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***** Forgivable Sinner I***** Autor: Di-chan Pairing: Graf von Kalau x Kim Warnings: angst, sad, lemon
Part 1: First Contact "Widersprich mir nicht, Junge!... Wenn ich sage, du wirst uns begleiten, dann tust du das auch!" "Vater, ich..." Kim wurde durch einen kräftigen Schlag in sein Gesicht unterbrochen. Sein Vater stand wutschnaubend vor ihm. Kim blickte zähneknirschend zur Seite um seinen stechenden Blicken auszuweichen. Wieso musste es jedes mal soweit kommen?! Er sah seine Schwester auf sich zukommen, ein Taschentuch in der Hand und Tränen in den erschrockenen Augen "Oniichan... oniichan! Hör auf Papa! Bitte, du tust ihm weh!" Mit ihrem Taschentuch tupfte sie Kims Wange ab. Vorsichtig nahm er ihre Hand. "Ist schon gut Sophie! Er hat mir nicht weh getan." Er wollte seiner Schwester das ganze Drama ersparen, seiner Schwester und auch seiner Mutter, die weinend auf dem Sofa saß und sich vermutlich gerade wieder einmal einredete, dass ihrem Mann die Hand nur ausgerutscht war. "Ist schon gut... ich werde Euch begleiten! Aber erwartet nicht von mir, dass ich zu den Leuten besonders freundlich bin! Ich werde mitgehen, aber nicht um Euretwillen, Vater!" Er legte seinen Arm um Sophies Schultern und verließ mit dem Mädchen das Zimmer, in dem ein Schweigen herrschte, das er nicht noch länger hätte aushalten können. Er würde nicht mehr den Untertan seines Vaters spielen. Nicht länger. Das hatten sie alle schon viel zu lange. Verdammt, er war doch schon 18 und doch... kam er sich diesem großgewachsenen breitschultrigen Mann gegenüber immer so... so hilflos vor. /Vergiss ihn. Denk' nicht mehr darüber nach. Er ist dein Vater. Du solltest ihn nicht so verachten!/ Jedes mal redete er sich das ein, doch immer wieder, wenn die zwei in letzter Zeit aufeinander trafen, - was zwar nicht oft geschah, aber dennoch oft genug-, kam es zum Streit. Wegen jeder noch so kleinen Kleinigkeit... Aber egal. Er würde seine Familie mit auf Schloss Hornbach begleiten, auch wenn er nicht wusste, was er dort sollte. Es war seine Schwester, die nach einem Bräutigam Ausschau halten sollte, nicht er nach einer Braut. Vermutlich würde sie den jungen Mann, dem sie auf diesem Schloss Hornbach vorgestellt werden sollte, sowieso nicht leiden können und dankend ablehnen. Und was sollte er tun? Er würde auf seinem Zimmer bleiben und auf den Tag der Abreise warten. Und dann hatte sein Vater seinen Willen. Vermutlich ging es ihm gar nicht um seine Anwesenheit. Er wollte nur wieder einmal seine Vormachtstellung in der Familie beweisen. ... Er würde es Sophie zu liebe tun... Es war kurz vor Mitternacht als sie an Schloss Hornbach ankamen. Der Mond erhellte den weißen Schnee, der überall lag und tauchte die Umgebung in einen hellen Schein. Schon als sie das große Eisentor durchquert hatten, sammelten sich sämtliche Leute zu ihrer Begrüßung auf dem riesigen Hofplatz von Hornbach. Kim spürte wie ihn sein Vater, der ihm in der Kutsche direkt gegenüber saß, mit seinen Blicken durchbohrte. Er musste nichts sagen, Kim wusste genau, was er ihm zu verstehen geben wollte. "Mach mir keine Schande oder..." Kim dachte lieber nicht darüber nach, was geschehen würde, wenn er seinen Vater enttäuschte. "Ahhhhhrrrr... wir sind da!" Sophie zappelte aufgeregt in der Kutsche herum. Ihre zierlichen kleinen Hände, die sie sorgfältig in ihre rosé- farbigen Samthandschuhe gesteckt hatte, lagen an der Fensterscheibe der Kutsche und Kim schmunzelte als er sah, wie sie mit weitgeöffnetem Mund alles Neue in ihrer Umgebung in sich einsog. Er liebte seine Schwester. Wenn sie in seiner Nähe war, fühlte er sich immer viel unbeschwerter. Er wünschte sich für sie nichts sehnlicher, als dass sie einmal in ihrem Leben glücklich werden würde. Vielleicht würde sie heute sogar schon den ersten Schritt in diese Richtung gehen, wenn ihr der junge Herr dieses Schlosses gefiel. "Seht ihr ihn schon? Könnt ihr ihn sehen? Wo ist er... wo ist Graf Hornbach???" Sophies Vater hustete als er das hörte. "Schatz,... zapple doch nicht so herum! Du wirst ihn noch früh genug kennen lernen! Außerdem... solltest du ihn nicht Graf Hornbach nennen! Er hat das Schloss von seinem Onkel übernommen. Der hieß so, aber er heißt von Kalau. Graf von Kalau!" Mutter hatte sich eingemischt als sie bemerkte, wie die Unwissenheit ihrer Tochter den Vater erschreckt hatte. "Graf von Kalau..." sprach Sophie mit zuckersüßer Stimme nach und Kim konnte deutlich den verträumten Ausdruck in ihren Augen sehen. Seine Schwester war schön! Vielleicht noch etwas jung mit ihren 15 Jahren, aber durchaus begehrenswert. Jeder Mann, der sie ablehnte, musste nicht ganz bei Verstand sein. Sie trug ein rosarotes Kleid mit verspielten Rüschen an den Ärmeln und ein leichter Seidenschleier bedeckte ihre schmalen Schultern. Ihre Perlenohrringe funkelten und das goldene Haar glänzte im Mondlicht. "Was siehst du mich so an, oniichan?" fragte Sophie plötzlich und Kim bemerkte, dass er sie tatsächlich angestarrt hatte. "Ich bewundere dich nur, Sophie! Du siehst heute... sehr hübsch aus!" "Oooch... du machst dich ja bloß wieder über mich lustig... blllllllll!" Kim lachte als er den Gesichtsausdruck seiner Mutter sah. Er wusste genau, wie unangenehm es ihr war, wenn Sophie das tat. - Wenn Sophie die Zunge herausstreckte... Doch sie hatte keine Zeit mehr, sich darüber aufzuregen, weil kurze Zeit später auch schon die Tür der Kutsche geöffnet wurde. "Ich darf Sie herzlich auf Schloss Hornbach begrüßen! Hatten Sie eine angenehme Reise?" fragte ein Diener. Sophie nickte schüchtern als sie ausstieg. Die Mägde und Diener begannen schon, die Gepäckstücke abzuladen und sie auf die Zimmer zu bringen. "Fühlen Sie sich hier wie zu Hause! Der Graf wird Sie morgen früh gleich empfangen. Er meinte, dass Sie sich nach der langen Reise vermutlich erst einmal ausruhen wollten... Ich darf mich übrigens als Ihre private Bedienstete vorstellen, Monsieur Prokter." Kims Vater antwortete darauf nur mit einem strengen Kopfnicken. Als sie alle ausgestiegen waren, deutete der Stallmeister den Bediensteten die Kutsche wegzufahren. Kim ging hinter seiner Schwester auf das riesige Schloss zu. An ihrer Haltung konnte er erkennen, dass sie enttäuscht war. Wie gerne hätte er sie jetzt tröstend in die Arme genommen und ihr gesagt, dass sie nicht traurig sein sollte, dass der Graf sie nicht empfangen hatte. Was war das für ein Gastgeber, der sich nicht wenigstens einmal für ein paar Minuten zeigte, wenn seine Gäste ankamen?! Er würde seine Gründe dafür haben! Kims Blicke wanderten zum Sternenhimmel. Es war keine einzige Wolke zu sehen. Er liebte den Duft der kalten Winterluft. Sie roch so rein. Sein Blick senkte sich wieder, doch da erblickte er am Rande eines Balkons im zweiten Stock eine Person. Mit ziemlicher Sicherheit war es ein Mann, denn er hatte kurze Haare, breite Schultern und war verdammt groß. Er hätte ihn auf 1,95m geschätzt. Aber aus dieser Entfernung war das schlecht zu sagen. Was tat er da oben? So mitten in der Nacht? Kim fuhr ein Schauer über den Rücken, als er bemerkte, dass er sie vermutlich beobachtete, denn er hatte seinen Kopf genau in ihre Richtung gewandt. Aber vielleicht täuschte er sich auch. Kim senkte seinen Blick zu Boden und stand nur eine Weile so da. "Oniichan! Wo bleibst du denn?!" Sophie zerrte ihren Bruder am Arm und zog ihn mit sich in das Schloss. Kim blickte sich nicht noch einmal um. ****************************** Part2: EMERALD EYES Als er am nächsten Morgen erwachte, wusste er zuerst nicht wo er war. Es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm wieder einfiel. Es war noch sehr früh und er blieb noch eine Zeit lang im Bett liegen, in das er sechsmal gepasst hätte, so groß war es. Er legte einen Arm über seine Stirn und starrte an die Decke des hohen Raumes. Ob seine Schwester auch so ein großes Zimmer hatte wie er?! Er war von zu Hause Luxus ja schon gewohnt gewesen, aber das hier überstieg alles bei weitem. Der Graf musste verdammt reich sein. Der Graf... heute würden sie ihn kennen lernen. Es interessierte ihn im Grunde gar nicht, wer dieser Mensch war oder wie er aussah und wie er lebte... er war nur neugierig darauf, wie seine Schwester auf ihn reagieren würde. "Oniichan! Darf ich reinkommen?" Sophies piepsiges Stimmchen war vor der Tür zu hören und holte Kim aus seinen Gedanken. Sie klopfte leise als sie keine Antwort bekam. "Oniiiiichaaaaaan!" Seine Schwester war wirklich ungeduldig. Er hatte ihr zwar schon geantwortet, aber vermutlich war das in dem riesigen Raum untergegangen und sie hatte es nicht gehört. Also stand er auf, zog sich schnell seine schwarze Hose über, schnappte sich sein weißes Hemd mit den weiten Ärmeln und dem Stehkragen und stand kurz darauf halb angezogen vor Sophie. "Hast du mich erschreckt, oniichan!" Sophie sprang ihm sichtlich erleichtert um den Hals. "Mama und Papa waren auch schon weg. Als ich heute früh an ihr Zimmer klopfte hat nur ihr Dienstmädchen geöffnet und gemeint, dass sie spazieren seien. Das war mir schrecklich peinlich!" Das Mädchen wurde rot und grinste dann ihrem Bruder breit ins Gesicht. "Ich hatte nämlich nur mein Nachthemd an musst du wissen... Und deshalb bin ich dann erst einmal wieder auf mein Zimmer gegangen und hab' mich angezogen. Nicht, dass ich so noch Graf Hornb... uhhhmmm... Graf von Kalau begegnet wäre! Bin ich froh, dass du noch da bist! Allein hätte ich mich nämlich nicht getraut runter in den Speisesaal zu gehen!" Kim hörte geduldig zu. Es war fast immer so, dass seine Schwester in Monologen redete. Aber es genügte ihr, wenn nur jemand da war, der ihr zuhörte. Sophie saß nun auf Kims Bett und betrachtete ihren Bruder mit zusammengekniffenen Augen und einem Lächeln im Gesicht, als er sein Hemd anzog. "Oniichan... du bist hübsch! Und ganz schön groß geworden. Bis vor einem Jahr hätte dich jeder noch für ein Mädchen gehalten, mit deinem hübschen Gesichtchen, aber jetzt hast du sogar richtig was von einem Mann!" Kim wurde rot, als er das hörte und drehte sich erstaunt zu seiner Schwester um. "Nur ein bisschen mehr essen musst du, oniichan! Deine Hüfte ist so dünn!" Sophie spürte plötzlich, wie ihr eine Hand in den Haaren herumwuselte. Kim stand neben ihr und verstrubbelte ihre sorgsam gelegte Frisur. "Was geht dich meine Hüfte an, Sophie?!" Das Mädchen wurde plötzlich rot, stand dann ruckartig auf und warf sich auf ihren Bruder. Kim verlor das Gleichgewicht und beide landeten auf dem Bett. Jetzt war Sophie an der Reihe und verstrubbelte Kims Haare. "Oniichan! Das zahl' ich dir heim! Einer Frau ruiniert man nicht die Frisur!!! Hahahahaha!" Kim spielte ein Weilchen das kleine Spielchen mit und tat so, als wäre sein Schwesterlein unsagbar stark, so dass er sich nicht von ihrem Griff lösen konnte. Dann aber sprang er auf, ebenso Sophie und eine wilde Jagd durch das Zimmer begann. Sophies Gelächter war vermutlich bis auf den Hofplatz zu hören. Vielleicht standen auch schon sämtliche Bedienstete des Schlosses vor der Zimmertür und malten sich die unsäglichsten Dinge aus, was hier wohl vor sich ging. Kim war jetzt ganz dicht bei Sophie. Er hatte sie in der Falle. Da riss seine Schwester ganz plötzlich die Tür zum Flur auf, streckte Kim die Zunge heraus und landete dann beinahe unsanft auf dem Fußboden, wenn.... wenn da nicht zwei starke Arme gewesen wären, die sie auffingen. Im ersten Moment wusste sie gar nicht, was geschehen war. Außer Atem, mit buschigen Haaren und unordentlichem Kleid blickte sie ganz stumm in wunderschöne dunkelgrüne Augen, deren Farbe schon fast ins Schwarz ging. "Da... Danke sehr!" stotterte sie, doch an Stelle einer Antwort erhielt sie nur einen finsteren Blick. Sophie stand jetzt stumm vor ihm, mit gesenktem Kopf. Wie klein sie neben ihm wirkte. Er war bestimmt 1,95 m groß... Moment mal! Ja! Das war der Mann, den er am gestrigen Abend bei ihrer Ankunft gesehen hatte. Kim erschrak innerlich als er bemerkte, dass der Fremde ihm direkt in die Augen sah. Ganz ohne jegliche Gefühlsregung. Ohne Wut, ohne Misstrauen, einfach nur mit Gleichgültigkeit. Kim merkte es kaum, als seine Schwester sich plötzlich an seinem Hemd festklammerte. Er konnte nicht anders. Musste dem Blick des Mannes, der ihm in ein, zwei Metern Entfernung gegenüberstand einfach entgegenhalten. Erst als Sophie ihren Griff um Kims Arm festigte, wachte er aus dieser Art Trance auf und blickte möglichst schnell zur Seite. "Sei das nächste Mal ein bisschen vorsichtiger, Mädchen!" entgegnete er den beiden und kniff dabei seine Augen zusammen, lies jedoch den Blick nicht von Kim ab. "Uhm" nickte Sophie um ihm zu verstehen zu geben, dass sie verstanden hatte, was er meinte. Dann drehte sich der Fremde, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen, um und ließ die zwei Geschwister verwirrt zurück. "Oniichan... weißt du, wer das war? Oniichan???" Sophie blickte an ihrem Bruder hoch, dessen Hemd sie noch immer fest umklammert hielt. Kim schien sie gar nicht zu hören. Er blickte noch immer in die Richtung, wohin der Fremde verschwunden war, sich im Schwarz des langen Ganges aufgelöst hatte. Er war plötzlich da gewesen und genauso plötzlich war er nun verschwunden. "Oniichan! Ist... ist alles in Ordnung mit dir?" Kim nickte, sah dann seiner Schwester mit einem zärtlichen Lächeln ins Gesicht und begann auf einmal furchtbar laut zu kichern. Sophie wusste ganz genau worüber er sich amüsierte. - Über ihren Kopf, der rot war wie eine Tomate, über ihre zerzauste Frisur und über ihre zittrigen Hände, mit denen sie nun versuchte, ihren Bruder zurück in sein Zimmer zu schieben. Sophie hörte noch immer den Klang seiner Worte "Sei das nächste Mal ein bisschen vorsichtiger!" im Gedächtnis . Seine tiefe, männliche Stimme, mit der er diese Worte ausgesprochen hatte. Wer war dieser Mann? /Wie seine Augen tiefgrün, fast schwarz geglänzt haben, als er mich angesehen hat./ Sie konnte nicht anders, als einfach nur zu denken, dass er wunderschön war. Wunderschön! ****************************** Part 3:GRAF VON KALAU Die Zeit bis zum Frühstück war wie im Fluge vergangen. Nach der Begegnung mit dem Fremden war Sophie noch eine Weile bei Kim im Zimmer geblieben, doch die zwei hatten fast kein Wort seitdem miteinander gewechselt. Für Kim war es durchaus nichts ungewöhnliches, wenn er für längere Zeit nichts sagte, er war sowieso immer ziemlich verschlossen und dachte lieber in sich hinein, als anderen seine Gedanken mitzuteilen. Aber Sophie... was war mit seiner kleinen Schwester los? Sonst konnte sie die Menschen in ihrem Umfeld doch auch immer unterhalten. Mit den unwichtigsten Dingen schwatzte sie sie voll und genau das war es, was alle so liebenswert an ihr fanden. Immer, wenn seine Eltern Besuch hatten, grüßten sie Kim nur mit einem Nicken und widmeten dann ihre ganze Aufmerksamkeit gleich Sophie. Doch das machte nichts. Kim war sogar sehr froh darüber, dass er nicht viel Worte mit ihnen wechseln musste. Sei es aus dem Grund, weil ihm ihre kleinen Problemchen relativ egal waren (waren sie das?) oder weil er einfach nur nicht sehr gesprächig war... Wie dem auch sei, dass sich in seiner kleinen Schwester etwas verändert hatte, spürte er nur zu gut. Als sie dann nach einer ganzen Weile sein Zimmer verlassen hatte, sagte sie nur "Oniichan... ich seh‘ dich dann im Speisesaal!". Und weg war sie. Kein Lächeln, keine eindringlichen Worte, mit denen sie ihn wieder einmal aufforderte, unbedingt nicht zu spät zu kommen, einfach nur dieser eine Satz. Jetzt war es bereits halb acht. Langsam sollte er sich auf den Weg in das Speisezimmer machen. Mit einem leisen Stöhnen auf den Lippen nahm er seine schwarze Weste mit den lila Stickereien vom Stuhl und zog sie langsam an. Er mochte sie nicht besonders, da sie sehr eng war und seine Figur, seiner Meinung nach, zu sehr betonte. Aber seine Mutter bestand zu solchen Anlässen darauf, dass er sie trug. Und er konnte sich auch gut vorstellen, weshalb. Wie seine Schwester schon gesagt hatte, hatte man ihn ziemlich oft für ein Mädchen gehalten, aber mit dieser engen Weste, die seine flache Brust deutlich unterstrich, würden wohl keine peinlichen Missverständnisse aufkommen. Er fand es lächerlich, dass er jetzt mit 18 dieses Kleidungsstück noch tragen sollte. Sein Körperbau hatte sich immerhin dahingehend verändert, dass man ihm jetzt ansah, dass er kein Mädchen war. Er verdrehte verständnislos die Augen und verließ dann sein Zimmer. Da fiel ihm ein, dass er bei bestem Willen nicht wusste, wo sich denn der Speisesaal befand. In einem so großen Schloss hätte er überall sein können. Er würde sich einfach mal ein bisschen umsehen. Mit Sicherheit lief ihm dann bestimmt ein Dienstmädchen über den Weg, das er fragen konnte. Er ging also die große Treppe hinab, die mit dunkelgrünem Samt belegt war /so grün wie seine Augen/, dann einen finsteren Gang entlang, durch zwei Türen, einen Spiegelsaal, einen weiteren langgestreckten Gang und doch... fand er nicht, wonach er suchte. Das Schloss war so groß, dass man sich unwahrscheinlich leicht verlaufen konnte. Er musste sich erst einmal wieder orientieren. Plötzlich zuckte er zusammen, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte. "Hast du dich verlaufen, Kleiner?" - Diese Stimme kannte er doch. Er drehte sich ruckartig um und blickte in die gleichen Augen, von denen er schon einige Stunden vorher wie magisch angezogen worden war. "Ich... uhm...ich habe..." /Verdammt Kim! Hör‘ auf so zu stottern!/ Kim spürte, wie der Fremde immer näher zu ihm kam, ihn in die Enge trieb, so dass er wenig später ganz dicht an der Wand stand und nun nicht mehr weiter zurückweichen konnte. Der fremde Mann hob seinen Arm und stützte sich über Kims Schulter mit der Hand an die Wand, so dass Kim nun gezwungen war, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. Wieder verschmälterten sich diese grünen Smaragde zu kleinen Schlitzen. Als ob er versuchte, durch ihn hindurch zu sehen. Dann spürte Kim eine sanfte Berührung an seiner Brust. "Dein Herz schlägt im gleichen Takt wie meines!" flüsterte der Fremde. Kim wich seinen Blicken daraufhin aus und versuchte sich aus der Berührung zu lösen. Dies gelang ihm auch ganz leicht. Er hatte nicht erwartet, dass ihn sein Gegenüber so ganz ohne Protest gehen lassen würde. Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, was Kim wie eine Stunde vorkam, dann sagte der Fremde plötzlich amüsiert und mit verschmitztem Lächeln auf dem Gesicht: " Zum Speisesaal geht’s hier entlang. Folge mir!" Kim traute seinen Ohren nicht. Gerade eben noch hatte er ihm etwas von seinem Herzschlag erzählt (was er wohl damit gemeint hat, als er sagte, es würde im gleichen Takt wie seines schlagen?!) und jetzt plötzlich gab‘ er ihm Auskunft über den Speisesaal. "Danke... aber... aber... Ihr braucht mich nicht dorthin zu begleiten! Ich... kann alleine gehen. Wenn ihr mir sagt, wo ich ihn genau fin..." "Das geht in Ordnung! Ich muss auch dahin!" Hörte Kim nur als Gegenantwort. Schweigsam folgte er dem Mann vor ihm. Er bemerkte, dass er sich am ganz falschen Ort befunden hatte. Das Speisezimmer war genau im gegenüberliegenden Flügel des Schlosses. Als sie durch die finsteren Gänge gingen, hörte er nur auf das gleichmäßige Geräusch, das seine Schuhe auf dem Marmorboden machten. Dann blieb der Fremde plötzlich stehen. Vor ihnen lag eine große Tür, mit vergoldetem Rahmen und vergoldeten Ornamenten, die Bilder aus der griechischen Mythologie einfassten. Zwei Diener verbeugten sich tief als sie den jungen Mann sahen und öffneten dann lautlos die Tür. Mit einer eleganten Handgeste deutete der Fremde ihm, als erster in den Raum zu schreiten, was Kim auch tat. "Oniichan! Da bist du ja endlich!" wurde er von Sophie empfangen, die mit funkelnden Augen am Tisch saß und sich anschickte aufzustehen um ihrem Bruder entgegenzurennen und um ihm um den Hals zu fallen. Das hätte sie auch beinahe getan, wenn sie nicht den tadelnden Blick ihrer Mutter gesehen hätte, der sie ohne Worte aufforderte, auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben und sich ruhig zu verhalten. Schmollend senkte das Mädchen den Kopf. Auch der Fremde trat nun in den Saal ein und Kims Eltern, voran sein Vater, Monsieur Prokter, erhoben sich von ihren Plätzen als sie ihn sahen. Mr. Prokter ging sofort auf den Fremden zu und Kim durchfuhr ein großer Schock als er hörte, wie sein Vater den Fremden begrüßte: "Guten Morgen, Graf von Kalau!" Kim wurde schlecht und er sah seine Schwester mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund am Tisch stehen... ****************************** Part 4:CONFUSION Dieser Fremde war also... von Kalau! Kim verstand nicht, weshalb ihn das so verwirrte. Es war doch ganz egal, wer dieser Mann war (war es das?). Ganz egal! Erneut blickte er zu seiner Schwester. Sie schien sich inzwischen wieder beruhigt zu haben und saß nun ganz artig am Tisch, heimlich aufblickend von Zeit zu Zeit um den Grafen zu betrachten, der ihr direkt gegenüber saß. Und dann, immer wenn sie kurz den Kopf gehoben hatte, senkte sie ihn gleich wieder und tat so, als wäre sie unwahrscheinlich beschäftigt mit dem Schneiden ihres Brotes. Aber Kim übersah nicht, dass ihre Wangen leicht gerötet waren. Er wusste nur zu gut, was jetzt in seiner Schwester vor sich ging. "Wir sind Euch sehr dankbar, dass Ihr uns auf Euer Schloss eingeladen habt, Graf!" bedankte sich der Vater. Von Kalau antwortete mit einer Handbewegung, die wohl bedeutete, dass er das gerne getan hatte. "Graf,... was haltet Ihr davon, wenn Euch Sophie nach dem Essen etwas auf dem Klavier vorspielt? Sie hat wunderschöne Stücke eingeübt und ich bin mir sicher, dass es ihr sehr viel Freude machen würde, wenn sie Euch etwas unterhalten dürfte?" Kims Mutter versuchte die Aufmerksamkeit des Grafen auf ihre Tochter zu lenken. "Das würde mich sehr freuen!" Und dabei blickte er das Mädchen an, die hochrot vor ihm saß und verlegen lächelte. "Was ist mit Eurem Sohn passiert?" fragte von Kalau ganz unerwartet in die Runde... Kim erschrak, als er bemerkte, dass er gemeint war. Unglücklicherweise saß er direkt neben dem Grafen, so dass dieser vermutlich gemerkt hatte, wie er zusammengezuckt war. "Ich verstehe nicht... was meint Ihr? Was soll mit unserem Sohn denn sein?" Frau Prokter konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was der Graf als Antwort erwartete. Kim spürte plötzlich eine leichte Berührung an seiner Wange und als er aufblickte sah er von Kalau ganz dicht an seiner Seite. "Hier... seine Wange!" "Das ist gar nichts!" murmelte Kim und drehte dabei seinen Kopf zur anderen Seite. "Ach so... Ihr meint... weil seine Wange blau ist?... Nun ja... unser Sohn ist manchmal etwas ungeschickt und... hat sich wohl wieder einmal gestoßen, nicht wahr Kim?" /Warum in so freundschaftlichem Ton, Vater? Ich.../ Kim knirschte die Zähne und gab einen zustimmenden Laut von sich. Wie er es verabscheute, mit diesem Menschen, der sich sein Vater schimpfte, an einem Tisch zu sitzen. /Warum erzählst du es ihm nicht einfach?! Dass du mich geschlagen hast! Warum bist du nur so verdammt verlogen?!/ Aber er selbst war auch nicht besser. Immerhin hatte er auch gelogen und war es nur aus dem Grund, dass er später von seinem Vater nicht noch einmal geschlagen wurde... /Ich bin so ein Feigling!/ Kim spürte von Kalaus Blick auf seinen Schultern. Am liebsten wäre er aufgestanden, hätte ohne ein Wort zu sagen den Raum verlassen, wäre auf sein Zimmer gegangen und... ja und.... was dann? Hätte er gewartet, bis seine Familie kam um ihn mit ihren bösen Worten zu strafen, was für ein schwieriger Kerl er doch wäre und wie sehr sie doch darauf hofften, ihn bald los zu sein, befand er sich doch schließlich in einem Alter, in dem er sich langsam seine Existenz selber sichern musste (hatten sie das jemals gesagt, Kim?). Vielleicht nicht Sophie, vielleicht auch nicht seine Mutter, aber dass sein Vater so dachte und die gesamte Verwandtschaft mit ihm, das war offensichtlich. Warum sonst fragten sie jedes mal, ob er sich schon eine Braut gesucht habe, ob er schon einen Beruf ins Auge gefasst habe, und so weiter... Aber egal... vielleicht sah er die ganze Angelegenheit manchmal einfach zu verklemmt! Und dass er als Bediensteter in einem Schloss arbeiten wollte, wussten sie doch alle ganz genau... Aber es war ihnen vermutlich nicht genug... (Denk‘ nicht mehr darüber nach!) Aus seinen Gedanken wurde er erst gerissen, als er plötzlich wieder diese sanfte tiefe Stimme hörte. Er blickte auf und bemerkte, dass ihn alle fragend ansahen. Und dann wanderte sein Blick nach links. /Smaragdgrün... und so schön!/ Kim wurde plötzlich rot. Von Kalau sah‘ ihm direkt in die hellen Augen und lächelte dabei. "Bekomme ich keine Antwort?" "Uhm... tut mir... ich..." er war so verwirrt. Worauf eine Antwort? "Wo warst du denn gerade wieder mit deinen Gedanken, oniichan?! Der Graf wollte wissen..." Sophie hatte sich eingemischt, wurde aber von einem "ob du uns nachher Gesellschaft leisten wirst, wenn uns das junge Fräulein etwas am Klavier vorspielt" seitens von Kalau unterbrochen worden. Sophie seufzte. Hatte sie sich schon wieder unhöflich benommen? War es denn falsch, die Worte eines edlen Herren zu wiederholen? Oder wollte der Graf einfach mal nett zu ihrem Bruder sein? Huuuhhhhh. Männer waren kompliziert! "Uhm! Sicher!" Nach dem Frühstück waren sie alle wieder auf ihre Zimmer gegangen. Der Graf hatte noch ein paar Geschäftsleute zu empfangen, die er, wie er sagte, nicht warten lassen konnte. Kim stand auf dem Balkon, der sogar halb so groß wie sein Zimmer war. Mit einem geschmeidigen Sprung setzte er sich auf den Steinrand und lehnte sich an die Wand. Von hier oben hatte man einen herrlichen Blick auf den wunderschönen Garten des Schlosses. Alles war so gepflegt und der Schnee auf den Ästen der Bäume unterstrich das edle Erscheinungsbild. Vögel spielten an einer geschützten Stelle zwischen zwei kleinen Tannen miteinander und flogen dann ganz plötzlich wieder davon. Kim sah ihnen lange hinterher. Wie sie im Blau des Himmels verschwanden. Er hielt sich die Hand vor die Augen, denn die Sonnenstrahlen blendeten ihn. Ein eisiger Windhauch fuhr ihm über den Nacken. Er hätte sich einen Mantel anziehen sollen. Das tat er dann auch, nachdem er spontan entschlossen hatte, einen kleinen Spaziergang durch diesen herrlichen Wintergarten zu machen. Hier fühlte man sich so frei. Unbeschwert, leicht. Ihm war plötzlich so danach, sich einfach rückwärts in den Schnee fallen zu lassen. Und wenig später lag er auch schon da, mit gespreizten Beinen und weit ausgestreckten Armen. Durch seinen dicken Mantel spürte er die Kälte kaum. Er schloss die Augen - am liebsten würde er jetzt einschlafen und träumen (von was?)-... Diese Frage holte ihn zurück in die Wirklichkeit. Was war sein größter Traum? Er wusste es nicht. Langsam öffnete er die Augen. /Smaragdgrün!/ Er erschrak, denn über ihm sah er das Gesicht des Grafen. Schnell stand er auf, klopfte den Schnee von sich ab, wobei ihn von Kalau ganz genau beobachtete. "Was macht Ihr hier?" "Das ist mein Garten." "Sicher!.... Habt Ihr mir lange zugesehen?" "Eine Weile..." "Und weshalb?" /Keine Antwort?/ "Du hast gelächelt!... Dann sah ich nur noch Bitterkeit." "Ihr seid derjenige, der bitter ist!" Diese Antwort schien den Grafen zu erstaunen... Er hatte so einen Glanz in den Augen. "Ent... schuldigt, das wollte ich... nicht! Ich kann es nur nicht leiden, wenn ich von jemandem beobachtet werde..." "Verstehe!" eine kühle Antwort. Ohne jegliche Emotion. "Seid Ihr schon fertig mit eueren Geschäftsleuten?" "Ja, mehr oder weniger. Ich konnte sie nicht mehr ertragen und habe sie weggeschickt." "Seid Ihr oft hier?.... Ich meine im Garten." "Manchmal." "Er ist wunderschön!" "Genau wie du!" Kims Herz machte einen Sprung. "Wie... wie meint Ihr das?" "Wir sollten jetzt wieder hinein gehen. Deine Schwester erwartet uns sicher schon!" Ein Lächeln und ein Blick, dann lief er zurück in Richtung Eingang und Kim folgte ihm wortlos. /Genau wie heute morgen. Wieder laufe ich ihm hinterher... und frage mich... und verstehe nicht!/ ****************************** Part 5:CALEIDOSCOPE Die letzten Stunden des Nachmittags waren wie im Flug vergangen. Sophie hatte ihr kleines "Klavierkonzert" für den Grafen gegeben und war danach heilfroh, dass sie alle Stücke, ohne auch nur den kleinsten Fehler zu machen, hatte vorspielen können. Kim hatte sich wenig später auch gleich auf sein Zimmer verkrümelt und von Kalau hatte Sophie um einen Spaziergang im winterlichen Park gebeten, der nicht weit entfernt vom Schloss lag. Natürlich hatte das Mädchen auch freudigst zugestimmt und Kim dabei über das ganze Gesicht strahlend angelacht. Sie hatte es also geschafft. - Der Graf schien sich nun tatsächlich für sie zu interessieren. Es war also endlich soweit. Kurz vor sechs Uhr erwartete von Kalau Sophie in der Eingangshalle des Schlosses. Er trug einen warmen Mantel über den Schultern, einen braunen Schal, der wunderbar mit dem Haselnussbraun seiner Haare harmonierte und die grünen Augen kontrastierte. Sophie war nicht weniger hübsch angezogen. Bei ihr fielen vor allem die glitzernden Handschuhe und ihr blassgrünes Kleid auf, welches unter ihrem Mantel hervorragte. Sie kam von der Treppe herab auf den Grafen zu, wobei von Kalau auffiel, wie ihre zwei kleinen kristallinen Perlenohrringe bei jedem Schritt den sie tat hin- und herwippten. Von Kalau machte zwei Schritte auf sie zu, verbeugte sich, wobei er seine Augen jedoch nicht von Sophies Gesicht ließ und gab ihr zur Begrüßung einen zarten Handkuss. "Du siehst bezaubernd aus, Sophie!" Sophie wurde rot. Mit diesem Kompliment hatte sie nicht gerechnet und wusste deshalb nicht, was sie darauf antworten sollte. Deshalb nickte sie nur dankend und fügte dann lächelnd hinzu, dass sich auch der Graf durchaus sehen lassen konnte... Und dann verließen sie das Schloss. Kim saß gelangweilt in seinem Zimmer. Eigentlich hätte er seinen Eltern im Musikzimmer Gesellschaft leisten können, sich mit ihnen einige Stücke von berühmten Komponisten anhören können, die sein Vater so gerne auf dem Flügel spielte, aber das wäre das letzte gewesen, wozu er Lust gehabt hätte. Er ging Menschen lieber aus dem Weg. So kam er mit ihnen nicht in unangenehme Gespräche oder wurde von ihnen von oben bis unten gemustert und musste dann anhören, wie sie hinter seinem Rücken über ihn tuschelten. Mit einem leisen Stöhnen zog er seine Knie zur Brust und umklammerte sie mit seinen Armen. In dieser Position konnte er manchmal Stunden dasitzen und über gewisse Dinge grübeln, die ihm dann in den Sinn kamen. Doch diesmal konnte er immer nur an eines denken: Von Kalau! Und das machte ihn fast verrückt! Immerzu sah er dessen grüne Augen vor sich, wie er ihn mit diesen Smaragden durchbohrte, sich in seine Seele fraß und doch dadurch erleichterte. Wenn der Graf in seiner Nähe war fühlte er sich irgendwie... unabhängiger. Freier. Irgendetwas an diesem großgewachsenen Mann mit der tiefen Stimme faszinierte ihn, doch er konnte nicht genau feststellen, was das war. Vielleicht war es seine Art, mit anderen umzugehen. Schweigsam und doch... liebenswert. Kalt und doch... herzlich. Verdammt! Was sollte dieses Geschwafel?! War er jetzt völlig übergeschnappt?! Er grinste in sich hinein, wunderte sich selbst über seine absurden Gedanken und beschloss dann kurzerhand in die Bibliothek des Schlosses zu gehen. Das heißt, zumindest vermutete er, dass es hier so etwas geben musste. Vielleicht fand er ja das ein oder andere Buch, das ihn interessierte. Und wenn nicht, würde er irgendein beliebiges lesen. (Damit du nicht mehr an ihn denken musst?) /Nein!/ Er irrte eine Weile in den langen Gängen umher, bis ihn plötzlich ein junges Mädchen mit einer weißen Haube auf dem Kopf ansprach und ihn fragte, ob sie ihm behilflich sein könne. Dann führte sie ihn direkt zu einer kleinen weinrot gestrichenen Holztür, deren Rahmen mit aufwändigen Spielereien verziert war und auf deren Mitte ein Bild zu erkennen war. Ein See. Einsam... im Wald. Nur in der Ferne war ein kleiner Schwan zu erkennen. Doch er schien fortzufliegen, schien sich von dem See abzuwenden, so als wolle er niemals wieder zurückkehren. An diesen Ort. Als Kim sich nach dem Dienstmädchen umdrehte, war sie schon nicht mehr da. Vermutlich hatte sie noch sehr viel zu erledigen oder warum sonst hätte sie sich so schnell aus dem Staub gemacht? Vorsichtig drückte er den goldenen Knauf nach unten. Die Tür ging auf, doch im Inneren konnte er nichts erkennen. Nur Dunkelheit. Er musste sich bücken als er durch die Tür schlüpfte, so niedrig war sie. Es war alles so dunkel. Er tastete sich langsam vor und wartete dann eine Weile, bis sich seine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Dann nahm er Vorhänge wahr, nur dunkle Umrisse in einem ebenso dunklen Raum. Er öffnete sie, schob die schweren Samtvorhänge zur Seite, bis genügend Dämmerungslicht in das Zimmer fiel, so dass er die Bücherregale erkennen konnte. Erst jetzt bemerkte er wie groß die Bibliothek war. Berge an Büchern, ganz dicht aneinander gestapelt in Reihen an Regalen. Er war überwältigt. Hier würde er mit Sicherheit etwas finden. Ein paar Minuten später hatte das Dienstmädchen für Licht in dem Raum gesorgt. Sie war ganz aufgeregt wieder zurückgekommen und hatte sich entschuldigt, dass sie es vergessen hatte und Kim hatte nur genickt, zum Zeichen dafür, dass sie sich dafür nicht zu entschuldigen brauchte. Dann war sie genauso schnell auch wieder verschwunden. "Graf?" "Eduard." "Bitte?" Sophie blickte erstaunt zu von Kalau, da sie mit diesem Namen ganz und gar nichts anfangen konnte. "Eduard...- Mein Vorname." Sophie lächelte, doch von Kalau blickte sie nicht an. Sie waren schon seit einer halben Stunde schweigsam durch den Park gelaufen. Sophie, deren kindliches Temperament sich nach Unterhaltung sehnte, hielt diese Stille zwischen ihnen, die ihr beinahe das Herz abschnürte, nicht mehr aus. Ihre Miene wurde ernster. "Also gut... Eduard. Wir... laufen nun schon ziemlich lange so durch den Park." Keine Reaktion. "Langweile ich Euch?" Schweigen. "Eduard? Bitte, sagt mir doch was ich falsch mache..." Sophie war den Tränen nahe. Da blieb von Kalau ganz plötzlich stehen. Er richtete seinen Blick in den Himmel, an dem schon schwach der Mond erkennbar war. "Verzeih‘. Ich war einfach zu sehr in Gedanken. Es ist nicht deine Schuld Sophie!" Als er bemerkte, wie sie ihn mit großen Augen ansah und dann kurz blinzelte, weil sie den Inhalt seiner Worte nicht ganz verstand, fügte er hinzu: "Es wird langsam kalt. Wir sollten zurückkehren. Ich möchte nicht, dass du noch krank wirst. Lass uns ein anderes Mal..." /Ein anderes Mal?/ Sophie war erstaunt über Eduard. Wieso hatte er sie dann überhaupt um diesen Spaziergang gebeten. War sie nur eine Last für ihn? Oder wollte er sie auf die Folter spannen. Vielleicht war er ja ein Mensch, der seine Zuneigung nicht offen ausdrücken konnte und vielleicht waren es die Gedanken an Sophie, die ihn verwirrten und schweigen ließen? Sie fasste neuen Mut. "Aaaaaaloooo schöön!" rief sie auf einmal, drehte sich abrupt um und rannte wie wild geworden los. Zurück zum Schloss. "Wer zuerst da ist hat gewonnen! Hahaha!" Ihre Kapuze, die sie aufgesetzt hatte, flog von ihrem Kopf und flatterte im Wind als sie davon stürmte. Ihre kleinen Füßchen wirbelten Steinchen auf und sie musste Acht geben, dass sie auf dem gefrorenen Boden, der mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt war, nicht ausrutschte. Eduard lächelte über ihre Art. Sie war unbeschwert, fröhlich und... eine junge Frau. Er sah ihr eine Weile nach, wartete noch, wollte nicht rennen. Dann blickte er wieder in den Himmel dessen Blau sich nun allmählich dem Schwarz der Nacht übergab. Kleine helle Sterne funkelten schwach und Eduard sog noch einmal tief die frische Luft in seine Lungen. /Nicht deine Schuld Sophie!/ Keiner hatte bemerkt, dass Sophie schon wieder zurückgekehrt war, denn um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen, war sie schnell auf ihr Zimmer gehuscht und hatte sich dort eingeschlossen. Außer Atem lehnte sie sich an die Tür. Sie wollte nicht... nicht weinen, aber irgendwie konnte sie es nicht verhindern. Vermutlich war sie, was die Beziehung zu Eduard anbelangte, doch nicht so zuversichtlich. Er verhielt sich so seltsam, ja manchmal sogar richtig abweisend ihr gegenüber. /Das bilde ich mir alles nur ein! Du dumme Göre! Hast du gedacht er würde dich gleich am ersten Tag umarmen, sich in dich verlieben und sogar ...küssen?!/ (Ja!) /Wie lächerlich!/ Sie war schließlich nicht in einem Theaterstück, sondern im richtigen Leben. Langsam fragte sie sich, ob es denn tatsächlich diese begehrende Liebe gab, die in den Stücken gezeigt wurden oder ob alles nur Schwindel war. Sie war müde. /Vielleicht geht es mir besser, wenn ich etwas geschlafen habe! Sophie... ein neuer Tag und du wirst all deine Sorgen vergessen haben!/ (O bitte mach‘, dass es so sein wird!) (Nein... mach‘,... dass er mich liebt!) Kim saß noch immer in der Bibliothek. Er war in ein Buch vertieft und hatte die Zeit ganz und gar vergessen. Vielleicht war er zwischendurch auch einmal kurz eingeschlafen, er wusste es nicht so genau. Und es war auch egal, denn hier schien Zeit keine Rolle zu spielen. Hier war er für sich allein und niemand störte ihn in seiner Ruhe. Er saß auf einem kleinen Sofa, das in der Mitte des Raumes stand, umgeben von Teppichen und Pflanzen. (Ein Wunder, dass sie bei der Dunkelheit, die zuvor hier geherrscht hatte, nicht alle schon eingegangen waren!) "Sieh in die Ferne, Wie der Waldvögel Klang mit dem Rauschen des Baches mischt, Dunkel die Erde voll göttlicher Kraft Zerfließet der Honig unter der Seide der Sonne." Konstantin von Mascher Ein seltsames Gedicht, das da die Inschrift des Buches bildete, welches er zur Hand genommen hatte. Im Grunde machte sich Kim gar nichts aus Gedichten. Sie waren für ihn nur Worte, zusammengesucht von einem Dichter, der damit möglichst viel Eindruck bei den Lesern schinden und nebenbei vielleicht auch noch sein Lebensgefühl zum Ausdruck bringen wollte. "Konstantin von Mascher" - diesen Namen hatte er noch nie gelesen oder auch nur gehört. Plötzlich wurde ihm von hinten das Buch aus der Hand genommen. Er konnte erst gar nicht richtig registrieren was eigentlich plötzlich passiert war. Er drehte sich nicht um, saß nur aufrecht da und wartete einige Sekunden. Dann vernahm er eine tiefe Stimme. "Zerfließet der Honig unter der Seide der Sonne..." /Von Kalau?!/ zischte ihm der Gedanke plötzlich durch den Kopf und wenig später sah er sich wieder einmal gezwungen, dem Grafen direkt in die tiefen Augen zu sehen, die so geheimnisvoll und verführerisch strahlten wie noch nie. Er sah einen Glanz in ihnen aufflackern,... wie sich die Pupillen des Grafen verkleinerten und dann wieder etwas größer wurden. Kim kroch auf dem Sofa vorsichtig ein Stück zurück, nicht weit, nur so, dass er sich von von Kalau nicht so eingeengt fühlte. "Liest du öfter solche Sachen?" Kim schüttelte vorsichtig und kaum merkbar den Kopf. Sein Herz raste und sein Atem ging schnell, so als wäre er soeben von einer sportlichen Betätigung zurückgekehrt. /Nein... dieses Mal nicht!... Dieses mal lass ich dich nicht so einfach gehen, Kim Prokter!/" ****************************** Part 6: CALEIDOSCOPE II Eduard legte seine Hand auf Kims rechtes Bein und beugte sich über ihn. Kims Herz klopfte wie wild und als sich ihre Blicke trafen /von Kalau... so nah.../ merkte Kim, wie sich ein roter Schimmer über seine Wangen ausbreitete. Ihm war auf einmal so heiß. Noch immer ruhte Eduards Hand auf seinem Oberschenkel, mit der anderen strich er sanft über die Wange des Jungen. Kim wusste in diesem Augenblick nicht, wie er mit dieser Situation umgehen sollte. Noch nie war ihm eine andere Person so nahe gekommen, nicht auf diese Weise ... und vor allem nicht ein anderer Mann! Er bemühte sich krampfhaft auf dem Sofa noch einige Zentimeter nach hinten zu rutschen, seine Augen suchend auf eine Ausweichmöglichkeit gerichtet, als er plötzlich Eduards Hand in seinem Nacken spürte, die ihn zwang, dem Grafen direkt ins Gesicht zu sehen. "Ganz ruhig Kim!" flüsterte von Kalau. Er hatte bemerkt, wie aufgeregt der Junge war und versuchte ihn durch seine Stimme etwas zu beruhigen. Kim schluckte. /Alles nur ein Traum Kim... Alles nur ein Traum! Du wirst auf der Stelle aufwachen!/ Doch dass es Realität war begriff er, als er von Kalaus Lippen auf seinem Mund spürte. /So warm.../. Aus Reflex hob Kim schnell seine linke Hand, wollte den Grafen davon abhalten, ihn zurückschieben, doch damit hatte Eduard vermutlich gerechnet, denn er war schneller gewesen und hatte inzwischen Kims Hand umfasst und sie vorsichtig zurück auf das Sofa gedrückt. Kim spürte jetzt, wie von Kalau versuchte, mit seiner Zunge Kims Mund zu öffnen. /Dürfen nicht.../ Doch nach kurzer Zeit gab Kim nach. Er ließ ihn gewähren, ihn in sich eindringen, wollte den Grafen in sich spüren... /Ja,... genau so ... Kim!... Ich tu‘ dir nicht weh.../ Der Graf glitt mit seiner Hand nun langsam von Kims Oberschenkel aus nach oben. Fühlte seine schmale Hüfte, seine Brust durch den leichten Stoff seines Hemdes. Seine Finger strichen sanft, kaum spürbar über die Stelle seines Oberkörpers, von der er wusste, dass Kim dort ganz besonders empfindlich sein musste. /Ja... genau hier!/ Kim gab‘ einen leichten Seufzer von sich, fast nicht hörbar und doch ein unumstößliches Signal für den Grafen, dass er den Jungen richtig eingeschätzt hatte. Seine Finger berührten immer wieder flüchtig die Stelle des Hemdes, unter der sich Kims Nippel verbargen... Kim wusste nicht, was er tun sollte. Hätte er sich losreißen sollen, aufspringen und so schnell wie möglich aus dem Zimmer verschwinden sollen?! Was sie da taten, konnte unmöglich wahr sein. Sie... zwei Männer... /Dürfen nicht!/ fuhr es ihm erneut durch den Kopf. Doch das schlimmste war, dass er es auch wollte. Wollte von Eduard angefasst werden, verführt werden, ihn küssen, seine Augen sehen, die sich ab und zu verschmälerten, wenn sich ihre Blicke trafen. Spielte von Kalau nur mit ihm? War es alles nur ein Scherz? Oder waren seine Gefühle aufrichtig? Eduard begann nun Kims oberste Hemdknöpfe zu öffnen. Er hielt seinen Blick auf Kims Brust geheftet als er dies tat, voller Sehnsucht immer mehr von dem Jungen zu bekommen. Mehr nackte Haut... so seiden und jung! Wieder berührten sich ihre Lippen. Jeder spürte die Feuchtigkeit des anderen, wollte zusammenfließen mit dem anderen, eins mit ihm sein. Doch plötzlich ging die Tür zur Bibliothek auf. Ein großer dunkler Schatten fiel in den Raum. Eduard atmete genervt aus und erhob sich. Kim stand ebenso auf, drehte dem Eindringling jedoch sofort den Rücken zu, in der Hoffnung er würde sein offenes Hemd nicht bemerken, das er jetzt versuchte schnell wieder zuzuknöpfen. In diesem Moment gingen ihm tausend Gedanken durch den Kopf und er brachte es einfach nicht fertig, sie zu ordnen. Dann hörte er plötzlich klackende Absätze auf dem Marmorboden, die auf sie zukamen. "Eduard... Eduard... Eduard... Hab‘ ich mir doch gedacht, dass ich dich hier finde! Und noch dazu in Gesellschaft..." Die Stimme klang unangenehm gekünstelt und Kim hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Er wollte nichts hören, keine Worte, nicht jetzt, nicht jetzt... wo er sich so unsicher fühlte und den Blicken dieses Fremden ausgeliefert sah. "Wenn du wusstest, dass hier jemand im Zimmer ist, wieso hast du dann nicht angeklopft?!" Kim konnte die Feindseligkeit hören, mit der der Graf geantwortet hatte. "Eduard!... Bitte! Wieso dieser abschreckende Ton? So redet man doch nicht mit seinem Bruderherz!" "Mit so einem Bruder wie dir schon!" Kim hatte sich nun zu den beiden umgedreht, sie beobachtet, wie sie mit eisernen Meinen dastanden. Doch plötzlich legte sich bei beiden ein breites Grinsen über die Lippen. Mit festen Schritten gingen sie aufeinander zu und fielen sich in die Arme. Kim verstand jetzt gar nichts mehr. Er hörte schallendes Gelächter. "Hahaha... Mensch Edu... hab‘ ich dich vermisst!!!" " Ja! Warst ja auch lange genug weg, Heinrich!" Sie klopften sich gegenseitig mit den Händen auf den Rücken, noch immer fest umschlungen. Dann lösten sie sich voneinander und standen sich mit strahlenden Gesichtern gegenüber. "Erzähl‘ mal... Kleiner! Was hast du so die letzten fünf Jahre ohne mich getrieben?!" /Kleiner?! Wie kam Eduards Bruder dazu, den Grafen als ´Kleiner‘ zu bezeichnen?! Wenn einer von beiden kleiner war, dann war das Heinrich.../ "Nichts besonderes! War ganz schön langweilig hier! Wir hätten alle nicht gedacht, dass du’s mit diesem Flitt... mit... wie hieß sie?!... Margarete so lange aushalten würdest!" Kim bemerkte einen kritischen Blick in Heinrichs Augen. "Komm‘ schon Edu... bist du immer noch beleidigt, weil ich damals mit ihr durchgebrannt bin, ohne dir was davon zu erzählen?! Das ist doch jetzt schon so lange her!" "Ich war nie beleidigt! Du weißt wie ich dazu stehe! Mach‘ mit deinem Leben, was du willst! Meinetwegen wirf es weg, verkauf‘ es oder mach‘ sonst was damit! Ist mir egal!" Auf diese Antwort konnte Heinrich nicht anders. Er schnappte sich Eduards Kopf, klemmte ihn sich unter den Arm und strubbelte mit seiner Hand in seinen Haaren herum. "Arggghhhhh... du kleiner Mistkerl! Kannst du nicht einfach mal sagen... dass du dich freust, mich wieder zu sehen?!" Wieder lautes Lachen. Kim bezweifelte nicht, dass es für den Grafen ein leichtes gewesen wäre, sich aus dem Griff seines Bruders zu befreien, aber vermutlich war dies seine Art, Heinrich zu zeigen, dass er ihm tatsächlich gefehlt hatte. Plötzlich drehte sich Eduard zu Kim um, ging mit einem Lächeln, das vermutlich jeden verzaubert hätte, auf ihn zu. Kim senkte den Blick. Der Graf schmunzelte, denn er wusste, dass Kim die ganze Situation ziemlich peinlich sein musste. Vermutlich hatte der Junge einen großen Schreck bekommen als Heinrich so einfach hereingeplatzt war, sie gesehen hatte und danach noch solche Arroganz an den Tag gelegt hatte. Was er nicht wusste war, dass Heinrich bereits von Eduards Vorlieben für junge Männer wusste und dass er einen bei weitem besseren Charakter hatte, als er vorgab. Von Kalau legte zwei seiner Finger unter Kims Kinn und zwang ihn sanft dazu, ihm in die Augen zu sehen. Dann küsste er ihn. Kim schluckte, war verwirrt... /Nein... nicht...!/ "Es ist schon in Ordnung, Kim!... Komm‘ jetzt... ich möchte dir jemanden vorstellen!" Er legte seine großen schlanken Hände auf Kims Schultern und führte ihn neben sich zu Heinrich. "Darf ich bekannt machen? - Kim, das ist mein älterer Bruder Heinrich..." /Älter? Ach so... daher der Ausdruck ´Kleiner‘.../ "...Und Heinrich... das hier ist Kim Prokter!" Heinrich lächelte und Kim blinzelte mit den Augen, immer noch zurückhaltend und unsicher. Doch als ihm Heinrich die Hand gab löste sich ein Knoten in seinem Herzen und er spürte, dass er diesem Mann vertrauen konnte. Er hätte nie vermutet, dass von Kalau und Heinrich Brüder sein könnten. Sie waren sich nicht gerade sehr ähnlich. Während Kim es liebte, wenn die abendliche Sonne das Haselnussbraun von Eduards Haaren in einen goldenen Schimmer tauchte, blendete ihn fast das helle Blond Heinrichs. Seine Augen waren kleiner als die Eduards, blau, fast grau und sein Mund nicht... nicht so... (sinnlich?). Aber dennoch auch ein schöner Mann... Ein Klopfen an der Tür. Schüchtern, leise, aber es ließ sie alle drei sofort in die Richtung starren, woher es kam. "Das ist soeben für Euch angekommen, Herr!" Ein Dienstmädchen brachte mit trippelnden, leichten Schritten einen weißen Briefumschlag auf den Grafen zu. Absender: Catharina. "Man lässt Euch bitten, umgehendst eine Antwort darauf zu schreiben." Dann ging sie wieder und während Eduard den Brief öffnete, entschuldigte sich Kim. Er wollte auf sein Zimmer gehen. Etwas Ruhe genießen, zu aufregend waren die letzten Minuten (Stunden?) gewesen. Der Graf nickte ihm zu, wusste vermutlich, was sich gerade in Kim abspielte. Heinrich und Eduard blieben allein zurück... ****************************** Part 7: CALEIDOSCOPE III "Er ist niedlich!" Heinrich hatte die Stille als erster gebrochen, die sich eingestellt hatte, nachdem Kim das Zimmer verlassen hatte. "Ja... Das ist er..." Eduard las noch immer vertieft den Brief. "Du musst vorsichtiger sein!" Der Graf blickte seinen Bruder fragend an. "Verstehst du, was ich meine?... Das ist nicht so einfach!" "Du meinst, dass ich scharf auf einen Jungen bin?" Heinrich hasste es, wenn sein Bruder mit solch sarkastischem Unterton antwortete. Er zog dieses Thema immer ins Lächerliche (Selbstschutz? Oder Gleichgültigkeit!). Und schaffte es somit immer, Heinrich zum Schweigen zu bringen. "Heinrich, ich..." wieder ein flüchtiger Blick auf den Brief. "...Ich werde nun diesen Brief hier beantworten. Entschuldige mich bitte!" Da war sie wieder! Diese Distanz, von der sich Heinrich am liebsten ferngehalten hätte. Einerseits hatte er erwartet, dass es so kommen würde, wie früher... dass Eduard ihn von außen abschirmte, als wäre er ein Feind und nicht sein Bruder. Manchmal fragte er sich schon, wie es eigentlich möglich war, dass Eduard überhaupt solche Gefühle wie Liebe empfinden konnte. Sein Bruder war ihm ein Rätsel. Und er würde es vermutlich immer bleiben. /Egal!/ (Wirklich?) Heinrich stellte sich an das Fenster, dessen Scheiben bis auf den Boden reichten und blickte in das Schwarz der Nacht. /Das... geht nicht gut! Nicht mehr... Sie haben Verdacht! Und ich wünschte, ich könnte dich davor bewahren, Eduard! Dich... und ihn!/ *klopfklopfklopf* "Oniichan! Mach‘ auf... Oniiiiiiiichan!" "Was willst du Sophie? Kannst... du mich nicht mal einen Moment alleine lassen?" "Oniiichaaaaan, mach‘ endlich auf!" /Du sprichst zu leise, Kim, sie hört es nicht!/ "Also gut, wenn du nicht aufmachst, erzähl‘ ich es dir eben hier!!! Stell‘ dir vor: Wir sind auf einen Ball eingeladen! Hörst du, oniichan?! Ein Bahaall!!" Das Mädchen wartete auf eine Antwort. Doch nichts als Stille. /Verdammt... Das hätte nicht passieren dürfen! Kim Prokter... du hast... o Gott... du hast einen Mann geküsst! Einen Mann!/ "Ich liebe Bälle! Eine Frau namens Catharina, ich glaub‘ eine Herzogin, hat uns eingeladen... Ist das nicht aufregend?!" /Einen Mann... Einen Mann... Einen Mann... Einen.../ Kim kauerte in einer Zimmerecke, nahm kaum wahr, was ihm seine Schwester da vor der Tür versuchte zu erzählen, saß nur da und starrte in die Leere des Zimmers, seinen Kopf auf die Arme gelegt, die seine Knie umklammerten. "Haaast du veeeerstaaaandeeen, oniichan?! Ich freu‘ mich sooo. Wir sind alle eingeladen! Mama... Papa... du... ich... na ja, dass Eduard mitgeht ist ja selbstverständlich!" /Eduard!/ "Morgen Abend ist der schon! Also überleg‘ dir mal, was du anziehst! Ich hab‘ mich schon entschieden, hihi!" Sie kicherte, unbeschwert, vergessen all der Kummer der vorangegangenen Stunden, in denen sie sich vom Leben des Grafen so ausgegrenzt gefühlt hatte. /Schwindlig.../ "Och... oniichan! Kannst du dich nicht mal für was begeistern?! Ich geh‘ dann jetzt mal zu Mama und Papa... die wissen’s bestimmt schon, aber ich sag’s ihnen trotzdem noch mal..." Diese Bemerkung ließ Kim wieder etwas lächeln. Wenn sie es wussten, wieso wollte sie es ihnen dann noch einmal sagen? Das war typisch Sophie! Kim seufzte, erleichtert als er hörte, wie sein Schwesterchen davoneilte und ihn endlich alleine ließ. Er hätte es nicht durchgestanden, vor sie hinzutreten, ihr in diese großen Augen zu sehen, sie zu betrügen. Verdammt noch mal... er nahm ihr den Mann weg, in den sie sich vermutlich Hals über Kopf verliebt hatte. Und er kam sich so falsch vor, wie ein Betrüger, ein Heuchler. Und er wusste auch nicht, wie er seinen Eltern wieder unter die Augen treten sollte. Gezeichnet. So kam er sich vor... Als wäre es auf sein Gesicht geschrieben: ICH HABE IHN GEKÜSST. Aber hatte er das wirklich? War es nicht anders gewesen? Eduard hatte doch... Ein Klopfen an der Tür. /Sophie... jetzt ist es aber genug!/ Er riss mit einem Mal die Tür auf, spürte, wie ihm fast die Tränen in die Augen stiegen. Er wollte Sophie anschreien, sie wegschicken, ihr sagen, dass sie ihm endlich einmal seine Privatsphäre gönnen sollte! Doch bevor er anfangen konnte zu sprechen, hörte er nur ein tiefes "Kim!". Es schnürte ihm fast von innen die Brust ab. /Eduard!/ Und kurz darauf hatte der Graf auch schon das Zimmer betreten, hatte die Tür hinter sich geschlossen und schaute auf Kim, der seinen Blick wieder einmal zu Boden gesenkt hatte. "Was... wollt Ihr?" Ja! Ohne es zu wollen, hatte er diese Frage gestellt. Aber jetzt wurde ihm klar, dass es genau das war, was er wissen wollte. Das, was ihn die ganze Zeit schon so gequält hatte. Doch er bekam keine Antwort. Stattdessen beugte sich von Kalau zu ihm hinab, wollte ihn küssen, ihn spüren... ihn... "Nein! Nicht...!" Kim wich zurück. Eduard ging mit ruhigen Schritten auf ihn zu. Keine einzige Gefühlsregung zeigte sich auf seinem Gesicht. Es sah kalt aus, starr, aber... wunderschön. "Du willst also eine Antwort auf deine Frage, Kim?! Nun, ich glaube, die weißt du bereits!" Kim schluckte. Da war es wieder. Dieses Gefühl, dieses Gefühl, das ihm den Verstand zu rauben drohte. Und er sah, wie von Kalaus Lippen ein Wort formten, ohne es aber auszusprechen: "DICH!" Und dann fiel der Graf über den Jungen her. Kim konnte so schnell nicht reagieren. Eduard hielt ihn an seinen Handgelenken fest, zwang ihn auf das Bett, überschüttete ihn mit Küssen. "Graf! Hört... hört damit auf!" Doch seine Berührungen wurden nur intensiver. Kim bemerkte nicht, wie Eduard ihm das Hemd öffnete, bemerkte es erst, als es nicht mehr da war und die Luft, die durch sein Fenster in den Raum strömte sanft über seine entblößte Brust blies. /O Gott,... was tut er da?!!!!/ Kim versuchte mit all seiner Kraft aufzustehen, doch von Kalau war wesentlich stärker als er, noch dazu war er über ihm und konnte somit zusätzlich sein ganzes Körpergewicht einsetzen. Eduard hielt mit einer Hand noch immer Kims Handgelenke umklammert, drückte seine Arme auf das weiche Laken. Er küsste Kim. Seine feuchte Zunge fuhr über den nackten Oberkörper des Jungen, spielte mit den zwei kleinen roten Flecken, saugte daran, glitt dann wieder nach oben und küsste seinen Hals. Kim schmeckte so süß! Seine freie Hand glitt hinunter... fühlte nach Kims Hose, öffnete sie. "Nein... Graf... aufhören!" Von Kalau blickte in zwei verzweifelte helle Augen. (Angst?) "Bitte tut das nicht..." "Wenn du dich entspannst, Kim, wird es nicht weh tun!" Kims Augen wanderten vorbei an Eduards Blick. "Ich... kann das ... nicht!" Und er spürte, wie sich von Kalaus Griff lockerte. Er ließ Kim los, bestürzt darüber, was er beinahe getan hätte. Beinahe... "Verzeih‘ mir!" Kim tastete nach seinem Hemd, richtete sich auf und zog es sich langsam über. Eduard saß am Bettrand, mit hängenden Schultern, gesenktem Kopf. Kim wäre jetzt am liebsten zu ihm gegangen. Hätte seine Hand auf seine Schulter gelegt und gesagt, dass es nicht seine Schuld war. Hätte Eduard gerne in den Arm genommen, aber er konnte es nicht. Die Tatsache, dass er ein Mann war, ließ das nicht zu. Sie durften sich nicht nahe kommen. Nicht in DIESER Hinsicht, es durfte nicht Liebe sein... /Ich liebe ihn so! So sehr, dass es mir fast das Herz zerreißt. Aber... diese Liebe hat keine Zukunft. Sie ist verboten. Verdammt... ICH LIEBE IHN DOCH!/ Und nun legte Kim seine Hand auf Eduards Schulter. Der Graf blickte auf, überrascht. Kim nahm ihn von hinten in die Arme, legte seinen Kopf in den Nacken des großen Mannes. "Ich ..." Von Kalau bewegte sich nicht, saß da wie erstarrt. "Ich... will Euch auch!" Eduards Augen wurden größer. Er erhob sich vom Bett, drehte sich Kim zu, blickte ihm jedoch nicht in die Augen. Auch Kim sah ihm nicht ins Gesicht. Sie sahen aneinander vorbei. Ein Kuss und dann wieder Distanz! "Ich wollte nur sagen,... morgen Abend findet ein Ball statt. Du bist von der Herzogin Catharina eingeladen. Also geh‘ auch hin!" Sonst sagte der Graf nichts. Er verließ das Zimmer und Kim sah ihm nicht nach... ****************************** Part8: CALEIDOSCOPE IV Ein seltsam fremder Geruch hing in der Luft am nächsten Abend. Sie saßen zu viert in einer Kutsche und waren auf dem Weg zum Ball der Herzogin. Kim hatte Eduard den ganzen Tag nicht gesehen. Er hatte versucht, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen, wollte nicht an vergangene Nacht erinnert werden. Wollte nicht mehr seine eigenen Worte in seinem Kopf widerhallen hören, die er zum Grafen gesagt hatte. Er hatte sie so gemeint, aber er war sich nicht sicher, ob der Graf nicht nur mit ihm gespielt hatte und ob er sich jetzt bei seinem Bruder über ihn lustig machen würde. Vielleicht gerade jetzt, in diesem Moment. Eduard hatte den Prokters ausrichten lassen, dass er nachkommen wollte. Vorher hatte er noch einige wichtige Dinge zu erledigen. Kim war froh darüber. Er hätte nicht gewusst, wie er auf seine Anwesenheit reagiert hätte, wenn er so dicht in der Kutsche neben ihm, oder ihm gegenüber gesessen hätte. Er blickte aus dem Fenster und sah die Landschaft an ihnen vorbeiziehen. Es war kalt und es schneite. "Du wirst sehen Sophie! Heute wird er bestimmt um deine Hand anhalten!" Die Stimme von Frau Prokter durchbrach die Stille, die schon seit ihrer Abfahrt geherrscht hatte. Sophie blickte auf, lächelte ihre Mutter an, doch etwas in ihrem Gesichtsausdruck verriet, dass sie gar nicht so zuversichtlich war, wie es ihre Mutter gerne gesehen hätte. Um ihre Sorgen zu verstecken, senkte das Mädchen schnell wieder ihren Kopf. "Sei nicht nervös, Liebes!" Ihre Mutter umfasste Sophies Hand mit einer liebevollen Berührung. /Wenn ich doch nur auch daran glauben könnte, Mutter. Dass Eduard mich heute fragen wird. Aber er küsst mich ja nicht einmal, sieht mich nicht einmal richtig an... Ich glaube.../ Doch sie wollte das nicht glauben, konnte es auch nicht, denn so etwas gab es nicht. Natürlich hatte sie schon bemerkt, wie Eduard Kim ansah, wie seine Augen noch grüner glänzten, als sie es ohnehin schon taten, immer, wenn er ihrem Bruder in Gesicht blickte. Der erste Verdacht war ihr im Park gekommen. Sie hatte sich an das Frühstück erinnert, wie der Graf Kim berührt hatte, besorgt gefragt hatte, was mit seinem Gesicht passiert wäre... Doch das konnte nicht sein. Kim war doch ein Mann! Und sie hatte noch nie davon gehört, dass es auch Männer gab, die heirateten, oder sich liebten. So etwas war absolut undenkbar! "Papa..." Mr. Prokter blickte starr auf seine Tochter, doch Sophie ließ sich nicht einschüchtern. Sie musste ihn einfach fragen und wenn sie die Antwort kannte, wären ihre Sorgen sicher wie weggeblasen. "Papa... sag‘... hast du schon einmal einen Mann geliebt?" Kim zuckte zusammen. Er erschrak. Stille, nur im Hintergrund das leise Knistern der Kutschräder auf dem steinigen Untergrund. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, er bekam keine Luft mehr. Hatte sie etwas bemerkt? Hatte sie vielleicht Eduard in sein Zimmer kommen sehen?! Mr. Prokter sah versteinert auf seine Tochter. "Wie kommst du darauf, Sophie?!" diese eisige Stimme! "Es war dumm, entschuldige, Vater! Ich dachte nur..." "An solche Sünden denkt man nicht, Sophie!" Das Mädchen wich den harten Blicken ihres Vaters aus, suchte Schutz bei ihrem Bruder. Doch Kim blickte nur abwesend aus dem Fenster der Kutsche, verschloss sein Inneres vor den Worten seines Vaters, vor dem Gedanken, dass irgendjemand irgendetwas bemerkt haben könnte, was ihn und Eduard anbelangte. Er hoffte, dass dies alles nur ein böser Traum war. Und er würde sicher bald erwachen und dann mit einem tiefen Seufzer feststellen, dass nichts von dem wirklich geschehen war. Aber er wachte nicht auf. Denn er schlief nicht. Sophie war nicht dumm, nur zu naiv um zu wissen, dass es durchaus auch vorkam, dass sich zwei Männer liebten. Wie hätte sie es auch wissen sollen? Niemand redete über solche Dinge. Es gehörte sich einfach nicht und deshalb schwieg man sich darüber aus. "Es ist eine Sünde! Die schlimmste, die du dir nur vorstellen kannst, Sophie!" Kim hatte nicht damit gerechnet, dass sein Vater noch etwas diesbezüglich sagen würde und so schreckte er förmlich zusammen als er das Blitzen in den Augen des Mannes sah. "Ein Mann ist nicht für einen anderen Mann geschaffen. Diese Liebe ist keine Liebe, sondern nur eine Abart des Menschseins! Bestraft müssen sie werden... hart bestraft für ein solches Vergehen!..." "Schatz, bitte beruhige dich!" Frau Prokter redete beschwichtigend auf ihren Ehemann ein. Sie wusste ganz genau, dass seine Ideale und Prinzipien starr waren, festgefahren, durch nichts erschütterbar und sie wusste auch, dass er noch aufgebrachter reden würde. Sie wollte sich ihre gute Laune nicht von solch unsinnigen Gesprächen verderben lassen! Wieso sollten sie sich über Dinge aufregen, die sie ja letztendlich doch nicht betrafen?! (Betreffen uns nicht...) /Sünde!/ Der Ball war bereits in vollem Gange als sie das Schloss der Herzogin Catharina betraten. Man nahm ihnen die Mäntel ab und führte sie in einen großen Saal, in dem reges Treiben herrschte. Damen mit roten Lippen und aufgesetzt künstlichem Lächeln tuschelten hinter ihren Fächern als sie die Neuankömmlinge erblickten. Auf der Tanzfläche tummelten sich Paare. Sophies Augen strahlten und auch Frau Prokter konnte nicht anders, als zu lächeln. In dieser Hinsicht waren sich Mutter und Tochter sehr ähnlich. Mr. Prokter hatte eine steife Miene wie immer und Kim wollte am liebsten gar nicht hier sein. Er stöhnte innerlich. /Menschenmassen!/ Alles eitle Menschen, die die gemeinsten Dinge über einen verbreiten konnten. Gerüchte, die den Ruf eines jeden ganz und gar zerstören konnten. Wieder mal ein Abend, an dem er nur herumsitzen würde und versuchen müsste, sich die Zeit totzuschlagen. "Meine neuen Gäste sind endlich angekommen! Ich hoffe, Ihr hattet eine angenehme Reise? Bitte, bitte, mischt Euch einfach unter uns!" Eine große schlanke Frau. Vermutlich an die 30 Jahre. Sie hatte ihre roten Haare nach oben gesteckt und trug ein schulterfreies Kleid mit weitem Ausschnitt. Catharina... "Und du musst also Sophie sein, nicht wahr?" Sie lachte Sophie herzlich an. "Und dann bist du Kim!" Sie trat ganz nah an den Jungen heran, so nah, dass ihr Busen seinen Oberkörper streifte. Kim wurde rot und machte schnell einen Schritt zurück. "Uhm... ja... Madame... ich bin Kim. Freut mich sehr!" /Wieso sieht sie mich so komisch an?!/ "Also... Kim, du wirst schon sehnsüchtigst erwartet! Mr. Prokter, darf ich Euch Euren Jungen mal für einen Moment entführen?" "Meinetwegen könnt Ihr ihn auch länger entführen!" Kims Vater hatte kein Interesse daran, was Catharina mit ihm vorhatte. Im Moment hielt er nämlich nur nach etwas Alkoholischem Ausschau. Kim wunderte sich immer wieder von neuem, wie widersprüchlich die Person seines Vaters doch war. Einerseits ein so starrhalsiger Mensch und andererseits ließ er sich von solchen Dingen wie Alkohol hinreißen. Doch er hatte keine Zeit mehr darüber weiter nachzudenken, denn die Herzogin drängte ihn schon gezielt in eine Richtung. "Ich muss dich unbedingt ein paar netten jungen Herren vorstellen. Du wirst sie bestimmt mögen und ich bin mir sicher, dass ihr gut miteinander auskommen werdet. Sei nur nicht so schüchtern!" Und mit diesen Worten hatte sie ihm einen kleinen Schubs verpasst, so dass er vor eine Gruppe junger Männer stolperte, die ihn sofort aufmerksam musterten. /Nein... ich hasse solche Situationen!/ Er stand erst einmal eine Weile einfach nur so da. Sie sahen ihn an, er sah sie an. Verlegen. "Kim Prokter?" fragte plötzlich einer der Männer. Kim nickte, wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte, geschweige denn, was er eigentlich hier sollte. "Endlich können wir dich einmal kennen lernen! Heinrich hat uns schon viel von dir erzählt." /Heinrich?/ "Wie gefällt es dir so auf Schloss Hornbach? Hast du dich schon eingelebt?" /Eingelebt?/ "Ich hatte... ehrlich gesagt nicht vor, mich einzuleben!" Kim lächelte. Wie kamen sie nur auf eine so absurde Idee... "Was ist... Lust, mit uns was zu trinken?" Sie erwarteten keine Absage, denn noch während man ihn fragte, wurde schon dem Bediensteten deutlich gemacht, dass sie darauf warteten, mit Alkohol versorgt zu werden. Ohne Kim zu fragen, zerrten sie ihn am Arm mit sich in ein verqualmtes Zimmer, in dem einige Couchen standen. Und auf eine dieser setzten sie sich. Zwei Männer neben Kim, einer rechts, der andere links, einer blieb hinter ihnen stehen und die anderen zwei setzten sich auf die Lehnen. Sie drückten Kim ein Glas Champagner in die Hand und Franz, der schwarzhaarige Mann, der rechts neben ihm saß, legte seinen Arm über Kims Schultern. "Na, dann erzähl‘ doch mal ein bisschen, Kleiner! Wie lange seid ihr jetzt schon bei Eduard im Schloss?" "Noch... nicht lange. Ein, zwei Tage!" Argh, er konnte nicht richtig nachdenken. Hier fühlte er sich viel zu eingeengt. Und überhaupt, wieso waren sie daran interessiert, ihn kennen zu lernen? Er war ja doch nur Unterhaltung für diese hochmütigen Kerle, die sich einen Spaß daraus machten, ihn Husten zu sehen, nachdem sie ihm eine Zigarre in den Mund gesteckt hatten. Sie wussten vermutlich ganz genau, dass er nicht rauchte. Jedenfalls nahmen sie ihm die Zigarre danach wieder aus dem Mund. Ihren Spaß hatten sie schließlich gehabt! "Und deine Schwester ist auch hier?" "Ja!" Kim lächelte verträumt. "Ihr müsstet sie sehen! Sie ist bestimmt das bezauberndste Mädchen, das ihr jemals zu Gesicht bekommen habt!" "Du musst uns nachher unbedingt deiner bezaubernden Schwester vorstellen!" Mit bösem Unterton schielte Franz zu einem der Männer, Ferdinand, und grinste dabei. Kim verdrehte die Augen. Bitte, er konnte auch den Fiesling spielen! Und wenn es um seine Schwester ging, war er besonders dazu in der Lage! Niemand würde sich über sie lustig machen! Doch lange hielt Kim diese Masche nicht durch und schon gar nicht mehr, als Ferdinand sich plötzlich zu ihm hinab beugte und seinen Finger in Kims Hemdkragen schob. Der Junge beugte sich automatisch etwas zurück. Diese Berührung war widerwärtig! Doch an seinen Schultern war Franzs Arm, der ihn wieder nach vorne drückte. Daraufhin stand Kim einfach auf. Die ganze Angelegenheit war ihm einfach nicht geheuer. Und er wäre mit Sicherheit auch gleich gegangen, wenn sich nicht so ein dicker Typ vor ihm aufgebäumt hätte und ihn mit seinem dicken Bauch wieder auf die Couch zurückgestoßen hätte. Die Männer lachten, doch Kim verzog keine Miene! "Nimm‘ uns diese kleinen Spielchen nicht für übel, Kleiner! Wir wollten bloß mal sehen, wie du reagierst!" schallendes Gelächter der anderen. Und Franz redete weiter: "Willst du denn nicht deinen Champagner trinken? Hier, nimm einen kräftigen Schluck!" Er nahm Kim das Glas aus der Hand und hielt es ihm an den Mund. "Danke, ich kann alleine trinken!" Kim schnappte sich wieder sein Glas und trank es mit einem Zug leer. Die Männer sahen sich grinsend an. "Holla... na wenn du dich da mal nicht überschätzt hast, Kim?!" Der Junge blickte auf. /Heinrich!/ Er hatte sich zur Gruppe gesellt. "Ich will doch hoffen, dass ihr den Jungen ordentlich behandelt, Franz?" fragte er grinsend. Eigentlich war es eher eine Aufforderung. "Aber natürlich... Würden wir uns denn jemals erlauben, einen deiner Freunde nicht angemessen zu behandeln, Heinrich?!" "Dann macht es euch auch sicher nichts aus, wenn ich ihn jetzt einfach mal entführe. Wenn euch sein Wohl so sehr am Herzen liegt... " /Danke... Heinrich!/ Heinrich nahm Kim am Arm und zog ihn von der Couch hoch. Dann stellte er sich hinter ihn und führte ihn aus diesem ungemütlichen Raum. Zumindest empfand Kim diesen Raum als wenig gemütlich, doch für diese Kerle wie gerade eben, war er sicher das Paradies auf Erden. Heinrich hatte Kim in ein weniger belebtes Zimmer gebracht. "Lass‘ dich nicht mit solchen Typen ein, Kim!" Sie standen sich gegenüber, doch Kim konnte ihm nicht ins Gesicht blicken. Er kam sich im Moment so klein vor, so ausgeliefert, obwohl er ganz genau wusste, dass Heinrich es nur gut mit ihm meinte. "Uhm... vielen Dank! Dass Ihr mich da rausgeholt habt!" Das war das einzige, was er nach einer Weile hervorbrachte. Heinrich fasste sich mit seiner Hand an die Stirn. "Bitte... lass‘ doch diese Höflichkeitsfloskeln! Einfach nur "du" ist in Ordnung! Ich wette, du siezt Eduard sogar noch!" /Eduard!/ Kim erschrak bei diesem Namen. Richtig, Heinrich wusste ja über sie bescheid. Er hatte gesehen, wie sie sich geküsst hatten. Gestern... in der Bibliothek. Kim wurde rot... und dann fiel ihm etwas ein... "Diese Männer meinten, dass DU ihnen von mir erzählt hättest?! Und jetzt sagst du, ich solle mich nicht mit ihnen einlassen?" "Das ist wieder mal typisch für Franz! Wenn ich dich mal erwähnt habe in seiner Gegenwart, dann nur in dem Sinne, dass Eduard euch eingeladen hat. Aber bitte... ich hab‘ doch keine Geschichten über dein Leben ausgeplaudert, geschweige denn sonst welche Andeutungen gemacht! Franz benutzt dieses "soundso hat mir schon viel von dir erzählt" immer gerne als Überleitung. So sehe ich das! Und ich wäre bestimmt der letzte Mensch, der sich in Dinge einmischt, die ihn im Grunde gar nichts angehen!" Er kratzte sich am Kopf, aus Verlegenheit. Das mochte Kim an Heinrich. Er war ehrlich und verbarg seine Gefühle nicht. Und er brachte ihn innerlich auch zum Schmunzeln. Er und Eduard, sie waren so verschieden... "Was wirst du jetzt tun?" "Was meinst du?" Kim blickte Heinrich fragend an. "Na... was wirst du mit dem angebrochenen Abend machen?" Kim seufzte hörbar. "Weiß nicht. Jetzt werde ich erst einmal ein bisschen Luft schnappen. Und dann seh‘ ich weiter!" "Na ja, bis Eduard kommt, wirst du dir die Zeit wohl noch alleine totschlagen können!" Gerade als Kim noch eine Bemerkung machen wollte und sich umdrehte, verschwand Heinrich auch schon hinter einer der Türen, die in einen anderen Saal führten. Die kühle Nachtluft tat gut auf seinem heißen Gesicht. Er stand auf dem Balkon, hatte die Gesellschaft verlassen, ganz einfach, indem er durch eine große Glastür geschlüpft war und diese dann hinter sich geschlossen hatte. Niemand hatte bemerkt, dass er hier hinaus gegangen war. Niemand. Er spürte einen kalten Windhauch über seine Haut fahren und fröstelte. Aber alles war besser als im Schloss zu sein. Bei diesen aufgeblasenen, arroganten... Kim fluchte! Eine ganze Zeit lang stand er einfach nur so da, genoss die Einsamkeit und lauschte der Musik im Hintergrund, die aus dem Tanzsaal selbst bis hierher zu hören war. Kim lehnte sich über die Mauer und blickte in die schwarze Nacht. Es schneite nicht mehr. Die Wolken hatten sich verzogen und der Himmel funkelte voller kleiner weißer Lichter. Das eine heller als das andere. Kim kniff die Augen zusammen. Da hörte er auf einmal, wie sich eine Tür hinter ihm öffnete und er drehte sich um. Ein dunkler Schatten. /Von Kalau!/ Keiner der beiden sagte etwas und Kim wandte sich gleich wieder dem Himmel zu. Er hörte Eduards Schritte auf den steinigen Platten, wie er sich ihm langsam näherte. "Amüsierst du dich gut?" Er blieb dicht hinter dem Jungen stehen. Kim konnte seinen warmen Atem in seinem Nacken spüren. "Seh‘ ich so aus?!" Eduard musste lächeln. Er hatte mit so einer Antwort durchaus gerechnet. /Seine starken Arme. Er legt sie um meinen Körper... Uhh... mir wird so warm. Ich spüre seine weichen Haare an meinem Gesicht, seine Haut an der meinen und ich fühle, dass er recht hatte. ---- Unsere Herzen schlagen im gleichen Takt ---- So schnell, so unkontrollierbar schnell. ich möchte ihm in die Augen sehen, diesem wunderschönen Mann! Diese grünen Perlen, die mir jedes mal den Atem nehmen. Doch wenn ich drohe zu ersticken, dann ist er da und küsst mich... und ich lebe wieder./ /SÜNDE!!!/ Kim riss sich vom Grafen los. Er entfernte sich zwei Schritte von ihm. "Was ist los, Kim?" Der Junge schluckte. "Edua... es geht... nicht! Ihr könnt nicht... nicht... mich! Nicht mich!" Kims Stimme war immer leiser geworden. Von Kalau kniff die Augen zusammen und hob seine Augenbraue. Wieder dieses Lächeln in seinem Mundwinkel! /Verdammt! Warum versteht er nicht?! Er quält mich... Mich... (und sich auch?... und sich auch!). Wir dürfen nicht.../ "Eduard... bitte verst..." /Ein Kuss?! Jetzt?! Hier?!/ Kim stieß den Grafen von sich. "Verdammt von Kalau! Was soll das?!" Er wischte sich mit seinem Ärmel über den Mund. /Hasst du mich denn so sehr... Kim Prokter?/ Kim wollte gehen. Doch Eduard versperrte ihm den Weg. Ihre Blicke trafen sich, hefteten sich aneinander, doch Kim konnte nicht lange standhalten. Er senkte seinen Kopf, Tränen fielen. Von Kalau nahm Kims Hand, doch der Junge entriss sie ihm sofort wieder. Er schluchzte. Ein Funke glänzte in den Augen des Grafen. Nicht länger!... Dieses Spielchen würde er nicht länger mitspielen! Er packte Kim grob am Arm, zwang ihn, ihn anzusehen. "Rede mit mir Kim! Was soll denn das ganze Theater?!" "Was das ganze soll?! - Das frage ich Euch! Ich komme hierher und bei jeder... bei jeder Gelegenheit versucht ihr, mich zu verführen! Ja... Eure Augen /nicht nur Eure Augen.../ sind verteufelt schön, aber... verflucht...versteht ihr denn nicht?! Ich bin ein Junge... ein Mann!" Seine Stimme ging in ein verzweifeltes Schluchzen über. "Und Ihr, von Kalau...- Ihr seid auch ein Mann!" Eine Weile herrschte Stille. "Wie schön, dass du das bemerkt hast." flüsterte Eduard mit sarkastischem Unterton. Und kurz darauf spürte er einen dumpfen Schmerz auf seiner Wange. Kims Reaktion war unerwartet gewesen. "Lasst mich los... Ihr tut mir..." "Weh? - Ist es das Kim Prokter? Du hast also Angst, dass ich dir weh tun könnte?! Du hast Angst davor, von einem anderen Mann, von mir, berührt zu werden?! Du vertraust mir nicht, hab‘ ich recht? Du kannst dir nicht vorstellen, mit mir zu schlafen oder mit mir zu leben, weil du immer diese Angst in dir hättest, ich könnte dir weh tun!" Kim konnte ihn nicht ansehen und Eduard verfestigte seinen Griff um Kims Arm. "Ist es nicht so, Kim?! Antworte!" "Verdammt... und wenn es so ist, was dann?!" schrie er plötzlich aus vollem Hals. "Was, wenn ich wirklich davor Angst habe?! Wollt Ihr mich dann nicht mehr? Wollt ihr mich wegwerfen, als wäre ich nur irgendein Ding, mit dem man spielen kann, das man nach einmaligem Gebrauch wieder wegschmeißen kann, so als hätte man es niemals gekannt?! Ihr bekommt doch immer alles, was ihr wollt. Ist es nicht so? - Ist es nicht so? Und Euch ist es doch ganz egal, was andere fühlen... Ihr seid egoistisch... Ihr..." Der Graf hörte zu, ein geheimnisvolles Funkeln in seinen Augen. Doch dann hatte er sich nicht länger unter Kontrolle. Er begehrte diesen Jungen da vor sich so sehr, so verteufelt sehr und er würde sich jetzt holen, was er wollte. Kim weinte noch immer und Eduard hielt ihn nun an beiden Schultern, zog ihn zu sich heran und küsste ihn. Ihre Lippen verschmolzen, ihre Körper wurden eins und Kim war alles egal. Vielleicht wollte er es auch, vielleicht wusste er einfach, dass er nichts dagegen hätte tun können... vielleicht nannte man das auch einfach nur Liebe! Und dann öffnete sich die Tür. Sie erschraken und trennten sich schnell voneinander. Kim wurde schwindelig. War es wegen des Champagners oder war es...wegen... "Vater..." Er formte dieses Wort lautlos mit seinen Lippen. ****************************** Part9: FOR MY DEAR "Bitte Vater... ich kann... ich kann das alles erklären." Kim wich vorsichtig ein paar Schritte zurück. "Erklären Kim Prokter? Was willst du mir erklären?" Mr. Prokter kniff seine Augen zusammen und Kim konnte deutlich die Adern sehen, die an seiner Stirn vor Zorn hervortraten. "Ich... ich... ich glaube, Vater, du... Ihr versteht da etwas falsch!" Ein Glänzen in Mr. Prokters Augen verriet Kim, dass sein Vater da ganz anderer Meinung war. Mr. Prokter lachte laut auf. Ein schwelender Unterton in seiner Stimme. "O nein, o nein, ich verstehe schon richtig Junge! Die Sache liegt doch auf der Hand. Du liebst ihn, und er liebt dich! Ein perfektes Paar!" O nein, das war gar nicht gut... Kim schloss die Augen und schüttelte vorsichtig seinem Kopf. "Bitte... ich..." Er spürte wie zwei starke Hände ihn am Kragen packten und nach oben zerrten. Mr. Prokter hielt ihn ganz nahe zu seinem Gesicht und durchdrang ihn mit seinem stechenden Blick. Noch ehe sich Eduard einmischen konnte, gelang es Mr. Prokter Kim etwas ins Ohr zu flüstern. "Kim... du... du bist nicht länger mein Sohn!" Kim riss die Augen auf. /Er... er verstößt mich?/ Der Junge wollte etwas sagen, doch er konnte einfach nicht. Zu hart hatten ihn die grausamen Worte seines Vaters getroffen. NICHT LÄNGER MEIN SOHN Vier Worte und sie fraßen sich tief in seine Seele ... Mr. Prokter war inzwischen gegangen. Kim blickte auf. Schimmernde Perlen glänzten in seinen hellen Augen. Er suchte Halt und fand ihn bei Eduard, der ihn gleich in seine Arme schloss. Er drehte sich plötzlich zu ihm um. "Von Kalau... wieso..." Seine Stimme erstickt. Er schlug mit seinen zwei Händen schwach an Eduards Brust. "Wieso... habt Ihr..." Er sank auf die Knie. "Wieso...?!" Verzweifelt versuchte er weiter zu sprechen, doch es fiel ihm verdammt noch mal so schwer. Eduard hielt ihn an den Schultern fest, ganz sanft. "Kim... bitte verzeih' mir. Es tut mir ja..." Der Junge blickte ihn an und stand auf. "Es tut Euch also leid?! Was denn?... Dass Ihr mich ge... dass Ihr mich ... geküsst..." Der Graf zog ihn fest an sich und umarmte ihn. "Sag' nichts... was du später bereuen könntest, Kim! Bitte sag' nichts. Du weißt, dass es nicht stimmt!" Kim begann wieder zu weinen. "Was soll ich denn jetzt nur tun, Eduard?! Sagt mir doch bitte, was ich tun soll. Er hat mich... verstoßen, er hasst mich. Und wenn Ihr nicht da gewesen wärt, würde ich jetzt sicher halb totgeprügelt auf der Erde liegen. Aber ... Das wäre mir egal gewesen. Ich hätte es als meine Strafe angesehen und akzeptiert. Aber so... aber so... so wie er gegangen ist, so stumm und ohne mich eines Blickes zu würdigen... Er..." Eduard drückte mit seiner Hand sanft Kims Kinn etwas nach oben. Er wollte in sein Gesicht sehen, in seine wunderschönen unschuldigen hellen Augen. "Kim... du hättest es als Strafe angesehen? Aber... für was denn, Kim, als Strafe für was?!" Keine Antwort, nur ein verzweifelter Blick, der dem Grafen fast das Herz zerrissen hätte. "Wieso... akzeptierst du mich nur nicht?! Bin ich denn tatsächlich so abstoßend?! Ist denn die Tatsache, dass ich ein Mann bin, so schmutzig für dich, Kim? Bitte hör' auf damit! Kim, ich..." Der Graf spürte eine weiche Hand an seiner Wange und umfasste sie mit seiner eigenen um die Wärme zu spüren. Er sah, wie Kim lächelte, wie er innerlich weinte, doch wie er versuchte, Eduard mit seinen Blicken wieder etwas glücklicher zu machen. "Bitte, Graf, bitte verzeiht mir. Ich war dumm. Ich... habe nicht... Ihr seid bestimmt niemand, den ich auch nur in irgend einer Weise abstoßend finden könnte." /Kim.../ Eduard schloss seine Augen. "Aber bitte, Graf... könntet Ihr mir vielleicht einen Moment Zeit geben? Ich wäre sehr gerne für einen Augenblick..." "Ich liebe dich!" Dies waren die einzigen Worte, die von Kalau erwiderte. Er küsste Kim auf die Wange und verließ dann schweigend die Terrasse. Kim blickte ihm verwundert nach. "... alleine." vollendete er noch seinen Satz für sich, dann schweifte sein Blick in die Ferne des dunklen Nachthimmels. /Er hat dir das Herz gebrochen. Dieser Bastard hat dir das Herz gebrochen und es ist alles meine Schuld, Kim!/ Eduard fasste sich an die Brust und spürte seinen Herzschlag. /Verzeih' mir, .../ Müde lehnte er sich an eine Tür. "Graf... ist alles in Ordnung mit Euch? Ihr seht so blass aus... Möchtet Ihr heimreisen?" Eduard blickte in das besorgte Gesicht eines Dienstmädchens. "Nein, Anna, es ist alles in Ordnung! Mach' dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung! Du kannst dich jetzt wieder um die anderen Gäste kümmern..." Anna machte einen höflichen Knicks und tippelte mit ihren kleinen Füßchen dann schnell davon. Eduard bemerkte, dass sie rot war. Er wusste, dass Anna ein Auge auf ihn geworfen hatte. Schon lange. Wenn sie wüsste... "Hey, Edu.... Ich hab' dich schon überall gesucht!" Heinrich kam auf ihn zu, wie immer voller Energie. Doch das konnte der Graf jetzt bei bestem Willen nicht gebrauchen. Eine Quasselstrippe an seiner Seite. Er versuchte, seinem Bruder mit einer abfälligen Handbewegung zu verstehen zu geben, dass er alleine sein wollte, aber es war typisch für Heinrich, dass er sich nicht so einfach abwimmeln ließ. "Eduard... " Von Kalau wendete sich ab und wollte gerade gehen. "Ich hab' dir gesagt, dass es nicht gut geht!" Erschrocken drehte sich der Graf um. "Woher... woher weißt du..." Heinrich machte eine zutiefst besorgte Miene. "Es verbreitet sich wie ein Lauffeuer!" "Nein... wie..." Eduard stockte der Atem. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Eine Tür öffnete sich und Sophie kam auf beide Männer zu, dicht gefolgt von ihren Eltern. Sie sah dem Grafen in die grünen Augen. Von Kalau bemerkte, dass sie jeden Augenblick anfangen würde zu weinen und dann... ging sie an ihm, ohne auch nur ein Wort zu sagen, mit gesenktem Kopf vorbei. Ebenso ihre Mutter, der die Schamesröte regelrecht ins Gesicht gestiegen war. Mr. Prokter blieb jedoch einige Meter von Eduard entfernt stehen und sah ihn finster an. /Er war es.../ Der Graf schritt mit festem Gang auf ihn zu und packte ihn am Kragen. Mr. Prokter war ganz überrascht, wollte sich losreißen, doch Eduard war um einige Zentimeter größer als er und konnte ihn so gut festhalten. Diesen Bastard würde er zur Rede stellen! Von weit her hörte er seinen Bruder beschwichtigend auf ihn einreden, doch im Moment sah er nur diesen Mann vor sich. Den Mann, der seinen Kim so verletzt hatte. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und dafür musste er büßen! "Hey, Eduard... beruhige dich wieder! Hör' auf, lass' doch den Mann los!" Heinrich versuchte es immer wieder. Er bemühte sich, Eduard wegzudrücken, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. "Ihr seid... ein hinterhältiger Mistkerl, Mr. Prokter! Reicht es Euch denn nicht, Euren Sohn zu verstoßen... müsst Ihr es jetzt auch noch im ganzen Haus verbreiten, was Ihr da entdeckt habt?! Und?! War es das wert? Hat man Euch bemitleidet? Darum, dass Ihr einen homosexuellen Sohn großziehen musstet?! Warum tut Ihr ihm das an?! Er ist Euer Sohn verdammt! Euer Sohn, auch wenn Ihr es nicht wahrhaben wollt!" Ein Schlag ins Gesicht und Eduard ließ ihn los. "Tut mir leid, Eduard, aber das war die letzte Möglichkeit, die ich hatte, um dich von ihm loszubekommen!" Verstört blickte der Graf auf Heinrich, der sich nun zwischen die beiden Männer gestellt hatte. Mr. Prokter klopfte demonstrativ seinen Smoking ab und wandte sich anschließend schweigend zum Gehen. Er nahm seine Frau und seine Tochter in den Arm, die sich erst noch von dem Schrecken erholen mussten und die froh waren, dass Ihrem Familienoberhaupt kein Schaden zugefügt worden war und verließ sogleich mit ihnen das Zimmer. Sophie sah sich noch einmal nach dem Grafen um. Sie weinte. Schweigen. Von Kalau atmete hörbar tief ein, um sich wieder etwas unter Kontrolle zu bringen. "Er war es nicht!" Eduard musterte seinen Bruder verständnislos. "Er hat es nicht herumerzählt!" Von Kalau zog eine Braue nach oben. "Es war ein kleiner Junge, ein Diener dieses Schlosses." "Was?!" Der Graf fuhr herum. "Er hat euch beide auf der Terrasse gesehen... Komm' schon, beruhige dich endlich, Eduard!" "Kim... ich muss zu Kim..." "Lass' dem Kleinen einen Moment Zeit. Wir zwei gehen jetzt erst einmal etwas trinken. Komm' schon, das wird dir gut tun!" Liebevoll nahm er seinen Bruder in den Arm und führte ihn in einen großen Salon. Alle Blicke richteten sich sofort auf ihn. Er grinste sichtbar, die beste Methode um zu zeigen, dass er sich dadurch nicht beeindrucken ließ. Frauen begannen hinter ihren Fächern zu tuscheln, junge Männer warfen ihm herausfordernd verführerische Blicke zu, um sich über ihn lustig zu machen und die Senioren schüttelten fast durchgehend die Köpfe oder runzelten die Stirn. Böse Blicke, spitze Zungen, gehässiges Gelächter. (Egal! Wirklich? Vielleicht...) Kim hatte von alldem nichts mitbekommen. Er stand noch immer in der kühlen Nachtluft und sah in den Sternenhimmel. In den letzen paar Stunden war so viel geschehen. So viel, was man nicht mehr rückgängig machen konnte, so sehr man auch wollte. Wie sollte es jetzt weiter gehen? Er atmete tief ein und wollte gerade gehen, als er ein junges Mädchen in der Tür stehen sah. Sie verbeugte sich höflich und sah ihm dann fest in die Augen. "Seid Ihr Kim? Kim Prokter?" Kim nickte vorsichtig. "Der Graf schickt mich. Er möchte Euch sehen. Ihr sollt auf das Gästezimmer im Westflügel kommen. Der Graf erwartet Euch dort!" Kim kniff die Augen zusammen. Was konnte Eduard denn jetzt von ihm wollen... Und weshalb kam er nicht einfach zu ihm, sondern ließ nach ihm schicken?! - Er würde es ja jeden Moment erfahren. Kim bedankte sich höflich bei dem Mädchen. "Ich habe den Auftrag Euch hinzubegleiten!" "Schön, ich kenne mich hier sowieso nicht aus!" Er versuchte mit einem freundlichen Gesicht die Kleine dazu zu bringen, zu lächeln, aber es half nichts. Sie blickte immer noch so starr und emotionslos wie zuvor. Armes Mädchen. Ob sie in ihrer Anstellung hier glücklich war? Es dauerte nicht lange, da waren beide am Gästezimmer angelangt. Das kleine Mädchen verabschiedete sich mit einem schnellen Knicks und Kim sah ihr noch eine Weile hinterher. Er wollte sicher gehen, dass sie nicht lauschen würde. Er klopfte dann vorsichtig an die Tür. Eduard antwortete jedoch nicht. Das Gästezimmer im Westflügel. Das war ausgemacht gewesen. Vermutlich würde von Kalau jeden Augenblick kommen. Es könnte nicht schaden, einfach hinein zu gehen. Er drückte die Klinke hinunter und öffnete vorsichtig die Tür. Kim stutzte, denn er hatte nicht damit gerechnet, drei finstere Männer in dem Raum vorzufinden, die alle drei ein Cognacglas in den großen Händen hielten. Den einen erkannte er. Es war Franz, der junge Mann, mit dem er schon am früheren Abend Bekanntschaft gemacht hatte. Alle drei drehten sich gleichzeitig zu ihm herum und er wusste gar nicht, was er sagen sollte. "Uhm... ich... tut... tut mir leid, dass ich Euch gestört habe... Verzeiht... Ich dachte..." "Komm' doch rein, Kim! Hier ist jederzeit ein Platz für einen so netten Jungen wie dich!" /Mhm, dieses falsche Grinsen auf Franzs Gesicht. Aber es wäre unhöflich jetzt wieder zu gehen. Eduard... wo bist du?/ Kim trat in den Raum. Er war nicht sehr groß und ziemlich dunkel. Zu zwei Seiten waren Türen angebracht und der Boden war ausgelegt mit orientalischem Teppich, auf dem eine Meerjungfrau mit langen braunen Haaren und nacktem Oberkörper zu sehen war. Sofort wurde er von den drei Männern eingekreist und der rothaarige schloss die Tür hinter ihm. Kim sah sie erstaunt an. "Entschuldigt, aber..." "Aber was, Kleiner?!" Kim zuckte zusammen. Wieso standen sie so dicht um ihn herum?! Plötzlich spürte er eine Hand auf seinem Kopf, die seine Haare streichelte und er sah, wie Franz ein paar verräterische Blicke mit den anderen zweien austauschte.
"Nun, Kim Prokter. Es freut uns, dass du unserer kleinen Einladung gefolgt bist. Auch wenn du jemanden anderen erwartet hast als uns!" Franz lachte in sich hinein und die anderen zwei Männer formten ihre Lippen zu einem breiten fiesen Grinsen. "Ich... ich gehe jetzt!" /Weg ... bitte, ich muss weg von hier!/ Franz hielt ihn am Handgelenk fest. "Und wenn wir nicht wollen, dass du gehst?!" Kim fuhr herum " Verdammt, hört auf mit euren Kindereien. Was soll das?! Wieso tut Ihr das?!" Der Rothaarige packte ihn auf einmal von hinten und hielt ihn fest. Kim versuchte zu entkommen, doch er war körperlich bei weitem unterlegen. Und der fremde Mann umklammerte ihn immer fester und fester. Er bekam schon fast keine Luft mehr und wollte schreien, als er Franz auf sich zukommen sah, ein weißes Tuch in der Hand, welches er Kim unter die Nase hielt. /Uh... was?! Mir wird so.../ "Nimm es nicht persönlich, Kleiner!" /In meinem Kopf dreht sich alles.../ "Franz, das reicht erst mal. Lass uns noch ein bisschen mit ihm spielen!" Franz sah den Rothaarigen an. Er legte seinen Kopf schräg und nahm das weiße Tuch wieder aus Kims Gesicht. Er beugte sich zu Kim hinunter und fuhr mit seiner Hand an Kims Hüfte hinab. Immer weiter nach unten. /O mein Gott, was tut er denn da?!/ Der Junge kämpfte, um sein Bewusstsein zu behalten und er versuchte, zu entkommen. Irgendwie. Franz durfte nicht... sollte doch nicht... das konnte er einfach nicht tun! Er spürte Franzs Hand, wie sie spielerisch an seinen Oberschenkeln entlang kreiste und dann... "Hoho... sieh' an, Kim Prokter ist doch tatsächlich ein Junge..." Kim sah ihn an. "Nimm... nimm deine Hände von mir!" "Was denn, gefällt dir das etwa nicht?! Komm schon, Eduard darf dich da doch auch anfassen... oder etwa nicht? Ihr habt doch sicher schon...?" Ein lüsterner Blick. Kim wurde rot. Franz lachte laut auf. "Denkst du wirklich, ich hätte Gefallen an dir?! Ich wollte lediglich mal selber nachsehen, ob es stimmt, dass du was in der Hose hast. Mhm, Pech für dich, dass es so ist. Als Mädchen hättest du es sicher leichter mit Eduard gehabt!" Kim erschrak. "Als Mädchen?! Aber ich dachte..." er zitterte. "Ach, ich altes Plappermaul. Wusstest du denn wirklich nicht, dass Eduard schon sämtliche Frauen ... du weißt schon? Hat er dir das etwa verheimlicht? Armer ... armer... kleiner Junge... Wie demütigend muss das doch sein. Zu wissen, dass man alles geopfert hat, für eine kleine Affäre über Nacht..." Kim war ganz still geworden. Er hatte es wirklich nicht gewusst. Obwohl er immer daran gedacht hatte, dass Eduard doch die Frauen zu Füßen lagen, hatte er insgeheim gehofft, dass es noch nicht so viele wären... Argh, es fiel ihm schwer darüber nachzudenken, überhaupt,... es fiel ihm schwer auch nur irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Ihm war so schrecklich schwindlig und schlecht. Er hatte das Gefühl, dass ihm jeden Moment das Bewusstsein entgleiten und er ohnmächtig werden könnte. Da, seine Chance! Der Rothaarige hatte einen Augenblick nicht aufgepasst und locker gelassen. Kim riss sich von ihm los und stolperte zur Tür. /Weg von hier. Ich will hier weg.../ Er drückte die Klinke nach unten. Zugeschlossen... /Nein, o nein... tu' mir das nicht an. Du musst doch... mach' schon, die kommen immer näher... geh' doch bitte auf... für mich. Verdammte Tür!/ "Geh' auf oder ich schlag' dich ein!!!" Er schrie jetzt. Sein benommener Zustand und seine Angst ließen ihn erzittern. Und wieder, ein fester Griff um seinen Arm. Große Hände, die ihn nach oben heben, gegen die seine Versuche, sich zu wehren, unfruchtbar sind... und die ihn fesseln wollen. Er ließ sich kraftlos zu Boden sinken. Schimmernde Tränen fielen zu Boden. Er senkte seinen Blick. Und spürte, wie Franz ihm erneut das Tuch unter die Nase hielt. /Nicht atmen... nicht... / Er blickte schwach zu Franz, der vor ihm kniete und seinen Kopf gegen das Tuch presste, so dass er auch wirklich daran riechen musste. Kim hob seinen Arm und hielt sich hilflos an Franzs Weste fest, suchte Halt. Er lächelte. "Chloro... Chloroform?... Warum?" Er schloss die Augen. SCHWARZ. ****************************** |
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