze Hose, die er trug, wurde an jedem Bein geziert durch zwei parallel verlaufende dunkelgrüne Samtstreifen, zwischen denen aufwändige Stickereien eingearbeitet waren. Dazu trug er ein weitärmliges weißes Hemd, das jedoch größtenteils hinter der dunklen Weste verschwand, die er sich überzog und die seine schlanke Figur betonte.

Eigentlich war es Sitte, den Kragen des Hemdes mit einem Tuch oder einer Fliege zusammenzubinden, wenn man jemanden besuchte, aber mit Sicherheit würde Alexandra keinen Wert darauf legen, schließlich wusste sie, dass er sich dadurch immer gleich eingeengt fühlte...

Schließlich schritt er hinab in die große Vorhalle, deren Marmorboden gerade von zwei Dienstmädchen geputzt wurde und an vielen Randstellen feucht schimmerte. Als sie den Grafen bemerkten, verbeugten sie sich demütig vor ihm, wünschten ihm einen guten Morgen und widmeten sich anschließend wieder ihrer Arbeit, nachdem Eduard den Gruß mit einem stummen Kopfnicken erwidert hatte. Kurz, bevor er schließlich in einem breiten dunklen Gang verschwand, drang das Kichern der Mädchen an seine Ohren. Er wusste nicht, worüber sie sich amüsierten, aber wahrscheinlich gingen die unglaublichsten Gerüchte auf dem Schloss über ihn um. Über ihn und... Kim. Doch im Grunde konnte es ihm gleichgültig sein, was man über sie tuschelte, solange es im Schloss blieb und nicht in die Außenwelt getragen wurde...

Das Frühstück ließ er sehr spärlich ausfallen. Der Gedanke daran, dass er Alexandra aufsuchen und sich wahrscheinlich Vorwürfe anhören musste, verdarben ihm, auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, den Appetit.

 

Als er aus dem Schloss trat, glitten seine Augen über die Landschaft um ihn herum. Noch immer hatten sich die dichten Nebelschleier nicht gehoben, lagen schwer auf dem Boden und ließen die Umgebung trist erscheinen.

Eduard stieß ein leichtes Seufzen aus. Er mochte den Herbst, jedoch nicht die Feuchtigkeit und Traurigkeit, die er mit sich brachte. Mit einem kurzen Kopfnicken bedankte er sich bei dem Bediensteten, der ihm soeben einen schweren Mantel über die breiten Schultern gelegt hatte und der sich nun tief gebeugt wieder von ihm entfernte, irgendwann im Schloss verschwand.

Von Kalau fröstelte leicht, weshalb er sich den Kragen des Umhangs weiter zuschnürte. Dann stieg er in die Kutsche, die bereits vorgefahren war, gab dem Mann, der das Gefährt lenken sollte, letzte Anweisungen und schloss die kleine Tür hinter sich.

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„Guten Morgen, Kim! Wo warst du denn gestern?“ Als Kim aus dem Arbeitszimmer des Herzogs trat, in welches man ihn vor wenigen Stunden gerufen hatte, begegnete ihm Luise auf der großen Wendeltreppe. Sie drückte ihm einen liebevollen Kuss auf die rechte Wange und strich ihm leicht durch das Haar, wobei sie ihn mit eng zusammengekniffenen Augen aufgeregt, fast übermütig anblinzelte. Vor sich her trug sie auf einer Hand ein silbernes Tablett, an dessen Rändern sich kleine eingravierte Schmetterlinge abzeichneten. Wahrscheinlich war sie gerade auf dem Weg zum Herzog, um ihm seinen morgendlichen Tee zu servieren.

Kim erwiderte ihr Lächeln sanft, blickte ihr in die blauen Augen.

„Du bist ja heute so gut gelaunt, Luise?“

„Mhm...“ antwortete das Mädchen schnell und grinste dabei breit. „Natürlich bin ich gut gelaunt! Und das ist einzig und allein dir zu verdanken! Ich hatte schon Angst, man hätte dich entlassen, nach dem, was gestern... ups...“ sie schlug sich plötzlich die kleine Hand vor den Mund, als hätte sie etwas Verbotenes gesagt.

„Uh... na ja... jedenfalls freue ich mich, dich wieder hier zu haben! Du bist schließlich der einzige, der hier auf dem Schloss immer richtig lieb zu mir war!“ flüsterte sie leise und streckte dabei ihren Kopf näher zu Kims Ohr.

„Möchtest du den Tee servieren? Ich habe noch schrecklich viel zu tun! Kommst du nachher mit in die Küche?“ Kim schmunzelte, als er das Funkeln in Luises Augen bemerkte. Freute sich das Mädchen denn tatsächlich so sehr, weil er wieder zurück war? Oder gab es für ihre Stimmung noch weitere Gründe... Jetzt wo Kim eine andere Aufgabe hatte, wurde ihr vielleicht ebenso eine andere Arbeit zuteil. Vielleicht nahm sie sogar seinen Platz ein.

„In die Küche?“ fragte Kim schließlich nachdenklich und fuhr sich mit der Hand kurz über den Nacken. „Luise du weißt es doch sicher schon, oder?“

Erst sah sie ihn ungläubig und verständnislos an, tippte sich dabei mit dem Zeigefinger gegen die Nase, als ob sie angestrengt über etwas nachdachte.

„Ach... stimmt ja!“ platzte es plötzlich laut aus ihr hervor. „Du bist ja jetzt...“

Kim senkte beschämt seine Augen, schnell legte er der Dienstmagd seinen Finger über den Mund.

„Sag... es bitte nicht. Sprich es nicht aus... ich...“ flüsterte er leise.

„Es muss dir nicht peinlich sein, Kim!“ beteuerte sie schließlich, drehte sich dann erschrocken um, um auf die goldene Uhr zu blicken, welche an der gegenüberliegenden Wand befestigt war.

„Ojeee... ich hab’ schon wieder viel zu lange geplaudert!“ nuschelte sie vor sich hin, ging dann, ohne Kim auch nur weiter zu beachten, an ihm vorbei, wobei sie ihn leicht mit der Schulter streifte und klopfte an die Tür des Arbeitszimmers. Nach dem energischen „Herein!“ des Herzogs von Wielnach war sie hinter der großen Tür verschwunden.

 

Für einen Augenblick blieb Kim stehen, rührte sich keinen Zentimeter, sondern klammerte sich nur mit seiner linken Hand an dem Treppengeländer fest, von welchem ein hölzerner Geruch ausströmte. Als er schließlich die Treppe hinabstieg, knarrten einige Stufen unter seinen Schritten, doch er hörte die Geräusche nicht, war in Gedanken versunken.

 

/Kann es mich denn wundern, dass sich mir gegenüber alle so seltsam verhalten? Schon heute morgen bei meiner Ankunft, spürte ich die hinterhältigen Blicke der anderen Bediensteten auf meinen Schultern. Einige grinsten gemein, wohl darüber, dass ich nun Gouvernante bin... andere schüttelten den Kopf... weil ich... noch wage, hier zu erscheinen? Ich kann die Gründe für ihre Boshaftigkeit nur erahnen./

 

Ein bitteres Lächeln huschte über die Mundwinkel des Jungen.

 

/Ich bin nicht gerne hier. Ich mag den Geruch des Schlosses nicht, mag den Herzog nicht (doch danach fragt mich niemand), was hält mich dann noch hier? Die verfluchte Pflicht. Nur die Pflicht gegenüber dem höheren Adel. Er ist der Herzog, was soll ich tun?/

 

Abwesend betrat er den breiten Gang, der direkt in die Vorhalle Wielnachs führte. Jeden Moment könnte der Besuch des Herzogs ankommen und dann würde er wieder zu ihm gebeten werden... zurück in die Verlegenheit geführt werden, die er doch so unendlich hasste, weil sie ihm das Gefühl gab, abhängig zu sein. Ein leises Fluchen entwich seinen Lippen, verlor sich in den hohen Wänden, die den Jungen umgaben und die ihn unendlich klein erscheinen ließen. Kim richtete seine hellen Augen an die Decke, sein Blick wurde reflektiert von den starren Gesichtern der Heldengestalten, mit denen man das Gewölbe bemalt hatte. Ihre Mienen schienen verzweifelt, leer, voller Schmerz (siehst du dich in ihnen?) und schienen nach Kim zu rufen, ihre gierigen Finger nach ihm auszustrecken, als wollten sie ihn mit sich in ihr Leid führen.

„Ich bin... (was?)... nicht allein!“ hauchte er flüsternd vor sich hin, bevor sich ein verbittertes Lachen auf seinem Mund abzeichnete. Eigentlich hatte er „glücklich“ sagen wollen, warum fiel ihm dieses kleine Wort nur so verteufelt schwer?!

/Glücklich, glücklich... ich kann es nicht sagen, weil... ich es im Innersten nicht bin. Die Gesellschaft entzieht mir dieses Gefühl und ich... hasse sie dafür!/

 

„Der Besuch fährt soeben auf Wielnach ein!“ hörte er plötzlich laut die Stimme eines ältlichen Dieners durch den Raum hallen. Mit einem Zucken schreckte der Junge daraufhin aus seinen Gedanken auf, beobachtete, wie sich vor seinen Augen die Vorhalle mit dem aufgeregten Tuscheln und Getrappel der Bediensteten des Schlosses füllte, die sich alle auf den Empfang des Gastes vorbereiteten. Kim selbst hatte gleich am Morgen Anweisung bekommen, sich vorerst im Hintergrund zu halten, jedoch nicht ganz verborgen zu bleiben. Angeblich machte es einen guten Eindruck, wenn Gouvernanten sich sehr zurückhaltend gaben. Also stellte er sich an eine der hinteren Positionen in der Reihe, die die Diener gebildet hatten. Inzwischen kam auch der Herzog mit schwerfälligen Schritten die Treppe heruntergelaufen, gefolgt von Luise, die noch immer strahlte und nun ein leeres Tablett vor sich hertrug. Später verschwand sie in Richtung Küche, während der Herzog auf die Eingangstür Wielnachs zuschritt, dabei ein selbstgefälliges Grinsen im Gesicht hatte. Die kleinen Schweißperlen jedoch, die ihm über die Stirn rannen, verrieten, dass er auch etwas nervös war. War dieser Besuch denn so wichtig, dass selbst der Herzog weiche Knie bekam?! Vielleicht bildete sich Kim die Nervosität des Mannes aber auch nur ein.

Die Tür wurde auf Zeichen Theobalds geöffnet, noch bevor die Besucher überhaupt geläutet hatten.

Stille kehrte ein, die Bediensteten senkten kurz ihre Köpfe und verbeugten sich oder machten als Mädchen einen tiefen Knicks.

Irgendetwas in Kim ließ ihn zögern, die Fremden anzusehen, stattdessen heftete er unbewusst seine Augen auf den Herzog, dessen Miene von einem falschen Lächeln befallen war.

„Eugen!“ stieß Theobald plötzlich laut aus. „Wie schön, dich wieder zu sehen!“ Diesen Worten folgte eine kurze freundschaftliche Umarmung. Kims Blicke richteten sich nun auch auf den Gast. Der fremde Mann war vielleicht ebenso alt wie der Herzog selbst, einige Falten in seinen Augenwinkeln ließen ihn verbraucht aussehen. Auch der graue Schnurrbart, der in abgerundeten Spitzen endete raubte ihm den Anschein von Jugend.

„Guten Morgen, Theobald! Wir haben uns lange nicht mehr gesehen!“ erwiderte Eugen steif und zog sich dabei einen der beiden dunklen Handschuhe von den gespreizten Fingern.

Dann trat er einen Schritt nach hinten und wendete seinen Kopf zur Seite, lenkte so die Aufmerksamkeit der Umstehenden auf die zierliche Person neben sich, die wohl seine Gemahlin war.

Theobald ergriff die Hand der Frau und küsste sie kurz. Kim musste bei dieser Geste seine Augen senken, denn er spürte eine unheimliche Übelkeit in sich aufkeimen. Am liebsten wäre er aus der Vorhalle gerannt, hätte sich in ein kleines dunkles Zimmer verkrochen... oder noch besser... wäre nach Hause geritten, aber das war unmöglich zu diesem Zeitpunkt. Seine Schultern sackten in sich zusammen, beinahe wäre er gestolpert, hätte ihn Felix, der Bedienstete, der neben ihm stand, nicht am Arm gehalten.

„Was hast du denn, Kim?“ sprach er leise in das Ohr des Jungen und blickte ihm dabei ins Gesicht, aus dem alles Leben erloschen zu sein schien und auf dem sich kleine Schweißperlen abbildeten.

Kim hielt sich an Felix’ Ärmel fest, richtete sich jedoch wenige Sekunden später wieder auf und lächelte dem Mann ins Gesicht.

„Es ist nichts... wirklich nicht. Es geht mir schon wieder gut.“ Brachte er unter einem leisen Keuchen hervor, doch sein Nachbar hatte sich bereits wieder von ihm abgewendet und hörte nicht mehr zu.

 

„Mama, Mama! Das Schloss ist ja riesiggroß!“

 

/Die Stimme eines unschuldigen Kindes klingt wie eine süße Melodie zwischen den grauen Wänden.../

Kim legte seinen Kopf etwas schräg, als er das kleine Mädchen sah, welches sich hinter dem weitläufigen Rock ihrer Mutter hervorschob und ihr dabei aufgeregt am Kleid zupfte. Die Augen des Kindes standen weit offen vor Erstaunen und das Flackern in ihnen verriet, dass es überwältigt war. Der Herzog beugte sich zu dem Mädchen, strich ihm mit seinen Fingern durch die blonden Haare, die in kleinen Zöpfen mit jeder ihrer Bewegungen hin und herwippten.

„Einen wunderschönen Guten Morgen auch dir, junge Dame!“ auf diese Worte hin verstummte die Kleine und trat beschämt einen Schritt nach hinten, bevor sie ihre Hand ausstreckte und zu Theobald hielt, der sie verwundert von oben bis unten musterte.

Das Mädchen öffnete die Hand und zum Vorschein kam ein kleines Bonbon, das in ein hellgelbes Papierchen gewickelt war.

Der Herzog nahm es an sich, lächelte sie noch einmal kurz, fast kalt an und richtete sich dann wieder zu voller Größe auf, um seinen Gast an der Schulter zu nehmen und ihn in sein Empfangszimmer zu führen.

„Hier entlang... Ihr seid sicher erschöpft. Lasst uns doch gemütlich beieinander sitzen und einen Tee zu uns nehmen...“ Schwatzend stolzierten sie an der Reihe der Bediensteten vorbei, würdigten keinen eines Blickes. Im Grunde war es lächerlich. So viele Menschen... die doch keiner wahrnahm, derer man nur dann entbehrte, wenn sie nicht anwesend waren...

Erleichterung stieg in Kim auf, als er sah, wie sich der Herzog mit seinen Gästen entfernte, ein leichtes, jedoch unhörbares Seufzen entwich ihm, doch dann ... traf ihn plötzlich der Blick Theobalds, der ihn mit einem stummen Kopfnicken dazu aufforderte, sie auf das Empfangszimmer zu begleiten.

Am liebsten wäre Kim stehen geblieben. Wie sein Herz in diesem Moment. Er konnte selbst nicht verstehen, weshalb ihn die Blicke dieses Mannes jedes Mal so erschaudern ließen. Das einzige, was er wusste, war, dass er den Befehlen des Herzogs Folge leisten musste. Also begann er, ihnen auf einige Entfernung mit langsamen Schritten zu folgen.

Als er schließlich das Empfangszimmer erreichte, stand die Tür weit offen, einladend und doch... abschreckend wie ein dunkles klaffendes Loch in der Wand.

Noch einmal atmete er tief durch, trat dann ein.

Der Parkettboden knarrte laut unter seinen Schritten, so dass er ungewollt die Aufmerksamkeit des Besuchs auf sich zog.

„Ah... da ist der Junge ja!“ hörte er gepresst die Stimme des Herzogs. Kim blickte für einen kurzen Augenblick dennoch nicht auf, wusste, dass man ihn anstarrte, von oben bis unten musterte und doch nicht verstand, was er hier zu suchen hatte. Vielleicht hielt man ihn auch in eben diesem Augenblick für den Neffen Theobalds... für Bernard. Oder hatte man ihnen bereits mitgeteilt, dass er die Gouvernante des Mädchens werden sollte?

„Ich dachte mir, ich stelle ihn euch gleich vor, damit sich die Kleine schon einmal an ihn gewöhnen kann.“

Kim wollte versuchen zu lächeln, war sich aber nicht sicher, ob sich sein Gesicht nicht eher zu einer Fratze verzogen hätte, die das Kind vielleicht abgeschreckt hätte, deshalb ließ er es und verbeugte sich stattdessen.

„Du bist also die Gouvernante, ja?“ Kim spürte, wie schwere Schritte sich ihm näherten, fühlte dann eine raue Hand an seinem Kinn, die ihn grob dazu brachte, seinem Gegenüber direkt in die kalten kleinen Augen zu sehen.

 

/Die Gouvernante... am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten. Es klingt so lächerlich.../

 

„Ich gebe zu...“ fuhr Eugen schließlich fort „...anfangs war ich schon dagegen, dass sich ein Mann der Erziehung unserer kleinen Lady annehmen soll!“

„Hast du noch immer Bedenken, Eugen? Ich habe dir doch schon erklärt, dass ich keine ausgebildete Gouvernante an meinem Schloss habe. Der Junge wird seine Aufgabe schon gut machen, nicht wahr Kim?“ erwiderte der Herzog träge.

„Uhm...“ Kim unterdrückte nur mühsam ein Stottern. „Ich werde... werde mir sehr viel Mühe geben!“

Die kritischen Blicke der schlanken Frau, die neben ihrem Mann auf einem weichen Sofa saß und ihrer Tochter unaufhörlich über das blonde Haare strich, versuchte Kim zu übersehen.

 

„Was war vorhin los mit dir, Kim?“

„Verzeiht aber... was meint Ihr?“ Er wusste nicht, wie er den Mann vor sich anreden sollte. Er kannte weder seine Herkunft noch seinen Titel, also musste er es irgendwie vermeiden, ihn beim Namen zu nennen, was vielleicht etwas unhöflich erschien.

„Ich sah, wie du dich an dem Ärmel deines Nachbars festklammertest!“ bemerkte Eugen trocken und drehte dabei seinen Schnurrbart zwischen Daumen und Zeigefinger.

/Das hat er... bemerkt?/

„Bist du krank? Wenn ja, dann sag’ es uns gleich, denn dann werden wir uns lieber selbst unserer Tochter annehmen...“

Kim schluckte, hoffte, dass man sein Zittern nicht bemerkte. Wie sollte er es ihnen denn nur erklären? Wie hätte er sagen können, das ihm die Übelkeit gedroht hatte, die Luft abzuschneiden. Der Kuss... den der Herzog der Gemahlin des Gastes auf die Hand gedrückt hatte...

„Nun? Willst du nichts antworten?“

Kim zuckte leicht zusammen, richtete dann seine Augen auf den Boden.

„Es war nichts schlimmes... nur ein kurzes...“

„Dass mir das nicht noch einmal vorkommt, hörst du?“

Was sollte das? War es denn seine Schuld, wenn sein Körper sich nicht wohlfühlte? Schon jetzt war ihm dieser arrogante, selbstherrliche Mensch unsympathisch. Am liebsten hätte er mit sarkastischem Unterton geantwortet, doch bevor er dazu kam, wurden seine Worte bereits durch die monotone, belegt klingende Stimme des Herzogs abgeschnitten.

„Es wird natürlich nicht wieder vorkommen!“

Kim verfluchte sich innerlich, dass er nicht schneller geantwortet hatte. Nun war es zu spät und er musste einstecken.

Eine ruhige Wut machte sich in seiner Brust breit, doch er verbarg sie geschickt, bemerkte dabei jedoch nicht, wie das kleine Mädchen auf ihn zugerannt kam und sich ganz dicht zu ihm stellte, ihn dann mit ihren großen blauen Augen erwartungsvoll ansah.

Erst, als sie nach der Weste Kims griff und dreimal fest daran zog, erwachte der Junge aus seinem gedankenverlorenen Zustand wieder und blickte an sich hinab.

„Guten Tag, mein lieber Herr!“ Sie lächelte und streckte ihm eine ihrer kleinen Hände entgegen, die Kim sogleich ergriff und sich dann zu ihr hinabkniete, so dass er ungefähr genauso groß war wie sie und sie Blickkontakt halten konnten. Mit zärtlichen Bewegungen strich er ihr über den Kopf.

„Guten Tag! Mein Name ist Kim Prokter. Aber du kannst mich ruhig einfach Kim nennen...“

„Kim“ formte sie den Klang seines Namens langsam mit deutlichen Lippenbewegungen nach, überlegte dann kurz, bevor sie ihre Augen zu kleinen Schlitzen zusammenkniff und lachte.

„Ich weiß nicht, ob Mama mir erlaubt, dass ich Euch mit Euerem Vornamen anrede, mein Herr...“

Kim wurde ganz mulmig im Bauch, als er die Ausdrucksweise des Mädchens hörte. Bisher war sie vermutlich sehr streng erzogen worden, alle Unzulänglichkeiten sicher bestraft worden. Aber was sollte es schon machen, wenn sie ihn Kim nannte? Hatte man Angst, Kinder könnten beim Verwenden des Vornamens vielleicht den Respekt vor den Älteren verlieren? Das war doch lächerlich...

„Verrätst du mir auch, wie du heißt?“

„Jelena.  Jelena Carina Rosalinde Marie von Burgstett.”

„Jelena also… Das ist ein sehr hübscher Name!” bemerkte Kim und lächelte dabei lieb.

„Das findet Ihr tatsächlich?“ Ganz plötzlich zerbrach die Distanz, die zwischen ihm und dem Kind geherrscht hatte und unerwartet legte sie ihm die linke Hand auf die Schulter.

„Meine Freundinnen nennen mich alle nur Marie, weil sie Jelena so komisch finden. Ihr seid der erste, der etwas so liebes zu mir gesagt hat!“

 

„Kim?“ Der Herzog rief nach ihm. Während sich der Junge mit Jelena unterhalten hatte, hatten es sich die Gäste und Theobald auf zwei der kleinen im Raum stehenden Sofas gemütlich gemacht und tranken bereits genüsslich eine heiße Tasse Tee. Kim war es eigentlich nur recht, dass sie nicht unaufhörlich ihre prüfenden Blicke auf ihn warfen, doch dass sie ganz so teilnahmslos gewesen waren, irritierte ihn doch in gewisser Weise. Woher sollten sie denn wissen, dass er gut zu dem Mädchen sein würde? Oder vertrauten sie einfach blind den Versprechen des Herzogs von Wielnach?

Kim erhob sich schließlich wieder und erwiderte die eindringlichen Blicke Theobalds, der über den Rand seiner Teetasse zu ihm starrte, dabei seine Augenbrauen in finstere Falten gelegt hatte.

„Was kann ich für Euch tun?“ fragte der Junge leise.

„Nimm’ das Kind mit und führe es auf sein Zimmer. Dann könnt ihr euch etwas unterhalten, unternehmt etwas zusammen, sorge dafür, dass sich dieses liebreizende Geschöpf nicht langweilt, sonst...“

Zum Glück vollendete Theobald seine Drohung nicht. Kim wollte auch gar nicht wissen, was sie beinhaltet hätte. Leicht nahm er die Kleine bei der Hand und wollte gerade gehen.

„Ach ja, Kim... noch etwas...“

Er wendete sich erneut zum Herzog. Dieses Mal zog sich ein Grinsen über dessen Mund, verflog jedoch augenblicklich wieder.

„Du wirst heute Nacht hier verbringen. Ich brauche dich morgen sehr früh. Aber das wirst du ja selbst besser wissen als ich. Gouvernante zu sein, ist sicherlich keine leichte Aufgabe, aber ich bin mir sicher, dass du in ihr sehr gut aufgehen wirst. Frei hast du dann erst wieder am Sonntag, kannst zurück nach Hornbach kehren. Lass’ dir also genügend Kleidung herbringen. Du darfst jetzt gehen!“

Erst blieb der Junge reglos einen Augenblick stehen, er wollte etwas sagen, doch ein undefinierbares Gefühl schnürte ihm die Kehle ab. Ohne noch einmal aufzublicken, verließ er schließlich den Raum und schloss leise die große Tür hinter sich.

 

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Part 18:

Er hatte nicht bemerkt, dass er in ein Starren verfallen war, erst als Jelena seine Hand fester drückte, blinzelte er, wendete seinen Kopf zu dem Kind um.

„Monsieur? Was habt Ihr? Ihr seht plötzlich so traurig aus!“

/Traurig.../

„Das kommt dir nur so vor, Kleines! Lass uns jetzt in den Ostflügel Wielnachs gehen. Dort liegt dein Zimmer. Ich hoffe, es wird dir dort gefallen!“

„Wo wohnen denn Mama und Papa? Wenn ich nachts so alleine bin... dann habe ich immer furchtbare Angst...“

„Das Schlafgemach deiner Eltern ist gleich gegenüber. Du brauchst dich also nicht zu fürchten...“

Ein stummes Nicken, dann schwiegen beide und stiegen die Treppen zurück in die Vorhalle, liefen einem hellen breiten Gang entlang und folgten anschließend etlichen Stufen nach oben, bis sie vor einer kleinen goldenen Tür ankamen, an deren Rahmen sich Stuckrosen entlang rankten, die in der gleichen Farbe schimmerten.

„Da wären wir schon!“ flüsterte Kim und freute sich, dass Jelena wieder den aufgeregten Glanz des erwartungsvollen Hoffens in ihren Augen hatte.

 

/Ich werde erst wieder am Sonntag... nach Hause können. Erst am Sonntag... zurück zu dir, Eduard! Das halte ich nicht aus! Ich halte es nicht aus!/

 

Als er die Tür öffnete und das Mädchen durch sie hindurchhuschte, wobei der rote Rock ihres rüschenbesetzten Kleides raschelte, schlug Jelena sich die zierlichen Händchen vor den Mund. Kim glaubte auch, ein leises Quieksen gehört zu haben, war sich dann allerdings nicht ganz sicher und vergaß es schnell wieder.

„Siehst du... Deine Koffer haben die Diener auch schon heraufgetragen... Wollen wir sie zusammen auspacken?“

Sie sah ihn groß an.

„Bei uns zu hause machen das immer die Dienstmädchen! Koffer auspacken ist nichts für meine Hände, sagt Mama immer. Wir wollen uns lieber hier noch ein bisschen umsehen, Monsieur!“

 

/Die ganze Woche hier im Schloss. Eingesperrt in einem Käfig, dessen Gitterstäbe unzerbrechlich bleiben.../

 

Abwesend folgte er mit seinen hellen Augen den tanzenden Bewegungen des Kindes. Jelena hatte ihre Ärmchen ausgebreitet und drehte sich nun wild im Kreis, lachte laut dabei und wäre beinahe gestolpert. Außer Atem hopste sie in das große Bett, das in der Nähe des Fensters stand und ließ sich nach hinten fallen, lag für einen Moment fast regungslos da.

„Mein Bett zu Hause ist genauso weich. Uhhhh... ich glaube, hier gefällt es mir!“

 

/Sie spürt die Kälte nicht.../

 

Kims Augen ruhten für einige Sekunden auf dem kleinen Kind, welches sich auf dem weichen Bettlaken lachend hin und her wälzte und vergessen zu haben schien, dass sie nicht alleine in ihrem Zimmer war. Andererseits war er froh darüber, dass sie so ausgelassen herumtollte, vermutlich hatte sie nie die Erlaubnis dazu und nutzte nun die Gelegenheit.

„Was ist, Jelena...“ erklang Kims Stimme weich und fing sich die Aufmerksamkeit des Mädchens ein, das den Jungen dann mit großen Augen von oben bis unten musterte.

„Müde scheinst du ja nicht zu sein... also was hältst du von einem Spaziergang im Garten des Schlosses?“

Augenblicklich sprang sie auf, schlug erfreut die Handflächen aufeinander und hopste ein paar Mal leicht auf und ab, dabei eine kleine Melodie summend.

„Sehr gerne... Ich möchte hier alles kennen lernen. Hoffentlich gewinne ich Wielnach nicht zu lieb und kann mich später nicht mehr von ihm trennen...“

Sechs Jahre sollte Jelena sein? Der Art nach zu urteilen, wie sie ihre Sätze formulierte, hätte man sie für älter schätzen müssen. Nur ihre Verspieltheit ließ das Kind in ihr hervorschimmern.

 

/Ich weiß nicht, ob ich der richtige für diese Aufgabe bin... In gewisser Weise... fühle ich mich... ihr (unterlegen?)... ihr.../

Er kam nicht mehr dazu, den Gedanken zu Ende zu führen, denn Jelena zog ihn an der Hand, worauf sie sich jedoch nur einen rügenden Blick einfing, da Kim ihre Ungeduld für nicht angebracht hielt.

Langsam stiegen sie die Treppen hinab, liefen durch die Vorhalle, dann durch das Eingangstor und standen schließlich im Freien.

Kim hielt sich die Hand vor die Augen, da ihn die Sonne blendete, die ihr weiches Licht über die Landschaft streute und das öde Grau der Steine unter ihren Füßen fast romantisch golden schimmern ließ.

 

/Eduard wird es nicht verstehen können... Ich sagte, ich würde zurück sein. Spätestens heute Nacht. Er wird es nicht verstehen... und muss es doch, weil er nichts dagegen tun kann.../

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Die Schritte des Grafen hallten laut, als er die hölzerne Treppe hinauf stieg. Er fragte sich immer wieder, wie sich Alexandra in diesem Gebäude hatte wohlfühlen können. Ihn ekelte es förmlich an, mit seinen unverkleideten Wänden und dem abgegriffenen Treppengeländer. Doch damals gab es keine andere Möglichkeit für ihn, als hier für einige Zeit einzuziehen. Sonst hätte er Alexandra mit auf seine Sommerresidenz nehmen müssen, doch dort wäre die Wahrscheinlichkeit, auf Kim zu treffen, viel zu groß gewesen, weshalb er sich dann doch für dieses Haus entschieden hatte, das nicht weit von der Stadt entfernt lag. Es war das einzige, das zur damaligen Zeit frei stand. Er biss die Zähne zusammen, als er sich an die Schmerzen erinnerte, die mit diesem Gebäude in Verbindung standen. Er wusste noch ganz genau, wie er die ersten Tage keuchend in seinem Bett gelegen hatte, gehofft hatte, endlich wieder aufstehen zu können, nach der beschwerlichen Reise zurück in seine Heimat, die ihn so viel Kraft gekostet hatte. Tagelang waren die stumpfen Wände sein Käfig und er sehnte sich unwahrscheinlich nach seinem Zuhause. Alexandra war die einzige, die immer ein fröhliches Lächeln auf den Lippen zeigte.

Er fragte sich noch immer, wie sie in diesem Haus hatte so glücklich sein können.

 

Von Kalau hatte nicht bemerkt, dass er in Gedanken abgedriftet und fast wie in Trance bis zu der braunen Tür hinaufgestiegen war, die Dunkelheit auszustrahlen schien.

Vorsichtig klopfte er an, wartete. Es dauerte eine ganze Weile, bis endlich leise geöffnet wurde. Alexandras Kopf erschien, ihre Gesichtszüge steinern.

„Von Sinnt...“ sie stellte eher eine Frage, als dass sie den Namen aussprach, ihre Augen füllten sich mit einem Schimmer, den Eduard beinahe als Hoffnung gedeutet hätte. Wusste sie denn nicht, weshalb er gekommen war? Sie konnte doch nicht ernsthaft glauben, er sei...

 

Mit einer geschmeidigen Handbewegung bat sie den Grafen in die Wohnung. Überall standen die Schränke offen, waren die Koffer schon halb gepackt. Von Kalau bemerkte, wie ihre Mundwinkel nervös zuckten, als sie seine suchenden Blicke wahrnahm.

Vorsichtig wich sie einen Schritt zurück, geleitete Eduard dann in das kleine Wohnzimmer, in welchem sie noch vor einiger Zeit zusammen gesessen hatten. Er auf dem Sofa, mit der Decke über dem Körper, sie am schwarzen Flügel, irgendein unbedeutendes Stück spielend, manchmal leise mitsummend.

„Was führt Euch...?“ augenblicklich verstummte sie, als sie die Leblosigkeit der grünen Augen Eduards einfing.

„Ich... bleibe nicht...“ entwich es den Lippen des Grafen, doch danach verwünschte er sich dafür. Er hatte es nicht so hart aussprechen wollen, sie nicht so verletzen wollen, wo sie sich doch so lange um ihn gekümmert hatte.

„Ihr...“ begann sie nachzusprechen. „Ihr... bleibt also nicht... Ist das... alles? Habt Ihr mir nicht mehr zu sagen? ... Ich möchte auch nicht bleiben. Nicht hier! Ihr seid doch zurückgekommen, um mich mit Euch zu nehmen, oder? Ich wohne gerne mit auf Schloss Hornbach... ich würde Euch überall hin folgen, das wisst Ihr genau!“

Ihre Augen füllten sich mit nervösen Tränen und sie strich sich mit der linken Hand leise durch das Haar, spielte mit einer kleinen Locke, die sich von ihrem Zopf gelöst hatte.

„Alexandra...“ durchdrang der tiefe Bass die Stille.

Nur ein Wort, doch es ließ die junge Frau erstarren.

Schweigen kehrte zwischen beiden ein. Eduard wusste, dass sie noch nicht bereit für die Wahrheit war, wollte ihr noch etwas Zeit geben, also erwiderte er nichts, lauschte nur ihren unterbrochenen Atemzügen, wartete auf einen geeigneten Augenblick. Doch bald darauf ergriff Alexandra das Wort, leise, fast flüsternd:

„Als ich es auf dem Schloss des Herzogs hörte... ich hielt es für ein erlogenes Gerücht. Abwertend belächelte ich die alte Dame neben mir, die mir erzählte, dass Ihr einen Mann geküsst habt, einen...Mann“ Das letzte Wort verschluckte sie fast, als wolle es nicht noch einmal über ihre Lippen kommen.

„Ich hielt es verdammt noch mal für einen schlechten boshaften Scherz...“

„Ist denn die Vorstellung, ich könnte einen Jungen lieben so... unbegreiflich für dich?“

„O nein! Sprecht nicht von Liebe! Denn lieben, mein lieber Graf,... könnt ihr ihn nicht! Ich habe mir... unsere Zukunft immer so schön vorgestellt. Unsere gemeinsame Zukunft! Es ist noch nicht zu spät! Gebt den Jungen auf, er kann euch nicht glücklich machen! Wird es nie vermögen, Euch das zu geben, was ich Euch...“

„Ich liebe ihn! Auch wenn es mir niemand glaubt, ich...“

„Seid still! Ich will es nicht hören! Ihr könnt mir nicht weis machen, dass Ihr mich nicht begehrt! Erinnert Ihr Euch noch? Damals... es ist noch gar nicht lange her... da wolltet Ihr mich küssen... mich in Euren Armen wissen...“

„Ich war nicht ich!“

„Ha!“ stieß sie übertrieben laut hervor, suchte mit ihrem boshaften Blick eine Antwort bei Eduard.

„Dass ich nicht lache! Wenn ich mich jetzt vor Euch entblößen würde... mich Euch hingeben würde... Ihr könntet nicht nein sagen!“

Ein wildes Feuer glomm in von Kalaus Augen auf, verlosch allerdings gleich wieder, als er sich von ihr abwendete und sich langsam zur Tür begab.

„Ich hatte gehofft, vernünftig mit dir sprechen zu können... Aber ich...“

Er beendete seinen Satz nicht, als er sah, wie sich Alexandra schnell zur Eingangstür drängte und sich vor diese stellte, den Ausgang versperrte.

„Lauft Ihr etwa vor mit davon? Ihr könnt nicht gehen! Nicht so einfach! Nicht ohne mich!“

Er sah ihr tief in die Augen, beide schwiegen für einen Moment.

„Ich will dich... nicht!“ Eine trockene Antwort, die Alexandra einen kalten Schauer über den Rücken trieb und ihr Herz zum Zusammenkrampfen brachte. Unbeherrscht holte sie aus und schlug ihrem Gegenüber mit der flachen Hand ins Gesicht. Eduard reagierte darauf nicht, legte seine Hand an den Türgriff.

 

Plötzlich spürte er ein starkes Ziehen, fast ein Brennen an seiner Taille und wich einen Schritt zurück, Entsetzen in den grünen Augen. Erst taumelte er, versuchte sich an der Kommode aufzustützen, doch alles um ihn herum begann sich zu drehen, verschwamm zu einem unvollkommenen Nichts.

Alexandra näherte sich ihm langsam, nahm ihn am Arm und stütze ihn, wobei sie dem Grafen mit der anderen Hand liebevoll durch die dunklen Haare fuhr.

„Ihr habt mir leider keine andere Wahl gelassen! Die Injektion wirkt schnell und... lange. Ich lasse Euch nicht einfach davonlaufen. Wenn ich Euch schon nicht haben kann, dann... will ich wenigstens ein Kind von Euch! Ja... ein Kind, das mich an seinen wunderschönen Vater erinnert, der die Leidenschaft bei einem anderen Mann sucht! Ich wusste, Ihr würdet noch einmal hierher kommen. Ich wusste es und... bereitete mich vor. Insgeheim hoffte ich auf einen Neuanfang, doch den... habt Ihr mir verweigert. Warum nur? Doch nicht aus Liebe! Doch nicht aus Liebe zu einem Mann!“

Eduard bekam fast nichts von ihren Worten mit, eine beklemmende Übelkeit trieb ihm kleine Schweißperlen auf die Stirn. Er hatte seine Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle, zitterte ungebändigt, sah nur noch, wie ihn Alexandra auf das Sofa bettete und begann, ihn zu entkleiden, dann sich. Er wollte aufstehen, doch sein ganzer Körper schien aus Blei zu sein, gehorchte ihm nicht. Er spürte heiße Küsse auf seinen Lippen, verschloss dagegen seinen Mund.

„Ich will dich nicht...“ flüsterte er unter großer Anstrengung, bevor alles um ihn herum schwarz wurde.

/Ich will... dich nicht, versteh’ doch.../

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Kim und Jelena hatten fast den ganzen Nachmittag im Garten verbracht. Das Mädchen war in ihren Erkundungen unermüdlich gewesen, hatte ununterbrochen irgendwelche Fragen gestellt und Kim dabei neugierig mit ihren großen Augen angesehen.

Die Sonne schwand nun langsam, neigte sich immer mehr dem Horizont entgegen und tauchte die Wolken in zarte Farben. Aus der Ferne hörte man den Kirchturm zur vollen Stunde schlagen.

Beide standen sie vor dem Eingangstor des Schlosses, wollten gerade eintreten, als lautes Hufgetrappel den Frieden des späten Nachmittags durchbrach. Jelena wendete sich zuerst dem Geräusch zu, bald folgten auch Kims Augen und als er auf das weiße Pferd vor ihnen blickte, dessen Reiter er sehr wohl kannte, durchfuhr in ein leichtes Schaudern, was er jedoch nicht offen zeigte, sondern versuchte, mit einem Lächeln zu überdecken.

 

„Guten Abend, Kim. Wie ich sehe, nimmt dich deine neue Aufgabe schon voll und ganz in Anspruch!“

Das Pferd wieherte kurz, als der Reiter es am Zügel zog, kam dann zum Stehen und lief seinem Herren, der auf Kim und das Kind zuschritt, langsam nach.

„Du scheinst überrascht, mich hier zu sehen?“

Kim senkte die Augen, heftete sie auf den Kiesboden unter seinen Füßen.

„Ja...“ erwiderte er dann, jedoch nur sehr leise.

„Du bist Jelena, hab’ ich recht? Mein Name ist Bernard. Du hast sicher meinen Onkel schon viel von mir sprechen hören...“

 

/Schon wieder... Schon wieder durchzieht ein Unwohlsein meinen ganzen Körper. Immer, wenn ich seine Stimme höre, oder wenn ich ihn nur ansehe, weil ich daran denke, wie...

Er kann nicht.../

 

Bernard beugte sich zu dem Kind hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr, was Kim jedoch nicht verstehen konnte. Er konnte nur erahnen, dass es irgendeine Unsinnigkeit gewesen sein musste, denn Jelena begann plötzlich laut zu kichern und hielt sich die kleine Hand vor den Mund. Bernard richtete sich wieder auf, suchte die Blicke Kims und ließ ihn nicht wieder los.

 

/Wieso sieht er mich jedes Mal so an? (Du kennst den Grund...) Nein, ich kannte ihn nie!/

 

„Ich... ich muss Jelena...“ begann er schließlich zu stottern, als er meinte, der Situation nicht mehr Herr zu sein. „Ich muss Jelena auf ihr Zimmer begleiten. Es wird Zeit, dass sie sich zum Abendessen vorbereitet. Du entschuldigst bitte.“ Doch bevor sich Kim zum Gehen wenden konnte, packte Bernard ihn grob am Arm, zog den Jungen nahe zu sich heran. Die andere Hand legte er an die Hüfte seines Gegenübers, so dass sich Kim gegen die Nähe nicht wehren konnte, ohne handgreiflich werden zu müssen. Und das, wusste Bernard, würde sich der Bedienstete seines Onkels nicht erlauben dürfen.

Kims Herz schlug wild, wie oft sollte er Bernard noch sagen, dass er derartige Berührungen nicht mochte, nicht... von ihm.

Er spürte warmen Atem an seinem Ohr, ein leises Flüstern.

 

„Du distanzierst dich von mir. Weshalb? Hast du Angst?“

 

Bernard lockerte seinen Griff und Kim nutzte diese Gelegenheit, um zwei Schritte zurück zu weichen, sich ihm zu entreißen. Über Bernards Lippen legte sich ein breites Grinsen, als er bemerkte, wie der Junge nach Worten rang, ihm dabei nicht in die Augen schauen konnte. Doch nach einigem Zögern, hob er schließlich seinen Kopf, wobei ihm das Haar wild in die Stirn fiel. Er sah sein Gegenüber an, wenn er auch weniger direkt auf ihn, als vielmehr an ihm vorbei blickte.

„Ich – habe – keine – Angst!“ antwortete er hart, emotionslos, legte dann seine linke Hand auf Jelenas Schulter und führte das Kind in das Gebäude.

 

Bernard strich ruhig über die Mähne seines Pferdes, legte seinen Kopf an dessen Hals.

„Hast du gehört, Weißer? Er hat keine Angst... und dennoch spürte ich sein Zittern in meinen Armen, als ich ihn an mich drückte. Ganz deutlich, ein Zittern, das durch all seine Glieder fuhr.“

Ein Schatten legte sich über seine Gesichtszüge, dann rief er einen Stallburschen herbei, der ihm die Zügel des Tieres abnahm und es schließlich mit sich davon führte.

Langsam durchschritt Bernard die Schwelle Wielnachs.

 

„Der heutige Abend könnte... durchaus interessant werden!“

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