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***** Forgivable Sinner I***** Autor: Di-chan Pairing: Graf von Kalau x Kim Warnings: angst, sad, lemon
Part10: BLACK BIRD FLYING IN RED SKY "Was er wohl an dem Jungen findet?" "Der Graf hätte doch jede haben können..." "Vielleicht hatte er schon zu viele Frauen und ist sie satt..." "Ich habe mich schon immer gefragt, ob mit ihm irgend etwas nicht stimmt. Er hat mich nie angesehen..." Eduard konnte über all die Tuscheleien nur seine Augenbraue heben. Er saß mit Heinrich an einem abgelegenen Tisch und fühlte sich dennoch so, als wäre er der ständige Mittelpunkt der gesamten Gesellschaft. Und vermutlich war er es auch und ein Ende war nicht in Sicht. /Wären wir... wäre ich nicht so unvorsichtig gewesen, hätte ich ihm das alles ersparen können./ Er schüttelte kaum merkbar den Kopf, so dass ihm eine Strähne seines haselnussbraunen Haares in die Stirn fiel, die er daraufhin wieder sorgsam nach hinten strich. Er blickte müde auf sein Champagnerglas, welches vor ihm stand und in dem er sein Spiegelbild betrachtete. Wenig später hob er das Glas an und kreiste es abwesend in der Hand, so dass sich der Inhalt kräuselte. Er nahm einen Schluck und stellte es wieder hin. Seine Pupillen bewegten sich auf seinen Bruder, der, den Kopf auf den Arm gestützt, gelangweilt am Tisch saß und von Kalau beobachtete. Heinrich bemerkte diesen Blick und zwinkerte künstlich mit den Augen. Eduard sah wieder auf sein Glas. "Arrrrgggghhhh... Eduard!!! Wie lange willst du hier noch Trübsal blasen?! Wollen wir das kleine Spielchen von eben noch einmal durchgehen? Du spielst mit deinem Glas, siehst mich dann an und spielst weiter. Mein Gott, das machst du jetzt schon seit einer halben Stunde..." Er stöhnte hörbar und stand auf, wobei er seine Arme in die Luft streckte und sich dehnte. "Vielleicht sollten wir mal kurz nach Kim sehen. Nach allem was passiert ist, traut er sich bestimmt nicht mehr hierher zu kommen. Na, was ist?" Doch der Graf zeigte keine Reaktion. "Eeeeduuuuard!!!" Von Kalau zuckte sichtbar zusammen, hatte vermutlich erst jetzt mitbekommen, dass Heinrich die ganze Zeit mit ihm sprach. Er stand mit einem Ruck auf. "Ich werde... nach Kim sehen. Entschuldige mich bitte..." Heinrichs rechter Mundwinkel zuckte und er stellte amüsiert fest, dass er den gleichen Vorschlag gemacht hatte. /Wo bist du nur mit deinen Gedanken, kleiner Bruder? Du hörst und siehst nichts um dich herum. Du leidest, nicht wahr? Aber nicht, weil es dir etwas ausmacht, wenn die Leute schlecht über dich reden. Nein, das hat dich nie gekümmert. Du leidest, weil... weil ER leidet.../ Hastig stolperte er hinter von Kalau her. Er wollte ihn in seinem Zustand unter keinen Umständen alleine lassen. Auch wenn Eduard das lästig fallen würde, er wollte ihm nicht von der Seite weichen. Noch nicht... "Wieso folgst du mir Heinrich?" "Wieso nicht?" "Antworte endlich!" "Nun... weil ich glaube, dass du mich brauchst. Und... weil ich dein Bruder bin und dir helfen will!" "Ich denke, du solltest lieber in nächster Zeit etwas Abstand von mir nehmen. Du weißt, wie die Leute sind. Bald heißt es, du wärst auch homosexuell..." "Wer weiß, vielleicht bin ich's ja..." Der Graf sah Heinrich mit einem fragenden Blick an. Dann lächelte er. "Danke!" "Graf von Kalau, Graf von Kalau!" Eduard und Heinrich drehten sich beide in die Richtung, aus der gerufen wurde. Anna rannte auf sie zu, ihr Gesicht glänzend und rot, ihre Haare unordentlich auf dem Kopf und ganz außer Atem. Sie musste erst einmal verschnaufen, als sie vor ihnen stand, doch dann richtete sie sich mit einer plötzlichen Bewegung auf und fasste Heinrich an den Ärmeln um sich irgendwie festzuhalten und um die Aufmerksamkeit der beiden Männer zu gewinnen. "Bitte, Ihr müsst mir zuhören... Ich muss Euch etwas erzählen. Es ist..." Sie keuchte wieder. "... Es ist wirklich von größter Bedeutung, Graf! Es geht um..." Eduard riss die großen grünen Augen weit auf, als er den Namen hörte. Jeden einzelnen Buchstaben formte er mit seinen Lippen nach. K-I-M. Er fasste das Dienstmädchen grob an den Schultern . "Was ist mit ihm? Geht es ihm nicht gut?!" Doch Anna schüttelte hastig den Kopf und wedelte mit ihrer Hand. "Graf... es tut mir leid, aber ich... ich weiß leider nicht, wie es ihm im Moment geht. Ich hab' nur gesehen, wie man ihn fortgebracht hat. Dort, aus der Tür geschleppt!" Ihr Fingerchen zitterte als sie in Richtung Ausgang des Schlosses zeigte. "Wer hat ihn weggebracht?" "So ein paar Männer. Die haben ihn da raus getragen! Ich glaube er hat geschlafen..." "Geschlafen?" Anna nickte nur. "Wohin sind sie gegangen?" Plötzlich kreischte das Dienstmädchen laut auf und deutete mit ihrem Finger auf einen großen dicken Mann, der in der Eingangshalle stand und zu ihnen herübersah. "Ahhhh!!!! Da, das ist einer von denen!" Eduard zögerte nicht lange und ging gleich auf den Mann los. "Bist du dir ganz sicher, Anna?" Heinrich wollte Gewissheit. Wenn Eduard einen unschuldigen Mann angriff, könnte er noch mehr Probleme bekommen, als er ohnehin schon hatte. Als Heinrich sich zu seinem Bruder umdrehte sah er, wie Eduard ihn an die Wand gedrückt hatte, ihn am Kragen packte und in das nächste Zimmer zog, in dem sich keine Menschen aufhielten. Er spürte einen Schmerz in seiner Magengrube, doch die Wut milderte ihn und er griff nach einem Brieföffner, der auf einem kleinen Tisch neben ihnen lag. Sein Gegenüber bekam weiche Knie und zitterte am ganzen Körper, als er das kalte Metall an seiner Kehle spürte. "Schon gut, beruhigt Euch doch. Ich habe nur Spaß gemacht!" stotterte der Fremde. "Du wirst nur reden, wenn ich dich etwas frage, verstanden?" Der Fremde nickte heftig. "Wo habt ihr den Jungen hingebracht?" "Aber bitte... ich weiß gar nicht, wovon ihr redet!" "O, ich denke schon..." Eduard drückte den Brieföffner stärker an den Hals des Mannes. "Ach so... Ihr meint DEN Jungen..." Der Graf verschmälerte seine grünen Augen, was dem Dicken noch mehr Angst einjagte. "Wo ist er? Rede schon... !" "Er...ist... Ich... weiß es nicht..." *********************** "Eduard... ich weiß nicht, wie lange sie mich hier jetzt schon gefangen halten. Vielleicht Wochen, vielleicht Monate, aber vielleicht sind bisher auch nur einige wenige Tage vergangen, die mir wie die Ewigkeit vorkommen. In dem dunklen Zimmer verliere ich manchmal das Zeitgefühl und ich weiß nicht, ob es Tag oder Nacht ist, wenn ein schmaler heller Streifen, der durch das kleine Dachfenster fällt die Düsterkeit durchbricht. Bitte... holt mich hier raus, Eduard, ich bitte Euch. Oft träume ich, dass Ihr plötzlich vor mir steht, mich anlächelt und mich dabei mit Euren wunderschönen grünen Augen anseht, die mich wieder leben und lieben lassen. Doch dann wache ich auf und Ihr seid verschwunden. Sie haben mich verraten. Meine Familie. Wenn es doch wenigstens diese Männer von damals wären, die mich hier festhalten, aber es ist... es ist meine eigene Familie. Sophie denkt, ich sei krank. Zumindest haben sie ihr das erzählt und ich weiß nicht,... vielleicht glauben sie das ja tatsächlich. Ich will nicht mehr... nicht mehr hier sein, nicht mehr hinabgeführt werden, nur damit sie mich unten anbinden und wieder diesen... diesen kleinen dicken Mann, der sich Arzt schimpft, ins Zimmer schicken. Das erste Mal war es besonders schlimm. Er hat von mir verlangt, dass ich mich ausziehe. Ich meine... er wollte, dass ich mich ganz... aber ich wollte nicht. Aber sagt mir Graf, welche Chance hatte ich schon? Ich war gefesselt und konnte nicht wegrennen und mich nicht einfach in Luft auflösen, wie ich es mir wünschte, als er mich gewaltsam entkleidete. Ich hab' mich so... so... ich hab' mich gefühlt wie... Wenn er mich doch einfach in Ruhe gelassen hätte. Ich hab' ihm gesagt, dass ich nicht krank sei, aber er hat mir nicht geglaubt und nur mit dem Kopf geschüttelt. Die dachten, wir zwei, Eduard... ich meine, du und ich... wir hätten miteinander geschlafen. Ja, dieser... Arzt hat mir weh getan, aber danach waren meine Eltern anders zu mir. Ich hörte meinen Vater aufatmen und sagen, dass nun doch noch Hoffnung bestand, mich zu "heilen". Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen hatten vor der Tür, ich vermute er hat es ihnen gesagt. Ich meine, dass ich noch ... Jungfrau bin... Irgendwie ist es lächerlich, dass ich so etwas schreibe. Was ist denn nur los mit mir? Vielleicht muss ich es einfach nur los werden. Vielleicht geht es mir ja dann besser. Diesen Brief werdet Ihr nie erhalten, Eduard, aber ich schreibe ihn und wenn ich mir vorstelle, wie Eure sanften Augen über jedes einzelne Wort gleiten, nehmt Ihr mir damit diese Leere in meinem Herzen! Ich werde warten, denn ich weiß, dass Ihr kommen werdet. Irgendwann. Und dann werdet Ihr mich wieder in den Arm nehmen und wir zwei werden glücklich sein. Ich kann nicht geheilt werden, will es auch nicht, denn ich liebe Euch! Ich liebe Euch, Eduard von Kalau und ich werde auf Euch warten. Vergesst mich nicht... sonst bin ich verloren! Da kommen sie wieder. Mein Vater und sein Bediensteter und die Hölle beginnt von vorne. Ich falle... warum... fängt mich niemand auf?" ****************************** Part11: WHITE BIRD FLYING IN BLUE SKY Kim lag auf einem kleinen ungemütlichem Bett in seinem Zimmer. Er versuchte soviel wie möglich zu schlafen, dann waren die Stunden und Tage nicht so lang. Doch meistens gelang es ihm nicht. Genau wie jetzt. Am liebsten wäre er aufgestanden und hinausgegangen, an die frische Luft. Draußen war es nun nicht mehr so kalt. Sophie hatte ihm erzählt, dass inzwischen auch schon wieder einige Zugvögelchen zurückgekommen waren, die lustig an ihrem Zimmerfenster spielten und das erste Grün an den Bäumen abpickten. Doch, er konnte nicht hinaus. Er war eingesperrt und er hasste seine Eltern dafür. Ein Poltern im Flur und ein leises Rascheln an der Tür. Kim wusste, dass es seine kleine Schwester war, die sich wieder einmal heimlich an seine Tür schlich. Kim stand auf. Er ging zur Tür und setzte sich, lehnte sich mit dem Rücken an das kalte Holz. "Sophie, bist du da?" Die Antwort kam nicht sofort. "Oniichan... woher weißt du denn, dass ich es bin?" Kim lächelte kaum merkbar. "Du bist nicht zu überhören. Wenn sie nur mal nicht gemerkt haben, dass du hier hochgestiegen bist!..." "Nööö... die sitzen unten und spielen Klavier! ... ... Kim?" "Mhmmm?" "Ich hab' ihn heute geseh'n!" Kim horchte auf. Sein Gesichtsausdruck wurde ernst und er drehte sich zur Tür um, an die er seine Hand legte. "Eduard?" "Mhmmm!" Kim sah es nicht, doch er wusste, dass seine Schwester bei dieser Antwort heftig mit dem Kopf nickte. "Wo?" "In der Stadt! Ich war doch heute mit Lisa und ihrer Tante unterwegs. Da hab' ich ihn getroffen. Er verbarg sich hinter einem großen Mantel, wollte vermutlich unerkannt bleiben. Aber Kim... ich hab' ihn an seinen Augen erkannt. Sie sind noch... so schön wie damals als ich ihm zum ersten Mal ins Gesicht gesehen habe. Er hat sich nicht verändert... Oder doch... er wirkte so... allein und so... traurig! Ich hätte selber beinahe gleich anfangen müssen zu weinen, als er so zu mir herübergesehen hat!" Kim legte auch noch seine zweite Hand an die Tür. "Und? Hast du mit ihm geredet? Hat er was zu dir gesagt?" "Es war... schwierig, weißt du. Man durfte uns nicht zusammen sehen. Ich hab' die Chance genutzt, als Lisa ihre Tante in einen Süßigkeiten - Laden gezogen hat. Da bin ich dann in diese Gasse gelaufen, die von dort nicht weit weg war. Und dann ist er gekommen. Ich hatte irgendwie gespürt, dass er mir etwas sagen wollte." Sophie konnte hören, wir ihr Bruder einen leisen Seufzer ausstieß. Es war plötzlich alles still. Kim konnte nur seinen eigenen Atem hören. "Oniichan... bitte... bitte halte noch etwas durch... Er... " "Sophie Prokter, hab' ich dir nicht verboten, hier herauf zu kommen!" Sophie erschreckte sich so sehr, dass sie einen lauten Schrei ausstieß, als sie die dunkle Gestalt im Flur stehen sah. Es war ihr Vater und er durchbohrte sie mit seinen wütenden Blicken. "Was hast du hier zu suchen, junge Dame?" Sophie legte ihren unschuldigsten Gesichtsausdruck auf. "Ich... wollte doch nur einmal wissen, wie er sich fühlt. Ich hab' ihn schon so lange nicht mehr sprechen hören. Bitte, Papa... er ist doch... mein Bruder!" "Der Junge ist krank, Sophie! Er könnte dich anstecken oder sonst etwas tun!" Sophie eilte an dem großgewachsenen Mann vorbei, die Treppe hinunter. /Nein, Papa... Kim ist nicht krank! Nur... hoffnungslos verliebt!/ Mr. Prokter öffnete die Tür. Kim hatte sich wieder auf sein Bett gesetzt. Er sah seinen Vater nicht an, als er auf ihn zu kam. Er wusste, weshalb er hier war. Er würde ihn wieder fragen, ob er sich noch an den Namen des Grafen erinnere. Und Kim würde ihn laut aussprechen. Und dann würde er geschlagen werden. Mr. Prokter hielt schon immer Gewalt für die einzige Methode, jemanden zu "heilen". Inzwischen aber glaubte Kim, dass dieser Mann eine Art sadistische Ader hatte, denn er kam häufig und seine Schläge wurden von Mal zu Mal härter. Doch Kim würde niemals vorgeben, Eduard vergessen zu haben. Niemals. Lieber ertrug er die Schmerzen, als ihn zu verleugnen. /Er ist nah. Ich kann ihn spüren!/ *********************** "Morgen müssen wir es durchziehen, Heinrich! Ich werde ihn da auf keinen Fall länger sitzen lassen!" Heinrich sah seinen Bruder besorgt an. "Du darfst nur nichts überstürzen, Eduard. Wir müssen einen günstigen Zeitpunkt abwarten..." "Morgen ist der günstigste Zeitpunkt überhaupt! Ich hol' ihn da morgen raus! Prokter und seine Frau sind morgen Abend nicht zu Hause!" "Hat dir das die Kleine erzählt?" "Sophie, ja!" "Na schön, dann schlagen wir morgen nacht zu. Was ist mit den Bediensteten?" "Das wird schon funktionieren!" "Und der Arzt?" "Dafür hab' ich gesorgt..." Heinrich bekam ein ungutes Gefühl als er das Funkeln in Eduards Augen sah. ***********************
/Keine Sorge, oniichan... er wird dich heute befreien! Ich bin so glücklich.../ Sophie pfiff fröhlich ein Liedchen als sie mit dem Tablett in der Hand die Treppe zum zweiten Stock hinaufstieg. Ihre goldenen Locken wippten dabei und ihr ganzes Wesen strahlte Heiterkeit aus. Es war 21 Uhr und ihre Eltern hatten schon vor einer Stunde das Haus verlassen. Eduard wollte in einer halben Stunde hier sein. Doch jetzt war sie erst einmal an der Reihe. Sie war richtig stolz, dass sie einen so bedeutenden Teil der Befreiungsaktion übernehmen durfte. Sie blieb vor einer purpurfarbenen Tür stehen, atmete einmal tief ein und klopfte dann ganz sacht an. "Bitte herein..." Die Stimme des Geheimrates war äußerst unangenehm und Sophie verzog ihr hübsches Gesichtchen zu einer Grimasse. Wie gut, dass der dicke Doktor das nicht sehen konnte. Sie drückte die Klinke nach unten und trat in das geräumige Zimmer. Der Arzt saß an einem Tisch und blickte beschäftigt von seinem Buch auf, in welchem er vermutlich schon den ganzen Abend gelesen hatte. "Oh, Sophie, Kind... Ihr seid so spät noch wach?" Sophie lächelte ihn an. "Aber Herr Geheimrat... ich bin doch kein kleines Mädchen mehr und außerdem würde ich es mir um nichts in der Welt nehmen lassen, mich bei Euch zu bedanken." "Bedanken? Aber wofür denn?" "Na, dass ihr meinen Bruder wieder gesund macht!" Der Doktor hob seine linke Augenbraue und schielte unter seinen zwei schmalen Brillengläsern hervor. "Nun ja, mein Kind... ich versuche es wirklich! Ich versuche es. Die Krankheit hält sich hartnäckig! Und meine Behandlungen scheinen bis jetzt noch keine Besserung zu zeigen. Es tut mir leid, dass ich Euch die Hoffnung so zunichte machen muss, aber..." Sophie schüttelte mit ihrem Kopf. "Aber Herr Geheimrat... bitte, macht Euch keine Vorwürfe. Wir sind Euch alle sehr dankbar für das, was ihr für Kim tut. Ihr seid sicherlich furchtbar müde, nicht wahr? Ihr arbeitet ja auch immer so lange bis in die Nacht. Hier, ich habe Euch einen Tee zubereitet!" Sie stellte das Tablett auf den Tisch und goss ihm eine Tasse voll ein. "Probiert mal! Ich habe die Kräuter selbst mit Mutter gesammelt!" "Ihr seid ein zu gutes Kind!" /Ja, trinkt nur... Nicht mehr lange und Ihr werdet so müde sein, dass ihr vom Stuhl fallt. Euer Gerede kann ja keiner mit anhören. Liebes Kind. Was wisst Ihr denn schon?! Kim ist ein genauso liebes Kind. Und er ist nicht krank! Warum sieht das hier niemand ein? Was ist so schlimm daran, wenn er einen Mann liebt? Wenn doch nun einmal nur Eduard ihn glücklich machen kann... wieso wollt ihr sie mit Gewalt auseinander reißen? / Sophie erschrak, als sie den dumpfen Schlag hörte. "Huch... hab' wohl ein bisschen viel von dem Schlafmittel reingetan... Oder aber von Kalau hat mir falsche Anweisungen gegeben... Na egal, Hauptsache der schläft..." Sofort huschte sie aus dem Zimmer und schloss sorgfältig die Tür hinter sich. Pünktlich um halb zehn klopfte jemand an der Tür. Erste dreimal, dann zweimal schnell und dreimal langsam. Sophie rannte zur Haustür und öffnete sie. "Ist alles nach Plan verlaufen?" Eduard richtete seinen Blick sofort in die obere Etage, doch mit seiner Hand hielt er das Mädchen an der Schulter, so dass sie unmissverständlich wusste, dass sie angesprochen war. "Ja, er schläft!" "Sehr gut! Wo ist Kim? Wir müssen uns beeilen..." Sophie zögerte nicht lange und führte von Kalau die vielen Treppen zum Dachboden. Sie zeigte ihm das richtige Zimmer. "Hast du den Schlüssel?" Das Mädchen schüttelte kummervoll den Kopf. "Den nehmen meine Eltern immer mit." Sie überlegte kurz. "Nur der Arzt könnte einen haben." "Hör zu Sophie. Am besten, deine Eltern wissen nicht, dass ich hier war. Ich könnte die Tür eintreten, aber dann wäre es ihnen sofort klar und Kim und ich hätten keine ruhige Minute mehr, verstehst du, was ich meine?" Sophie nickte. "Bitte geh' und hole den Schlüssel, aber mach' schnell..." Sie rannte sogleich los. Eduard legte seine Hand an die Tür. "Kim?... Kim, ich bin es, bist du wach?" "E... Eduard?" Kims Herz raste und er stolperte zur Tür, legte ebenfalls eine Hand an das Holz. "Kim, wir holen dich da jetzt raus." "Eduard... wie seid Ihr denn...?" Sie standen beide an der Tür, doch es war ihnen, als würde diese kahle Wand zwischen ihnen zerfließen und sie sich sehen können. Die Hände an genau der gleichen Stelle, konnten sie die Wärme des anderen beinahe spüren und ihre Herzen schlugen im gleichen Takt, voller Sehnsucht, einander endlich wieder in die Arme schließen zu können. "Puhh... ich hab' ihn!" Sophie hielt einen alten verrosteten Schüssel in ihrem blassen Händchen. Eduard nahm ihn und steckte ihn schnell ins Schloss. Die Tür knarrte. Kim fiel dem Grafen gleich in die Arme. "Von Kalau... Ich..." Eduard legte seinen Finger auf Kims Lippen. "Schhh, wir müssen leise sein. Die Diener des Hauses schlafen bestimmt noch nicht alle... Komm' jetzt, wir reden, wenn wir in Sicherheit sind!" Der Graf hob den Jungen auf seine Arme. Er war so froh, ihn endlich wieder bei sich zu haben, ihn zu spüren und ihn atmen zu hören. Es war wie Musik in seinen Ohren. Sophie trippelte hinter ihnen her. Sie war so unsagbar froh. Eine große Last war von ihrem kleinen Herzen gefallen, als sie die zwei Männer vor sich so laufen sah. Ja, Eduard und Kim, ihr geliebter Bruder Kim war endlich erlöst. Kurz vor dem Ausgang setzte der Graf Kim ab, denn er hatte ihm zu verstehen gegeben, dass er sich von seiner Schwester noch verabschieden wollte. "Macht aber nicht so lange... Wir müssen von hier verschwinden!" Von Kalau gab Heinrich, der auf dem Kutschbock saß mit der Hand ein Zeichen, dass er sich zur Abfahrt bereit machen sollte. "Ich... danke dir Sophie!" Kim lächelte, seine Augen strahlten, oder waren es Tränen, die da im Mondlicht so funkelten? "Oniichan... ich... werde dich bestimmt vermissen!" "Weine nicht, kleine Sophie. Wir werden uns wieder sehen! Ganz bestimmt, auch wenn es lange Zeit dauern sollte. Wir werden uns wieder sehen... Da bin ich mir ganz sicher!" Das Mädchen nickte und wischte sich die schimmernden Perlen aus den blauen Augen. Kim küsste sie auf die Stirn und lief zur Kutsche. Eduard hielt die Tür auf und Kim stieg ein. "Oniiiiichaaaan!..." Sophies Stimme wurde nun leise, war ein kaum mehr hörbares Flüstern. "Vergiss... vergiss mich bitte nicht, oniichan..." Kim lächelte noch einmal. "Niemals, Sophie!" Dann wurde die Tür geschlossen und Heinrich peitschte mit den Zügeln. Die Kutsche verschwand in der Nacht und Sophie ging ins Haus, als wäre nie etwas passiert. Sie würde ihren Eltern erzählen, dass sie geschlafen hatte als es passierte. Und der Doktor? Er würde sich doch gar nicht mehr erinnern können, was überhaupt geschehen war. Vielleicht würde man alles auf ihn schieben und ihn sofort entlassen. Sophie traf doch keine Schuld. Sie war schließlich ein "gutes Kind" ...
Kim legte seinen Kopf an Eduards Brust und der Graf hielt ihn fest in seinen Armen. Er wollte ihn nie wieder gehen lassen. Nie wieder würde man sie trennen. Er strich Kim eine Haarsträhne aus der Stirn. "Nie wieder!" ****************************** Part 12: TREACHERY Die Fahrt dauerte sehr lange und irgendwann im Morgengrauen erreichten sie die Sommerresidenz des Grafen. Kim auf Schloss Hornbach zu bringen hätte ein fataler Fehler sein können, denn wer wusste schon, ob nicht nach ein paar Stunden oder Tagen bereits wieder Kims Eltern oder die Schutzposten, die von ihnen vermutlich schon alarmiert worden waren, vor der Tür standen um Eduard den Jungen wieder zu entreißen. O nein, dieses Risiko würde er auf gar keinen Fall eingehen. Also hatte er sich für Schloss Trevelsburg entschieden, von dessen Existenz nur sehr wenige Menschen etwas wussten. Als sie in den großen Hof einfuhren, fand von Kalau, dass er sich viel zu selten hier aufhielt. Die Residenz war fast noch schöner als Hornbach und vor allem jetzt, im Frühling. Die ersten Sonnenstrahlen zogen sich über das Land und färbten die frühen Tautropfen auf den Baumblättern mit den verschiedensten Farben. Der Nebel, der momentan noch in der kühlen Morgenluft hing, begann sich rasch aufzulösen. Heinrich zügelte die Pferde und stieg vom Kutschbock um sich kurz darauf zu dehnen und um endlich wieder ein paar Schritte zu gehen. Während er dies tat, beachtete er von Kalau und Kim gar nicht, die ebenfalls aus der Kutsche ausstiegen. Zuerst Kim, dicht gefolgt vom Grafen, der ihm nicht von der Seite wich. "Von Kalau... Ihr habt mir ja gar nicht gesagt, wie schön Euere Sommerresidenz ist!" Kim sah sich mit glänzenden Augen um. Dieses Schloss war nicht grau, wie die meisten anderen, sondern von einem satten Weiß, das so unschuldig wirkte, als wäre es noch nie der Witterung ausgesetzt gewesen. Der Graf beugte sich zu Kim hinab und gab ihm einen sanften Kuss auf die Wange. "Nun, es freut mich, dass es dir hier gefällt. Immerhin wird das jetzt dein Zuhause sein." Von Kalau verfolgte Kims Blick und betrachtete ebenfalls das Bauwerk. "Dein ... und mein Zuhause, Kim!" Bei dieser Bemerkung war Kim rot geworden und sah Eduard mit leuchtenden Augen an. Als von Kalau seinen Blick erwiderte, lächelte er und hob dann seine Hand zum Gesicht des Grafen. Heinrich verdrehte gespielt die Augen als er den beiden zusah. "Uhhm, ich will euch ja nur ungern unterbrechen, aber vielleicht solltet ihr mal einen kurzen Blick auf das Fenster dort werfen..." Eduards Bruder grinste und deutete mit einer kurzen Kopfbewegung an, welches Fenster er meinte. Kim konnte nicht verhindern, dass sein Gesicht plötzlich noch roter wurde, denn hinter dem Fenster drängelte sich sämtliches Dienstpersonal. Eduard verzog keine Meine, während Kim die ganze Situation unglaublich peinlich war und Heinrich sich darüber beinahe totlachte. Als die Bediensteten gemerkt hatten, dass von Kalau in ihre Richtung blickte, taten sie so, als hätte es nie etwas zu sehen gegeben und als wären sie zufällig gerade an dem Fenster vorbeigekommen und hätten auch nur ganz zufällig hinaus in den Hof geblickt. Dann öffnete sich die Schlosstür und drei Dienstmädchen verbeugten sich tief, als Heinrich, Kim und der Graf auf sie zukamen. "Guten Morgen, Graf von Kalau. Es freut uns, dass sie so schnell zurück sind." Doch Eduard antwortete nichts, sondern machte ihnen nur mit einer Bewegung und einem Kopfnicken deutlich, dass sie sich wieder erheben konnten. Als Kim die große Vorhalle betrat, von der eine Treppe in die nächste Etage des Schlosses führte, fiel ihm auf, dass alles merkwürdig still war. Den Menschen nach zu urteilen, die er kurze Zeit vorher am Fenster gesehen hatte, hätte es hier eigentlich nur so von Bediensteten wimmeln müssen. "Die meisten sind verschwunden, als sie von Euch und dem Grafen gehört haben..." Kim blickte erstaunt auf einen Jungen, der etwa sein Alter haben musste, nur etwas größer war. "Erich, wie oft muss ich es dir noch sagen, dass du das nicht tun sollst!" Eine kleine dicke Frau war vor ihn getreten und verbeugte sich vor Kim. "Bitte nehmt es ihm nicht übel, Monsieur. Es war schon immer seine Art, zu sprechen, bevor er denkt. Bitte entschuldigt!" Kim bemerkte, wie Erich genervt die Augenbrauen zusammenzog und er bemerkte auch, wie dessen Augen plötzlich in eine Richtung starrten. Kim verfolgte seinen Blick und sah, dass Erich nichts anderes mehr anblickte, nichts, als den Grafen. Von Kalau schien den Blick des Dienstjungen bemerkt zu haben, denn er drehte sich plötzlich zu ihm herum, sah dann aber auf Kim und lächelte ihn an. Als Kim sich umdrehte, um der Frau zu sagen, dass sie sich für das Verhalten des Bediensteten, der allem Anschein nach neu hier auf dem Schloss war, nicht zu entschuldigen brauchte, waren beide schon verschwunden und an ihrer Stelle hatten sich zwei andere Dienstmädchen nun hinter Kim gestellt, um ihm den Mantel abzunehmen. Etwas verwundert lief er dann zu von Kalau, der gleich darauf mit seiner linken Hand um Kims Hüfte fasste und mit ihm die Treppe hinaufging. Kim spürte, wie die Hand des Grafen sich immer fester um ihn schlang und sich bald darauf tastend unter sein Hemd arbeitete um dann dort mit der kleinen Vertiefung in seinem Bauch zu spielen. /Ungh... was tut er da?!/ Um sich zu vergewissern, dass das auch niemand sehen konnte, blickte sich Kim in alle Richtungen des Raumes um, aber die Dienstmägde, die sich noch weiter unten aufhielten, sahen nicht zu ihnen herauf, sondern waren damit beschäftigt, Heinrich schöne Augen zu machen. Von Kalau spielte noch immer unter Kims Hemd herum und schob nun ganz langsam seine Hand unter dessen Hose. Kim erschrak und wollte sich aus Reflex vom Grafen losreißen, doch Eduard hatte ihn fest im Arm und es gelang ihm nicht. Schnell legte er seine Hand an die des Grafen um ihn von seinem Tun abzuhalten, aber als er ihm ins Gesicht sah, grinste Eduard nur. "Es wird dir gefallen, Kim. Nur nicht so schüchtern!" /O mein Gott... das… das kann er doch nicht tun. Nicht jetzt, nicht... hier./ Eduard glitt immer tiefer hinab und fand schließlich was er suchte. Kim spürte ein Gefühl in sich erwachen, das er noch nie erfahren hatte und es schien ihm die Sinne zu rauben. Oder zumindest spielten sie verrückt, denn ihm war plötzlich heiß und kalt auf einmal, ihm wurde schwindlig und er konnte nicht anders, als einfach stehen zu bleiben. Der Graf bewegte seine Hand nur sehr langsam und sah Kim mit einem verführerischen Glanz in den Augen an. Vielleicht, um ihm klarzumachen, dass sie das durften, was sie taten. Er wollte nicht, dass der Junge vor ihm Angst hatte. Er musste begreifen, dass sie nun tun und lassen konnten, was sie wollten, dass keine Augen mehr auf sie gerichtet waren, die sie als krank bezeichnen würden oder die sie auch nur von irgendetwas hätten abhalten können. - Und Eduard würde sich auch nicht mehr abhalten lassen. Kim lehnte nun an der Wand und hatte seine Hände an von Kalaus Arme gestützt. Seine Finger verkrampften sich in dessen Hemd und als der Graf sein Tempo beschleunigte, konnte Kim nicht mehr anders, als einfach nur laut ein- und auszuatmen. Eduard stützte sich mit seiner freien Hand an die Wand und küsste Kim immer wieder. "Das gefällt dir doch, oder?" "Uh... ich..." /O Gott... ich... bitte.../ Der Graf spürte, dass Kims Griff immer fester wurde, spürte auch, dass der Junge jeden Augenblick soweit sein musste. Aber so schnell würde er es nicht geschehen lassen. Er wollte Kim nur einmal eine kleine Kostprobe geben, von dem, was noch auf ihn warten würde. Noch einmal hob und senkte er seine Hand und dann... dann zog er sie einfach, ganz unerwartet aus Kims Hose und der Junge keuchte auf. Mit verzweifelten Augen sah er von Kalau an und der Graf erwiderte seinen Blick, legte dann seinen Kopf an Kims Ohr. "Shhhttt... keine Angst, es ist nicht immer so schmerzhaft. Nur, wenn man plötzlich abbricht. Du verstehst, was ich meine?" Kim kämpfte noch immer mit der Lust in sich, die sich ihren Weg nach außen bahnen wollte und doch nicht konnte und ihn innerlich beinahe zerriss. "Das hört gleich wieder auf. Das ist ganz normal, du brauchst dir keine Gedanken zu machen..." Kim machte sich inzwischen aber über etwas ganz anderes Gedanken. Das alles war im Treppenhaus geschehen, was wenn die Bediensteten ihn gehört hatten? Oder waren sie bereits gegangen und er hatte das Zeitgefühl verloren? Eduard bemerkte, was in Kim vor sich ging und lachte ihm lieb ins Gesicht. "Ist es dir denn so wichtig, was die anderen über uns denken?" Schweigen. "Ich... Woher wisst Ihr, dass sie alle loyal sind? Woher wisst Ihr, dass sie nicht jeden Augenblick das Schloss verlassen um herumzuerzählen, wo wir uns aufhalten?" Der Graf grinste. Er breitete seine Arme aus und sagte dann mit Bestimmtheit: "Kim... du wirst hier im ganzen Trevelsburg keine einzige Person finden, die nicht ihre Hand für mich ins Feuer legen würde. Denkst du ich bin so dumm und vertraue Leuten, die ich nicht kenne?" "Und was ist mit..." "Mit wem?" "Mit dem Jungen von vorhin. Der, der hinter mir stand und der... der Euch die ganze Zeit so angesehen hat?" "Wie hat er mich denn angesehen?" "Er starrte Euch an." Der Graf überlegte einen kurzen Moment und lief dann lachend den Korridor entlang. Kim folgte ihm, wusste nicht, was daran so lustig gewesen sein konnte. "Antwortet Ihr mir nicht?" "Wozu? Die Antwort kennst du bereits!" Sie liefen den langen Gang entlang bis zu der hintersten Tür. Vor ihr blieb der Graf plötzlich stehen und wartete auf Kim, der noch einige Meter hinter ihm lief und über von Kalaus Worte nachdachte. Als Kim aufblickte und den Grafen in diesem Halbdunkel sah, das die Gardienen auf ihn warfen, kam er ihm unwahrscheinlich geheimnisvoll vor. "Wo gehen wir denn eigentlich hin?" "Ich bringe dich auf dein Zimmer! Willst du es dir nicht ansehen?" Er drückte die vergoldete Klinke nach unten und Kim trat in einen Raum, der mit Licht durchflutet war. Zu drei Seiten waren Fenster angebracht, so dass die Sonne den ganzen Tag über hereinfallen konnte. Kim sah sich um. Das Bett war wunderschön, mit vielen Stickereien übersät auf der weichen Decke und die Wände hatten die Farbe des Ozeans, in dem ab und zu silberne Streifen funkelten, wenn das Sonnenlicht darauf strahlte. Von Kalau fuhr mit seinen Augen unbemerkt Kims Körper entlang, musterte ihn ganz genau, die schlanken Beine, seine schmale Hüfte und die flache Brust, die man hinter dem weiten Hemd eigentlich nur vermuten konnte. Er spürte plötzlich eine unbändige Leidenschaft in sich aufkeimen. /Nein... nicht jetzt... es ist noch Zeit.../ "Kim, wenn du nichts dagegen hast, werde ich mich jetzt auch auf mein Gemach begeben. Etwas frische Kleidung wäre angemessen. Deine findest du gleich in den zwei Schränken da vorne und wenn du sonst noch etwas brauchst, hier kannst du läuten. Jetzt ist es sechs Uhr. Bis zum Frühstück hast du also noch genau drei Stunden Zeit. Vielleicht solltest du etwas schlafen...." Mit diesen Worten verließ er Kims Gemach und der Junge flüsterte ihm nur noch ein leises "Danke!" hinterher, das von Kalau mit einem eleganten Kopfnicken erwiderte. Nach kurzer Zeit kam er noch einmal zurück und legte seine Hand von außen an die Tür. "Kim?" "Mhmmm?" erklang dumpf Kims Stimme. "Verlass’ mich nie wieder, hörst du? Ich würde es nicht ertragen!" Dann ging er. Während des Frühstücks trat plötzlich ein Dienstmädchen in den Raum und beugte sich vertraulich hinunter zum Grafen, der am Tisch Kim gegenüber saß. Kim sah, dass Eduard nickte, aber worüber sie letztendlich sprachen, wusste er nicht. "Sag’ ihm bescheid, dass ich ihn gleich in meinem Arbeitszimmer empfangen werde. Er möchte noch fünf Minuten auf mich warten. Ich werde mich beeilen." Heinrich, der ebenfalls mit am Tisch saß, jedoch aber nur mit wenig Appetit in seinem Essen herumstocherte, sah seinen Bruder ebenfalls verwundert an, als dieser aufstand und sich flüchtig entschuldigte. "Eduard?... Du brauchst später nicht auf mich zu warten. Ich werde jetzt zu meiner Frau fahren. Sie macht sich sicherlich schon Sorgen um mich. Kann ich noch irgendetwas für dich tun?" Der Graf schüttelte den Kopf, hob zum Abschied seine Hand und verließ dann den Speisesaal. "Tja, so ist er, immer beschäftigt, der gute Graf." "Heinrich, du hast eine Frau?" Eduards Bruder grinste breit auf diese Frage. "Wundert dich das so sehr?" "Uhhmmm... /Vielleicht?/ ... nein... ich wusste es nur noch nicht. Du erzählst ja fast nie etwas über dich...." Heinrich stand plötzlich von seinem Platz auf und stellte sich hinter Kims Stuhl um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. "Seien wir doch mal ehrlich, Kim... Meinst du nicht, dass du mich bereits besser kennst... als Eduard?" Kim senkte seinen Blick auf seinen Teller. "Vielleicht...." "Haha, aber keine Sorge, Kleiner! Das wird schon noch, nur mach’ mir nicht zum Vorwurf, dass ich nichts über mich erzählen würde... So, ich darf mich jetzt verabschieden. Ich wünsche dir noch einen angenehmen Tag!" Er winkte dem Diener, er solle ihm seinen Mantel und den Hut bringen, dann zog er sich mit schnellen Bewegungen an, grüßte noch einmal und verschwand anschließend. /Er hat recht, im Grunde... im Grunde weiß ich fast nichts über Eduard. Fast nichts, nur, nur... dass ich ihn liebe./
"Wieso seid Ihr hier?" "Du hast dir Zeit gelassen, Eduard." "Wieso seid Ihr hier?" Eduard stand vor dem Fenster in seinem Arbeitszimmer und hatte dem kleinen dicken Mann, der gegenüber auf einem Stuhl saß und sich genüsslich eine Zigarre anzündete, den Rücken zugewendet. "Willst du mir nicht einen Aschenbecher bringen?" Einen Moment lang blieb der Graf einfach nur stehen, doch dann drehte er sich zu ihm, nahm den Aschenbecher mit einer genervten Bewegung von seinem Schreibtisch und stellte ihn vor den kleinen Mann, der nur seinen Arm hätte ausstrecken müssen, um ihn sich selbst zu holen, auf den Tisch. "Ihr habt mir noch immer meine Frage nicht beantwortet." Von Kalau spürte, dass ihn sein Gegenüber genau betrachtete. "Du bist groß geworden! Wie die Zeit doch vergeht." "Ihr habt dringend nach mir schicken lassen, Fürst. Hier bin ich. Sagt mir endlich, was Ihr von mir wollt!" Schweigen. Eine halbe Ewigkeit. "Ich will... die alten Zeiten zurück, Junge." Eduard erschrak bei dieser Aussage und starrte zum Fürsten, der gerade genüsslich dabei war, seine Zigarre aus dem Mund zu nehmen und sie anschließend in den Aschenbecher abzuklopfen, nur um sie sich wenig später erneut zwischen die Lippen zu klemmen. "Seid Ihr deswegen hier? Deswegen seid Ihr gekommen?" Wieder Schweigen. "Die alten Zeiten gibt es nicht mehr, und das wisst Ihr genau." Plötzlich stand der Fürst auf und Eduard wich zurück. "Das bin ich doch von dir gar nicht gewohnt, Eduard. Du ziehst dich vor mir zurück? Muss ich denn wieder erst..." "Ich bin kein Junge mehr, Fürst." Er lachte bitter. "Was damals geschah, wird nicht wieder geschehen..." Der kleine Mann blickte mit einer inneren Ruhe auf von Kalau, die ihm Sorge bereitete. Er streckte seine gierigen kleinen Fingerchen nach ihm aus. "Bist du es nicht manchmal leid, immer den Starken spielen zu müssen? Es muss doch ermüdend für dich sein, immer die Initiative ergreifen zu müssen, bei allem was du tust. Was du brauchst, ist jemand, der dir neue Pforten eröffnet. Was du brauchst, bin ich!" "Woher wollt Ihr wissen, was ich brauche und was nicht?!" Eduard spürte plötzlich einen brennenden Schmerz auf seiner Wange. Er tatstete danach. "O nein, jetzt hab’ ich doch aus Versehen mit meinem Ring dein hübsches Gesichtchen verletzt. Dass tut mir schrecklich leid." Ein energisches Funkeln breitete sich in den kleinen schmalen Augen des dicken Mannes aus, die hässlich aus seinem Gesicht hervortraten. "Aber Ich hasse es, wenn du mir widersprichst, Eduard." Der Graf warf dem Fürsten einen feindlichen Blick zu. "Ihr wollt es nicht verstehen, was? Es ist vorbei. Es endete an dem Tag, als ich ..." "Was...! Als du das Schloss deines Onkels geerbt hast? Und dich dort dann verschanzt hast? Das hat mich sehr ärgerlich gemacht, Eduard und ich glaube, das weißt du auch. Kannst du dich noch erinnern?" Er fuhr mit seiner Hand Eduards Rücken entlang. "An deine Schreie in jener Nacht, die niemand hörte? An das Blut, das floss? Träumst du noch davon?" Von Kalau, der sich an seinen Schreibtisch gelehnte hatte, stellte sich wieder aufrecht hin. "Macht, dass Ihr verschwindet. Sofort!" Plötzlich klopfte es an der Tür und der Graf drehte sich erschreckt herum. "Herein!" Die Miene des Fürsten wurde todernst und er verschmälerte seine Augen als er ihn kommen sah. Kim. Er kannte ihn nicht, aber die Art, mit der Eduard ihn ansah, die Art, mit der Kim den Grafen ansah, gefiel ihm ganz und gar nicht. /Er wird doch nicht... er hat doch nicht etwa... Verrat ist eine Todsünde Eduard, und dafür wirst du büßen müssen... Du bist noch immer mein und wenn du nicht freiwillig zurückkommst, dann mache ich dich auf andere Weise gefügig. Du hast mich verraten und dafür musst du Buße tun!/ ****************************** Part 13: WE ARE ALONE
"Nun, mein lieber Eduard... dann werde ich mich jetzt verabschieden!" Der Fürst sah dem Grafen genau ins Gesicht als er an ihm vorbei ging. Ein Dienstbursche öffnete ihm sogleich die Tür, doch bevor er hinaus ging, drehte er sich noch einmal um und fasste in seine Jackentasche. "Ach ja... jetzt hätte ich ja beinahe das wichtigste vergessen. Hier, ich soll dir diese Einladung überbringen." Er überreichte von Kalau einen weißen Umschlag mit den Initialen E. M.. "Der Brief ist von deiner Großcousine. Sie wird bald heiraten und der Ball soll schon einmal ein kleiner Vorgeschmack auf die eigentliche Feier sein..." Daraufhin verschwand er und mit ihm die Spannung, die die ganze Zeit im Raum gelegen hatte. Eduard öffnete gerade das Couvert, als er eine sanfte Berührung an seiner Wange spürte, die gleichzeitig etwas brannte. "Was tust du denn, Kim?" Er blickte in das besorgte Gesicht des Jungen. "Hat ER Euch diesen Kratzer im Gesicht hinterlassen?" Eduard tastete danach. "Das ist nicht schlimm. Vermutlich ist das passiert, als ich die Treppen hinaufstieg. Ich habe mich schon einmal an der Leiste gestoßen..." Kim schmunzelte auf einmal. "Seht Ihr... das könnte mir nicht passieren! Manchmal ist es gar nicht so schlecht, ein paar Zentimeter kleiner zu sein..." "... mach’ dich nur über mich lustig!... Was ist... hast du Lust auf einen Ball?" "Lust schon, aber Ihr wisst doch ganz genau, dass das nicht funktionieren würde." Ganz unerwartet beugte sich von Kalau zu Kim hinunter und küsste ihn. Er strich ihm durch die Haare. "Dort kennt dich doch niemand..." "Ihr meint, es hat sich noch nicht herumgesprochen?" "Meinst du, Herzogin Catharina hat den gleichen Freundeskreis wie meine Großcousine?" "Aber..." "Amüsier’ dich einfach ein bisschen. Du kommst mit als... als ein sehr guter Freund von mir." "Und wenn sie es trotzdem merken?" "Mach’ dir keine Gedanken! Du findest bestimmt ein paar nette Mädchen, mit denen du tanzen kannst..." /Aber... wenn ich doch... nur mit Euch tanzen will.../
/Das Schloss ist groß! Ich komme mir so winzig vor, in dieser menschenüberfüllten Halle. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, hierher zu kommen.../ "Entspann’ dich Kim!" Eduard klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter. Ach ja, hier waren sie ja nicht mehr als... Freunde. "Eduard! Wie schön, dass du gekommen bist! Ich hatte dir eine Einladung auf Schloss Hornbach bringen lassen, aber da du dort nicht anzutreffen warst... Ich bin so froh, dass Fürst Minsk dich doch noch aufgefunden hat. Damit hat er mir einen großen Gefallen getan... Du kommst heute gar nicht in Begleitung?" Eduard packte Kim am Handgelenk und stupste ihn in das Sichtfeld seiner Cousine. "Ein Freund von mir. Er ist etwas schüchtern..." Eduards Großcousine musste plötzlich lachen. "Ich kann es kaum glauben... sollte sich der berüchtigte Graf Eduard von Kalau tatsächlich langsam einmal mit seinen Liebschaften etwas zur Ruhe gesetzt haben? Ich... erinnere mich an keine Begegnung mit dir, bei der du nicht eine neue Frau im Arm gehalten hast..." "Jetzt halte ich eben einen Mann im Arm!" Kims Herz begann auf einmal wild zu schlagen. Wie konnte Eduard nur so etwas sagen?! Er blickte in das Gesicht der Cousine des Grafen. Sie war im ersten Moment kreidebleich geworden, aber nach ein paar Sekunden verzog sich der Schreck und sie lächelte wieder. "Deine Späße werden aber auch immer geschmackloser..." "Evelyn... dein Vater ist soeben angekommen!" "Oh... mein Vater ist endlich zu Hause! Bitte entschuldigt mich! Getränke und das Büffet findet ihr dort und ansonsten... amüsiert euch einfach!" Der Graf gab Evelyn noch einen Handkuss und bedankte sich. "Siehst du, Kim... Keiner hat hier auch nur den leisesten Verdacht, dass wir... mehr als nur... Freunde sind..." /...ein geschmackloser Scherz.../ Kim strich sich eine Strähne aus seinem Gesicht. "Na schön... dann will ich mich hier mal ein bisschen umseh’n." Eduard sah seinem Schützling hinterher. Kims schlanke Figur... seine schmalen Hüften, aber die männlichen Schultern... sie hatten so etwas... magisches an sich und fingen jedes mal seinen Blick. "Du solltest ihm nicht so hinterher stieren, das könnte etwas auffällig sein..." Der Graf drehte sich um. "Heinrich!" Sein Bruder hob die Schultern. "Ja... dein armer kleiner vergessener Bruder Heinrich. Gib’s zu... nicht eine einzige, winzigkleine Sekunde hast du an mich gedacht!" Er wedelte mit einem weißen Umschlag vor Eduards Gesicht herum. "Aber... hahaaaa... so trifft man sich eben wieder! Ich bin zufälligerweise auch eingeladen worden. Hast du Evelyn schon geseh’n?" Eduard nickte nur stumm. /Wortkarger Kerl!/ "Ich würde ihr gerne meine Frau vorstellen." "Du hast sie mit hierher gebracht?" "Hast du was dagegen?" Ein Kopfschütteln. "Ah... da vorne ist sie ja! Warte hier, ich hab’ noch was mit dir zu bereden!" Kim hatte sich indessen unter die Massen gemischt. Ihm war schon ganz schwindlig von dem süßlichen Duft der Parfums, die sich in dem stickigen Ballsaal vermischten. Mit einem Seufzer ließ er sich auf einen Stuhl fallen, der am Rand des Zimmers stand. Ein Bediensteter kam gerade vorbei und bot ihm ein Glas Champagner an. Die Kühle des Getränks tat ihm gut. Er lehnte seinen Kopf zurück an die Wand. "Na Süßer... Ihr hattet wohl ein Gläschen zuviel, was?" Eine auffällig geschminkte ältere Frau mit hohen Stöckelschuhen und eng abgeschnürter Taille stand vor ihm und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Kim wusste nicht, was er sagen sollte. Wenn er sie abweisen würde, wäre sie vielleicht zutiefst betrübt oder vielleicht machte sie sich andererseits auch einfach nur einen Spaß mit ihm. "Madam... ich bin viel zu jung für Euch..." Er hatte sie nicht zurückhalten können. Diese Worte waren einfach aus seinem Mund geflossen und hatten der Frau wohl deutlich genug zu verstehen gegeben, dass er sich nicht für sie interessierte. Es tat ihm leid, dass er sie so verletzt hatte, aber manchmal war die Wahrheit eben doch der beste Weg. "Zu jung? Du solltest eher sagen zu unreif!" Damit drehte sie sich auf ihren Absätzen um und mischte sich wieder unter die Menge. "Du hast ja tatsächlich auf mich gewartet! Das kommt selten vor, kleiner Bruder! Komm’ mit, ich will dir etwas zeigen..." Heinrich führte Eduard in einen großen Saal, in dem sich vornehmlich Männer tummelten. Einige saßen zusammen an einem Tisch und redeten, andere hatten es sich auf den Sofas bequem gemacht, die hier überall standen. Der Graf ließ seinen Blick schweifen und wirkte plötzlich wie erstarrt. "Ja... genau das wollte ich dir zeigen, Eduard! Also pass auf dich auf!" Der Graf blickte unerwartet zur Seite, wich den Blicken seines Bruders aus. "Was wolltest du mir zeigen, Heinrich? Doch nicht etwa, dass da Fürst Minsk sitzt, zusammen mit seinem Kreis an nichtsnutzigen Freunden?" Heinrich sah Eduard eindringlich an. "Pass’ auf dich auf! Ich glaube, dass Interesse ist noch immer da!" Von Kalau lächelte bitter. "Sei nicht albern. Ich ... bin nicht mehr der kleine, wehrlose Junge von damals, verstehst du?" "Nein, dieser kleine Junge bist du tatsächlich nicht mehr. Aber... du bist... schön, Graf von Kalau!" Eduard wusste nicht wie ihm geschah, als Heinrich plötzlich seine Haare zurückstrich und ihn mit diesen feurigen Augen ansah. "So schön, dass du manchmal sogar... sogar deinen eigenen Bruder verblendest..." "Heinri..." Heinrich legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen. "Tu’ wenigstens einmal was ich dir sage! Du denkst du bist groß, größer als er, dass gebe ich zu, aber was er damals mit einfachen Mitteln bewerkstelligen konnte, wird er heute mit anderen erreichen. Sei nicht so dumm, Eduard..." Heinrich seufzte tief, sah dem Grafen anschließend noch einmal in die Augen und verschwand dann, ohne auch nur ein weiteres Wort zu seinem Bruder zu sagen. /Ich... bin nicht schön... meine Seele ist befleckt und raubt mir die Unschuld der Jugend.../ Von Kalau lehnte sich an die Wand, gleich neben der Tür. Ihm war es egal, ob ihn die anderen anstarrten oder nicht. In einer Ecke hörte er es tuscheln. "Hey, habt ihr ihn geseh’n?" "Wen meinst du denn?" "Wenn mich nicht alles täuscht, ist heute Abend sogar Eduard hier!" "Eduard? Der Lustknabe von Minsk?" "Genau! Der hat sich vielleicht verändert..." "Wie hast du ihn erkannt?" "Ich konnte mich noch an seine Augen erinnern und an... seinen perfekten Körper!" "Perfekt? Harharhar... wenn der tatsächlich der Lustknabe von Minsk war, dürfte nicht mehr so ganz perfekt sein... harharhar!" "Pssst. Seid leise. Da kommt er!" Eduard schritt langsam und stolz an ihnen vorbei, blieb dann kurz stehen. In ihm brannte eine Wut, doch er hielt sich zurück. - Nein, kein Sterbenswörtchen würde er zu ihnen sagen. Nicht zu diesem Abschaum... /Kim... ich hoffe nur, dass man nicht mit dir darüber spricht... Würdest du mich dann verabscheuen? (Vielleicht. Vielleicht auch nicht... wer weiß das schon...)/ Eduard kam in den Ballsaal. Auf gewisse Weise wusste er, dass Kim hier war, aber er konnte ihn nirgendwo entdecken. "Suchst du ihn?" Eduard zog seine Augenbraue nach oben und grinste. "Wie kommt es, dass ich dich ständig treffe, Heinrich?" Er musterte seinen Bruder, der sich wieder einmal unschuldig den Hinterkopf rieb. "Spionierst du mir nach? Unterlass’ das!" "Niemals würde ich dir nachspionieren! Was denkst du denn von mir? Wir beide ziehen uns eben magisch an...!" Eduard wollte gerade gehen, als Heinrich seinen Arm ausstreckte und auf eine Schar von jungen Damen deutete. "Versuch’s mal dort drüben... Der Kleine scheint bei der weiblichen Gattung ziemlich beliebt zu sein..." "Weißt du,... was ich jetzt tun werde, Heinrich?" Der Graf beugte sich zum Ohr seines Bruders... "Ich werde..." Heinrichs Augen wurden immer größer. "Das... das ist doch ein Scherz, oder?" Doch noch ehe er diesen Satz beendet hatte, war von Kalau schon in den Massen verschwunden. "... so etwas würde er nicht tun... (Und wenn doch...?)" ****************************** Part 14: WE ARE ALONE II
"Schatz? Schatz? Ich möchte lieber nach Hause gehen, ich fühle mich nicht wohl..." /Er tut es nicht. ... denn er weiß, dass es ihrer beider Untergang wäre... Er wird es nicht tun.../ "Heinrich, bitte... hörst du nicht? Ich fühle mich unwohl und möchte lieber nach Hause gehen." "Madlene... was ist denn mit dir?" "Ich weiß nicht, es geht mir einfach nicht gut. Vielleicht wegen der Schwangerschaft. Lass’ und zurück fahren, ja?" "Ich werde sofort die Kutsche vorfahren lassen. Komm’..." Er fasste sie an der Hand. Kurz bevor er aus dem Ballsaal trat, blickte er noch einmal besorgt zurück, doch den Grafen konnte er nicht sehen. /Es wäre ihr Untergang.../ Eduard ging auf die Mädchen und Frauen zu, die Kim umringten. Die dunkelhaarige Schönheit, die direkt vor dem Jungen stand, visierte er an und sie ihn ebenfalls. Alle Frauen wurden schwach bei Eduards Anblick. So war es schon immer gewesen. Seine romantischen tiefgrünen Augen konnten alle Herzen bewegen. Als er ihr ganz nahe war, streckte sie schon ihre Hand aus, erwartete, von ihm zum Tanzen aufgefordert zu werden. Der Graf jedoch blieb einen Moment lang stehen, strich sich dann die Haarsträhne zurück, die ihm in die Stirn gefallen war und lächelte. Sie wusste nicht, wie ihr geschah. Sie wusste nicht, weshalb sie von Kalau plötzlich vorsichtig zur Seite drückte, verstand nicht ganz... Von Kalau beugte sich hinab und fasste mit seiner Hand nach einer ihm vertrauten. "Würdest du... mir diesen Tanz erweisen... ...Kim...?" /Ist das ein Traum? Eine bittersüße Illusion? Bilde ich mir nur ein, dass er meine Hand hält, dass er mir die Verzweiflung aus den Augen abliest, dass er.../ Kim erhob sich von seinem Platz. Er nahm nichts mehr wahr. Eine angenehme Schwere durchzog seinen ganzen Körper und er ließ sich vom Grafen auf die Tanzfläche führen. /Wir leben nur einmal. Wir leben jetzt. Diese Welt verstößt uns und wir sind allein.../ "Du... Mama... sieh’ mal! Das Mädchen da hat ja eine Hose an!" "Was redest du wieder für einen Unsinn, Josephine?!" "Aber das Mädchen hat wirklich eine Hose an!" "Hosen tragen nur Männer. Und jetzt sei still, ich unterhalte mich gerade..." "Oh... das ist aber komisch. Ich hab’ noch nie gesehen, wie zwei Männer miteinander tanzen..." Bei dieser Bemerkung drehte sich die Mutter des Kindes abrupt um und blickte entsetzt auf die Tanzfläche. Schnell legte sie ihre Hand über die Augen des Mädchens und drehte sie in eine andere Richtung. Ein Raunen mischte sich in der Luft. Doch Kim und Eduard waren verloren, in ihrer eigenen Welt. Niemand tanzte mehr, bis auf sie, die Musik hörte auf zu spielen, Stille durchdrang das Schloss. Doch sie tanzten weiter, noch lange. Und alle Menschen starrten. Eduard hob seine Hand an Kims Gesicht, strich über seinen Nacken. "Ich liebe dich... Kim Prokter..." Ein leidenschaftlicher Kuss. "Das geht zu weit, Eduard! Das geht entschieden zu weit, hörst du?!" Der Graf blickte auf, suchte die Massen, die einen großen Kreis um sie gebildet hatten, ab, um herauszufinden, wo er stand... Fürst Minsk. "Ah, sieh’ an, da hat jemand etwas einzuwenden..." Minsk ging mit festen Schritten auf sie zu, zwei Welten prallten aufeinander. "Das geht zu weit, Eduard. Du gehörst mir. Was fällt dir..." /Du gehörst mir? Von Kalau gehört dem Fürsten?/ "Ich habe Euch nie gehört." Der Graf ignorierte Minsk und wandte sich zu Kim. "Komm’, lass’ uns gehen. Hier ist... kein Platz mehr für uns..." "Das werdet ihr nicht tun. Versucht von hier wegzukommen, aber es gibt kein Entrinnen, denn du bist mein, mein lieber Eduard! Du bist mein!" Der Fürst deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf den Grafen. "Nehmt sie fest!" Sofort regten sich einige uniformierte Männer und kamen auf Kim und von Kalau zu. Eduard überlegte nicht lange und versuchte mit Kim zu fliehen. Er fasste ihn bei der Hand und sie rannten, versuchten, zum Ausgang zu gelangen. Durch den langen dunklen Gang, dann rechts, dann geradeaus, die Türen waren alle zugestellt. "Verdammt... er hat alles geplant! Keine Sorge Kim, ich lass’ nicht zu, dass dir was passiert..." Sie rannten weiter, immer weiter, dicht gefolgt von einem Duzend an Männern, die sie festnehmen sollten. Ihre Herzen rasten, sie atmeten schwer, es war... ausweglos. Man kreiste sie ein, wollte sie fesseln. Sie wehrten sich und schlugen sämtliche Männer nieder. "Eduard... ich an deiner Stelle würde damit lieber aufhören... Du willst doch sicher nicht, dass ich deinem Jungen hier die Kehle durchschneide?" Von Kalau drehte sich um. Fürst Minsk hatte Kim in seiner Gewalt und hielt ihm ein Messer an den Hals. "Jetzt sei’ ein artiger Junge und lass’ dich festnehmen. Musst du mir denn immer solche Umstände bereiten...?" Sie banden ihm die Hände hinter dem Rücken fest zusammen und hielten ihm anschließend ein Messer an die Brust. "Seid ihr alle Idioten, oder was? Weg mit dem Messer! Ihr verletzt ihn noch, ich will ihn ohne Makel! Hier!" Er stieß Kim zu einem seiner Männer und näherte sich anschließend Eduard. "Wie habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt!" Er strich dem Grafen gierig über den Hals. "Ich kann es kaum erwarten. - Dich zu sehen. Nach so langer Zeit. Ich bin auf deinen Körper gespannt..." Minsk öffnete ihm erst die Jacke, dann langsam die Weste. "Ihr widert mich an! Nehmt Eure Finger von mir!" "Zwischen mir und deiner Brust liegt jetzt nur noch das bisschen Stoff deines Hemdes. Ich kann dich jetzt schon sehen... und spüren, deinen muskulösen Körper." Er fuhr ihm mit den Händen über den Oberkörper. "Wer hätte gedacht, dass sich aus dem schmalen Eduard von damals ein so schöner Mann entwickeln würde. ... Hahaha... nun, ich gebe zu, wir wussten es wohl alle! Bringt sie auf das vorbereitete Zimmer!" Der Graf und Kim sagten nichts, als man sie die vielen Treppen hinaufführte, die nicht zu enden schienen. Endlich angekommen, standen sie in einem schmalen Flur. Man stieß beide in ein kleines Zimmer. Die Fesseln des Grafen wurden ersetzt durch Ketten, in die man ihn legte. Eduard hatte versucht es zu verhindern, aber gegen die Kraft von drei Männern konnte er nicht ankommen. Er wand sich unter ihren Griffen, wollte sich irgendwie befreien, aber vergebens. /Weine nicht, Kim! Sieh’ mich nicht, Kim!/ Minsk trat nach einer Weile in den Raum. Als er durch die Tür kam zog er sich sorgfältig die Handschuhe aus und legte sie anschließend auf den runden Tisch, der im hinteren Viertel des Raumes stand. Er stellte sich vor Kim und wischte ihm die Tränen unsanft von den geröteten Wangen. "Hast du etwa Angst? ... Angst um dich... oder... um ihn...?" Er trat einen Schritt zur Seite, so dass Kims Blick direkt auf von Kalau fiel, der an die Wand gekettet, dort kniete und mit misstrauischen Augen genau beobachtete, was vor sich ging. Minsk hörte, wie die Kette rasselte, als er erneut Kim anfasste. "Ah, gefällt es dir nicht Eduard, wenn ich den Jungen berühre?" "Lasst.... lasst ihn gehen, Minsk!" Minsk grinste und seine Augen glitten an Kims Körper hinab. "Keine Sorge, ich will ihn nicht! Ich will dich, Eduard!" Mit diesen Worten entfernte er sich von dem Jungen und kniete sich hinunter zu Eduard, der ihm feindselig in die Augen sah. Von Kalau knirschte die Zähne. "Lasst... lasst ihn gehen. Er hat mit der Sache nichts zu tun..." Der Fürst tat so, als müsste er angestrengt nachdenken. "Ich... will nicht, dass er geht. Ich will... dass er zusieht." "Verdammt, Ihr sollt ihn endlich gehen lassen!" "Aufbrausend wie immer..." Minsk erhob sich und ging erneut zum Tisch. "Dein kleiner Geliebter wird dich jetzt leiden sehen. Hast du das schon einmal? Deinen starken Eduard ganz hilflos, so klein und... ausgeliefert. Du kannst ihm nicht helfen und er dir nicht. Was für eine Tragödie! Ich liebe es! Ich liebe es, andere zu quälen. Das hat so etwas... aufregendes an sich." "Ihr seid krank! Lasst... uns gehen... bitte..." Kim spürte einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Was konnte er denn nur tun? (Nichts...) "Das... was Ihr hier tut ist krank! Uns verfolgt man, verstößt man... und Euer abartiges Handeln billigt man?! Wieso? Wieso denn nur?" Verzweifelte Tränen. "Minsk... lasst ihn endlich gehen. Ich ... werde tun, was Ihr verlangt!" Der Fürst zögerte nicht lange und machte mit einer Kopfbewegung klar, dass man Kim wegführen sollte. Wohin, das wusste Eduard nicht. Er hoffte, man würde ihn laufen lassen. Aber selbst wenn er in ein anderes Zimmer gebracht werden würde, so war er doch wenigstens sicher vor... vor diesem Scheusal Minsk. "Lasst uns alleine!" /Lasst uns alleine. Lasst uns alleine. Lasst uns alleine. O Gott, die Hölle meiner Vergangenheit hat mich wieder eingeholt.../ Minsk ging auf von Kalau zu, ein lüsternes Funkeln in den sonst so stumpfen grauen Augen. "Endlich allein!" Seine Hände glitten Eduards Oberkörper entlang, seinen Oberarmen, seinem Hals bis hin zu den markanten Schlüsselbeinen. Seine Lippen näherten sich Eduards Mund. Dem Grafen wurde schlecht. Doch egal, in welche Richtung er seinen Kopf drehte, er war Minsk ausgeliefert und konnte nicht verhindern, dessen Zunge in sich zu spüren. Ein Biss, er schmeckte Blut. Unerwartet schnell fasste Minsk nach seiner Jackentasche und zog einen spitzen Gegenstand heraus. "Tu das noch einmal Eduard... du kannst dir vermutlich nicht vorstellen, was man mit so einem Ding hier alles tun kann." Und dabei drehte er das glänzende Messer vor den Augen des Grafen. Das Metall war kühl an seiner Kehle. Minsk setzte die Spitze genau in die Mitte zwischen den beiden Schlüsselbeinen des Grafen an. Dann zog er es langsam und unter leichtem Druck immer weiter nach unten, schnitt das Hemd auf und hinterließ auch gleichzeitig eine schmale Blutspur auf Eduards Brust, die er jedoch wenig später begann, gierig abzulecken. Von Kalau erduldete es. Er sah die ganze Zeit wegwärts, als dieser kleine dicke Mann auf ihm saß und seine Gier an ihm stillte. Er würde einfach nicht hinsehen... und vergessen. Sein Hemd zerrissen, seine Augen leer. Sein Körper geschändet, doch er weint nicht. /Es ist egal. Egal. Ganz egal. Er nahm meinen Körper, meine Seele hielt ich vor ihm verborgen. Nur meinen Körper. Es ist... nichts passiert.../ /Er lächelte, als er plötzlich vor mir stand. Ich hatte so lange auf ihn gewartet. So viele Minuten voller Angst. Er holte mich aus diesem dunklen Raum, öffnete die Tür und stand in vollem Licht. Wie ein Engel, der gekommen ist um mir meine Sünden zu vergeben. Doch auch er ist ein Sünder. Er war es seit dem Tag, an dem er mich wollte. Wir beide gehören zusammen, wir wissen es. Ich weiß nicht genau, was sich zwischen ihm und Minsk abgespielt hatte. Ich weiß nur, dass er ihm sehr weh getan haben muss. Sein Hemd ist nicht mehr weiß, die Unschuld ist verflossen, hat sich gemischt mit dem Rot des Blutes. Sein Haar ist wirr, aber noch immer lächelt er. Er nimmt mich in den Arm, ich spüre dass er zittert. Jetzt wird alles gut. Jetzt wird alles gut. Es wird alles gut. Er sagt es dreimal . Meint er es so? Es wird alles gut, doch als wir zu Hause ankommen, merke ich, dass er versucht, seinen innersten Schmerz im Alkohol zu ertränken./ /Es wird alles gut.../ /Meint er es so?/ ****************************** Part 15: FADING INNOCENCE „Eduard, bitte ... das ... das ist jetzt schon die zweite Flasche...“ Von Kalau saß auf dem blassgrünen Sofa direkt vor dem Fenster und lächelte Kim müde an. Dann hob er sein Glas, als wolle er auf irgendetwas anstoßen, wobei sein Lächeln in eine steinerne Miene überging. Mit einem Zug trank er leer. Kim seufzte hörbar, Tränen standen ihm in den Augen. „Von Kalau...“ Er ging einige Schritte auf den Grafen zu. Eduard beobachtete jede seiner Bewegungen ganz genau. Er ließ seine grünen Augen von Kim keine Sekunde lang ab. „Das Trinken wird Euch noch krank machen...“ Vorsichtig setzte sich Kim neben den Grafen. /Kein Wort. Er sagt kein einziges Wort zu mir. Hat ihn der Schmerz innerlich schon so zerfressen, dass ich ihn nicht mehr erreichen kann?/ Eine halbe Ewigkeit schien zu vergehen, in der sie einfach nur so da saßen, in der Stille des lauwarmen Abends. Plötzlich fing von Kalau an zu lachen. „Was soll das ganze Theater, Kim Prokter? Ich hab’ dir doch gesagt, dass ich bald wieder in Ordnung bin...“ „Aber so löst Ihr keine Probleme!“ Er nahm Eduard das Glas aus der Hand. „Nein... sicher nicht...“ „Wollt Ihr... wollt Ihr nicht... darüber reden?“ Der Graf zog seine Augenbraue nach oben und blickte Kim direkt in die Augen. „Worüber Kim?“ Kims Blicke senkten sich. „Über... über das, was Euch dieser... Fürst...“ „Kim, sieh’ mich an! Sieh’ mich an, Kim!“ Eduard legte seine Hand unter Kims Kinn. Eine sanfte Berührung... „Sieh mich an! Denkst du... Denkst du tatsächlich, dass ich daran zerbreche, wenn ich von ihm... diesem Fürsten gegen meinen Willen genommen werde? Er tat es schon in meiner Jugend. Meine Eltern wussten es. Sie wussten es, doch sie taten nichts. Also musste ich mich anderweitig schützen. Ich legte Gleichgültigkeit an den Tag. Und das tue ich jetzt noch, verstehst du?“ Kim sah von Kalau traurig an. „Ich will... kein Mitleid! Das einzige, was ich will ist... dass... dass du in Sicherheit bist, hörst du? Ich will nur, dass man dir nicht weh tut. Alles andere ist mir egal!“ Wieder lachte er, doch dieses Mal leiser. „Hör’ sich das einer an. Jetzt rede ich schon richtig wirres Zeug daher und du hältst mich wahrscheinlich für ganz und gar verrückt... Wer weiß... vielleicht bin ich es ja auch!“ Kim sah ihn mit großen Augen an. „Sagt so etwas nicht!“ „Aber in gewisser Weise bin ich es Kim. Ich bin es, und zwar seit dem Tag, an dem ich dich gesehen habe. Ich habe dich beobachtet, in der Dunkelheit der sternenklaren Nacht. Sag’, hast du gespürt, dass ich dich beobachtete? Wieso hast du heraufgesehen? Auch wenn die Dunkelheit fast alles verschluckt hat, ich konnte dennoch deine Augen sehen. Sie strahlten bis zu mir, bis tief in meine Seele. Und ich wusste, dass du zu mir gehörst. Von dem Tag an war ich wie besessen. Du hast es kaum gemerkt, oder?“ Kim lächelte und schüttelte dabei den Kopf. „Ja, ich war besessen und es hat mich fast verrückt gemacht! Dich nicht bei mir zu haben, dich nicht einfach lieben zu können, weil es uns verboten war. Ich begehrte dich so sehr, dass ich dich beinahe genommen hätte. Jede Berührung, jede noch so kleine Berührung machte dieses Verlangen nur noch umso schlimmer. Als ich deine Wange spürte...“ Eduard fuhr ihm mit der Hand über das blasse Gesicht. „Deine Brust...“ Er glitt tiefer hinab. Kims Atem ging schnell. „Deinen... Herzschlag...“ Von Kalau nahm Kims Hand in seine und legte sie an seinen eigenen Oberkörper. /Das ist... das erste Mal, dass ich ihn so berühre... Eduard.../ „Spürst du es nun?“ Er beugte sich über den Jungen, so dass Kim unter ihm lag. Sie sahen sich in die Augen, ihre Lippen näherten sich, sie konnten schon die Wärme spüren, ein leidenschaftlicher Kuss. Kim ließ Eduard dieses Mal ohne Zögern in ihn eindringen. Er wollte es so gerne, wollte ihn schmecken, wollte in diesem Augenblick von ihm entführt werden, in eine Welt, die er noch nicht kannte. Nicht so... „Wenn du willst, dass ich aufhöre, dann halte mich jetzt zurück Kim. Wenn ich weitermache, raube ich dir heute deine Unschuld. Und dann gibt es kein Zurück mehr...“ „Heute... verliere ich sie...“ „...Ja...“ Von Kalau küsste Kim erneut und begann anschließend dessen Hemd aufzuknöpfen. Immer weiter, weiter und weiter... bis er Kims entblößte Brust unter sich hatte. Er strich leise darüber, ganz vorsichtig, wie die Berührung einer kleinen Feder, die irgendwo vom Himmel fiel. Sein Mund glitt zuerst Kims Hals hinab, spielte mit seinen Schlüsselbeinen, fuhr weiter nach unten und fand schließlich, was er suchte. Kim atmete laut aus und Eduard schmunzelte. Schon das erste Mal hatte Kim so reagiert, als er ihn hier berührt hatte. Kim hatte seine Hand an Eduards Kopf gelegt und strich ihm durch die Haare. /Denkst du, dass das schon alles ist, Kim? Denkst du, ich begnüge mich damit, mit deinen kleinen Nippeln zu spielen? Da ist mehr.../ Von Kalau ließ von Kims Brust ab und küsste ihn auf die Stirn. Er spürte, wie der Junge vorsichtig versuchte, ihm ebenfalls das Hemd zu öffnen. Kim zitterte dabei und Eduard fasste um seine Hände, half ihm dabei. „Fürchtest du dich davor, mich zu berühren, Kim?“ /O Gott, immer wenn er mit dieser tiefen Stimme zu mir spricht, verliere ich mich in ihr.../ Er streifte sein Hemd ab und warf es auf den Boden, neben Kims Oberteil. /Er ist so schön... Sein ganzer Körper... von makelloser Schönheit... Jede seiner Muskeln ist gespannt.../ Ganz unerwartet stand von Kalau auf und hob Kim auf seine Arme. „Lass uns auf mein Schlafgemach gehen...“ Kim wurde plötzlich rot. /Schlafgemach... Er wird heute mit mir schlafen... Er wird... mit mir schlafen./ Sein Herzschlag ging immer schneller, als er in Eduards Armen lag. Er hätte ihm gerne gesagt, er solle ihn selbst laufen lassen, aber er befürchtete, dass er das nicht konnte. Er hatte das Gefühl, als würde sich alles um ihn herum drehen. Als der Graf mit Kim im Arm die Treppe nach oben stieg, bemerkte er nicht, dass sie beobachtet wurden. Zwei dunkle Augen hinter einer leicht geöffneten Tür nahmen alles in sich auf, jedes einzelne Wort, dass sie miteinander wechselten, jeden Kuss, all die Leidenschaft... Im Schlafgemach angelangt, legte Eduard Kim auf das große weiche Bett und schloss anschließend die Tür. Wieder beugte er sich über Kims zarten Körper, übersäte ihn mit leidenschaftlichen Küssen. Kim spürte, wie diese kleinen Berührungen des Grafen eine unbändige Lust in ihm aufsteigen ließen. Diese Erfahrung war vollkommen neu für ihn. Er spürte eine schleichende Wärme in seinem schmalen Becken aufkeimen, die sich immer weiter nach unten ausbreitete. Kim zuckte zusammen, als Eduard ihn flüchtig berührte. Er strich im ganz vorsichtig über die Hose, wusste, was Kim in diesem Augenblick empfand, wusste, dass er einer Sensation erlegen war, die ihm beinahe den Verstand raubte. Eduard legte seinen Kopf an Kims Ohr, während er mit der linken Hand begann, dessen Hose zu öffnen. „Was ist, Kim? Wünschst du dir, dass es aufhört? Dass ich dich von der Enge deiner Hose befreie und dich erlöse?“ Seine Hand glitt tiefer hinab. Er umfasste Kim, streichelte ihn, glitt mit seiner Hand in einem gleichmäßigen, langsamen Rhythmus immer wieder auf und ab und Kim bewegte sich mit ihm. Er krallte seine Hände in das weiße Laken, atmete laut ein und aus. Er wollte es nicht, doch konnte nichts dagegen tun. Das fremde Gefühl steigerte sich in ihm, immer weiter, würde es gleich vorbei sein? Doch von Kalau zog abrupt seine Hand aus Kims Hose. /Nein! Nicht...! Das tut weh, verdammt.../ Kim stöhnte auf, hob unbewusst sein Becken an, nur um irgendeine Berührung zu spüren, die ihn hätte erlösen können, doch Eduard vermied es, ihn jetzt schon frei zu geben. Kleine silberne Perlen standen auf Kims Stirn. Er hatte gar nicht bemerkt, dass von Kalau ihm inzwischen die Hose heruntergezogen hatte. Eduard streifte sie ihm nun ganz und gar ab. Kim war nackt. /So schön, so zerbrechlich! So voller Unschuld!/ Kim fühlte Eduards Blicke auf seinem Körper, wie sie ihn musterten. Ein kühler Wind streifte ihn. Er blickte zum offenen Fenster hinüber, sah, wie der Wind mit den durchsichtigen Vorhängen spielte, wie sie sich aufblähten und dann miteinander verschmolzen. Von Kalaus Finger spielten mit Kims Bauchnabel. Ein leises Flüstern. „Es wird etwas weh tun. Vertraust du mir, Kim?“ Der Junge lächelte nur zart. Eduard hatte Kim auf die Seite gedreht und sich hinter ihn gelegt. Ganz nah beieinander spürten sie ihre gegenseitigen Atemzüge, ihre Wärme und Kim fühlte, dass der Graf ebenso erregt war, wie er. „Ungh...“ Der Schmerz war unerwartet gewesen. „Entspann’ dich. Ich will dir nicht weh tun... Ich muss dich erst vorbereiten...“ Er drang mit einem Finger in Kim ein, während er mit der anderen Hand Kims Männlichkeit umfasst hielt. Ein unangenehmes Ziehen machte sich in Kims Unterkörper breit, er fühlte sich zu eng. Ihm war so heiß, er spürte von Kalau in sich, aber noch nicht das, was er in sich spüren wollte. Er hatte nicht vermutet, dass man es nicht gleich tun konnte. Und er hatte nicht vermutet, dass es so schmerzhaft sein könnte... Eduard öffnete Kim noch weiter, erst mit zwei Fingern, dann nahm er noch einen dritten. „Es tut bald nicht mehr weh. Beim ersten Mal ist es am schlimmsten. Vertrau’ mir, es ist bald vorbei...“ Kim schluckte und nickte vorsichtig. Einerseits tat es so unendlich weh, andererseits war es wunderschön. Er fühlte, wie Eduard nun aus ihm herausglitt. Einen Augenblick Stille. Der Graf umfasste Kims schlanke Taille und massierte ihn weiter. Dann drang er ein, nicht weit, nur ein kleines Stück zuerst, um den Schmerz für Kim erträglich zu machen. Kims Herz ging schnell, doch er versuchte, sich zu entspannen. Von Kalau wusste, wann der Junge bereit sein würde und drang nun ganz in ihn ein. Kim stöhnte auf, von Kalau umarmte ihn. „Es ist alles gut, Kim. Das ist in Ordnung. Es ist gleich vorbei...“ Der Junge atmete schwer und schüttelte den Kopf. „Nein...“ keuchte er. „Es... geht schon... ich weiß nur ... nicht... ich war nicht...“ „Schhhhhhh...“ /Er ist so vorsichtig... Ich fühle ihn in mir, wir sind jetzt eins. Er bewegt sich in mir, ich verliere den Verstand. Schmerz erlischt, Unschuld zerbricht. Ich liebe ihn.../ Ein leises Stöhnen durchzieht die säuselnde Nacht. Sie nähern sich ihrer Erlösung. Noch einmal heben und senken sich ihre angespannten Körper und dann... ist es vorbei. Erschöpft lagen sie nebeneinander im Bett. Kim hatte seinen Kopf auf von Kalaus Arm gelegt und mit der anderen hielt er die linke Hand des Grafen. Kim sah, wie sich Eduards Brust schnell hob und wieder senkte. „Ich hatte keine Ahnung, dass es so anstrengend ist...“ Der Graf lachte bei dieser Bemerkung leise. Er lehnte sich hinüber zu Kim und küsste ihn sanft. „Bist du müde?“ Kim jedoch gab ihm keine Antwort, sondern sah ihn nur fragen an. „Gut, dann komm’ mit mir!“ Er stand auf und zog sich seinen Morgenmantel über, dann ergriff er Kims Hand und zog ihn vom Bett hoch. Er legte ihm ebenfalls einen Mantel über die Schultern. „Wohin... wollt Ihr gehen?“ „...“ Noch immer zog der Graf Kim bei der Hand mit sich. Der Junge zögerte, als er bemerkte, dass von Kalau vorhatte, mit ihm das Schloss zu verlassen, aber als er in Eduards grüne Augen blickte, waren alle seine Sorgen verschwunden. Die Nacht war lauwarm, nur der Wind, der ab und zu blies und den Duft von süßem Jasmin mit sich trug, fuhr ihnen frisch durch die Haare. Sie liefen durch eine Allee, an deren Rand große Bäume standen, die wunderschöne weiße Blüten trugen. Ihre Blätter raschelten leise und wiegten sanft im Wind. Am Ende des Weges befand sich ein kleines Tor. Von Kalau öffnete es und sie schlüpften beide hindurch. Kims Blick fiel auf eine leuchtende Scheibe. Ab und zu schien sie unruhig zu werden, sich zu kräuseln und dann wieder makellos vor ihnen zu liegen. /Der Mond... Er spiegelt sich im klaren Wasser des kleinen Sees.../ Plötzlich fühlte Kim eine Berührung an seinen Schultern und sah zu Eduard auf, der hinter ihm stand. Langsam öffnete der Graf Kims Mantel, zog ihn aus, dann seinen eigenen. Kim ließ es einfach geschehen. Seine Augen hatten sich wieder an dem leuchtenden Fleck festgeheftet, der ihn faszinierte. Genau wie damals, genau wie damals, als er das erste Mal in Eduards tiefe Augen geblickt hatte. Sie waren so geheimnisvoll, wie er. Und sie glänzten genauso wie er... wie der silberne Mond. Von Kalau führte Kim ins Wasser. Es war kühl und der Junge fröstelte leicht, doch als er Eduards heißen Atem in seinem Nacken spürte, wurde ihm warm. Kim drehte sich dem Grafen zu, sie standen sich ganz dicht gegenüber. /Kleine Wasserperlen hängen an seinem makellosen Körper.../ Kim strich mit seinem Zeige- und Mittelfinger über den schmalen Kratzer, der genau in der Mitte von Eduards Brust verlief. Von Kalau wich einen Schritt zurück und sah zur Seite. „Entschuldigt...“ Stille. Von Kalau grinste plötzlich mit seinem rechten Mundwinkel. „Für was, mein lieber Kim, entschuldigst du dich ständig???...“ Kim wollte gerade antworten, als er plötzlich vollgespritzt wurde. Ein großer Wasserschwall mitten ins Gesicht. Dann stand er verduzt da und blickte von Kalau verständnislos an. Dieser lachte nur und lief etwas weiter hinaus in den See. „Von Kalaaaauuuu! Das verlangt Rache!“ Und er stolperte Eduard hinterher, so schnell er nur konnte. Wie zwei kleine Kinder spielten sie im Wasser, waren frei von den Lasten des Lebens. Sie dachten an nichts anderes mehr, nur noch an sich. Eduard war plötzlich wieder todernst. Sein Blick ging zu einem der alten Bäume, die gleich in der Nähe des Sees standen und hafteten sich dort fest. Kim folgte seinen Augen, doch er konnte nichts erkennen. „Hey... das ist doch wieder einer Eurer Tricks! Ihr legt mich nicht noch einmal herein!“ Flüchtig schaute Eduard zu Kim, lächelte sanft. Er berührte ihn an der Schulter. „Komm’ jetzt, wir sollten wieder zurückgehen... Du zitterst ja schon...“ /Ich verstehe ihn manchmal einfach nicht.../ Sie stiegen aus dem See und zogen sich die Mäntel über. Von Kalau küsste Kim noch einmal. „Bitte geh’ schon vor. Ich möchte noch kurz über etwas nachdenken. Geh’ auf mein Zimmer und warte dort auf mich... Mach’ nicht so ein Gesicht, Kim! Denk’ nicht, dass ich dich lange alleine lasse! Wir zwei haben heute Nacht noch viel vor!“ Wieder ein Lächeln und eine zärtliche Berührung. Von Kalau schmunzelte. Es war amüsant zu sehen, wie leicht man Kim doch in Verlegenheit bringen konnte... Kim küsste den Grafen auf die Wange und lief dann langsam in Richtung Schloss. /Ich werde nicht darüber nachdenken. Er war mir schon immer ein Rätsel. Ich verstehe ihn nicht... / Eduard wartete, bis Kim aus seinem Blickfeld verschwand, dann drehte er sich um und starrte in die Dunkelheit, wobei er seine Augen halb schloss. „Was hast du hier zu suchen, Erich?“ Ein Rascheln und bald darauf erschien ein dunkler Schatten, der sich von dem Schwarz der Nacht abhob. Der Junge kam auf den Grafen zu, ließ ihn dabei nicht aus den Augen, sondern blickte geheimnisvoll von unten hinauf zu Eduard. „Ich will nicht, dass du mir nachspionierst, verstehst du?“ Erichs rechtes Augenlid schien nervös zu zucken. „Ich habe ihn gesehen. Ich habe ihn heute gesehen...“ „Wen meinst du?“ „Er stand direkt neben Euch!“ „Erich, von wem redest du da?“ „Ich habe ihn gesehen. Ganz deutlich, ganz klar. Habt Ihr ihn nicht bemerkt?“ „...?“ „Habt Ihr nicht gemerkt, wie er seine gierigen Finger nach Euch ausstreckte? Ich habe ihn gesehen...“ „Jetzt rede schon, wen hast du gesehen?“ „Den Tod!“ ****************************** Part 16: ZEPHIR „... den Tod...?!“ „Ihr glaubt mir nicht?“ „Sagte ich das?“ „Ihr glaubt mir nicht...“ Erich blickte Eduard fest in die Augen und der Graf blickte zurück, ohne jegliche Emotion. /Ihr fürchtet ihn nicht, doch er ist näher als Ihr glaubt.../ Erich senkte seinen Kopf und hörte nur noch die langsamen Schritte Eduards auf dem Kiesboden, die sich immer weiter von ihm entfernten. Stille. /Wie süß von dir... Du hast auf mich gewartet?.../ Eduard betrat den Schlosshof. „Was machst du noch hier draußen, Kim?“ Kim hatte den Grafen nicht kommen sehen und drehte sich erschrocken zu ihm herum. „Uhhhmm... ich... die... die Nacht ist so wunderschön und friedlich und...“ „...jung!“ vollendete Eduard Kims Satz. Dann hob er den Jungen ganz plötzlich auf seine Arme und flüsterte an sein Ohr. „Noch so jung, Kim! Und noch so... lange...“ Dabei lächelte er verführerisch und verschmälerte seine grünen Augen. /In dieser Nacht liebten wir uns noch einmal. Und wieder ließ ich mich von Eduard entführen, wieder gab ich mich seinen sanften Berührungen hin, spürte seinen heißen Atem auf meiner Haut, spürte ihn... – Tief in mir. Wir sind Sünder, vergibt man uns?/ „Herr... Es ist Besuch für Euch da!“ Kim blickte von seinem Buch auf. „Besuch? Für mich? Das... muss ein Irrtum sein, oder will Heinrich mal wieder auf sich aufmerksam machen und lässt sich seit neuestem ankündigen?“ Er schmunzelte. „Ich lasse bitten...!“ Das Dienstmädchen verbeugte sich höflich und eilte schnell aus dem Zimmer. Kim legte müde sein Buch auf den Tisch, der neben seinem Sessel stand und stand auf. Er lief zur Tür, denn er wusste, dass Heinrich gleich auf ihn losgestürmt kommen würde um ihn zu umarmen. /Als hätten wir uns eine halbe Ewigkeit nicht gesehen... Genau so verhält er sich mir gegenüber immer.../ Aber andererseits, wenn nicht Heinrich ihn ab und zu einmal umarmen würde, wer dann? (Wer dann?!) Knapp vor der Tür blieb er stehen, seine Gedanken kreisten genau um diese eine Frage. Wer würde ihn sonst in den Arm nehmen?! Und eine einzelne Träne rann seine Wange hinab. Er wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als er hörte, wie der Türgriff nach unten gedrückt wurde. Schnell wischte er sich über sein Gesicht, um nicht preiszugeben, dass er geweint hatte. Um Gottes Willen, Heinrich hätte ihn dann sicher für den Rest des Abends nicht mehr in Ruhe gelassen und ständig nachgebohrt, was ihn denn bekümmere. Im Grunde war das doch egal (Egal... wenn man nicht daran denkt!). Die Tür öffnete sich. Kims Herz begann auf einmal schnell zu schlagen und seine Augen wurden immer größer. Er wollte etwas sagen, ein „Willkommen“, ein „Ich habe dich so vermisst“, aber sein Mund war wie verschlossen und noch bevor er sich zu Worten drängen konnte, spürte er schon eine herzliche Umarmung und hörte eine feine Stimme an seinem Ohr. „Kim... Kim-oniichaaaan!“ Erst stand er einfach nur so da, konnte nicht glauben, dass er nicht träumte, doch dann hob er seine Arme ganz langsam und umarmte seine kleine Schwester, die weinend immer wieder seinen Namen aussprach. „S... Soph... Sophie...“ stammelte er schließlich. Sie löste sich von Kim und stand ihm mit glühendem Gesicht gegenüber. „Oniichan... so lange! So lange! Ich hab’ dich so lange gesucht und endlich gefunden!“ Kim lächelte. „Meine... kleine Sophie...“ Bei dieser Bemerkung stupste Sophie in plötzlich an der Nase. „Heeeey... oniichan! Sieh’ mich doch erst einmal genau an, bevor du mich kleine Sophie nennst!“ Sie breitete ihre beiden schlanken Arme aus und drehte sich vor ihm. Ja, sie hatte recht. Sie war tatsächlich nicht mehr die kleine Sophie, wie er sie kannte. Sie hatte sich verändert, wenn auch vielleicht nur äußerlich. Sie war in den vergangenen drei Jahren fraulicher geworden, hatte einen schönen Busen bekommen, eine schmale Taille und war auch größer geworden. „Verzeih’ mir, Sophie! Du hast recht... Du bist tatsächlich nicht mehr klein!“ Sie grinste ihm ins Gesicht und ganz unerwartet spürte Kim plötzlich zwei Hände, die sich an seine Hüfte legten. Sophie schüttelte übertrieben den Kopf und lachte dabei. „Oniichaaaan! Sieh’ sich das einer an...“ Sie fuhr mit ihren Händen Kims Seite entlang, zu seiner Hüfte. „Du bist ja noch immer so schmal! Naja, vielleicht nicht mehr so ganz... aber...“ „Hey... diese Bemerkung will ich jetzt aber überhört haben, Sophie!“ Er nahm ihre Hand in die seine und beugte sich zu ihrem Ohr. „Meine Hüfte mag vielleicht etwas schmal sein, aber dafür bin ich woanders größer geworden, kleines Schwesterchen!“ Einen Moment lang gab Sophie keinen Laut von sich, musste erst überlegen, was ihr Bruder damit meinte. Doch dann, ganz plötzlich, von einer Sekunde zur nächsten, stand sie mit hochrotem Kopf da und hob ihr Fingerchen in die Luft. Sie wedelte damit vor Kims Nase herum. „Du bist durch und durch verdorben, oniichan! Ich glaube, ich muss mal ein ernsthaftes Wort mit Eduard reden, dass er ein Auge auf dich wirft!“ /Eduard.../ „Das wird nichts nützen, Sophie!“ erklang eine Männerstimme an der Tür. Kim und seine Schwester blickten auf und sahen Heinrich, der mit einem breiten Grinsen auf den Lippen und beiden Händen in den Hosentaschen, in den Saal kam. „Das hat er ja von Eduard! Da nützt es nichts, wenn du ihm sagst, dass er besser auf Kim aufpassen soll! Aber...“ Er trat dicht an Kim heran und legte seine Hand auf dessen Kopf. „Vielleicht sollte ich mich mal um den Kleinen hier kümmern!“ „Heinrich... hör’ auf damit!“ Kim protestierte und duckte sich, um Heinrichs Hand zu entkommen. Heinrich lachte wieder und ergriff wenig später Sophies Hand um ihr einen Handkuss zu geben. „Es freut mich, dass du hierher gefunden hast, liebe Sophie!“ „Ich habe dir viel zu verdanken, Heinrich!“ „Ihr beide kennt euch?“ Kim blickte sie fragend an und Sophie nickte kaum merkbar. „Heinrich hat mir gesagt, wo ich dich finden kann.“ „Das erklärt aber trotzdem noch nicht, woher ihr euch kennt!“ „Najaaa... das erste mal haben wir uns auf Catharinas Ball gesehen...“ „Und das zweite Mal?“ „Oniichan... es gibt so viel, was du noch nicht weißt und was ich dir noch erzählen muss... Hach, ich weiß gar nicht, wo ich überhaupt anfangen soll!“ Sie tippte mit ihrem Zeigefinger an ihren kleinen Schmollmund und dachte angestrengt nach. „Aaaalsooo... weißt du... ich... ich werde bald heiraten, oniichan!“ /Heiraten?/ „Ich habe einen sehr lieben Mann kennen gelernt. Er Heißt Maximilian von Reichert. Sagt dir der Name etwas?“ Kim schüttelte den Kopf. „Naja... er ist jedenfalls ein guter Freund von Heinrich.“ Kim blickte misstrauisch auf Eduards Bruder, der sich mit seiner Hand den Hinterkopf rieb und grinste. „Wieder einer von deinen „guten“ Freunden, Heinrich?“ „Ich kann ihm absolut vertrauen. Glaube mir Kim, ich hätte niemals irgendetwas ausgeplaudert, über dich und Edu, wenn ich mir dessen nicht sicher gewesen wäre. Er hat mir erzählt, wie verzweifelt Sophie wäre... Sag’ mal, wo steckt er eigentlich?“ „Eduard?... .... .... .... Ich weiß es nicht... Ist jetzt aber auch nicht so wichtig! Kommt, setzen wir uns doch erst einmal. Mögt ihr etwas trinken?“ Kim schob seine kleine Schwester auf die Sofas zu, die in einer gemütlichen Ecke vor dem Kamin standen. Heinrich folgte den beiden stumm und ließ dabei seine Augen keine Sekunde von Kim ab. /Was versuchst du zu verbergen, Kim Prokter? Wieso lenkst du in letzter Zeit immer wieder von Eduard ab?/ Sophie ließ sich seufzend auf das weiche Sofa plumpsen und lehnte sich zurück. Heinrich nahm neben ihr Platz und Kim setzte sich den beiden gegenüber, damit sie sich besser unterhalten konnten. Inzwischen brachte eine Bedienstete den Tee. „Schade, dass Graf von Kalau nicht hier ist, Ich hätte ihn gerne einmal wieder gesehen...“ „Wie geht es Mutter, Sophie?“ /Oniichan... / Hatte Kim überhört, was sie gerade gesagt hatte? Oder war es für ihn einfach unwichtig...? Eines stand fest... Männer waren noch immer kompliziert und vermutlich würde sie ihre Meinung darüber auch niemals ändern... „Unseren Eltern geht es eigentlich ganz gut. Mama war zwischendurch mal krank, hatte eine leichte Grippe, aber jetzt ist sie gottseidank wieder auf den Beinen. Uhm, weißt du... ich wohne jetzt ja auch nicht mehr bei ihnen, sondern bei Maximilian, deshalb sehe ich sie auch nicht mehr so oft wie früher. Mama vermisse ich und Papa natürlich irgendwie auch... aber am meisten... am meisten habe ich dich vermisst, Kim-oniichan! Ich hatte wirklich gar keine Spur von dir, oniichan. Jedes Mal, wenn ich in die Stadt gefahren bin, hab’ ich gehofft, dir vielleicht zu begegnen, oder Eduard... aber...“ Sie begann zu weinen und Heinrich reichte ihr sein Taschentuch, mit dem sie sich die Tränen aus den Augen tupfte. „Ich bin so oft in die Stadt gegangen...“ Sophie blickte nervös auf die Uhr, die auf dem Kamin stand. „O nein... es ist ja schon wieder sechs Uhr...“ Sie stand auf. „Ich muss jetzt wieder fahren, Kim! Niemand weiß, dass ich hier bin, man wird mich sonst noch suchen! Ich will euch keine Schwierigkeiten machen...“ „Du willst schon wieder gehen?“ „Bitte sag’ jetzt nichts weiter, oniichan. Mir fällt es schon schwer genug, dich jetzt verlassen zu müssen. Ich habe Angst, dass ich dich beim nächsten Mal hier nicht mehr treffen werde, weil du schon wieder woanders bist und ich dann wieder soo lange nach dir suchen muss...“ Kim stand ebenfalls auf und umarmte seine Schwester. Ein leises Flüstern durchdrang den Raum. „Ich verspreche dir, dass ich hier auf dich warten werde, meine kleine Sophie!“ Er schloss seine Augen, wollte noch einmal diesen glücklichen Augenblick so intensiv wie möglich erleben. „Kim... ich... ich werde versuchen, dich jetzt öfter zu besuchen. Aber ich kann nicht zu häufig herkommen, sonst ist die ganze Sache zu unsicher, verstehst du?“ „Sicher...“ Sie küsste ihn auf die Wange. „Und bitte richte Eduard alles Liebe von mir aus. Und sag’ ihm, dass er immer gut auf dich aufpassen soll, hörst du? Richte ihm das von mir aus, ja?“ „Das werde ich...“ „Sie ist früh wieder gegangen!“ Kim blickte mit leeren Augen aus dem Fenster. Heinrich setzte sich neben ihn, doch er schien es nicht einmal zu bemerken. „Kim...?“ „Uhhhm... ent... entschuldige bitte, was meintest du?“ „Wo bist du mit deinen Gedanken, Kim Prokter. Uh-uh-uh... jetzt weiche meinem Blick nicht wieder aus, sieh’ mich an, wenn ich mit dir rede...“ Er legte seine Hand unter Kims Kinn. „Du wirst mir jetzt einmal erzählen, was in letzter Zeit mit dir los ist, hörst du?“ „Es... ist alles in Ordnung!“ /Bitte geh’ jetzt, Heinrich! Bitte.../ „Hat es etwas mit ihm zu tun? Mit Eduard?“ Heinrich bemerkte, wie sich Kims gleichgültiger Gesichtsausdruck plötzlich in tiefe Trauer legte. „Dachte ich’s mir doch! Komm’ schon, rede mit mir darüber, dann geht es dir bestimmt besser!“ /Ich... kann nicht mit dir darüber reden... verstehst du das nicht? Ich kann nicht... nicht über ihn reden.../ „Habt ihr euch gestritten?“ /Bitte... hör’ damit auf, Heinrich! Ich halte das nicht aus, bitte.../ „Kim...!“ /Lass’ mich in Ruhe... Ich... Ich... ich will es vergessen... ich will.../ „Was ist zwischen euch beiden vorgefallen? /Nichts.../ Heinrich berührte Kim an den Schultern und hielt ihn fest. „Hat er dich irgendwie verletzt? Hat er Dinge getan, die du nicht wolltest?“ /Ich.../ „Verdammt, Junge! Wenn du dich darüber nur ausschweigst, kann ich dir nicht helfen...“ /Ich... kann nicht... Verzeih’ mir.../ Kim spürte plötzlich, wie Heinrich seinen Kopf zu sich zog und Kim an seine Brust legte. „Mein Gott... ist euer Schicksal nicht schon hart genug? Müsst ihr beide euch denn das Leben selbst noch immer schwerer machen?“ Kim lehnte sich an Eduards Bruder. Er konnte dessen Körperwärme spüren, das gleichmäßige, ruhige Heben und Senken seiner Brust. Fast so, wie bei Eduard... Damals... „Ich...“ Es fiel ihm schwer, etwas zu sagen, doch Heinrich wartete und ließ ihm die Zeit, die er dazu brauchte, um sich ihm zu öffnen. Er wusste, dass es Kim oftmals schwer fiel, anderen Menschen seine Probleme mitzuteilen, aber er wusste auch, dass es Kim inzwischen so schlecht ging, dass er eines Tages daran zerbrechen würde. Und das würde er nicht zulassen! Niemals! „Eduard... er... Ich... Eduard liebt mich nicht mehr!“ / Ja, ich hatte Angst, es auszusprechen, hatte Angst vor diesen Worten... er liebt mich nicht... und doch... sagte ich sie, weshalb?/ „Er liebt dich nicht mehr?!“ Kim stiegen die Tränen in die Augen. Zum Glück lag er in Heinrichs Armen, so dass dieser sie nicht sehen konnte. „Er geht mir aus dem Weg.“ „Aber...“ „Nein... jetzt hör’ du mir einmal zu, Heinrich! Hör’ genau hin, denn ich werde es nicht noch einmal sagen! Eduard hat mich aus seinem Leben gestrichen! Ich bin für ihn wertlos geworden! Doch... doch das Schlimmste ist... ich... ich weiß nicht, weshalb!“ Heinrich blieben die Worte im Hals stecken. Das war nicht das, was er erwartet hatte. „Er... will mich nicht mehr, verstehst du? Wir...“ Er schluckte. „Ich weiß nicht mehr, wann... wann wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben. Es ist schon so lange her... Irgendwann war es einfach aus. Er wollte mich nicht mehr. Doch ich wollte ihn. Und ich... ich will ihn noch immer...“ „Meinst du nicht, dass...“ „...dass es einen anderen Grund für sein Verhalten gibt? Vielleicht... Vielleicht ist er in letzter Zeit so oft auf Geschäftsreisen, weil er dort findet, wonach er sucht.“ „Du denkst doch nicht etwa...“ „Eduard ist ein Mann, wie du und ich! Er hat die gleichen Bedürfnisse, wie du und ich! Und ich bin mir sicher, dass er sie...“ „Du unterstellst ihm doch nicht etwa, dass er einen Liebhaber hat...!“ „Ob Liebhaber oder Liebhaberin... ich weiß es nicht...“ Heinrich hob Kims Kopf an, so dass der Junge ihm ins Gesicht sehen musste. Schimmernde Tränen standen ihm in den Augen. Er hielt Heinrichs Blick nicht stand. Also sah er an ihm vorbei, in die Leere des Raumes. „Eduard tut so etwas nicht! Er mag ja schon viele Liebschaften gehabt haben, aber das würde er dir nicht antun, Kim!“ Kim lächelte bitter. Dann stieß er Heinrich unerwartet von sich weg und stand auf. Wieder versuchte er die Spuren seiner Tränen wegzuwischen. „Kim...“ Heinrich wurde unterbrochen, als sich plötzlich die Tür öffnete. Das erste, worauf Kims Blick fiel, waren die grünen Augen, so schön wie am Tag ihrer ersten Begegnung. Eduard nickte Kim und Heinrich leicht zu, das war seine Art der Begrüßung. /So kalt... er stößt mich von sich.../ „Eduard... Ihr...“ Als von Kalau Kim erblickte, lächelte er. „Kim... ich habe dich so...“ Er lief auf den Jungen zu und fasste ihn an den Schultern. Doch plötzlich hielt er in seiner Bewegung inne, ging einen Schritt rückwärts, nahm Abstand von Kim. Alle Herzlichkeit wich wieder aus ihm. Sein Blick fiel auf Heinrich, der noch immer auf dem Sofa saß und lustlos an seiner Tasse Tee nippte. Dann schwang er sich auf seine Beine und streifte beim Hinausgehen seinen Bruder an der Schulter. Er sagte kein Wort des Abschieds, sondern blickte Eduard nur stumm und tief in die Augen. Dann grinste er und war fort. „Seid Ihr erschöpft... möchtet Ihr vielleicht etwas essen? Oder trinken?“ Ein müdes Lächeln des Grafen. „Nein, vielen Dank! Ich möchte jetzt gerne... zu Bett gehen. Ich möchte... /mit dir schlafen.../ gerne zu Bett gehen. Gute Nacht!“ Weiter sagte er nichts. Nur, dass er zu Bett gehen wollte. Kim spürte wieder, wie sich die Einsamkeit in seinem Körper ausbreitete, wie sich der Graf immer weiter von ihm entfernte, immer unerreichbarer wurde, immer mehr in der Unendlichkeit verschwamm... /Ich bin ihm gleichgültig... und von Tag zu Tag wird es immer schlimmer.../
****************************** Part 17: CRIMSON Er hörte Eduards Schritte in der Vorhalle, dann verstummten sie allmählich. Kim konnte sich nicht bewegen, vielleicht wollte er es auch gar nicht, vielleicht hielt ihn irgend etwas fest und sagte ihm, dass er ihm nicht hinterhergehen sollte. /Aber... ich muss... Ich halte es nicht länger aus... ich muss mit ihm reden.../ Sein Herz schlug ihm bis an den Hals als er an die Tür von von Kalaus Schlafzimmer klopfte. Es öffnete niemand. /Schläft er schon? Aber... er ist doch erst vor fünf Minuten heraufgegangen.../ Er klopfte erneut, leise, in der Hoffnung es war nicht laut genug, um Eduard aufzuwecken, aber dennoch laut genug, dass er es hören würde, wenn er noch wach wäre. Doch die Tür blieb verschlossen, kein Laut drang aus dem Zimmer. Kim seufzte laut. „Kim...?“ /Eduard...?/ „Suchst du mich?“ Kim drehte sich in die Richtung, aus der die tiefe Stimme kam. Eduard stand hinter ihm in einiger Entfernung. „Von Kalau... ich... ich wollte... /Wieso fällt es mir so schwer zu sprechen, wenn er mich mit diesen grünen Augen ansieht?! Vielleicht, weil ich mir wünsche, es wäre alles so wie früher?/... Ich wollte gerne mit Euch reden... Der Graf sagte kein einziges Wort. „Ich meine... ich weiß ja... dass Ihr... dass Ihr müde seid, aber...“ Kim stockte, als er bemerkte, dass der Graf auf ihn zugelaufen kam und ihn dabei fixierte. Dann fühlte er Eduards Berührung an seiner Hand /Wieso trägt er immer Handschuhe, wenn er zu Hause ist?/. „Eduard?“ Er sah dem Grafen ins Gesicht. Dann blickte er auf seine Hand. /Ein... Ring?/ Von Kalau lächelte müde. „Ich wusste, er würde dir passen...“ „Der... ist... für mich?“ „Ich möchte, dass du ihn trägst, Kim...“ „Eduard...“ Kims Augen funkelten als er den gleichen Ring an der Hand des Grafen bemerkte, nachdem von Kalau seinen Handschuh ausgezogen hatte. „Bedeutet das...“ Eduard nickte nur. /Ja, Kim... wir beide... gehören für immer zusammen... Nein! Ich... keine... Umarmung, Kim! Komm’ nicht näher.../ Eduard machte einen Schritt zurück. /Ich hasse mich dafür. Ich hasse mich, wenn ich dich traurig mache. Du fühlst dich zurückgestoßen, verlassen, allein. So wie ich, Kim. Ich fühle mich auch so... Wir... wir sind zu zweit und doch... ist jeder von uns allein. Und... und ich weiß nicht, wie lange es noch so sein wird... Vergib mir bitte.../ Kim stand mit gesenktem Kopf vor dem Grafen. Zwei leise Tränen rollten seinen Wangen hinunter. „Ich... muss jetzt leider gehen, Kim. Bitte entschuldige mich...“ Der Junge blickte verstört auf. „Aber... Ihr müsst schon wieder gehen? Eben sagtet Ihr doch noch, dass Ihr zu Bett gehen wolltet...“ „... ich hatte vergessen, dass ich noch einmal in die Stadt muss...“ /Frage nicht weiter, Kim... Bitte.../ „Um diese Zeit? Kein Geschäft hat jetzt mehr geöffnet!“ „Da hast du recht, aber das bedeutet nicht, dass für mich alle Türen verschlossen sind...“ „Aber...“ „Kein Aber, Kim! Ich bleibe dieses Mal auch nicht lange weg...“ Es herrschte eine Weile Schweigen. „Versprecht Ihr es?“ Doch Eduard war verschwunden. Kim lehnte sich an die Wand und glitt mit seinem Körper hinunter. Ein lautes Schluchzen durchdrang den Raum. Seine Augen standen ihm so voller Tränen, dass er den Ring an seiner Hand nur sehr verschwommen wahrnehmen konnte. Er hielt ihn sich an die Wange und schloss die Augen. /Ihr seid mir fremd geworden... Eduard. So fremd... Kommt zurück! Sonst sterbe ich!/ „Monsieur... kann ich Euch irgendwie helfen? Fühlt Ihr Euch nicht wohl?“ Kim schüttelte nur den Kopf. „Nein nein... vielen Dank! Es... es geht mir gut. Bitte... ich möchte jetzt gerne alleine sein.“ Das Dienstmädchen verbeugte sich tief und stieg anschließend wieder die Treppen nach unten, wobei sie sich jedoch noch mehrere Male nach Kim umsah. „Nein... sieh sich das einer an! Ich glaube, ich hatte recht, als ich sagte, dass wir beide uns magisch anziehen, Edu!“ Heinrich setzte sich neben von Kalau an den Tisch. „Was machst du hier? Sonst bist du dir doch normalerweise auch zu fein, um hierher zu kommen...“ /Kein einziges Wort?/ Eduard hatte seinen Kopf etwas nach unten gesenkt, seine Haare fielen ihm vereinzelt über die Augen und er nippte lustlos an seinem Glas. „...“ „Du bist blass, Bruderherz! Geht’s dir nicht gut?“ „...“ „Hey... hast du...“ Doch Heinrich sprach nicht weiter. Er starrte nur auf Eduard, denn er konnte nicht glauben, was er da sah. /Er... weint.../ Von Kalau stand auf, ohne Heinrich auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen, legte das Geld auf den Tisch und verließ danach sofort das Gasthaus. /Ich habe ihn... noch nie.../ „Hey... Leute! Bitte entschuldigt mich mal für einen Moment, ja? Bin gleich wieder da!“ Die Meute, die in der anderen Ecke des Wirtshauses saß, grölte Heinrich zustimmend zu. Draußen war es stockdunkel. Die Straßenlaternen waren schon gelöscht worden und Heinrich musste eine Zeit lang warten, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. /Wo... ist er hin?/ *husthust* Er hörte plötzlich ein unterdrücktes Husten aus einer der Seitengassen und als er um die Ecke bog, sah er seinen Bruder, wie er an die Hauswand gelehnt dastand und sich eine Hand vor den Mund hielt. „Hey... Kleiner, bist du krank?... Das hört sich aber gar nicht gut an...“ Wieder ein Husten. „Lass mich in Ruhe, Heinrich! Wieso musst du mich immer belästigen?!“ Die Worte waren hart, dass wusste Eduard, aber irgendwie musste er seinen Bruder doch loswerden. Und eine andere Wahl blieb ihm nicht. „Geh’ Heinrich!“ Heinrich machte einige Schritte auf von Kalau zu. „Was ist in letzter Zeit nur los mit dir, Eduard?“ „Nichts... gar nichts...“ Heinrich schüttelte verständnislos den Kopf. „Du meinst, ich merke es nicht, wenn du mich belügst, was?“ /O nein, von Kalau... ich lass’ dich nicht so einfach gehen... Ich bin dein Bruder und ich will wissen, was mit dir los ist...!/ „Geh’ mir endlich aus dem Weg!“ Eduard drückte seinen Bruder unsanft beiseite, doch nur, um sich wenig später gegen die Hauswand gepresst vorzufinden, mit einem wutschnaubenden Heinrich vor sich, der ihn am Kragen gepackt hatte. „Mistkerl! Hör’ verdammt noch mal endlich damit auf!“ Stille. Eduard lachte plötzlich. „Womit denn, Heinrich?“ „Hör’ auf, dein Leben kaputt zu machen. Und denk’ gefälligst nicht immer nur an dich! Du denkst, es merkt niemand, wenn irgendetwas mit dir nicht stimmt, was? Hast du mal an Kim gedacht? Hast du mal daran gedacht, wie er sich fühlt, wenn du ständig unterwegs bist und ihm nicht einmal sagt, wo du hingehst? Oder wann du wieder zurückkommst?“ Eduard starrte Heinrich mit leeren Augen an. „Ja... ich weiß von deinen langen Geschäftsreisen. Wo warst du die ganze Zeit, huh? Wo hast du dich herumgetrieben? Hast du etwa Abwechslung gesucht?“ „Was willst du damit sagen?“ „Ich sage gar nichts! Aber es ist doch offensichtlich! Fast jede Nacht bist du weg, treibst dich wer weiß wo herum und Kim sitzt alleine zu Hause. Er macht sich Sorgen, Eduard! Sorgen um dich! Sorgen um... um Euch...“ „Ich hatte... wichtige Dinge zu erledigen...“ Wieder spürte er einen starken Druck an seiner Brust. Heinrich hielt ihn fest. „Wichtige Dinge, dass ich nicht lache! Was ist wichtiger als Kim? Etwa irgendein anderer Kerl? Oder eine Frau? Oder lässt du dich seit neuestem etwa von Minsk flachlegen? Ist es das, was du brauchst?“ Heinrich spürte plötzlich Eduards Faust in seinem Gesicht und er taumelte etwas benommen zurück. „Sag’ so etwas nie wieder, hörst du? Nie wieder!“ Heinrich rieb sich die Wange. „Ich weiß es... Eduard! Ich weiß, dass du nichts geschäftliches zu tun hattest. Zumindest nicht die ganze Zeit! Ich wollte dir nicht nachspionieren, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen, als sämtliche Geschäftspartner von dir aufzusuchen. Und du warst nicht dort. Du warst bei keinem dieser verfluchten Menschen! Und du denkst immer noch, dass ich dir abnehme, dass du wichtige Dinge zu erledigen hattest?“ Eduard blickte stumm auf seinen Bruder. „Du verstehst nicht...“ „Nein... ich verstehe dich wirklich nicht!“ „Du... du weißt, dass ich Kim nicht betrügen würde...“ „Ich weiß es... Doch weiß er es auch?“ „Ich muss geh...“ Heinrich fiel erst jetzt auf, dass Eduard sich beim Gehen ständig mit seiner linken Hand etwas an der Wand abstützte. Überhaupt wirkte seine ganze Gangart sehr gebückt. *husthusthust* /Da stimmt doch was nicht.../ Eduard spürte, wie ihn plötzlich seine Kräfte verließen und er sackte auf seine Knie. Wieder ein Husten. Heinrich rannte zu ihm. „Hey, Kleiner... was...?“ Doch wieder wurde er vom Grafen unsanft abgewiesen. Er half ihm dennoch, wieder aufzustehen. Eduard wollte gehen und wandte Heinrich den Rücken zu, dann lief er einige Schritte, unsicher, aber bis zu seiner Kutsche wäre es nicht mehr weit. „Wie lange schon... Eduard?!“ Eduard drehte sich halb zu Heinrich um. „Wie lange schon!!!!!!?“ „Ich weiß nicht... was du meinst, Heinrich!“ Heinrich lachte laut. „Hahaha... er weiß nicht, von was ich rede...!“ Dann wurde seine Mine plötzlich todernst. „Wie lange... spuckst du schon Blut, Eduard?“ Eduard drehte sich halb zu Heinrich um, nur so weit, dass er sehen konnte, wie sein Bruder da in der Dunkelheit stand und wie gelähmt auf seine Hand starrte. ****************************** Part 18: CRIMSON II „Es... ist nicht so schlimm, wie es aussieht...Ich...“ „Nicht so schlimm?“ Heinrich war Eduard ins Wort gefallen. Er lief mit langsamen Schritten auf den Grafen zu, wobei er ihn mit seinen Blicken visierte. Eduard senkte seinen Kopf. „Ich... gehe jetzt, Heinrich! Ich habe noch etwas sehr wichtiges zu tun. Bitte entschuldige mich!“ Schweigen, nur das ferne Klappern von Pferdehufen auf dem kalten Asphalt war zu hören. Heinrich streckte seine Hand nach Eduards Schulter aus und hielt ihn fest. „Ich war so dumm. Wieso bin ich nicht früher darauf gekommen? Ich hätte es doch sehen müssen, ich hätte dich kennen müssen... ... ... ... ... Kim weiß es nicht, hab’ ich recht?“ /O ja, wie recht ich doch habe. Ich sehe, wie du dich quälst. Hast du Schmerzen, Eduard? Hast du Schmerzen, die du versuchst, vor allen geheim zu halten?/ „Und du wirst es ihm auch nicht sagen, Heinrich!“ „Denkst du, dass du es noch lange verheimlichen kannst?“ „Es... wird bestimmt bald wieder besser.“ „Hey... seht mich an, Graf von Kalau!“ Heinrich legte seine Hand unter Eduards Kinn, doch Eduard entriss sich ihm mit einer raschen Bewegung. „Ich mag es nicht, wenn du mich so nennst und das weißt du auch.“ „Und ich mag es nicht, wenn du mit offenen Armen deinem eigenen Tod entgegenrennst.“ /Wut! Ja, wie sehr sie sich doch in deinen unendlich tiefen Augen spiegelt. Du konntest deine Gefühle immer gut verbergen, aber wenn du wütend warst, hattest du immer diesen Glanz in den Augen. So wie jetzt.../ „Deswegen also die Geschäftsreisen, ja?“ Der Graf sagte kein einziges Wort. „Du willst nicht, dass Kim mitbekommt, was mit dir los ist, richtig? Deswegen bist du ständig unterwegs. Er soll nicht merken, wie du hustest, wie du dein Hemd mit deinem eigenen Blut befleckst... Du brauchst einen Arzt!“ „Ich brauche keinen Arzt. Das wird schon wieder...“ „Wieso kannst du um Gottes Willen nicht einmal vernünftig sein?!“ *husthust* „Ich... ich gehe jetzt...“ „Wo willst du hin?“ „... Minsk...“ Heinrichs Augen wurden immer größer, als dieser Namen über Eduards Lippen kam. „Minsk...“ flüsterte er leise. „Aber...“ Von Kalau schüttelte den Kopf. „Ich muss mit ihm... etwas klären.“ „Ich kann dich nicht aufhalten, jetzt zu gehen, oder?“ Von Kalau lächelte müde und sah Heinrich ins Gesicht. „Es geht mir bestimmt morgen schon wieder besser. Ich muss mich nur etwas ausruhen. Mach’ dir keine Sorgen um mich /Ich... ich bin es nicht wert.../.“ Heinrich fühlte sich so verdammt hilflos. Er sah, wie sein Bruder mit unsicheren Bewegungen in die Kutsche einstieg. /Geh’ nicht, Eduard! Geh’... bitte nicht.../ Plötzlich hallte ein lautes Wiehern durch die Luft und Heinrich sah gerade noch, wie die Kutsche seines Bruders um die Ecke bog. Es war finster, doch er bildete sich ein, Eduard sehen zu können, wie er einen Finger auf seinen Mund gelegt hatte und ihn zum Schweigen aufforderte. /Du vertraust mir... / Die Nachtluft, die durch das leicht geöffnete Fenster der Kutsche strömte, war kalt und Eduard schlang seinen Mantel noch fester um sich. *husthusthust* *husthust* *husthusthusthust* Seine Hand glitt an seine Brust, mit der anderen hielt er sich ein Taschentuch vor den Mund, auf dem sich deutlich rote Flecken abzeichneten. Sein Atem ging schwer und er lehnte sich erschöpft zurück. /Ich hasse diesen Körper. Ich hasse ihn so sehr... Er hat dir Schmerzen bereitet Kim... anngggghhh... und er bereitet mir Schmerzen, die drohen, mich in ihrer Heftigkeit zu ersticken.../ „Ganz ruhig, Eduard! Es wird bestimmt gleich wieder besser (wird es das?).“ Er versuchte, ruhiger zu atmen, tiefer einzuatmen, auch wenn es ihm schwer fiel. „Herr? Wir sind bei Fürst Minsk angekommen. Kann ich noch etwas für Euch tun?“ Der Kutscher war am kleinen Fenster der Kutsche erschienen und sah den Grafen erwartungsvoll an. „Nein, nein, Johann. Ich danke dir. Es wird wohl eine Weile dauern, bis ich hiermit fertig bin. Du kannst nach Hause fahren. Ich werde mir dann eine andere Kutsche kommen lassen...“ „Ich kann auch auf Euch warten, wenn Ihr es wünscht...“ Eduard machte eine abfallende Handbewegung und der Kutscher verstand. Er ergriff von Kalaus Hand und half ihm beim Aussteigen. „Ich möchte Euch ja nicht zu nahe treten, Herr, aber Ihr solltet Euch wieder einmal etwas ausruhen...“ Der Kutscher zuckte regelrecht zusammen, als er merkte, dass von Kalau ihn mit seinen grünen Augen kurz anblickte. Doch dann wandte er ihm sogleich den Rücken zu und lief zum Eingang der großen Residenz des Fürsten. Er wurde sogleich vom Dienstpersonal empfangen und man führte ihn, nachdem man ihm den Mantel abgenommen hatte, in ein kleines Zimmer. „Ich wusste, dass du es früher oder später ohne mich nicht mehr aushalten würdest, mein lieber Eduard!“ Minsk saß in einem breiten Sessel und hatte die Beine übereinandergeschlagen. Eine Zigarre wanderte spielerisch in seiner Hand zwischen den Fingern hin und her. Der Fürst verschmälerte seine Augen als er den Grafen vor sich stehen sah. „Es ist spät... also wollen wir uns gleich auf mein Schlafgemach begeben? Oder bevorzugst du doch die kalten Wände des Kellers? Ja, ich glaube, die würden die ganze Angelegenheit noch ein bisschen spannender machen...“ Eduard zog einen kleinen weißen Zettel aus seiner Jackentasche und legte ihn mit Nachdruck auf den braunen Tisch, der zwischen ihm und Minsk stand. „Lasst das Gerede!“ Von Kalau deutete mit seinem Zeigefinger auf das Papier. „Wie oft soll ich Euch noch sagen, dass ich Schloss Hornbach nicht verkaufen werde?“ Minsk nahm einen Zug von seiner Zigarre und lächelte lustvoll. „Ich lasse mich nicht so leicht abfertigen, Eduard! Du weißt, dass ich immer alles bekomme, was ich will!“ „Schloss Hornbach wird Euch nie gehören! Ich verkaufe es nicht an Euch!“ *husthust* „Es wäre bei mir in guten Händen...“ Über diese Bemerkung konnte Eduard nur bitter lächeln. /Verdammt... nicht jetzt... meine Brust... sie schmerzt.../ „Was ist denn los mit dir, Junge? Du wirkst auf einmal so blass...“ *husthusthust* Der Graf hielt sich beide Hände vor den Mund, doch er konnte es nicht verhindern. Er konnte nicht verhindern, dass wieder Blut floss. „Oha... da hat sich wohl jemand was eingefangen...“ „Das tut nichts zur Sache, Minsk!“ „Das tut nichts zur Sache? Du kommst hier auf meine Residenz, schleppst diese Krankheit mit ein und das ganze tut nichts zur Sache, mein lieber Eduard? Du erstaunst mich immer wieder...“ Minsk stand auf und trat auf Eduard zu, der noch immer hustete. „Ich... ich verkaufe Hornbach nicht. Nicht an Euch!“ „Eduard...“ /Schwarz... alles wird... so schrecklich schwarz.../ Die letzten Worte des Fürsten konnte von Kalau nicht mehr hören. Er schloss die Augen und sein Körper fiel zu Boden. „Na, aus unseren Träumen wieder erwacht?“ Als der Graf langsam und benommen die Augen aufschlug war das erste, was er sah, Minsks Gesicht, das sich neugierig über ihn gebeugt hatte. „Es ist jetzt schon fast Morgen, Kleiner. Du hast mich lange warten lassen.“ Von Kalaus Blick schien noch etwas benommen und er konnte seine ganze Umgebung zuerst nur sehr verschwommen wahrnehmen. Doch als er sich über die Augen reiben wollte, spürte er, dass er seine Arme nicht bewegen konnte, ohne einen Schmerz in seinen Handgelenken hervorzurufen. *husthust* Er wollte sich aufsetzen, doch auch das gelang ihm nicht. /Er... hat... mich in Ketten gelegt?!/ „Mein lieber Eduard... sieh mich doch nicht so wütend an... Dachtest du etwa, dass ich die Gelegenheit nicht nutzen würde? Ich habe es einfach nicht über das Herz gebracht, dich so einfach nach Hause zu schicken.“ Von Kalau fror. Das alte Fenster mit dem schweren Holzrahmen war einen Spalt geöffnet und die kühle Herbstluft durchströmte das Zimmer. Es regnete in Strömen und für einen Moment war das gleichmäßige Prasseln der Regentropfen auf dem Fensterbrett das einzige Geräusch, das zu hören war. „Du zitterst ja wie Espenlaub, Junge...“ Minsk machte einige Schritte auf den Grafen zu, dessen Hände hinter seinem Kopf am Bett gefesselt waren. „So jung... und schon so krank...“ Der Fürst spürte, wie von Kalau jetzt am liebsten auf ihn losgegangen wäre, doch dann grinste er, da er wusste, dass es unmöglich war. „Wenn du heute besonders nett zu mir bist, Eduard... dann belohne ich dich vielleicht hinterher. – Vielleicht rufe ich dir einen Arzt...“ *husthusthusthust* „Sieh’ dir nun das Laken an. Du bist ein kleiner böser Junge! Jetzt muss ich es schon wieder wechseln lassen...“ Eduard versuchte zu grinsen. „Was habt Ihr nun vor, Fürst? Wollt Ihr mich vögeln und dann auch Blut spucken?“ Minsk trat noch näher an von Kalaus Bett. Eduard bemerkte, dass der Fürst Handschuhe trug. „Es... ist tatsächlich ein Jammer.“ Eduards Blick fiel auf Minsks Hose und er konnte deutlich sehen, wie erregt der Fürst war. Angewidert schloss er für einen Moment seine Augen. „Ahh... du hast mich also durchschaut, was?“ Langsam fuhr er sich mit der Hand zwischen die Beine. „Das ist nicht nett, was du mit mir tust, Eduard! Du solltest damit aufhören, hörst du?“ Als er dies sagte, glänzten seine Augen, als würde er jede Sekunde über den Grafen herfallen wollen. Doch die Tatsache, dass Eduard schwer krank war, hielt ihn davon ab. Stattdessen setzte es sich neben ihn aufs Bett und schob mit einer grazilen Langsamkeit die dünne Decke beiseite. „Du hast in letzter Zeit ziemlich wenig gegessen, oder, Eduard? Du bist für deine Größe fast schon zu schlank...“ „Was redet Ihr wieder für einen Unsinn?“ Minsk schlug ihm ins Gesicht. „Oh... ich... ich sollte einen kranken Jungen wohl nicht schlagen. Aber manchmal machst du mich einfach viel zu wütend... Nun, wo waren wir stehen geblieben? Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich dich vorhin, während du noch bewusstlos warst, entkleidet habe? Weißt du, es erregt mich genauso sehr, deinen Körper nackt unter diesem Laken zu wissen, wie ... wie... dich ganz entblößt vor mir zu haben.“ Und mit diesen Worten riss er mit einem Ruck die Decke von Eduards Körper. „Ich muss mich korrigieren... So ist es doch noch etwas besser...“ Er leckte sich mit seiner Zunge über die Oberlippe. Noch immer ruhte seine rechte Hand zwischen seinen eigenen Beinen. *husthust* *husthusthusthust* *hust* Eduard spürte, wie ihm sein eigenes Blut am Hals entlang lief, sich in der Vertiefung zwischen seinen beiden Schlüsselbeinen für kurze Zeit sammelte und dann über die Brust und an seiner Seite hinablief. „Sie tut dir weh, nicht wahr? Deine Brust, sie schmerzt dich, habe ich nicht recht? Doch darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Ich bin jetzt bereit, dich zu nehmen...“ Eduard schreckte zusammen. „Ihr wollt mich...?“ Minsk hatte seinen Finger auf Eduards Mund gelegt. „Shhht, Kleiner.“ Dann klatschte er zweimal in die Hände und eine kleine Tür, die in ein Nebenzimmer führte, öffnete sich vorsichtig. „Denkst du, ich bin so unvorsichtig und will mich bei dir anstecken? O nein, da hast du dich aber getäuscht!“ Eduard blickte zur Tür und seine Augen wurden immer größer, als er sah, wie ein junger Bediensteter hereinkam. Er war nackt und steuerte direkt auf den Fürsten zu. Ohne zu Zögern. Von Kalau bemerkte, wie ab und zu ein Scheuer Blick des jungen Mannes zu ihm herüberdrang. „Ihr habt mich gerufen, mein Herr?“ „Komm her, mein kleiner Liebling! Ach nein Hans, bevor wir beginnen, musst du erst noch das Fenster dort ganz aufmachen. Ich will, dass unser Besuch die ganze Schönheit des regnerischen Morgens sehen kann.“ Dabei lachte er laut auf. Hans tat wie ihm befohlen worden war und lief dann erneut zum Fürsten, der sich inzwischen zum Tisch begeben hatte, der etwa zwei Meter vom Bett entfernt stand, in welchem Eduard lag. Von Kalau wollte nicht darüber nachdenken, was kommen würde. Er wollte... wollte einfach nur wieder zu Hause sein, bei Kim, ihn in den Arm nehmen, seine Wärme spüren. Es war wirklich dumm gewesen hierher zu kommen und zu glauben, er wäre durch seine Krankheit sicher vor den lustvollen Gedanken des Fürsten. Er wurde plötzlich zurück in die Realität geholt, als er ein leises Stöhnen des Bediensteten vernahm. Er blickte hinüber, zu Minsk, der nun hinter dem jungen Mann stand und sich in gleichmäßigem Rhythmus immer wieder nach vorne und zurück bewegte. „Was siehst du mich denn so erschrocken an, Eduard?“ „Lasst den Jungen gehen!“ „O... dieser Junge hier ist zufällig nur zwei Jahre jünger als du und ihm gefällt, was ich mit ihm tue. Aber darauf kommt es gar nicht an, Eduard! Denn im Grunde ist er mir wertlos.“ Von Kalau bemerkte den bitteren Gesichtsausdruck auf Hans’ Gesicht. „Ihr seid so ein kranker Mistkerl, Min...“ *husthusthusthust* *husthust* „Uhhh..“ Hans stöhnte wieder, als Minsk von neuem in ihn eindrang. „Shhht... Hans. Heute musst du dich ganz leise verhalten... Hörst du es denn nicht? Dieses wunderbare Geräusch? Das schwere Atmen dieses Prachtstückes an Mann, das da in meinem Bett liegt? Hör’ genau hin und sei ganz still...“ Es war Eduard gar nicht mehr aufgefallen, was er für Schwierigkeiten beim Atmen hatte. Aber Minsk hatte recht. Er musste die Luft regelrecht in seine Lungen zwingen und von Atemzug zu Atemzug fiel es ihm schwerer. Die feucht-kalte Luft die durch das weit geöffnete Fenster strömte sorgte dafür, dass ihm noch kälter wurde, dass sein ganzer Körper zitterte, seine Lippen schon fast blau wurden. „Uh...uh... hast... uh… hast du gewusst, Eduard… uh, verdammt Hans, halt’ still... hast du gewusst Eduard... dass unser Klima tödlich für dich ist? Spürst du, wie sich die feuchte Luft in deinen Lungen festfrisst? Uh... arrrgghhh... ich ... huh... ich liebe es, wenn du dich mit deinem eigenen Blut bekleckerst. Weißt du... ich... uh uh.. ich stelle mir vor, dass du es bist, der hier gerade vor mir steht... dass du es bist, den ich gerade nehme. Spürst du mich in dir, Eduard?“ /Ich... ich spüre... nichts mehr. Nur noch... diese verfluchten Schmerzen in meiner Brust, die nicht enden wollen und mich fortziehen wollen, zurück in die Dunkelheit der Bewusstlosigkeit. Vielleicht ist es besser zu gehen, vielleicht...ist.../ Er hatte seine Augen nur halb geöffnet, Schweißperlen standen auf seiner Stirn und das Heben und Senken seiner Brust war sehr unregelmäßig. Er sah plötzlich, wie Minsk zu Boden geschlagen wurde, wie Hans aus dem Zimmer rannte und wie sich ein ihm bekanntes Gesicht über ihn beugte. Heinrich. „Heinr...“ „Shhht, Eduard. Sag jetzt nichts!“ In der Ferne vernahm von Kalau noch die Stimme eines Dienstmädchens: „Fürst, Herr... es tut mir leid. Ich... ich konnte ihn nicht aufhalten, er ist einfach hereingekommen und...“ „Eduard... du musst jetzt ganz ruhig bleiben, ja? Du hast hohes Fieber, hörst du?“ Eduard lächelte nur schwach. Dann fühlte er, wie sich sein eiskalter Körper wieder etwas aufwärmte, spürte, wie Heinrich seinen Mantel um seinen Bruder legte, ihn abkettete und ihn dann beim Gehen stützte. „Komm Eduard. Es wird alles wieder gut...“ „Wie...?“ „Wie ich hierher komme? Als Kim mir heute morgen erzählt hat, du wärst noch nicht zu Hause, wusste ich, dass etwas vorgefallen sein musste. Du hättest auf mich hören sollen, Kleiner!“ Das war alles, woran er sich erinnern konnte. Danach war alles nur noch schwarz.
****************************** Part 19: WITHERING... Kim kauerte vor dem Kamin, eingehüllt in eine große schwere Decke, deren weinroter Samt im flackernden Schein des Feuers glänzte. Er hatte seine Knie zur Brust gezogen und starrte wie hypnotisiert in die Flamme. Leere Augen und eine einzelne Träne, die sich ihren Weg über sein blasses Gesicht bahnt. /Ihr... seid nicht gekommen. Ihr hattet versprochen, es würde dieses Mal nicht so lange dauern, aber ich bin aufgewacht... und Ihr wart nicht da... / Müde legte er seinen Kopf auf seine Knie, den Blick noch immer in das Feuer gerichtet. Er hob die rechte Hand und betrachtete den schmalen Ring an seinem Finger. /Wieso... habt Ihr ihn mir geschenkt? Wolltet Ihr damit ausdrücken, dass... dass (nein!)... dass ich Euch gehöre? Ist es nur wieder eines Euerer Spielchen, die Ihr in letzter Zeit mit mir treibt? Ihr habt mich fallengelassen und ich treibe in einem Meer an Ungewissheit... Ich.../ Mit einem hörbaren Seufzer wischte er sich die Tränen aus den Augen, stand auf und bewegte sich mit graziler Langsamkeit auf das große Fenster zu. /Schon wieder Regen... immer nur grau und trostlos.../ Ein bitteres Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit. Die Stille im Raum wurde plötzlich durch einen lauten Knall durchbrochen und Kim drehte sich erschrocken zur Tür um. Zuerst fiel sein Blick auf Heinrich, der mit einem gequälten Gesichtsausdruck erschien und dann wanderten seine Augen auf den leblosen Körper, den Heinrich und ein Bediensteter von beiden Seiten stützten. Kim riss seine Augen weit auf, seine Hand hatte er unbemerkt vor den Mund gelegt. /E...Eduard.../ Er wollte auf sie zugehen, aber seine Beine schienen aus Blei zu sein. „Eduard... Edua...“ Heinrich schien ihn gar nicht zu beachten, sondern lief direkt an ihm vorbei und legte von Kalau auf das Sofa in der Nähe des Kamins. „Kim schnell, wir brauchen etwas, womit wir ihn wärmen können! Mach’ schon!“ Ohne lange zu überlegen griff Kim nach der weinroten Samtdecke, in die er gehüllt war und reichte sie Heinrich. Noch immer standen seine Augen weit offen, noch immer zitterte er am ganzen Körper, noch immer hoffte er, dass das alles ein schlimmer Traum war... „Ganz ruhig! Es wird alles wieder gut! Wir sind zu Hause...“ „Heinrich...?“ Eduards Bruder drehte sich zu dem Jungen um, der noch immer ungläubig dastand und auf von Kalau blickte. „Heinr... was ist mit... was ist mit Eduard?“ Kim bemerkte, wie sich Heinrichs Gesichtsausdruck verfinsterte und er sorgenvoll auf von Kalau blickte. Er strich seinem Bruder eine Strähne seines Haselnussbraunen Haares aus der Stirn. Schweigen. „Eduard hat Tuberkulose, Kim!“ Kim starrte Heinrich ungläubig an, sein Herz schien aufgehört haben zu schlagen. /T- ub- er- kulose... / „Du... Ihr beide wollt mich doch bloß wieder reinlegen, nicht wahr?“ Seine Stimme zitterte als er sprach. Er versuchte zu lächeln. „Das... ist doch wieder nur eines euerer unsinnigen Spielchen, hab’ ich nicht recht? Ist es nicht so?!“ Noch immer starrte er Heinrich ins Gesicht, doch Heinrich reagierte nicht. „Es ist ein dummes Spiel! Sag’ schon!“ Heinrich spürte sich plötzlich am Kragen gepackt. „Verdammt, sag’ mir endlich, dass es ein Spiel ist! Ihr sollt damit aufhören! Aufhören!“ Er schluchzte und begriff in dem Moment, dass es kein Spiel war, als Heinrich seine Hände umfasste und ihn zu sich auf das Sofa zog. „Ich wünschte, es wäre so...“ flüsterte er Kim leise zu. Dann hielt er seine Hand vor den Jungen. „Ich wünschte, Kim, es wäre wirklich nur ein Spiel. Aber...“ /Blut... seine Hand voller Blut!/ Kim schüttelte ungläubig den Kopf. „Es kann nicht Tuberkulose sein. Es kann... nicht... Eduard sein, der...“ Heinrich sah Kim fest an und packte ihn an den Schultern. „Sieh’ mich an! Du wirst dich jetzt wieder beruhigen, hörst du? Du wirst auf der Stelle tief ein und ausatmen und dich verflucht noch mal wieder beruhigen! Wir müssen jegliche Art von Stress für Eduard vermeiden, verstanden? Das ist das einzige, was wir momentan für ihn tun können, bis der Arzt da ist.“ Kim nickte abwesend und Tränen rollten ihm unaufhörlich über die geröteten Wangen. Er ließ sich verzweifelt neben Eduard sinken und strich ihm sanft über die Stirn. „Wieso... hat er mir nicht... gesagt, dass...“ /Ich weiß nicht, wieso er es verheimlicht hat Kim. Vielleicht um dir gegenüber keine Schwäche zu zeigen, vielleicht weil man von ihm erwartet, dass er immer stark ist.../ „Der Doktor ist angekommen, Herr!“ Ein großer schlanker Mann mit weißem Vollbart betrat den Raum und verbeugte sich beim Eintreten, während er seinen Hut abnahm. „Wo ist der Patient?“ Heinrich lief auf den Arzt zu und führte ihm zum Sofa, auf dem sein Bruder lag. Kim kniete noch immer neben ihm, er hatte vermutlich nicht einmal bemerkt, dass der Doktor bereits hier war. Heinrich beugte sich zu ihm hinunter und packte ihn sanft an den Schultern. „Lass... mich nicht allein Eduard!“ Heinrichs Brust schmerzte innerlich. Er hatte nicht gehört, wie Kim diese Worte ausgesprochen hatte, er hatte sie an seinen Lippen abgelesen. Lippen, die voller Verzweiflung schrieen und doch schwiegen. „Komm’ jetzt, Kim! Lass den Doktor Eduard untersuchen.“ *husthusthust* *husthusthust* *husthust* Heinrich spürte, wie Kim plötzlich versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien, wie er versuchte, zu Eduard zu gelangen. Doch Heinrich hielt ihn fest. „Nein... *husthust*!“ Von Kalau hatte seine Augen geöffnet und versuchte, sich zu setzten. Seine fiebrigen Augen glänzten und er starrte den Doktor an, der gerade dabei war, sein Stethoskop auf Eduards Brust zu setzen. „Nein... *hust*!“ Mit einer schwachen Handbewegung stieß von Kalau den Arzt leicht von sich. „Es ist alles in Ordnung, Graf von Kalau! Ich bin hier um Euch zu helfen...“ Der Doktor hatte seine Hände an Eduards Brust gelegt und versuchte ihn sanft wieder auf das Sofa zu drücken. „Bitte legt Euch wieder hin. Ich muss einige Untersuchungen durchführen...“ „*husthust*... Unsinn! Was für Untersuchungen?! Ich... ich habe doch gesagt, dass ich keinen Arzt brauche. Was wollt Ihr noch untersuchen? Es ist doch offensichtlich, dass ich Blut spucke, oder?“ Der Doktor wusste nicht, wie er darauf antworten sollte und aus Verlegenheit rutschte er nur seine kleine runde Brille zurecht, die ihm auf die Nasenspitze gerutscht war. „Ich bin Arzt und ich entscheide, was ich tue und was nicht! Und ich bitte Euch noch einmal, Euch wieder hinzulegen...“ Von Kalau grinste breit und stützte sich mit seinen beiden Armen auf die Lehnen des Sofas, so dass er sich setzen konnte. Dabei fiel ihm die Decke vom Oberkörper und offenbarte dem Arzt einen Blick zwischen seine Beine. „Was ist denn? Habt Ihr noch nie einen nackten Mann gesehen?“ /Dieser Mann ist schön!/ Nur diese Gedanke schwirrte dem Doktor in diesem Augenblick durch den Kopf. Er räusperte sich und zog dann die Decke über von Kalau. „Lasst Euere Kindereien, Graf! Ich habe schon andere Männer nackt gesehen,... nur keiner war von dieser Perfektion, wie Ihr es... seid.“ Ein Funkeln sprühte in Eduards Augen auf als er das hörte und er packte den Doktor am Kragen. „Ich will nichts mehr davon hören! Von wegen Perfektion!“ Dann schrie er plötzlich. „Wenn mein Körper so perfekt ist, wieso verdammt tut er mir dann so weh?!“ Einen Augenblick herrschte Schweigen und von Kalau senkte seinen Kopf. Er sprach leise. „... und wieso... tut er anderen weh, wieso tut er Kim weh...“ Heinrich spürte plötzlich, wie sich Kims Hände in sein Hemd verkrampften. „Ich glaube er fantasiert, er sollte jetzt so schnell wie möglich in ein Bett gebrach werden...“ Noch während der Doktor dies sagte, hatte er Eduards linken Arm ergriffen und legte ihn sich über die Schulter. „Helft mir mal!“ Heinrich eilte sofort zu ihm und ergriff von Kalaus rechten Arm. „Hier, wickelt die Decke um ihn herum, wir müssen ihn warm halten.“ Kim schluckte. /Eduard... kann ich denn gar nichts für Euch tun? Kann ich denn wirklich nur herumstehen und zusehen, wie Ihr leidet? Eduard.../ Er wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als er seinen Namen hörte. „K... Kim... ich... Kim...“ Heiße Tränen verschleierten ihm die Sicht. „Ich bin bei Euch, Eduard! Ich werde immer bei Euch sein. Und Ihr bei mir. Ihr habt es doch versprochen...“ Eduard nickte leicht und lächelte dabei. „Ja... Kim... ich werde... immer... bei dir... sein.“ Kim sah, wie Heinrich und der Doktor Eduard in die obere Etage auf sein Zimmer brachten. Er lief ihnen nicht hinterher. /Ich... will so gerne bei Euch sein, aber... Ihr wollt es nicht... Ihr habt versucht, mich von Euch fernzuhalten... Hattet Ihr Angst, ich könnte ebenfalls krank werden? Das ist es doch gewesen, nicht wahr, Eduard? Euere Distanz zu mir, keine Berührungen mehr, keine Nacht mehr... zusammen...!/ „Kim?“ Heinrich betrat erneut den Raum. Kim stand mit dem Rücken zu ihm und starrte aus dem Fenster. Er spürte die Kälte, die durch das Glas hindurchstrahlte auf seiner Haut. „Wird er ... sterben, Heinrich?“ Eduards Bruder stutzte. Die Frage war direkt. /...wird er sterben und mich... alleine lassen?/ Heinrich lief mit langsamen Schritten auf Kim zu. Er schloss seine Augen und legte eine Hand auf die Schulter des Jungen. „Es... geht ihm schlecht... der Arzt sagt... dass er vielleicht...“ „Nein!“ Kim hielt sich die Ohren zu. „Nein... ich will es nicht hören, Heinrich! Ich will... nicht...“ Plötzlich rannte er los, riss die Tür auf, stürmte den langen Flur entlang, die Treppen hinauf und stand dann ganz außer Atem vor Eduards Zimmer. /Es ist... so still.../ Vorsichtig öffnete er die Tür. Der Doktor war nicht mehr da und von Kalau lag schlafend in seinem Bett. Kim lief mit zitternden Beinen auf Eduard zu und ließ sich schließlich verzweifelt an sein Bett fallen. Er weinte. „Bitte...“ Seine Hände verkrampften sich in die Bettdecke. „Bitte, Eduard!“ Er fühlte eine warme Berührung an seinem Kopf und blickte auf. „Kim...“ „Eduard...?“ „Wieso *husthust*... wieso weinst du, Kim?“ „Ich...“ „Du solltest nicht hier sein... Ich... *hust*, ich... will nicht, dass du... *husthust* dich ansteckst, verstehst du?“ Kim sagte nichts, sondern sah ihm nur in das blasse Gesicht. „Es tut mir so leid! Ich habe... ich... *husthusthust*... ich habe dir so viele Sorgen bereitet. Dachtest... *hust*, dachtest du allen ernstes, ich würde dich nicht mehr wollen?“ Er lächelte müde. Kim senkte seinen Blick zu Boden. „Ihr... wart so abweisend zu mir...“ *husthusthust* „Aber ich wollte dich, Kim! Und ich will dich noch immer! Ich bin fast wahnsinnig geworden *husthust*, dich in meiner Nähe zu wissen, dich nicht berühren zu dürfen, dich nicht... küssen zu dürfen... Deshalb habe ich versucht, mich irgendwie... abzulenken. Ich bin weggefahren, irgendwohin...“ Kim griff nach Eduards Hand, doch von Kalau zog sie schnell zurück. „Verzeih’ mir... ich kann nicht. Ich kann es nicht zulassen!“ „Aber...“ „Kein Aber, Kim Prokter!“ Schweigen. „Wieso weinst du noch immer? Hat man dir etwa gesagt, ich würde bald... sterben ?“ „Ich... Heinrich... er...“ „Ich sterbe nicht, Kim... Ich...*husthust*... sterbe nicht.“ ****************************** Part 20: FORGIVABLE SINNER „Ich... sterbe nicht, Kim!“ Eduard hob seine Hand zu Kims Gesicht, berührte es jedoch nicht, sondern ahmte die Bewegung nur nach. Seine grünen Augen lächelten. „Geh’ jetzt... Du *husthusthust*... du solltest eigentlich gar nicht hier sein. In einer Woche sieht die Welt schon wieder anders aus. Mach’ dir keine Sorgen um mich. Das... wird schon wieder...“ Es klopfte an der Tür und Heinrich kam herein. „Ich will euch beide nicht stören, aber...“ Eduard sah Kim tief in die hellen Augen. „Heinrich wird sich um dich kümmern, Kim... Bitte *hust* lasst mich jetzt alleine. Ich würde gerne etwas schlafen.“ Kim lächelte von Kalau an und verließ anschließend mit Heinrich das Schlafgemach. Eduard blickte auf seine Bettdecke und seine Hände verkrampften sich. Er atmete schwer und eine einzelne Träne rann seine Wange hinab, bis sie schließlich in die Tiefe stürzte. „Das ist absolut inakzeptabel, tut das nie wieder!“ Heinrich und Kim drehten sich erschrocken um und sahen, wie der Doktor mit großen Schritten auf sie zugeeilt kam. „Ich habe Euch strengstens untersagt, auch nur in seine Nähe zu kommen! Jeglicher Kontakt mit dem Grafen muss in nächster Zeit vermieden werden!“ /Was???/ „Was macht Ihr noch hier? Ich dachte, Ihr hättet Euch bereits verabschiedet und wärt gegangen...?“ Heinrich musterte den Doktor misstrauisch. „Ich musste Eurem Personal noch Anweisungen geben, wie sie sich in der nächsten Zeit zu verhalten haben. Aber weicht mir nicht aus! Ich untersage Euch den Kontakt mit von Kalau!“ Kim spürte einen tiefen Schmerz in seinem Herzen. „Soll Eduard etwa die ganze Zeit alleine sein?! Wir müssen uns um ihn kümmern!“ „Das werde ich tun! Ich werde jeden Tag zweimal vorbei kommen und nach ihm sehen...“ „Aber das... das könnt Ihr doch nicht von mir verlangen...?! Dass ich ihn nicht sehen darf... Wenigstens sehen...“ „Seid Ihr sein Bruder, ein Verwandter?“ Kim schüttelte vorsichtig den Kopf. „Was soll denn die Fragerei? Ihr wisst doch, dass der Kleine hier Eduards Geliebter ist!“ Heinrich konnte das Geschwätz des Arztes nicht länger ertragen. Am liebsten wäre es ihm gewesen, ein anderer Doktor hätte Eduard untersucht, aber er war der einzige, der dazu auf die Schnelle bereit gewesen war. Der Arzt setzte eine nachdenkliche Mine auf. „Mhhmmm... ich war mir dessen nicht sicher...“ „Wovon redet Ihr?“ „Hattet Ihr...“ er zögerte als er Kim ansah. „Hattet Ihr Verkehr miteinander?“ Bei dieser Frage wurde Kim plötzlich rot. Heinrich legte seine Hand auf Kims Schulter. „Wozu wollt Ihr das von dem Jungen wissen?“ „Ich denke, diese Krankheit... sie könnte wohl, nein es muss so sein...“ Heinrich lachte verachtungsvoll. „Ihr versucht doch nicht etwa gerade zu sagen, dass mein Bruder Tuberkulose hat, weil er mit Kim geschlafen hat, oder?“ Der Arzt rückte seine Brille zurecht. „Ich sage, dass es anzunehmen wäre.“ /Wegen... wegen... mir? Weil... weil wir uns liebten?!/ „Ich muss noch zu einer Patientin. Ich verabschiede mich. Auf Wiedersehen...“ Heinrich und Kim sagten kein Wort und warteten, bis der Doktor die Tür hinter sich geschlossen hatte. Kim stand da, wie erstarrt. „Wegen... mir?“ „Das wirst du ihm doch nicht glauben, Kim, oder?“ Heinrich schluckte als er bemerkte, dass Kim sich nicht regte. „Dieser Mann weiß nur nicht, wie er es sonst erklären soll. Wo Eduard sich diese Krankheit geholt haben könnte. Aber Kim, eines musst du mir glauben, ... es liegt nicht daran, dass ihr beide Männer seid und... miteinander geschlafen habt...“ /Kim nickte, doch ich weiß nicht, ob er es mir wirklich glaubte. Er war manchmal so undurchsichtig. Immer dann, wenn er sich für irgendetwas verantwortlich fühlte. Ich kann nicht sagen, ob er es mir glaubte, ich weiß nur, dass ich recht hatte... Eine Woche verging und ich musste Kim sehr oft trösten und ihn aus seinen Alpträumen wecken, die er nachts so oft hatte. Er erzählte mir nie etwas davon, was er geträumt hatte, sondern lächelte mich immer nur an, nachdem er sich bei mir bedankt hatte. Und Eduard? Wir besuchten ihn trotzdem, auch wenn man es uns verboten hatte. Ich hätte es nicht ertragen können, meinen Bruder alleine zu wissen, ich nicht, und vor allem nicht Kim. Der Arzt kam jeden Tag zweimal. Einmal hätte er uns fast gesehen als wir aus Eduards Zimmer kamen, aber auch nur fast. Ich weiß, dass Kim jedes Mal Angst hatte, als der Arzt wieder aus Eduards Schlafgemach kam. Er hatte Angst, er könnte schlechte Neuigkeiten bringen und deswegen überließ er es immer mir, mit dem Doktor zu sprechen. Ich hasste diesen arroganten Kerl, mit seinen Thesen über Eduards Krankheit, mit seinen verachtenden Blicken auf meinen Bruder. Vielleicht konnte er es sich einfach nicht vorstellen, wie es ist, einen Mann zu lieben. Nicht zu begehren, sondern zu lieben. Aber das ist auch egal. Ich war froh, dass die kleine Sophie Kim besuchen kam. Ich merkte, wie sie ihm neue Hoffnungen gab. Ich bin ihr dafür so dankbar, denn sie schaffte das, was mir nie gelang./ Eineinhalb Jahre später... Kim trat in den großen Schlosshof und dehnte sich. Die warmen Strahlen der goldenen Morgensonne schienen ihm ins Gesicht. Er hob seine Hand und hielt sie vor seine Augen, damit er in den wolkenlosen Himmel blicken konnte. „Endlich ist es wieder Frühling!“ Er sog die frische Luft in seine Lungen und breitete die Arme aus, in den naheliegenden Bäumen zwitscherten kleine Vögelchen und hüpften von Ast zu Ast. Er stand eine ganze Weile einfach nur so da und blickte in das unendliche Blau. Dann spürte er eine warme Hand an seiner Schulter. Er drehte sich nicht um, sondern lächelte nur sanft. „Sieh’ in die Ferne. Wie der Waldvögel Klang mit dem Rauschen des Baches mischt. Dunkel die Erde voll göttlicher Kraft. Zerfließet der Honig unter der Seide der Sonne... Ist es nicht komisch, dass ich mir ausgerechnet dieses Gedicht gemerkt habe? ... ... ... Ich wünschte...“ ... ... ... „Was wünschtest du dir?“ ... ... ... „Der Himmel, so blau! Und alles ist so friedlich. Ich wünschte... ... ... ... ...er hätte es noch einmal sehen können.“ Trauer überschattete sein Gesicht. Er legte seine Hand über die auf seiner Schulter. Nur noch das Wehen des warmen Windes und das Rascheln der Blätter war zu hören. „Ich wünschte, Eduard hätte es noch einmal sehen können...“ Schweigen. Kim hob seine Hand und blickte auf seinen Ringfinger. „Es war sein Abschiedsgeschenk, nicht wahr?“ Stille. „Ja, sein Abschiedsgeschenk. Das Abschiedsgeschenk der Liebe meines Lebens... ... ... ... ... Kim drehte sich um, neben ihm stand Heinrich, dessen Hand noch immer auf Kims Schulter lag. Sie sahen sich in die Augen, lächelten.... ... ... Wir lebten. Wir liebten. Für immer. Und nie wieder. Waren wir Sünder? Unsere Herzen schlugen im gleichen Takt,... ... ... ... ... was war so falsch daran??? FINISForgivable Sinner |
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