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Titel: Rien ne va plus
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"Rien ne va plus, nichts geht mehr." Das sirrende Geräusch des Roulett übertönte für Augenblicke die Geräuschkulisse des Etablissements. Kühl beobachtete er die Gesichter der Spieler, die sich zu dieser späten - oder besser frühen - Stunde immer noch sehr zahlreich um seinen Tisch versammelt hatten. Einen Bruchteil später folgte die kleine Kugel, von deren endgültiger Position für die meisten der Anwesenden eine Menge Geld abhing. Sekunden der Spannung, ein klackerndes Geräusch und die Kugel stand still. Routiniert nannte er Farbe und Ziffer, verteilte mit unbewegter Miene Gewinne und zog Verluste ein. Er machte sich nicht die Mühe die erfreuten oder enttäuschten Gesichter zu beobachten, hörte spontane Glückbekundungen und verdrießliche Schnaufer schon gar nicht mehr. Und das Spiel ging von vorne los. "Machen sie bitte ihre Einsätze. - Rien ne va plus, nichts geht mehr." Er hasste diesen Satz. Das mochte einerseits daran liegen, dass er bereits nicht mehr zählen konnte, wie oft er ihn schon ausgesprochen hatte. Zum anderen beschrieb es jedoch auch sehr zutreffend seine derzeitige Lage. Hoffnungslos gestrandet in einem der zahlreichen Glücksspieletablissements der New Vegas, eine der Vergnügungsraumstationen der Milchstraße. Kein Ausweg in Sicht. Seit drei Monaten gefangen in der eintönigen Arbeit als Croupier an einem fast schon antikanmutenden Arbeitsplatz. Das ‚Black Jack' war altmodisch ohne modernen Schnickschnack wie Holospieltische oder gar virtuelle Spielpartner. Die klassische Einrichtung erinnerte an einen Club aus den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts, der Besitzer hatte allem Anschein nach keine Kosten und Mühen gescheut einen komfortablen und vor allem diskreten Rahmen für das Publikum des Clubs zu schaffen, angefangen von dem sündhaft teuren Mobiliar bis hin zu den kristallenen Champagnerschalen. Drew warf einen emotionslosen und leicht gelangweilten Blick in die Runde und stellte dabei fest, dass er beobachtet wurde. Das war nichts besonderes und kam häufig vor, ebenso wie die darauf folgenden eindeutigen Angebote, die ihm unterbreitet wurden. Er war sich seiner Wirkung sowohl auf die weiblichen als auch auf die männlichen Besucher bewusst und nur allzu gerne vergaß der eine oder andere, dass Drews Aufgabe einzig und allein darin bestand, sich wie die übrigen Croupiers um die Spieltische zu kümmern. Doch der schlanke, junge Mann mit dem ebenholzfarbenen Haar, das glatt bis auf die Schultern fiel und den grasgrünen Augen verstand sich inzwischen sehr gut darauf solche Personen höflich aber bestimmt in ihre Schranken zu verweisen. Im Notfall genügte ein Wink in Richtung des Sicherheitspersonals dieses Clubs, die sich dann diskret um allzu aufdringliche Individuen kümmerten. Und doch war dieses Mal etwas anders. Äußerlich vollkommen unbeeindruckt musterte er nun seinerseits den Mann, dessen interessiert und amüsiert funkelnde nachtschwarzen Augen nicht von ihm ließen, etwas genauer. Ein neuer Gast, jemand wie er wäre Drew zweifellos im Gedächtnis geblieben. Bronzene Haut bildete einen faszinierenden Kontrast zu silbrig weißem Haar, dass bis auf ein paar gelöste Strähnen durch ein schlichtes Lederband im Nacken gebändigt wurde. Außerterrestrischen Blut, schoss es Drew aufgrund der außergewöhnlichen Haarfarbe durch den Kopf. Seiner Kleidung nach zu urteilen gehörte der Gast zu dem reicheren Publikum des ‚Black Jack', ein Geschäftsmann auf Durchreise möglicherweise, vielleicht aber auch ein Politiker. Der anthrazitfarbene Smoking wirkte ausgesprochen elegant und brachte seine schmale Figur, Drews eigener nicht unähnlich, gut zur Geltung. Der Croupier schätzte ihn auf Anfang dreißig, was das jugendliche Funkeln in seinen Augen jedoch Lügen strafte. Was Drews Aufmerksamkeit aber Augenblicke später voll und ganz in Anspruch nahm war der Ring am rechten Mittelfinger des Fremden. Der Diamant mit dem ungewöhnlichen quadratischen Schliff hatte mindestens dreieinhalb Karat, wenn nicht sogar vier. Die schlichte Weißgoldfassung ließ den Ring keineswegs protzig wirken und Drews Kennerblick sagte ihm selbst über den Rouletttisch hinweg, dass der Stein mit Sicherheit lupenrein war. Und tief in ihm regte sich ein Gefühl, von dem er geglaubt hatte, es vor langer Zeit verloren zu haben. Die Kugel hatte erneut ihre entgültige Position erreicht und lenkte Drew so von dem Schmuckstück ab. Halb widerwillig, halb erleichtert wandte er sich seiner Tätigkeit zu, stellte nach einem flüchtigen Blick auf die Uhr fest, dass seine Schicht seit einer Viertelstunde beendet war. Also setzte er ein professionell charmantes Lächeln auf und erklärte den Gästen: "Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für ihr Interesse und möchte sie nun bitten sich ein wenig zu gedulden, wenn sie an diesem Tisch weiterspielen möchten. Meine Ablösung wird gleich erscheinen und ich wünsche ihnen noch eine erfolgreiche Nacht." Derweil hatte er bereits dem Kollegen gewunken, der am anderen Ende des Raumes darauf wartete, seine Schicht anzutreten. Mit einem zufriedenen Seufzer stellte Drew fest, dass das Interesse des Publikums schon längst nicht mehr ihm galt und ihm kaum noch Beachtung zuteil wurde und sich müde über die Augen fahrend wartete er ungeduldig auf den Frischling. Karl war neu hier und soweit Drew wusste ein stiller, ruhiger Typ, der geflissentlich seine Arbeit erledigte ohne mehr Elan als nötig in seinen Job zu legen, doch diesmal leuchteten die Augen des anderen Mannes neugierig und er wirkte irgendwie aufgekratzt. Noch ehe er Karl jedoch fragen konnte, was denn der Anlass für dessen Verhalten war, raunte dieser ihm auch schon verschwörerisch ins Ohr: "Hast du eigentlich mitbekommen, wer heute hier ist? Unglaublich, ich hätte nie gedacht ihn mal hier auftauchen zu sehen, ihm wird nämlich nachgesagt, dass er..." Was wem-auch-immer nachgesagt wurde, erfuhr Drew nie, denn Karl stockte plötzlich, sein Blick richtete sich auf etwas oder jemandem hinter Drew und so drehte sich dieser betont langsam herum um den Grund für Karls Verstummen zu erfahren. Der Fremde lehnte lässig am Spieltisch, musterte Drew eingehend, hatte die Hände dabei in den Hosentaschen versenkt und verhinderte so einen weiteren Blick auf das außergewöhnliche Schmuckstück. "Spielen Sie auch Black Jack, Drew? Vielleicht hätten Sie Lust auf ein Spiel im Blauen Saal?" Gegen seinen Willen musste Drew sich eingestehen, dass die samtige und dunkle Stimme des Fremden ein Netz des Interesses um ihn wob, er war außerdem gelinde überrascht, dass er sich die Mühe gemacht hatte, Drews winziges Namensschild zu entziffern, was seine Vermutung dessen Absichten ihm gegenüber jedoch nur verstärkte. Das Lächeln auf den schmalen Lippen wirkte nach wie vor amüsiert berechnend - lauernd. Die Obsidianaugen funkelten herausfordernd aus attraktiven Zügen. Im Allgemeinen hätte er den Gast nun höflich darauf hingewiesen, dass seine Schicht beendet sei und er doch bitte morgen wieder kommen möge, sollte er tatsächlich Wert darauf legen, ihn als Croupier beim Black Jack Tisch zu haben. Doch im Allgemeinen wurde auch nicht der Blaue Saal erwähnt von dem Drew wusste, dass nur die besonderen Gäste des Etablissements überhaupt über ihn Bescheid wussten. So warf er bloß einen verstohlenen Blick hinüber zur Aufsicht, ein knappes Nicken teilte ihm mit, dass er den Wünschen des Gastes besser nach kam und so lächelte er erneut routiniert. "Wie der Herr wünscht." Dann nickte er noch einmal zu Karl hinüber, der seltsam bleich um die Nase herum wirkte und führte den rätselaufwerfenden Gast in den hinteren, privateren Bereich des ‚Black Jack'. Drew ärgerte sich insgeheim, dass der Gast von Minute zu Minute mehr Fragen aufwarf. Woher wusste er von dem Blauen Saal, obwohl Drew ihn noch nie zuvor hier gesehen hatte? Auch Karls Erbleichen mochte etwas mit ihm zu tun haben, sicher war Drew sich jedoch nicht in diesem Punkt. Und letztendlich war da noch der Ring. Drew wünschte sich fast, der Mann möge die Hände in den Taschen behalten, obwohl er sicher war, dass sich dieser Wunsch wohl kaum erfüllen ließ. Er wusste nicht, ob er es sich leisten konnte, alte Begierden aufwallen zu lassen. Der Fremde ohne Namen folgte ihm schweigend, doch Drew vermeinte seinen Blick in seinem Nacken wie ein Brennen zu verspüren. Den Blauen Saal hatte Drew selbst erst ein, zweimal betreten, war er doch für die besonderen Gäste des ‚Black Jack' bestimmt. Besonders bedeutete in diesem Fall stinkreich und hinzukommend nur allzu willig, einen Teil ihres Vermögens beim Verlassen des Hauses auf den Konten des Besitzers des ‚Black Jack' zu lassen. Das Interieur wurde von dunkelblauem Samt in Form von schweren Vorhängen und barocker Bepolsterung dominiert, dezentes Licht sorgte für eine private Atmosphäre. Stille umhüllte sie augenblicklich wie ein seidiges Tuch, als Drew die schweren Türen hinter ihnen schloss, dem Gast mit einem höflich-auffordernden Blick in Richtung Black Jack Tisch geleitete. Der Fremde erwiderte seinen Blick ruhig, ein nicht zu deutendes Lächeln auf den Lippen und mit bewundernswert geschmeidigen Bewegungen ließ er sich auf seinem Platz nieder. Unverwandt suchten seine Augen Drews, doch dieser beschloss, sich davon nicht beirren zu lassen, griff mechanisch nach einem neuen Kartenpäckchen und begann dieses mit flinken Fingern zu mischen. Beiläufig fragte er: "Wünschen Sie nach speziellen Regeln zu spielen, Herr...?" Er stockte bewusst, sah dem Fremden nun doch fragend in die Augen. Strahlend weiße Zähne wurden ihm kurz darauf mit einem breiten Lächeln präsentiert, seine Gegenüber nickte. "Richtig, wie unhöflich von mir. Nennen sie mich Jack, Drew und nein, vorerst wünsche ich keine speziellen Regeln, ich bevorzuge das Spiel klassisch." Drew unterdrückte ein Schnauben bei der Nennung des Namens. Schön, der Herr wollte also anonym bleiben. Ihm sollte es recht sein, denn sein Ziel war einzig und allein die Taschen dieses Herren zu Gunsten des Clubs eine wenig zu erleichtern. Und sie begannen zu spielen. Mit der Zeit ertappte Drew sich immer wieder dabei, wie sein Blick hin zur rechten Hand Jacks wanderte. Die magische Anziehung des Schmuckstückes war schon fast unheimlich. Auch verwunderte es ihn nun doch ein wenig, dass es Jack nicht im mindesten zu stören schien, dass er ein kleines Vermögen nach dem anderen verlor und trotzdem keine Anstalten machte das Spiel abzubrechen. Das geheimnisvolle Lächeln lag weiterhin auf seinen Lippen, sein nicht zu deutender Blick machte Drew langsam aber sicher ein wenig nervös. "Sie lieben das Spiel, habe ich recht?" Ertappt blickte Drew auf, was Jack ein amüsiertes Schmunzeln entlockte. "Bitte?" "Oh, ich meine nicht dieses Spiel, ich meine das Spiel im allgemeinen. Sie lieben einen gewissen Nervenkitzel, die Möglichkeit, von einem zum anderen Augenblick alles zu verlieren - oder alles zu gewinnen, habe ich recht?" Drew runzelte die Stirn. "Mir scheint, sie verwechseln hier gerade etwas. Ich bin bloß ein Angestellter, ich gehe kein Risiko ein, im Gegensatz zu ihnen, es geht hier nicht um mein Geld." Jack lachte, ein perlendes Geräusch, klar und angenehm. Das amüsierte Lächeln blieb, weitete sich zu einem Funkeln der Obsidianaugen aus. "Ich habe sie beobachtet, Drew. Dieses Leben ödet sie an, sie gehen vor Langeweile fast ein. Die Sehnsucht in ihren Augen nach Herausforderung, etwas Neuem müsste für jeden klar zu erkennen sein. Ein Wunder, dass ich allem Anschein nach der erste bin, dem dies auffällt." Drew hielt in seinem Tun inne, schürzte die Lippen und schwieg. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, in welche Richtung sich dieses Gespräch entwickelte. Und das weniger, weil ihn Jack mit seinen Worten verwirrte. Vielmehr war es die Tatsache, dass Jack recht hatte. Er hatte mit seiner Vermutung voll ins schwarze getroffen und es erschreckte Drew ungemein, dass es einem vollkommen Fremden gelungen war, solch einen Blick in seine Seele zu erhaschen, in ihm zu lesen wie in einem offenen Buch. Und gleichzeitig weckte dies kurioser Weise sein Interesse, doch bevor er etwas erwidern konnte fuhr Jack auch schon fort: "Was halten Sie nun doch von einer kleiner Änderung der Spielregeln?" War da etwas lauerndes in seinem Blick? "Wie wäre es mit - einem persönlichen Einsatz?" Gespannte Stille, Drews Augen wurden reflexartig schmal vor Misstrauen. Unbewusst verspannte er sich leicht, blickte jedoch abwartend und fragend in diese verwirrenden Augen seines Gegenübers. Jack lächelte erneut und tat dann etwas, dass Drews Atem für einen Moment stocken ließ. In einer fließenden Bewegung zog er den Diamanten von seinem Finger und legte ihn in die Mitte des Tisches, zusammen mit einem schmalen, mattsilbernen und harmlos wirkenden Halsband, dass er aus einer Innentasche seines Smoking zog. Sekunden verstrichen, in denen Drew die beiden Gegenstände einfach nur wortlos anstarrte. Der Diamant, so, in greifbarer Nähe, begann wieder, seinen unumstößlichen Zauber auszuüben, Drew fuhr sich unbewusste mit der Zungenspitze über die plötzlich trocken gewordenen Lippen. Doch das Halsband daneben... Jedem in diesem Teil der Galaxis waren Gegenstände wie dieser ein Begriff, doch niemand sprach offiziell darüber, bedeuteten sie doch etwas, was offiziell nirgends legal war. Doch ‚Toys' existierten, waren kein Mythos oder Kinderschrecken. Drews Miene verdüsterte sich. "Ich bin kein - ", setzte er an, doch Jack unterbrach ihn kühl, fast ein wenig schneidend. "Ich weiß, dass Sie das nicht sind, Drew, denn wenn Sie es wären, wären Sie nicht im geringsten von Interesse für mich. Stünde mir der Sinn danach, wäre ich sicherlich nicht in eine Etablissement wie dieses gekommen, um mir dir Zeit zu vertreiben. Und trotzdem, das Angebot steht. Wenn Sie es annehmen gehört am Ende dieses Spieles entweder der Diamant Ihnen - und ich weiß, dass sie ihn begehren - oder Sie gehören mir. Sie sind am Zug." Immer noch wanderte Drews Blick hin und her, zwischen dem Objekt, das alte Sehnsüchte lindern würde und dem, das ihn bis ans Ende seiner Tage an sein Gegenüber ketten würde. Und das nicht nur bildlich gesprochen. Doch leider liebte er das Spiel tatsächlich. Er hob den Blick, Smaragd traf auf Obsidian und wortlos stimmte er zu. Jack lachte wieder dieses perlende Lachen und Drew stellte überrascht fest, dass es ihm gefiel. Erstaunlicherweise stellte er sich während der nächsten Minuten nicht einmal die Frage, ob er nicht einen Fehler begangen hatte. ~*~ Rien ne va plus - die Worte hallten lautlos und ohne dass jemand sie ausgesprochen hätte in seinen Ohren wieder. Drews Blick war starr auf seine Karten gerichtet, wanderte dann weiter zu denen Jacks. Überflüssiger Weise teilte er schließlich mit erstaunlich fester Stimme mit: "Sie haben gewonnen, Jack." Drew hielt es Jack zugute, dass dieser in keiner Weise seinen Triumph kund tat und ihn damit mit der Nasenspitze auf seine Niederlage stieß. Und damit auf den Verlust seiner Freiheit. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt - und verloren. Diese Erkenntnis erwischte ihn kalt, jedoch nicht unvorbereitet. Er hatte gewusst, worauf er sich eingelassen hatte, er würde nun die Konsequenzen tragen, so oder so. Mit leisem Bedauern beobachtete er, wie Jack mit einer ruhigen Bewegung den Ring wieder an sich brachte und sich schließlich immer noch wortlos erhob. Drew tat es ihm gleich, sah seinem Schicksal mit erhobenem Kopf und klarem Blick entgegen. Und doch schloss er ergeben die Augen, als sich das Halsbandes mit einem digitalen Klicken schloss, das kühle Metall auf seinen Haut einen krassen Gegensatz zu den warmen, sanften Finger seines neuen Herren bildete. Vielleicht aber wollte er auch dem Blick seines Gegenübers entgehen, in dessen Augen ein unheilschwangeres Verlangen glomm. ~*~ Drew konnte das leise Stöhnen nicht unterdrücken, dass seinen Lippen entfloh. Jack hielt in seinem Tun inne, kam wieder auf gleiche Höhe mit ihm, stützte sich mit beiden Händen links und rechts von Drews Kopf auf samtenen Laken des breiten Himmelbettes der luxuriösen Suite ab und blickte mit nicht zu deutendem Blick tief in Drews Augen, hielt dessen Aufmerksamkeit gefangen. Flach atmend und unter halb geschlossenen Lidern blinzelte der junge Mann zu seinem neuen Herren auf, fühlte den kühlen Luftzug auf nackter Haut, dessen Effekt durch den leichten Schweißfilm auf seinem gesamten Körper noch verstärkt wurde. Drews Blick glitt kurz über den Körper des Mannes über ihm. "Gefällt Dir, was Du siehst?" Drews Aufmerksamkeit wurde wieder von Jacks Augen in Anspruch genommen. Der Blick des anderen Mannes drang durch jede Pore, schien sein Innerstes nach Außen zu stülpen, bahnte sich einen Weg zu seiner Seele. Seltsamerweise fühlte sich Drew nicht entblößt, nackt, hilflos oder ungeschützt. Er schätzte Jack als einen Mann ein, der sich nahm, was sich bot, jedoch ohne dabei dem Respekt vor den Dingen zu verlieren. Schließlich antwortete er rau: "Ist die Frage nicht vollkommen belanglos? Sollte ich nicht besser fragen, ob Ihnen gefällt, was Sie sehen?" Jack lachte leise. "Mir hat gefallen was ich sehe, seit sich unsere Blicke am Rouletttisch trafen." Und zum ersten Mal entdeckte Drew unverhohlenes Begehren in den Augen des anderen. Falls er noch etwas hätte erwidern wollen, hinderten ihn Sekunden später heiße Lippen daran, ebenso wie eine verlangende Zunge, die seinen Mund in Besitz nahm. So sanft... Ob Drew es wollte oder nicht, das Gefühl der Hitze über sich, die glatte, geschmeidige Haut, die sich verlangend an seiner rieb, brachte sein Blut zum kochen und er ertappte sich dabei, wie seine Zunge auf das Spiel einging, neckte, zurücktrieb und wieder in seinen Mund lockte. Nach scheinbar endlosen Momenten unterbrach Jack den Kuss, sein Kopf schwebte erneut über Drews, seine Augen funkelten wieder mit nicht zu deutendem Blick. "Ich werde dir niemals weh tun." Drew glaubte ihm, doch wieder wurde ihm keine Zeit gelassen, etwas zu erwidern und ein erneuter, fordernder Kuss nahm ihm den Atem. Zischend sog Drew die Luft ein, als Jack seinen Mund frei gab, doch Augenblicke später hatte er keine Zeit, sich mehr aufs Atmen zu konzentrieren. Drews Welt versank in einem feurigen und alles verschlingenden Strudel. ~*~ Mit geschlossenen Lidern lauschte Drew auf die ruhigen Atemzüge neben sich, bevor er die Augen aufschlug. Das Licht eines Zwillingsgestirns tauchte den Raum in unwirklich scheinendes, bläuliches Zwielicht, erzeugte faszinierende Schatten auf den entspannten Gesichtszügen neben ihm. Jacks ausgesprochen attraktives Gesicht wurde sanft von weißen Strähnen umrahmt, er lag auf der Seite, die Knie leicht angewinkelt, Drew das Gesicht zugewandt, die eine Hand auf seiner Hüfte ruhend, die andere lag auf dem Kissen in Höhe seines Kopfes. Das dünne Laken war bis zu seinen Hüften gerutscht, verhinderte so keineswegs den Blick auf den schlanken Oberkörper des Mannes und ließ den Rest umschmeichelnd erahnen. Mit einem Lächeln und einer nicht zu spürenden Bewegung strich Drew ihm seidiges Haar aus der immer noch feuchten Stirn. Jack hatte sein Versprechen gehalten, er hatte ihm nicht weh getan. Er hatte andere Dinge mit ihm gemacht, eine Menge anderer Dinge, aber er hatte ihm nie weh getan. Ein Schauer durchlief unwillkürlich den Körper des jungen Croupiers, als er an Jacks sanfte Hände erinnert wurde und an dessen Talent, ihre Körper im Gleichklang zum Schwingen zu bringen. Fast ein wenig bedauernd erhob er sich katzengleich und vollkommen lautlos, ohne den anderen auch nur im Mindesten in seiner Ruhe zu stören, warf noch einen letzten Blick auf den zum jetzigen Zeitpunkt völlig wehrlos und ihm ausgeliefert wirkenden Körper neben sich und griff schließlich nach seinem Hemd, das im Laufe der Nacht irgendwie über der Nachttischlampe gelandet war. Geschickt fuhren seine Fingerspitzen über den Kragen und hielten schließlich inne, als er fand, wonach er gesucht hatte und Augenblicke später lag ein nadelanmutender Gegenstand in seinen Händen. Drew lächelte erneut, bedachte den ruhenden Körper aus einiger Entfernung mit inzwischen fast mitleidigen Blicken, und nach einiger Fingerfertigkeit gab das Schloss des schmalen Halsbandes mit einem kaum zu hörenden Klicken nach. Zufrieden stellte er fest, dass er nichts verlernt hatte. Dann gemahnte er sich selbst zur Eile und ebenso lautlos wie er sich eben erhoben hatte, suchte er auch den Rest seiner Kleidung zusammen, schlüpfte hinein und hielt sich bereits im Kopf den Weg zu seinem Quartier und von dieser Station vor Augen. Er durchmaß den Raum, ließ sich erneut in sitzender Haltung neben Jack aufs Bett nieder. Sekunden vergingen, in denen er ihn einfach nur anblickte. Der ihm immer noch fremde und unerklärliche Mann hatte ihn mit einer Leidenschaft geliebt, die fast den Eindruck erweckt hatte, als befürchte dieser, nie wieder die Gelegenheit dazu zu bekommen. Nachdenklich gestand Drew sich ein, dass Jack diese Nacht wahrscheinlich auch auf einem anderen Wege hätte bekommen können. Mit sanften Fingern strich nun er über hohe Wangenknochen, an einem markanten Kieferknochen entlang, den Hals hinab, übers Schlüsselbein, betastete feste Armmuskulatur unter geschmeidiger, dunkler Haut und hielten schließlich am Handgelenk inne. Drew war sich sicher, dass Jack von diesen Bewegungen nicht erwachen würde. Fast schon zärtlich hob er dessen Hand an und zog in einer geschmeidigen und unverlernten Bewegung den Diamanten von dessen Finger. Sorgsam wog er das Schmuckstück in seiner Hand, schob es sich dann für einen Augenblick selbst auf den Mittelfinger, bewunderte das Spiel des Zwillingsgestirnlichtes im perfekten Schliff. So sehr er es auch versuchte, er konnte halt nicht aus seiner Haut. Und wenn er ehrlich sein sollte, wollte er das auch gar nicht. Erneut bedachte er Jack mit einem Blick, beugte sich in einer Anwandlung romantischer Gefühle hinab und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange - und sah sich mit einem ruhigen und keinesfalls überraschten Blick aus geheimnisvoll schimmernden Augen konfrontiert, als er sich zurückzog. Sekunden, Minuten, Stunden schienen zu vergehen, in denen sie sich einfach nur ansahen, Drew leicht überrascht, Jack mit einem Hauch von Traurigkeit. Dieser war es auch, der die Stille schließlich brach. "Ich hatte vermutet, du würdest schon früher verschwinden." Drews blinzelte verwirrt. Jack schien dieser Anblick zu gefallen, denn er schenkte ihm ein irgendwie melancholisches Lächeln, hob in einer sehr langsamen Bewegung, als wolle er verhindern bedrohlich zu wirken, den einen Arm ohne sich ansonsten zu bewegen, legte seine Hand sehr zärtlich in Drews Wange und fuhr fort: "Dein Ruf eilt dir voraus, Andreà Noir." Ein Faustschlag in die Magengrube hätte ihn nicht härter treffen können, Drew glaubte, sein Herzschlag setze für einen Moment aus. "Was?", schnappte er sogleich, die Augen misstrauisch verengt, jeden einzelnen Muskel bis aufs Äußerste angespannt. Doch Jack lachte bloß leise, zog jedoch seine Hand wieder mit einer beschwichtigenden Geste zurück. Drew wich ein Stück zurück, als der andere Mann sich behutsam und allem Anschein nach immer noch darauf bedacht nicht bedrohlich zu wirken aufsetzte. Lässig lehnte er sich mit dem Rücken an das Kopfende des breiten Himmelbettes, sein Blick hielt Drews weiterhin gefangen. "So überrascht?", seine Stimme klang sanft und gelassen. "Du glaubst doch wohl nicht, dass ich den jungen Mann, der sich vor drei Monaten als Andrew Carver für einen Job beworben hat, nicht bis auf kleinste Detail durchchecken würde. In meinen Clubs arbeitet niemand, dessen Vergangenheit ich nicht bis in den Kreissaal zurückverfolgt habe. Ich gebe zu, so schwer und so teuer waren die Nachforschungen nie gewesen, doch letztendlich stimmten deine Personalien erstaunlich genau mit denen eines in der halben Galaxie gesuchten Diebes überein." Der Redeschwall war so flüssig und in solch einem beiläufigen Tonfall auf Drew herein geprasselt, dass dieser einige Augenblicke brauchte, um ihm einen Sinn abzugewinnen. Und endlich blitzte Erkenntnis in seinen Augen auf. "Jerome Aurelius Cero Kestrel. J.A.C.K." Sein Gegenüber schmunzelte, ließ Drew Zeit seinen Gedankengängen in Ruhe zu folgen. Jedem der Angestellten des ‚Black Jack' war der Name ein Begriff, jedoch vermutete Drew, dass er nun einer der wenigen war, die dem Namen ein Gesicht hinzufügen konnten. Drew musterte ihn prüfend, versuchte irgendein Zeichen zu erkennen, wodurch ihm doch Gefahr drohen könnte. Als er nicht fündig wurde fragte er so gelassen wie möglich: "Du hast nicht vor, mich auszuliefern?" Jack schüttelte den Kopf, das sanfte Lächeln lag immer noch auf seinen Zügen und Drew fuhr fort: "Dann war das hier geplant." Diesmal war es keine Frage, sondern eine Feststellung und trotzdem nickte Jack leicht. Drew schwieg, erwiderte den Blick seines Gegenübers, suchte in seinen Augen irgendetwas um zu verstehen. Die Entwicklung er Ereignisse entzog sich seiner Sicht der Dinge, nachdenklich und immer noch dabei dem soeben Erfahrenen irgendeinen Sinn abzuverlangen spielten seine Finger mit dem Diamantring. Er wurde aus diesem Mann einfach nicht schlau, hatte noch nie davon gehört, dass jemand so etwas inszenierte nur um - "Warum?" Drews Stimme war fast nur ein Hauch, mit ihr schwang das Nichtverstehen, das sein derzeitiges Denken dominierte und gleichzeitig die Bitte um Erklärung. Das leise Bedauern in Jacks Blick kurz darauf, rührte irgendetwas tief in ihm an. "Ich habe Dich vorhin angelogen, weißt Du? Ich sagte, mir habe das gefallen was ich sah, zu dem Zeitpunkt als sich unsere Blicke heute Nacht das erste Mal kreuzten. Das stimmt jedoch nicht. Ich beobachte Dich Drew, seit Du vor drei Monaten im ‚Black Jack' angefangen hast. Und ich konnte meine Augen nicht von dir lassen. Du hast mich mit jeder Geste, mit jedem Blick, auch wenn sie nicht mir gegolten haben, verzaubert, in deinen Bann gezogen. Und zum ersten Mal in meinem Leben machte mich jemand schwach." Sein Lächeln wirkte plötzlich schüchtern und traurig zugleich. Unbewusst hatte Drew den Atem angehalten, holte nun hastig Luft, war nicht in der Lage sich zu bewegen und noch immer war er nicht zufrieden, mit Mühe zwang er sich erneut zu fragen, hatten ihm Jacks Geständnis doch nicht nur den Atem, sondern auch die Worte verschlagen. "Aber warum? Warum auf diese Art und Weise?" Das brachte Jack zum lachen, seine Augen blitzten plötzlich schelmisch. "Du warst, nein du bist noch immer eine Herausforderung. Auf irgendwie verdrehte Art und Weise wollte ich dir ebenbürtig sein." Seine Hände umschlossen sanft Drews, sein Blick ruhte auf dem Diamanten, jedoch machte er keine Anstalten, das Schmuckstück wieder an sich zu bringen. "Ich war mir sicher, jemand wie du könne etwas wie diesem hier nicht widerstehen. Und ich war mir sicher, du würdest auf den Handel eingehen, da deine Fähigkeiten dir erlaubten, heil wieder aus der Sache heraus zu kommen. Du hättest schon früher aussteigen können, habe ich recht? Bevor - " Er lächelte, ließ den Satz unbeendet, fuhr dann an anderer Stelle fort: "Und außerdem... Ich liebe das Spiel." Widerstrebend löste er seine Hände schließlich wieder von Drews und für einen winzigen Augenblick machte er den Eindruck, als wollte er noch etwas hinzufügen. Die Resignation, die dann jedoch in seine Augen trat, tat Drew aus irgendeinem Grund fast körperlich weh. Der schwarzhaarige Croupier hatte keine Fragen mehr, doch es war ihm nicht möglich sich zu bewegen. Jack würde ihn nicht aufhalten, er würde ihm niemanden hinterher schicken, ja, er würde ihn nicht einmal daran hindern, mit dem Diamanten zu verschwinden. Denn all das war es ihm wert. Das, was sie geteilt hatten war es ihm wert. *Er* war es ihm wert. Drew warf einen nicht zu deutenden Blick auf das matt glänzende Halsband neben sich auf dem Nachttisch, dann einen auf den Ring zwischen seinen Fingern. Und dann sah er wieder auf, blickte erneut in diese unsagbar schwarzen Augen. Es freute ihn diebisch, als das Lächeln, das sich schließlich auf seine Lippen schlich, diese verblüfft aufblitzen ließ. Er erhob und beugte sich in einer einzigen, fließenden Bewegung vor, umfasst bestimmt den Nacken des anderen Mannes, zog ihn, noch bevor dieser überhaupt wusste wie ihm geschah, mit einem Ruck zu sich heran und küsste ihn tief und innig. Dann, ebenso unvorhergesehen, zog er sich zurück und richtete sich ganz auf, wurde in jeder seiner Bewegungen von fragenden und unverständigen Obsidianen verfolgt. In einem Plauderton schlug er wenige Augenblicke später, und nachdem er fachmännisch seine Kleidung geordnet hatte, vor: "Du solltest dich öfter in deinen Clubs sehen lassen. Glaub mir, es lohnt sich." Drew ließ es sich nicht nehmen, noch solange zu warten, bis Jacks Augen in Verständnis von einem funkelnden Licht erhellt wurden, bevor er auf dem Absatz herum fuhr und die Suite beschwingten Schrittes verließ. Still lachte Drew in sich hinein. Rien ne va plus - ein Lüge. Es ging immer noch etwas. Und nun hatte er einen Grund, noch etwas länger zu bleiben. Und damit meinte er nicht den schlichten Diamantring, der zum jetzigen Zeitpunkt neben einem matt glänzenden Halsband auf dem Nachttisch einer Suite der Raumstation lag. ~ENDE~ ~*~ ~*~ ~*~ (fertig gestellt August 2003) back |