Titel: Rien ne va plus                                                                                                       back
Autor: Nordlicht
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Disclaimer: Alles meins. Okay, ich gebe zu, eine Szene aus ‚Yami no Matsuei' hat  mich inspiriert.
Rating: Shônen Ai, SciFi (ein bisschen), lime (auch ein bisschen) Kategorie: ab 12 (?)

Widmung: Okay, bei meinem ersten Shônen Ai Original ist das wohl mal fällig.  Einerseits widme ich diese Geschichte der Person, die einen großen Teil dazu  beigetragen hat, dass ich überhaupt Shônen Ai Fan geworden bin. Küsschen Süße. Und zum anderen meinem zweiten Psychohäschen. Schlicht und einfach.

 

~*~ ~*~ ~*~

 

"Rien ne va plus, nichts geht mehr."

Das sirrende Geräusch des Roulett übertönte für Augenblicke die Geräuschkulisse  des Etablissements. Kühl beobachtete er die Gesichter der Spieler, die sich zu  dieser späten - oder besser frühen - Stunde immer noch sehr zahlreich um seinen  Tisch versammelt hatten.

Einen Bruchteil später folgte die kleine Kugel, von deren endgültiger Position  für die meisten der Anwesenden eine Menge Geld abhing. Sekunden der Spannung,  ein klackerndes Geräusch und die Kugel stand still.

Routiniert nannte er Farbe und Ziffer, verteilte mit unbewegter Miene Gewinne  und zog Verluste ein. Er machte sich nicht die Mühe die erfreuten oder  enttäuschten Gesichter zu beobachten, hörte spontane Glückbekundungen und  verdrießliche Schnaufer schon gar nicht mehr.

Und das Spiel ging von vorne los.

"Machen sie bitte ihre Einsätze. - Rien ne va plus, nichts geht mehr."

Er hasste diesen Satz. Das mochte einerseits daran liegen, dass er bereits nicht  mehr zählen konnte, wie oft er ihn schon ausgesprochen hatte. Zum anderen  beschrieb es jedoch auch sehr zutreffend seine derzeitige Lage. Hoffnungslos  gestrandet in einem der zahlreichen Glücksspieletablissements der New Vegas,  eine der Vergnügungsraumstationen der Milchstraße. Kein Ausweg in Sicht. Seit  drei Monaten gefangen in der eintönigen Arbeit als Croupier an einem fast schon  antikanmutenden Arbeitsplatz.

Das ‚Black Jack' war altmodisch ohne modernen Schnickschnack wie Holospieltische  oder gar virtuelle Spielpartner. Die klassische Einrichtung erinnerte an einen  Club aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, der Besitzer hatte allem  Anschein nach keine Kosten und Mühen gescheut einen komfortablen und vor allem  diskreten Rahmen für das Publikum des Clubs zu schaffen, angefangen von dem  sündhaft teuren Mobiliar bis hin zu den kristallenen Champagnerschalen.

Drew warf einen emotionslosen und leicht gelangweilten Blick in die Runde und  stellte dabei fest, dass er beobachtet wurde.

Das war nichts besonderes und kam häufig vor, ebenso wie die darauf folgenden  eindeutigen Angebote, die ihm unterbreitet wurden. Er war sich seiner Wirkung  sowohl auf die weiblichen als auch auf die männlichen Besucher bewusst und nur  allzu gerne vergaß der eine oder andere, dass Drews Aufgabe einzig und allein  darin bestand, sich wie die übrigen Croupiers um die Spieltische zu kümmern.  Doch der schlanke, junge Mann mit dem ebenholzfarbenen Haar, das glatt bis auf  die Schultern fiel und den grasgrünen Augen verstand sich inzwischen sehr gut  darauf solche Personen höflich aber bestimmt in ihre Schranken zu verweisen. Im  Notfall genügte ein Wink in Richtung des Sicherheitspersonals dieses Clubs, die  sich dann diskret um allzu aufdringliche Individuen kümmerten.

Und doch war dieses Mal etwas anders. Äußerlich vollkommen unbeeindruckt  musterte er nun seinerseits den Mann, dessen interessiert und amüsiert funkelnde  nachtschwarzen Augen nicht von ihm ließen, etwas genauer.

Ein neuer Gast, jemand wie er wäre Drew zweifellos im Gedächtnis geblieben.  Bronzene Haut bildete einen faszinierenden Kontrast zu silbrig weißem Haar, dass  bis auf ein paar gelöste Strähnen durch ein schlichtes Lederband im Nacken  gebändigt wurde. Außerterrestrischen Blut, schoss es Drew aufgrund der  außergewöhnlichen Haarfarbe durch den Kopf. Seiner Kleidung nach zu urteilen  gehörte der Gast zu dem reicheren Publikum des ‚Black Jack', ein Geschäftsmann  auf Durchreise möglicherweise, vielleicht aber auch ein Politiker. Der  anthrazitfarbene Smoking wirkte ausgesprochen elegant und brachte seine schmale  Figur, Drews eigener nicht unähnlich, gut zur Geltung. Der Croupier schätzte ihn  auf Anfang dreißig, was das jugendliche Funkeln in seinen Augen jedoch Lügen  strafte.

Was Drews Aufmerksamkeit aber Augenblicke später voll und ganz in Anspruch nahm  war der Ring am rechten Mittelfinger des Fremden. Der Diamant mit dem  ungewöhnlichen quadratischen Schliff hatte mindestens dreieinhalb Karat, wenn  nicht sogar vier. Die schlichte Weißgoldfassung ließ den Ring keineswegs protzig  wirken und Drews Kennerblick sagte ihm selbst über den Rouletttisch hinweg, dass  der Stein mit Sicherheit lupenrein war. Und tief in ihm regte sich ein Gefühl,  von dem er geglaubt hatte, es vor langer Zeit verloren zu haben.

Die Kugel hatte erneut ihre entgültige Position erreicht und lenkte Drew so von  dem Schmuckstück ab. Halb widerwillig, halb erleichtert wandte er sich seiner  Tätigkeit zu, stellte nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr fest, dass seine  Schicht seit einer Viertelstunde beendet war.

Also setzte er ein professionell charmantes Lächeln auf und erklärte den Gästen:

"Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für ihr Interesse und möchte sie nun  bitten sich ein wenig zu gedulden, wenn sie an diesem Tisch weiterspielen  möchten. Meine Ablösung wird gleich erscheinen und ich wünsche ihnen noch eine  erfolgreiche Nacht."

Derweil hatte er bereits dem Kollegen gewunken, der am anderen Ende des Raumes  darauf wartete, seine Schicht anzutreten.

Mit einem zufriedenen Seufzer stellte Drew fest, dass das Interesse des  Publikums schon längst nicht mehr ihm galt und ihm kaum noch Beachtung zuteil  wurde und sich müde über die Augen fahrend wartete er ungeduldig auf den  Frischling.

Karl war neu hier und soweit Drew wusste ein stiller, ruhiger Typ, der  geflissentlich seine Arbeit erledigte ohne mehr Elan als nötig in seinen Job zu  legen, doch diesmal leuchteten die Augen des anderen Mannes neugierig und er  wirkte irgendwie aufgekratzt. Noch ehe er Karl jedoch fragen konnte, was denn  der Anlass für dessen Verhalten war, raunte dieser ihm auch schon  verschwörerisch ins Ohr:

"Hast du eigentlich mitbekommen, wer heute hier ist? Unglaublich, ich hätte nie  gedacht ihn mal hier auftauchen zu sehen, ihm wird nämlich nachgesagt, dass  er..."

Was wem-auch-immer nachgesagt wurde, erfuhr Drew nie, denn Karl stockte  plötzlich, sein Blick richtete sich auf etwas oder jemandem hinter Drew und so  drehte sich dieser betont langsam herum um den Grund für Karls Verstummen zu  erfahren.

Der Fremde lehnte lässig am Spieltisch, musterte Drew eingehend, hatte die Hände  dabei in den Hosentaschen versenkt und verhinderte so einen weiteren Blick auf  das außergewöhnliche Schmuckstück.

"Spielen Sie auch Black Jack, Drew? Vielleicht hätten Sie Lust auf ein Spiel im  Blauen Saal?"

Gegen seinen Willen musste Drew sich eingestehen, dass die samtige und dunkle  Stimme des Fremden ein Netz des Interesses um ihn wob, er war außerdem gelinde  Ã¼berrascht, dass er sich die Mühe gemacht hatte, Drews winziges Namensschild zu  entziffern, was seine Vermutung dessen Absichten ihm gegenüber jedoch nur  verstärkte. Das Lächeln auf den schmalen Lippen wirkte nach wie vor amüsiert  berechnend - lauernd. Die Obsidianaugen funkelten herausfordernd aus attraktiven  Zügen.

Im Allgemeinen hätte er den Gast nun höflich darauf hingewiesen, dass seine  Schicht beendet sei und er doch bitte morgen wieder kommen möge, sollte er  tatsächlich Wert darauf legen, ihn als Croupier beim Black Jack Tisch zu haben.  Doch im Allgemeinen wurde auch nicht der Blaue Saal erwähnt von dem Drew wusste,  dass nur die besonderen Gäste des Etablissements überhaupt über ihn Bescheid  wussten.

So warf er bloß einen verstohlenen Blick hinüber zur Aufsicht, ein knappes  Nicken teilte ihm mit, dass er den Wünschen des Gastes besser nach kam und so  lächelte er erneut routiniert.

"Wie der Herr wünscht."

Dann nickte er noch einmal zu Karl hinüber, der seltsam bleich um die Nase herum  wirkte und führte den rätselaufwerfenden Gast in den hinteren, privateren  Bereich des ‚Black Jack'.

Drew ärgerte sich insgeheim, dass der Gast von Minute zu Minute mehr Fragen  aufwarf. Woher wusste er von dem Blauen Saal, obwohl Drew ihn noch nie zuvor  hier gesehen hatte? Auch Karls Erbleichen mochte etwas mit ihm zu tun haben,  sicher war Drew sich jedoch nicht in diesem Punkt.

Und letztendlich war da noch der Ring. Drew wünschte sich fast, der Mann möge  die Hände in den Taschen behalten, obwohl er sicher war, dass sich dieser Wunsch  wohl kaum erfüllen ließ. Er wusste nicht, ob er es sich leisten konnte, alte  Begierden aufwallen zu lassen.

Der Fremde ohne Namen folgte ihm schweigend, doch Drew vermeinte seinen Blick in  seinem Nacken wie ein Brennen zu verspüren.

Den Blauen Saal hatte Drew selbst erst ein, zweimal betreten, war er doch für  die besonderen Gäste des ‚Black Jack' bestimmt. Besonders bedeutete in diesem  Fall stinkreich und hinzukommend nur allzu willig, einen Teil ihres Vermögens  beim Verlassen des Hauses auf den Konten des Besitzers des ‚Black Jack' zu  lassen. Das Interieur wurde von dunkelblauem Samt in Form von schweren Vorhängen  und barocker Bepolsterung dominiert, dezentes Licht sorgte für eine private  Atmosphäre.

Stille umhüllte sie augenblicklich wie ein seidiges Tuch, als Drew die schweren  Türen hinter ihnen schloss, dem Gast mit einem höflich-auffordernden Blick in  Richtung Black Jack Tisch geleitete. Der Fremde erwiderte seinen Blick ruhig,  ein nicht zu deutendes Lächeln auf den Lippen und mit bewundernswert  geschmeidigen Bewegungen ließ er sich auf seinem Platz nieder. Unverwandt  suchten seine Augen Drews, doch dieser beschloss, sich davon nicht beirren zu  lassen, griff mechanisch nach einem neuen Kartenpäckchen und begann dieses mit  flinken Fingern zu mischen. Beiläufig fragte er:

"Wünschen Sie nach speziellen Regeln zu spielen, Herr...?"

Er stockte bewusst, sah dem Fremden nun doch fragend in die Augen. Strahlend  weiße Zähne wurden ihm kurz darauf mit einem breiten Lächeln präsentiert, seine  Gegenüber nickte.

"Richtig, wie unhöflich von mir. Nennen sie mich Jack, Drew und nein, vorerst  wünsche ich keine speziellen Regeln, ich bevorzuge das Spiel klassisch."

Drew unterdrückte ein Schnauben bei der Nennung des Namens. Schön, der Herr  wollte also anonym bleiben. Ihm sollte es recht sein, denn sein Ziel war einzig  und allein die Taschen dieses Herren zu Gunsten des Clubs eine wenig zu  erleichtern.

Und sie begannen zu spielen.

Mit der Zeit ertappte Drew sich immer wieder dabei, wie sein Blick hin zur  rechten Hand Jacks wanderte. Die magische Anziehung des Schmuckstückes war schon  fast unheimlich. Auch verwunderte es ihn nun doch ein wenig, dass es Jack nicht  im mindesten zu stören schien, dass er ein kleines Vermögen nach dem anderen  verlor und trotzdem keine Anstalten machte das Spiel abzubrechen. Das  geheimnisvolle Lächeln lag weiterhin auf seinen Lippen, sein nicht zu deutender  Blick machte Drew langsam aber sicher ein wenig nervös.

"Sie lieben das Spiel, habe ich recht?"

Ertappt blickte Drew auf, was Jack ein amüsiertes Schmunzeln entlockte.

"Bitte?"

"Oh, ich meine nicht dieses Spiel, ich meine das Spiel im allgemeinen. Sie  lieben einen gewissen Nervenkitzel, die Möglichkeit, von einem zum anderen  Augenblick alles zu verlieren - oder alles zu gewinnen, habe ich recht?"

Drew runzelte die Stirn.

"Mir scheint, sie verwechseln hier gerade etwas. Ich bin bloß ein Angestellter,  ich gehe kein Risiko ein, im Gegensatz zu ihnen, es geht hier nicht um mein  Geld."

Jack lachte, ein perlendes Geräusch, klar und angenehm. Das amüsierte Lächeln  blieb, weitete sich zu einem Funkeln der Obsidianaugen aus.

"Ich habe sie beobachtet, Drew. Dieses Leben ödet sie an, sie gehen vor  Langeweile fast ein. Die Sehnsucht in ihren Augen nach Herausforderung, etwas  Neuem müsste für jeden klar zu erkennen sein. Ein Wunder, dass ich allem  Anschein nach der erste bin, dem dies auffällt."

Drew hielt in seinem Tun inne, schürzte die Lippen und schwieg. Es gefiel ihm  ganz und gar nicht, in welche Richtung sich dieses Gespräch entwickelte. Und das  weniger, weil ihn Jack mit seinen Worten verwirrte. Vielmehr war es die  Tatsache, dass Jack recht hatte. Er hatte mit seiner Vermutung voll ins schwarze  getroffen und es erschreckte Drew ungemein, dass es einem vollkommen Fremden  gelungen war, solch einen Blick in seine Seele zu erhaschen, in ihm zu lesen wie  in einem offenen Buch.  Und gleichzeitig weckte dies kurioser Weise sein Interesse, doch bevor er etwas  erwidern konnte fuhr Jack auch schon fort:

"Was halten Sie nun doch von einer kleiner Änderung der Spielregeln?"

War da etwas lauerndes in seinem Blick?

"Wie wäre es mit - einem persönlichen Einsatz?"

Gespannte Stille, Drews Augen wurden reflexartig schmal vor Misstrauen.  Unbewusst verspannte er sich leicht, blickte jedoch abwartend und fragend in  diese verwirrenden Augen seines Gegenübers.

Jack lächelte erneut und tat dann etwas, dass Drews Atem für einen Moment  stocken ließ. In einer fließenden Bewegung zog er den Diamanten von seinem  Finger und legte ihn in die Mitte des Tisches, zusammen mit einem schmalen,  mattsilbernen und harmlos wirkenden Halsband, dass er aus einer Innentasche  seines Smoking zog.

Sekunden verstrichen, in denen Drew die beiden Gegenstände einfach nur wortlos  anstarrte. Der Diamant, so, in greifbarer Nähe, begann wieder, seinen  unumstößlichen Zauber auszuüben, Drew fuhr sich unbewusste mit der Zungenspitze  Ã¼ber die plötzlich trocken gewordenen Lippen. Doch das Halsband daneben...

Jedem in diesem Teil der Galaxis waren Gegenstände wie dieser ein Begriff, doch  niemand sprach offiziell darüber, bedeuteten sie doch etwas, was offiziell  nirgends legal war. Doch ‚Toys' existierten, waren kein Mythos oder  Kinderschrecken. Drews Miene verdüsterte sich.

"Ich bin kein - ", setzte er an, doch Jack unterbrach ihn kühl, fast ein wenig  schneidend.

"Ich weiß, dass Sie das nicht sind, Drew, denn wenn Sie es wären, wären Sie  nicht im geringsten von Interesse für mich. Stünde mir der Sinn danach, wäre ich  sicherlich nicht in eine Etablissement wie dieses gekommen, um mir dir Zeit zu  vertreiben. Und trotzdem, das Angebot steht. Wenn Sie es annehmen gehört am Ende dieses  Spieles entweder der Diamant Ihnen - und ich weiß, dass sie ihn begehren - oder  Sie gehören mir. Sie sind am Zug."

Immer noch wanderte Drews Blick hin und her, zwischen dem Objekt, das alte  Sehnsüchte lindern würde und dem, das ihn bis ans Ende seiner Tage an sein  Gegenüber ketten würde. Und das nicht nur bildlich gesprochen.

Doch leider liebte er das Spiel tatsächlich.

Er hob den Blick, Smaragd traf auf Obsidian und wortlos stimmte er zu.

Jack lachte wieder dieses perlende Lachen und Drew stellte überrascht fest, dass  es ihm gefiel. Erstaunlicherweise stellte er sich während der nächsten Minuten  nicht einmal die Frage, ob er nicht einen Fehler begangen hatte.

~*~

Rien ne va plus - die Worte hallten lautlos und ohne dass jemand sie  ausgesprochen hätte in seinen Ohren wieder. Drews Blick war starr auf seine  Karten gerichtet, wanderte dann weiter zu denen Jacks. Überflüssiger Weise  teilte er schließlich mit erstaunlich fester Stimme mit:

"Sie haben gewonnen, Jack."

Drew hielt es Jack zugute, dass dieser in keiner Weise seinen Triumph kund tat  und ihn damit mit der Nasenspitze auf seine Niederlage stieß. Und damit auf den  Verlust seiner Freiheit.

Er hatte alles auf eine Karte gesetzt - und verloren. Diese Erkenntnis erwischte  ihn kalt, jedoch nicht unvorbereitet. Er hatte gewusst, worauf er sich  eingelassen hatte, er würde nun die Konsequenzen tragen, so oder so. Mit leisem  Bedauern beobachtete er, wie Jack mit einer ruhigen Bewegung den Ring wieder an  sich brachte und sich schließlich immer noch wortlos erhob. Drew tat es ihm  gleich, sah seinem Schicksal mit erhobenem Kopf und klarem Blick entgegen.

Und doch schloss er ergeben die Augen, als sich das Halsbandes mit einem  digitalen Klicken schloss, das kühle Metall auf seinen Haut einen krassen  Gegensatz zu den warmen, sanften Finger seines neuen Herren bildete. Vielleicht  aber wollte er auch dem Blick seines Gegenübers entgehen, in dessen Augen ein  unheilschwangeres Verlangen glomm.

~*~

Drew konnte das leise Stöhnen nicht unterdrücken, dass seinen Lippen entfloh.

Jack hielt in seinem Tun inne, kam wieder auf gleiche Höhe mit ihm, stützte sich  mit beiden Händen links und rechts von Drews Kopf auf samtenen Laken des breiten  Himmelbettes der luxuriösen Suite ab und blickte mit nicht zu deutendem Blick  tief in Drews Augen, hielt dessen Aufmerksamkeit gefangen.

Flach atmend und unter halb geschlossenen Lidern blinzelte der junge Mann zu  seinem neuen Herren auf, fühlte den kühlen Luftzug auf nackter Haut, dessen  Effekt durch den leichten Schweißfilm auf seinem gesamten Körper noch verstärkt  wurde.

Drews Blick glitt kurz über den Körper des Mannes über ihm.

"Gefällt Dir, was Du siehst?"

Drews Aufmerksamkeit wurde wieder von Jacks Augen in Anspruch genommen. Der  Blick des anderen Mannes drang durch jede Pore, schien sein Innerstes nach Außen  zu stülpen, bahnte sich einen Weg zu seiner Seele. Seltsamerweise fühlte sich  Drew nicht entblößt, nackt, hilflos oder ungeschützt. Er schätzte Jack als einen  Mann ein, der sich nahm, was sich bot, jedoch ohne dabei dem Respekt vor den  Dingen zu verlieren.

Schließlich antwortete er rau:

"Ist die Frage nicht vollkommen belanglos? Sollte ich nicht besser fragen, ob  Ihnen gefällt, was Sie sehen?"

Jack lachte leise.

"Mir hat gefallen was ich sehe, seit sich unsere Blicke am Rouletttisch  trafen."

Und zum ersten Mal entdeckte Drew unverhohlenes Begehren in den Augen des  anderen.

Falls er noch etwas hätte erwidern wollen, hinderten ihn Sekunden später heiße  Lippen daran, ebenso wie eine verlangende Zunge, die seinen Mund in Besitz  nahm. So sanft...

Ob Drew es wollte oder nicht, das Gefühl der Hitze über sich, die glatte,  geschmeidige Haut, die sich verlangend an seiner rieb, brachte sein Blut zum  kochen und er ertappte sich dabei, wie seine Zunge auf das Spiel einging,  neckte, zurücktrieb und wieder in seinen Mund lockte.

Nach scheinbar endlosen Momenten unterbrach Jack den Kuss, sein Kopf schwebte  erneut über Drews, seine Augen funkelten wieder mit nicht zu deutendem Blick.

"Ich werde dir niemals weh tun."

Drew glaubte ihm, doch wieder wurde ihm keine Zeit gelassen, etwas zu erwidern  und ein erneuter, fordernder Kuss nahm ihm den Atem.

Zischend sog Drew die Luft ein, als Jack seinen Mund frei gab, doch Augenblicke  später hatte er keine Zeit, sich mehr aufs Atmen zu konzentrieren. Drews Welt  versank in einem feurigen und alles verschlingenden Strudel.

~*~

Mit geschlossenen Lidern lauschte Drew auf die ruhigen Atemzüge neben sich,  bevor er die Augen aufschlug. Das Licht eines Zwillingsgestirns tauchte den Raum  in unwirklich scheinendes, bläuliches Zwielicht, erzeugte faszinierende Schatten  auf den entspannten Gesichtszügen neben ihm.

Jacks ausgesprochen attraktives Gesicht wurde sanft von weißen Strähnen umrahmt,  er lag auf der Seite, die Knie leicht angewinkelt, Drew das Gesicht zugewandt,  die eine Hand auf seiner Hüfte ruhend, die andere lag auf dem Kissen in Höhe  seines Kopfes. Das dünne Laken war bis zu seinen Hüften gerutscht, verhinderte  so keineswegs den Blick auf den schlanken Oberkörper des Mannes und ließ den  Rest umschmeichelnd erahnen.

Mit einem Lächeln und einer nicht zu spürenden Bewegung strich Drew ihm seidiges  Haar aus der immer noch feuchten Stirn.

Jack hatte sein Versprechen gehalten, er hatte ihm nicht weh getan. Er hatte  andere Dinge mit ihm gemacht, eine Menge anderer Dinge, aber er hatte ihm nie  weh getan.

Ein Schauer durchlief unwillkürlich den Körper des jungen Croupiers, als er an  Jacks sanfte Hände erinnert wurde und an dessen Talent, ihre Körper im  Gleichklang zum Schwingen zu bringen.

Fast ein wenig bedauernd erhob er sich katzengleich und vollkommen lautlos, ohne  den anderen auch nur im Mindesten in seiner Ruhe zu stören, warf noch einen  letzten Blick auf den zum jetzigen Zeitpunkt völlig wehrlos und ihm  ausgeliefert wirkenden Körper neben sich und griff schließlich nach seinem Hemd,  das im Laufe der Nacht irgendwie über der Nachttischlampe gelandet war.

Geschickt fuhren seine Fingerspitzen über den Kragen und hielten schließlich  inne, als er fand, wonach er gesucht hatte und Augenblicke später lag ein  nadelanmutender Gegenstand in seinen Händen.

Drew lächelte erneut, bedachte den ruhenden Körper aus einiger Entfernung mit  inzwischen fast mitleidigen Blicken, und nach einiger Fingerfertigkeit gab das  Schloss des schmalen Halsbandes mit einem kaum zu hörenden Klicken nach.

Zufrieden stellte er fest, dass er nichts verlernt hatte.

Dann gemahnte er sich selbst zur Eile und ebenso lautlos wie er sich eben  erhoben hatte, suchte er auch den Rest seiner Kleidung zusammen, schlüpfte  hinein und hielt sich bereits im Kopf den Weg zu seinem Quartier und von dieser  Station vor Augen.

Er durchmaß den Raum, ließ sich erneut in sitzender Haltung neben Jack aufs Bett  nieder. Sekunden vergingen, in denen er ihn einfach nur anblickte.

Der ihm immer noch fremde und unerklärliche Mann hatte ihn mit einer  Leidenschaft geliebt, die fast den Eindruck erweckt hatte, als befürchte dieser,  nie wieder die Gelegenheit dazu zu bekommen. Nachdenklich gestand Drew sich ein,  dass Jack diese Nacht wahrscheinlich auch auf einem anderen Wege hätte  bekommen können.

Mit sanften Fingern strich nun er über hohe Wangenknochen, an einem markanten  Kieferknochen entlang, den Hals hinab, übers Schlüsselbein, betastete feste  Armmuskulatur unter geschmeidiger, dunkler Haut und hielten schließlich am  Handgelenk inne. Drew war sich sicher, dass Jack von diesen Bewegungen nicht  erwachen würde.

Fast schon zärtlich hob er dessen Hand an und zog in einer geschmeidigen und  unverlernten Bewegung den Diamanten von dessen Finger. Sorgsam wog er das  Schmuckstück in seiner Hand, schob es sich dann für einen Augenblick selbst auf  den Mittelfinger, bewunderte das Spiel des Zwillingsgestirnlichtes im perfekten  Schliff.

So sehr er es auch versuchte, er konnte halt nicht aus seiner Haut. Und wenn er  ehrlich sein sollte, wollte er das auch gar nicht.

Erneut bedachte er Jack mit einem Blick, beugte sich in einer Anwandlung  romantischer Gefühle hinab und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange - und sah  sich mit einem ruhigen und keinesfalls überraschten Blick aus geheimnisvoll  schimmernden Augen konfrontiert, als er sich zurückzog.

Sekunden, Minuten, Stunden schienen zu vergehen, in denen sie sich einfach nur  ansahen, Drew leicht überrascht, Jack mit einem Hauch von Traurigkeit. Dieser  war es auch, der die Stille schließlich brach.

"Ich hatte vermutet, du würdest schon früher verschwinden."

Drews blinzelte verwirrt. Jack schien dieser Anblick zu gefallen, denn er  schenkte ihm ein irgendwie melancholisches Lächeln, hob in einer sehr langsamen  Bewegung, als wolle er verhindern bedrohlich zu wirken, den einen Arm ohne sich  ansonsten zu bewegen, legte seine Hand sehr zärtlich in Drews Wange und fuhr  fort:

"Dein Ruf eilt dir voraus, Andreí Noir."

Ein Faustschlag in die Magengrube hätte ihn nicht härter treffen können, Drew  glaubte, sein Herzschlag setze für einen Moment aus.

"Was?", schnappte er sogleich, die Augen misstrauisch verengt, jeden einzelnen  Muskel bis aufs Äußerste angespannt.

Doch Jack lachte bloß leise, zog jedoch seine Hand wieder mit einer  beschwichtigenden Geste zurück. Drew wich ein Stück zurück, als der andere Mann  sich behutsam und allem Anschein nach immer noch darauf bedacht nicht bedrohlich  zu wirken aufsetzte. Lässig lehnte er sich mit dem Rücken an das Kopfende des  breiten Himmelbettes, sein Blick hielt Drews weiterhin gefangen.

"So überrascht?", seine Stimme klang sanft und gelassen. "Du glaubst doch wohl  nicht, dass ich den jungen Mann, der sich vor drei Monaten als Andrew Carver für  einen Job beworben hat, nicht bis auf kleinste Detail durchchecken würde. In  meinen Clubs arbeitet niemand, dessen Vergangenheit ich nicht bis in den  Kreissaal zurückverfolgt habe. Ich gebe zu, so schwer und so teuer waren die  Nachforschungen nie gewesen, doch letztendlich stimmten deine Personalien  erstaunlich genau mit denen eines in der halben Galaxie gesuchten Diebes  Ã¼berein."

Der Redeschwall war so flüssig und in solch einem beiläufigen Tonfall auf Drew  herein geprasselt, dass dieser einige Augenblicke brauchte, um ihm einen Sinn  abzugewinnen. Und endlich blitzte Erkenntnis in seinen Augen auf.

"Jerome Aurelius Cero Kestrel. J.A.C.K."

Sein Gegenüber schmunzelte, ließ Drew Zeit seinen Gedankengängen in Ruhe zu  folgen. Jedem der Angestellten des ‚Black Jack' war der Name ein Begriff, jedoch  vermutete Drew, dass er nun einer der wenigen war, die dem Namen ein Gesicht  hinzufügen konnten.

Drew musterte ihn prüfend, versuchte irgendein Zeichen zu erkennen,  wodurch ihm doch Gefahr drohen könnte. Als er nicht fündig wurde fragte er so  gelassen wie möglich:

"Du hast nicht vor, mich auszuliefern?"

Jack schüttelte den Kopf, das sanfte Lächeln lag immer noch auf seinen Zügen und  Drew fuhr fort:

"Dann war das hier geplant."

Diesmal war es keine Frage, sondern eine Feststellung und trotzdem nickte Jack  leicht.

Drew schwieg, erwiderte den Blick seines Gegenübers, suchte in seinen Augen  irgendetwas um zu verstehen. Die Entwicklung er Ereignisse entzog sich seiner  Sicht der Dinge, nachdenklich und immer noch dabei dem soeben Erfahrenen  irgendeinen Sinn abzuverlangen spielten seine Finger mit dem Diamantring. Er  wurde aus diesem Mann einfach nicht schlau, hatte noch nie davon gehört, dass  jemand so etwas inszenierte nur um -

"Warum?"

Drews Stimme war fast nur ein Hauch, mit ihr schwang das Nichtverstehen, das  sein derzeitiges Denken dominierte und gleichzeitig die Bitte um Erklärung. Das leise Bedauern in Jacks Blick kurz darauf, rührte irgendetwas tief in ihm  an.

"Ich habe Dich vorhin angelogen, weißt Du? Ich sagte, mir habe das gefallen was  ich sah, zu dem Zeitpunkt als sich unsere Blicke heute Nacht das erste Mal  kreuzten. Das stimmt jedoch nicht. Ich beobachte Dich Drew, seit Du vor drei  Monaten im ‚Black Jack' angefangen hast. Und ich konnte meine Augen nicht von  dir lassen. Du hast mich mit jeder Geste, mit jedem Blick, auch wenn sie nicht  mir gegolten haben, verzaubert, in deinen Bann gezogen. Und zum ersten Mal in  meinem Leben machte mich jemand schwach."

Sein Lächeln wirkte plötzlich schüchtern und traurig zugleich.

Unbewusst hatte Drew den Atem angehalten, holte nun hastig Luft, war nicht in  der Lage sich zu bewegen und noch immer war er nicht zufrieden, mit Mühe zwang  er sich erneut zu fragen, hatten ihm Jacks Geständnis doch nicht nur den Atem,  sondern auch die Worte verschlagen.

"Aber warum? Warum auf diese Art und Weise?"

Das brachte Jack zum lachen, seine Augen blitzten plötzlich schelmisch.

"Du warst, nein du bist noch immer eine Herausforderung. Auf irgendwie verdrehte  Art und Weise wollte ich dir ebenbürtig sein."

Seine Hände umschlossen sanft Drews, sein Blick ruhte auf dem Diamanten, jedoch  machte er keine Anstalten, das Schmuckstück wieder an sich zu bringen.

"Ich war mir sicher, jemand wie du könne etwas wie diesem hier nicht  widerstehen. Und ich war mir sicher, du würdest auf den Handel eingehen, da  deine Fähigkeiten dir erlaubten, heil wieder aus der Sache heraus zu kommen. Du  hättest schon früher aussteigen können, habe ich recht? Bevor - "

Er lächelte, ließ den Satz unbeendet, fuhr dann an anderer Stelle fort:

"Und außerdem... Ich liebe das Spiel."

Widerstrebend löste er seine Hände schließlich wieder von Drews und für einen  winzigen Augenblick machte er den Eindruck, als wollte er noch etwas hinzufügen.  Die Resignation, die dann jedoch in seine Augen trat, tat Drew aus irgendeinem  Grund fast körperlich weh.

Der schwarzhaarige Croupier hatte keine Fragen mehr, doch es war ihm nicht  möglich sich zu bewegen. Jack würde ihn nicht aufhalten, er würde ihm niemanden  hinterher schicken, ja, er würde ihn nicht einmal daran hindern, mit dem  Diamanten zu verschwinden. Denn all das war es ihm wert. Das, was sie geteilt  hatten war es ihm wert. *Er* war es ihm wert.

Drew warf einen nicht zu deutenden Blick auf das matt glänzende Halsband neben  sich auf dem Nachttisch, dann einen auf den Ring zwischen seinen Fingern. Und  dann sah er wieder auf, blickte erneut in diese unsagbar schwarzen Augen.

Es freute ihn diebisch, als das Lächeln, das sich schließlich auf seine Lippen  schlich, diese verblüfft aufblitzen ließ. Er erhob und beugte sich in einer  einzigen, fließenden Bewegung vor, umfasst bestimmt den Nacken des anderen  Mannes, zog ihn, noch bevor dieser überhaupt wusste wie ihm geschah, mit einem  Ruck zu sich heran und küsste ihn tief und innig.

Dann, ebenso unvorhergesehen, zog er sich zurück und richtete sich ganz auf,  wurde in jeder seiner Bewegungen von fragenden und unverständigen Obsidianen  verfolgt.

In einem Plauderton schlug er wenige Augenblicke später, und nachdem er  fachmännisch seine Kleidung geordnet hatte, vor:

"Du solltest dich öfter in deinen Clubs sehen lassen. Glaub mir, es lohnt sich."

Drew ließ es sich nicht nehmen, noch solange zu warten, bis Jacks Augen in  Verständnis von einem funkelnden Licht erhellt wurden, bevor er auf dem Absatz  herum fuhr und die Suite beschwingten Schrittes verließ.

Still lachte Drew in sich hinein. Rien ne va plus - ein Lüge. Es ging immer noch  etwas.

Und nun hatte er einen Grund, noch etwas länger zu bleiben. Und damit meinte er  nicht den schlichten Diamantring, der zum jetzigen Zeitpunkt neben einem matt  glänzenden Halsband auf dem Nachttisch einer Suite der Raumstation lag.

~ENDE~

 ~*~ ~*~ ~*~

(fertig gestellt August 2003)                                                                                                back