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***** Forgivable Sinner II – to turn the wheel of fortune***** Autor: Di-chan
Part 8 : „Ist alles in Ordnung, Bernard?“ fragte Kim unerwartet in das Schweigen hinein, doch als Antwort musste er sich mit einem kurzen Kopfnicken Bernards begnügen, der nicht bemerkt hatte, dass er Kims Wange liebkoste. „Natürlich... du hattest da nur etwas Schmutz auf deiner Wange. Jetzt ist er weg, haha! O.k., komm’ jetzt! Diese kleine Steigung müssen wir hochklettern und dann sind wir auch schon da!“ Kim betrachtete aufmerksam den Grashügel und stieg ihn ohne Mühe, Bernard folgend, nach oben. „Von hier aus hat man einen herrlichen Ausblick auf den ganzen Garten, siehst du?“ Bernard hatte recht. Von dem Vorsprung aus, der durch eine alte, teils schon etwas zerfallene kleine weiße Mauer abgegrenzt war, konnte man einen großen Teil des Grundstück des Herzogs überblicken. „Gefällt es dir? Aber eigentlich habe ich dich nicht deshalb hierher geführt, sondern wegen eines kleinen Wunderdings, das mir als Kind immer sehr große Freude bereitet hat.“ Bernard lief mit schnellen Schritten zu einem kleinen Busch und wühlte dort einige Sekunden herum bevor er mit strahlenden Augen zurück zu Kim kam und ihm einen weißen Kristall, der an einem dünnen Fädchen hing, vor die Nase hielt. „Siehst du... als ich klein war, hab’ ich dieses Steinchen wie meinen Augapfel gehütet. Joséphine hat ein paar mal versucht, ihn mir wegzunehmen, aber... das ließ ich nicht zu.“ Kim glaubte einen Anflug von Trauer in Bernards Gesichtszügen erkennen zu können, doch aus welchem Grund? Beide starrten sie gebannt auf das kleine Juwel bis Bernard den Stein plötzlich hoch in die Sonne hielt. Er tanzte an dem Faden und drehte sich. „Sieh’ dich nun hier einmal um...“ Über den Boden huschte buntes Licht. Wo soeben der Untergrund noch rosa beschienen aussah, verschwamm die Farbe auch schon in ein helles Blau, dann in Grün und Gelb und dann schien sich alles zu wiederholen. Eine Weile standen beide nur so da und verfolgten mit ihren Augen die kleinen Lichtreflexe. „Ich liebte dieses Spielzeug. Man könnte fast sagen, es war mein Ein- und Alles, bis...“ /Schon wieder sieht er so voller Kummer aus. Welche Erinnerungen verbindet er mit diesem Stein? Ist in seiner Vergangenheit etwas schlimmes vorgefallen?/ Bernard packte den Kristall fest in seiner Hand und lachte leise. „Es ist doch sehr kindisch von mir, dich hierher zu bringen und zu versuchen, deine Aufmerksamkeit mit einem Stein zu gewinnen, findest du nicht?“ Ihre Blicke trafen sich. „Ich glaube... ich sollte ihn dir schenken. Hier nimm!“ Kim wich einen Schritt zurück als Bernard plötzlich seinen Arm rücksichtslos ausstreckte, dann schluckte er, bevor er antwortete: „Es ist ein Erinnerungsstück an deine Kindheit. Du solltest es nicht so leicht verschenken!“ „Aber lieber Freund! Mein Herz hängt natürlich noch immer daran, aber wenn ich ihn dir gebe, weiß ich, dass er in guten Händen ist. Bitte nimm’ ihn an dich. Ich möchte es so!“ Zögerlich streckte Kim seine rechte Hand aus. „Vielen Dank!“ Es kehrte zwischen den beiden eine plötzliche Stille ein, die Kim sehr unangenehm war. Er fühlte sich von Bernard beobachtet, es kam ihm fast so vor, als würde der Junge eine Gegenleistung für das Geschenk erwarten. „Habe ich dich jetzt damit glücklich gemacht, Kim?“
„Bernard! Kim!“ rief plötzlich ein leises Stimmchen aus einiger Entfernung und nach ein paar Sekunden erkannten sie Joséphine, die sich in ihrem langen Kleid die Anhöhe heraufgequält hatte und nun mit rotem Gesicht und nach Atem ringend vor ihnen stand. „Ich dachte mir doch, dass ihr hier seid. Meinen Freundinnen und mir ist nichts besseres eingefallen, als ein Versteckspiel im Garten. Und da es unter Mädchen alleine nicht aufregend genug ist, wollte ich euch bitten, teilzunehmen!“ Joséphine bemerkte sehr wohl den gelangweilten und kritischen Blick ihres Bruders, ließ sich davon jedoch nicht abschrecken, sondern grinste ihm protestiv ins Gesicht, dass der Junge gar nicht anders konnte, als widerwillig zuzustimmen. „Wunderbar!“ rief sie erfreut laut aus und klatschte dabei in ihre Hände.
Auf dem Rückweg zum Schlossvorplatz eilte Joséphine voran, gefolgt von Kim und Bernard, die sich die gesamte Zeit über nur anschwiegen, als hätte das Mädchen sie in einer peinlichen Situation erwischt. Kim verschlug es beinahe die Sprache als er die versammelten Gäste sah, die sich im Schlosshof regelrecht tummelten und von denen jeder auf seine Art und Weise versuchte, im Mittelpunkt zu stehen. Er fand das Getue der Adligen widerwärtig. Was glaubten diese Menschen eigentlich, wer sie seien und wieso meinten alle, dass ihre Probleme viel wichtiger wären als die der anderen. Unbewusst schüttelte Kim seinen Kopf, doch nur so leicht, dass es keiner der Umstehenden bemerkte. Noch immer folgten die beiden Jungs Joséphine bis sie endlich auf dem Treppenaufgang des Schlosses Halt machte und sich plötzlich zu räuspern begann. Sie nahm ein Champagnerglas in die Hand und schlug mit einen silbernen Löffelchen auf dessen Rand, um sich so die Aufmerksamkeit ihrer Gäste zu verschaffen. „Bitte entschuldigt diese Unterbrechung, aber ich wollte nur noch einmal einen Aufruf an alle starten, die Lust haben, an unserem kleinen Versteckspiel im Garten meines Onkels teilzunehmen. Über ein paar Mitspieler wären wir sehr erfreut!“ Unerwartet stieß ein sommersprossiges Mädchen, dessen rotblonde Zöpfe hin und herwippten auf die drei und stellte sich neben Joséphine auf die Treppe um wenig später nicht weniger lauthals zu verkünden, dass durchaus auch das männliche Geschlecht angesprochen sei. „Rosabella... musste das denn jetzt sein?!“ Keck stütze der Rotschopf ihre Hände in die etwas rundlichen Hüften und streckte ihrer Freundin die Zunge heraus. Dann grinste sie breit bis zu den Ohren und kniff ihr rechtes Auge zu. „Natürlich musste das sein, liebste Freundin Joséphine. Wir befinden uns schließlich in einem heiratsfähigen Alter, wenn wir nicht schon längst überfällig sind! Und weil du dich nicht getraut hättest, auch nach Männern zu fragen, habe ich das eben für dich gemacht. Du weißt gar nicht, welchen Gefallen ich uns damit getan habe!“ Beide Mädchen kicherten daraufhin unbeschwert. „Kommt jetzt, wir gehen!“ Rosabella stürmte mit Joséphine im Schlepptau voran und als Kim ihnen gerade nachlaufen wollte, spürte er Bernards festen Griff um sein Handgelenk. Er drehte sich zu dem Jungen um und sah ihn fragend an.
„Ich...“
Nur dieses eine Wort, mehr gab Bernard nicht von sich, bevor er selbst davonrannte.
Als Kim in den großen Schlossgarten trat wurde er bereits sehnsüchtig von allen erwartet. Es hatten sich an die 20 Mitspieler eingefunden, ein buntes Gewirr von Kleidern und Anzügen. „Jetzt wird ausgelost, wer suchen muss!“ schrie ein junger Bursche und die Umstehenden nickten zustimmend. „Ich würde sagen, Joséphine denkt sich eine Zahl aus und wer diese errät oder am wenigsten weit von ihr entfernt ist, der muss suchen...“ „Wer diese errät?! Das klingt ja fast so, als würde man damit belohnt werden, dass man suchen darf. Naja, jedenfalls hoffe ich, dass ich nicht derjenige sein werde...“ Ein undeutliches Gemurmel brach aus. „Ich bin dafür, dass Kim sucht!“ Bernard hatte sich zu Wort gemeldet und deutete mit seinem Zeigefinger direkt auf Kim, der etwas unbeholfen in die Menge starrte und sich ihren Blicken ausgeliefert fühlte. /Diese Situation mag ich gar nicht. Sie erinnert mich an den Tag, an dem Eduard mich vor so vielen Menschen küsste... Der Kuss war süß, doch das Erwachen unendlich bitter.../ „Und warum sollte es ausgerechnet diesen Jungen treffen, Bernard?“ fragte ein kleines blondes Mädchen, der Kim anscheinend leid tat. Bernard musterte sie daraufhin amüsiert und stellte mit einer Art Überheblichkeit klar: „Das ist doch ganz einfach. Wer als letzter kommt, der muss auch suchen! So war schon immer die Regel beim Versteckspielen!“ Ein harter Blick traf Kim. „Oder hat unser Freund etwa irgend etwas dagegen einzuwenden?“ Ein Lachen. „Nun, da Kim nicht antwortet, gehe ich davon aus, dass es ihm nichts ausmacht. Dann kann es ja los gehen. Der Garten ist groß. Sagen wir du zählst bis 50, dann kannst du suchen. Einverstanden? Derjenige, den du als letztes findest, hat einen Wunsch frei!“ Alle kreischten daraufhin wild durcheinander, ein Kichern hier, ein Lachen dort. Jeder war einverstanden. /Jeder... / Kim wendete den Jungs und Mädchen den Rücken zu und lehnte sich an einen bemoosten alten Baum, um zu zählen. /Wie dumm ich mir dabei vorkomme. Doch einfach verschwinden kann ich nicht.../ „39,40,41...“ /Derjenige, den ich zuletzt finde hat einen Wunsch frei!/ „50!“ Die letzte Zahl sprach Kim nur sehr leise aus. Im Grunde war es sowieso egal, ob ihn jemand hörte oder nicht, denn mit Sicherheit war für jeden Zeit genug gewesen, sich in dem großen Garten ein passendes Versteck zu suchen.
Es dauerte nicht lange, da fand er auch schon die ersten Mitspieler, deren Verstecke nicht sonderlich originell waren. Doch dann wurde es immer schwieriger. „Hallo! Du heißt doch Kim, nicht wahr?“ Kim sah zu seiner Rechten und nickte kurz. Ein junger Mann stand ihm gegenüber, sein spitzes Gesicht ihm neugierig entgegenstreckend. „Du hast fast alle Mitspieler gefunden, es fehlen nur noch vier Personen, die da wären Hans, Johann, Bernard und Lucy!“ Gerade als der junge Mann den Satz beendet hatte, sprang auch schon Hans aus seinem Versteck und erschreckte Kim etwas mit seinem plötzlichen Auftreten. „Noch drei!“
Etliche Minuten später fehlte nur noch Bernard und Kim wusste beim besten Willen nicht, wo er den Jungen noch suchen sollte. Er hatte jedes mögliche Versteck im Garten bestimmt schon zweimal abgesucht, ihn jedoch nicht gefunden. „Oniisaaaaaaaaan! Du kannst rauskommen! Im Versteckspielen bist und bleibst du einfach unschlagbar! Komm’ doch hervor! Wir wissen nicht, wo du bist!“ Doch Bernard kam trotz Joséphines Rufen nicht. Viele der Jungs und Mädchen hatten inzwischen den Garten aus Langeweile verlassen und hofften, in der Menge der anderen Gäste etwas Zerstreuung zu finden. Nur Joséphine und einige ihrer besten Freundinnen blieben und halfen Kim beim Suchen. „Bernard, das ist nicht mehr lustig! Komm’ jetzt endlich hervor oder wir gehen einfach und lassen dich hier alleine! Komm jetzt oniisaaan!“ Kim sah sich nach allen Seiten um. Vom Westflügel des Schlosses Weilnach musste man direkten Ausblick auf diesen Garten haben. Vielleicht könnte man Bernard so finden. Doch noch während Kim dieser Gedanke kam, raschelte nicht weit entfernt ein Busch und der Junge kam zum Vorschein. Joséphine verdrehte ihre Augen und hob ihren Zeigefinger tadelnd in die Höhe! „Stimmt’s, du bist doch gewandert! Kim hat dich vor ein paar Minuten eben an der Stelle gesucht, aus der du gerade hervorgekrochen bist!“ Bernard beachtete seine Schwester gar nicht weiter, sondern lief mit festen Schritten auf Kim zu, seinen Blick nie von dessen Gesicht abwendend. Ein hämisches Lachen schattierte seine sonst so freundlichen Gesichtszüge. Kim schluckte, er wusste nicht, was ihn nun erwartete.
/Langsam, Bernard! Ganz... langsam, sonst machst du ihm Angst.../
„Na, Kim? Ich hoffe, du hast die Abmachung nicht vergessen... Nun sieh’ mich doch nicht so enttäuscht an. Es wäre dir wohl lieber gewesen, wenn jemand anderes der Gewinner gewesen wäre? Nun, ich muss dich leider enttäuschen... Aber kommen wir nun zu... meinem Wunsch!“ Das Funkeln in Bernards Augen ließ Kim regelrecht erstarren. Vielleicht hätte er einfach wegrennen sollen, aber das war doch Unsinn. Was hatte er vor dem Jungen schon zu befürchten? Es war zwar die Rede von einem Wunsch gewesen, aber es war nicht vereinbart, dass Kim diesen hätte erfüllen sollen, oder etwa doch? – Nein, davon war niemals die Rede gewesen! „Ich wünsche mir...“ Bernard blickte verstohlen um sich.
„Ich wünsche mir... nur eine klitzekleine Kleinigkeit. Ich möchte...“
/Er nähert sich meinem Gesicht, ich kann schon seinen heißen Atem auf meiner kühlen Haut spüren. Ist es das, was er will? Ich... kann... nicht, denn es .../
Noch bevor Kim diesen Gedankengang zuende führen konnte, spürte er Bernards Lippen auf den seinen, fühlte, wie sein Gegenüber immer gieriger nach seiner Zunge suchte, bis er sie schließlich fand. Kims Herz raste, mit weit geöffneten Augen stand er fassungslos da. /Wieso... versteht er nur nicht. Wie oft muss ich ihn denn noch abweisen, bevor er begreift, dass meine Liebe bereits... einem anderen.../ Bernards Mund löste sich von Kims so langsam, dass allen Umstehenden bildlich deutlich wurde, dass es ein Zungenkuss gewesen war. Kim konnte nichts sagen, wollte auch nichts sagen, die Schamesröte stieg ihm langsam ins Gesicht und er fasste sich mit der linken Hand über die Lippen. „War doch gar nicht so übel, oder?“ Bernard hob belustigt seine Schultern etwas an und wendete sich dann grinsend den Zuschauern zu, die allesamt zu ihm starrten, dann wieder auf Kim. Joséphine schlug sich die Hände vor die Augen und drehte sich von ihrem Bruder weg. „Was denn, Schwesterlein. Das ist dir doch nicht etwa peinlich, oder? Es war doch nur ein Kuss. Ein läppischer Kuss und damit habe ich doch wohl niemandem weh getan, mhm?“ „Wieso musstest du das tun, Bernard?!“
/Mach’ mir keinen Vorwurf kleine Joséphine!/
„Ganz einfach!“ Er legte seine Hand auf die Schulter seiner Schwester. „Ich musste es tun... um euch für den Rest eures erbärmlichen Lebens zu schockieren! Du weißt doch... das kann ich sehr gut!“ Kim konnte einige der Mädchen untereinander tuscheln hören. „Bernard war schon immer unberechenbar!“ „Der Scherz war ziemlich makaber!“ „Das sollten wir unseren Eltern lieber nicht erzählen, sonst lassen sie uns nicht mehr zu Joséphine...“ Kichernd und vor sich hin brabbelnd verließen die Mädchen mit Bernard und Joséphine im Schlepptau den Garten. Ab und zu konnte man noch ein lautes Lachen vernehmen, doch dann trug der Wind die unsanften Stimmen mit sich davon und Kim war alleine. Er atmete tief aus und fasste sich dann ungläubig an die Stirn um sich die wüsten Haare zurückzustreichen. Sein Blick wanderte dabei zufällig nach oben zu dem Balkon des Schlosses.
/Der Graf!/
Von Sinnt verschmälerte seine Augen, als er Kim fest ins Gesicht blickte, dann führte er ruhig das glänzende Glas mit dem roten Wein, das er in der Hand hielt, zu seinem Mund und trank, löste dabei seinen Blick jedoch niemals von Kim, der atemlos zurückstarrte. /Seit wann steht der Graf schon auf dem Balkon? Hat er mich gesehen? Hat er... uns gesehen?/
Kim konnte trotz der Entfernung erkennen, wie die dunklen Pupillen des Grafen langsam nach links wanderten und wenig später erblickte er die schöne junge Frau an der Seite des breitschultrigen Mannes, die am Mittag mit ihm angereist war, sah, wie sie ihre Hände um seinen Körper und ihren Kopf auf dessen Rücken legte. Dem Graf schien dies unangenehm zu sein, denn wenig später richtete er sich auf um sich aus der Umarmung zu lösen. Doch er war zärtlich zu seiner Frau, wie es Kim schien, denn behutsam nahm er ihre Hand in seine und lief mit ihr vom Balkon zurück in das Schloss.
/Was sagt Ihr gerade zu ihr? Dass es für ihr schulterfreies Kleid zu kühl auf der Terrasse sei und sie besser im Schloss bleiben sollte, oder vielleicht, dass es hier im Garten sowieso nichts Interessantes zu beobachten gäbe und Ihr Euch lieber wieder unter die Gäste mischen wollt? Ja, geht nur... geht und.../
Er senkte seine Augen zu Boden.
/Geht und... kommt zurĂĽck!/
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Part 9: Ein beklemmendes Gefühl machte sich in Kims Innerstem breit, schien sich von seiner Brust aus immer weiter zu ziehen, bis er starke Schwierigkeiten beim Atmen hatte und meinte, sein Herz müsste jeden Augenblick zerbersten. Etwas desorientiert schlenderte er mit kleinen Schritten zurück zu dem menschenüberfüllten Vorplatz des Schlosses, auf dem sich inzwischen sicherlich auch wieder Joséphine und ihre Freundinnen herumtrieben. Ob sie noch immer von der eben vorgefallenen Sache sprachen? Oder war es für sie so eindeutig ein Scherz gewesen, dass sie keine Gedanken mehr daran verschwendeten und ihre Aufmerksamkeit wieder anderen Attraktionen widmeten? Eigentlich konnte es ihm doch egal sein, was sie dachten, was sie sagten oder was sie vielleicht sogar herumerzählten. In der Öffentlichkeit war sein Ruf sowieso schon geschändet. Auch wenn die Gäste versuchten, ihm keine kritischen Blicke zuzuwerfen, so fühlte er sich doch immer aufs Genaueste beobachtet, von allen Seiten. Manchmal meinte er sogar, im Vorbeilaufen sehen zu können, wie sich die mit zahlreichen Ringen geschmückten Hände hoben und wie hinter diesen undeutlich Gerüchte genuschelt wurden. /Drei Jahre ist es her... die Leute müssten doch vergessen.../ Vielleicht versuchten die Menschen freundlich zu ihm zu sein, doch insgeheim war jedem klar, dass sie sich in gewisser Weise abgestoßen fühlten. Kims Blicke wanderten die kleinen Unebenheiten des steinigen Untergrundes ab. Er blickte nicht gerne nach oben, wenn er niemanden an seiner Seite hatte, den er ansehen konnte. Manchmal wurde ihm regelrecht schwindlig, wenn er versuchte, geradeaus zu sehen, in ein Nichts, das von Menschen nur so überquoll. Weshalb lief er hier eigentlich sinnlos über den Schlosshof? Vielleicht in der Hoffnung, auf Heinrich zu treffen, um ... ja wozu? Glaubte er denn ernsthaft, dass es Eduards Bruder auch nur einen Deut interessieren würde, was er zu erzählen hätte? Und im Grunde gab es auch nichts zu sagen. Wo war eigentlich Bernard? Erst jetzt bemerkte Kim, dass er die ganze Zeit mit dem kleinen silbrig schimmernden Kristall in der Tasche seiner Hose gespielt hatte. Immer wieder hatte er das Schmuckstück durch seinen Zeige- und Mittelfinger gleiten lassen, es dann mit dem Daumen aufgenommen um wenig später das ganze von vorne zu beginnen.
„Rate mal, wer ich bin!“ erklang plötzlich eine sanfte glockenhelle Stimme und Kim spürte, wie sich zwei in samtige Handschuhe gekleidete zierliche Hände über seine Augen legten und ihm die Sicht nahmen. Erst stockte Kim in seiner Bewegung, doch als er sich schließlich umdrehte und dann in zwei strahlend blaue Augen blickte, die ihm lieb zublinzelten, fühlte er in sich eine unbeschreibliche Leichtigkeit aufsteigen. „Ja, Kim- oniichan, du darfst deinen Augen ruhig trauen! Dein herzallerliebstes wunderschönes und natürlich auch sehr glückliches kleines Schwesterchen steht vor dir!“ Mit weiten Augen sahen sich die beiden an und Kim stellte schmunzelnd fest, dass sich Sophie zumindest in einem niemals verändern würde. – In ihrem Hang zum Tränenvergießen. Kim konnte sehen, wie das Mädchen sich darum bemühte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken, wie sie versuchte, einmal Stärke zu beweisen, was ihr allerdings wenig später misslang als sie sich laut schluchzend um den Hals ihres Bruders warf. „Oniichan... icha...n! Das ist ja so furchtbar!” Kim streichelte liebevoll Sophies Rücken, wobei seine Hand ihr goldenes Haar berührte. Wie lange hatte er so etwas sanftes schon nicht mehr auf seiner Haut gespürt. Es zehrte ihn plötzlich regelrecht danach, dem Mädchen in den Haaren herumzuwühlen, so wie er es früher oft getan hatte, doch er ließ von diesem Gedanken amüsiert ab, würde diese Anwandlung für die Umstehenden doch sicher äußerst lächerlich erscheinen. „Es ist einfach furchtbar! Wieso muss ich denn nur immer gleich in Tränen ausbrechen, wenn ich dich sehe?! Du musst mich ja für einen großen Kindskopf halten! Jetzt sag’ doch was, oniichan! Sag’ doch endlich was!“ Sophie wollte die Umarmung lösen, doch Kim hielt sie fest an sich gedrückt. „Wieso... hast du mir so selten geschrieben, kleine Sophie? In all den Jahren nur fünf Briefe von dir... Ich dachte schon...“ Sophie wich einen halben Schritt zurück um ihrem Bruder in die Augen sehen zu können, dann legte sie ihren schlanken Finger über Kims Lippen. „Shht, Brüderchen! Mach’ mir das bitte nicht zum Vorwurf! Ich wollte dich ja besuchen, aber...“ Ein Schatten erschien aus dem Nichts hinter dem Mädchen und sie drehte sich hastig zu diesem um. Ein dunkelhaariger Mann von stattlicher Statur stand vor den beiden Geschwistern, in der einen Hand hielt er einen Gehstock mit goldenem Knauf, in der anderen einen Mantel. Sophies Augen fingen an zu funkeln und über ihr ganzes Gesicht legte sich eine Heiterkeit, die Kim in der Art bei ihr nur sehr selten gesehen hatte. Mit einem Mal drehte sich das Mädchen wieder zu ihrem Bruder um und atmete tief ein. „Oniichan... das ist mein Mann!“ Sie lief hochrot an und druckste etwas herum, scharrte wie immer, wenn ihr eine Situation etwas unangenehm war, mit ihrem Fuß am Boden. „Und Maximilian... mein Bruder Kim! Von ihm habe ich dir ja bereits viel erzählt!“
/Maximilian von Reichert... Sophie sagte mir, sie wĂĽrde heiraten... Eine Einladung zur Hochzeit erhielt ich jedoch nie.../
Von Reichert lächelte Kim an, doch die Augen verrieten, dass diese Freundlichkeit nicht echt war. Beide gaben sie sich die Hände, dann legte Maximilian seine Rechte auf Sophies Schulter. „Einen festen Händedruck hat der Bursche ja...“ Kim wusste nicht, was er mit dieser Bemerkung anfangen sollte und er konnte deutlich sehen, dass auch Sophie diese Äußerung wohl ziemlich unangenehm war, weil sie kurz ihre Augen niederschlug. „Arrgghhh... hier ist es schrecklich laut! Lasst uns doch an einen etwas abgelegeneren Ort gehen! Dort können wir uns besser unterhalten!“ schlug Sophie vor und blickte sich bereits suchend um. Kim nickte beiläufig und ging dann voran in die Richtung des Schlossbrunnens, an welchem sich rechts und links zwei breitere Wege vorbeischlängelten, deren Pflastersteine an einigen Stellen, befleckt durch kleine Wassertröpfchen, etwas dunkler erschienen. Sophie räkelte sich ein paar Mal und stülpte sich dann den leichten Mantel über, den Maximilian ihr gereicht hatte. „Jaa... hier ist es doch gleich viel angenehmer!“ Auf Sophies erleichterten Gesichtsausdruck traf der kühle Blick ihres Mannes. „Lange werden wir uns hier wohl nicht aufhalten können. Die Luft ist unangenehm feucht...“ „Du kannst ja schon einmal ins Schloss gehen, Schatz, wenn es dir hier nicht gefällt!“ konterte das Mädchen scherzhaft und fing sich dabei einen kritischen Blick ein. „Es geht hier nicht um mich, sondern um dich, Kleines! Du weißt, was der Arzt gesagt hat!“ „Jaja... aber er hat mir auch frische Luft verordnet!“ „Vorausgesetzt, sie ist warm und nicht zu feucht...“ Schließlich gab Sophie kleinlaut bei, als ihr klar wurde, dass ihre Proteste nicht fruchteten. Kim sah sie besorgt an und strich ihr mit der rechten Hand behutsam über die heiße Wange. „Du bist doch nicht etwa krank, Sophie?“ „Aber nein, Kim! Ich bin nicht krank, aber...“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und mit beiden Händen rieb sie sich über den Bauch. „Verstehst du nun?“ Kim konnte gar nicht glauben, was ihm seine Schwester versuchte mitzuteilen. Er freute sich für sie und küsste sie auf die Stirn. „Wann gedenkst du, Vater zu werden, Kim?“ ertönte die scharfe Stimme Maximilians und Sophie sah ihren Mann erschrocken an. Die beiden Männer musterten sich gegenseitig eine Weile und von Reichert zog seine Mundwinkel zu einem höhnischen Grinsen. „Ich...“ Kim suchte nach einer Antwort und wusste doch keine zu geben.
Eine warme Hand legte sich plötzlich auf Kims Schulter und er vernahm eine vertraute Stimme an seinem Ohr. „Mein Gott, diese Fragen wieder, Maximilian! Wann wirst du endlich erwachsen, huh?“ Heinrich verdrehte übertrieben seine Augen und strich sich eine Strähne seines blonden Haares hinter das Ohr zurück. /Wie kommt es eigentlich, dass Heinrich immer genau dann da ist, wenn ich nicht mehr weiter weiß? Und wieso kann er überhaupt auf von Reicherts Frage antworten?! Er wird doch nicht etwa.../ Als Heinrich sich von allen Dreien misstrauische Blicke einfing, wich er mit schützend vorgehaltenen Händen einen Schritt rückwärts und grinste beteuernd. „Ich lief nur gerade hier vorbei, da hörte ich Maxis Frage und weil ich doch immer weiß, wie verlegen unser kleiner Freund hier wird, bin ich ihm schnell zu Hilfe geeilt! Was, wie ihr doch zugeben müsst, sehr fürsorglich von mir war!“ Er lachte laut. „So ganz zufällig warst du natürlich hier...“ spottete von Reichert, der Eduards Bruder als einen guten Freund sehr wohl kannte. Kim tat die Anwesenheit seiner Schwester sehr gut und auch Heinrich verbreitete jedes Mal gute Laune, wenn er um ihn war.
Als er diesen Gedanken nachging, nahm er die Stimmen der Drei um sich herum nur sehr dumpf und verschwommen wahr, alles schien verklärt und wie in einer Art Traum zu geschehen. Er sah Sophies Gesichtchen lächeln, schnappte einen ernsten Blick ihres Ehemannes auf und blickte dann zu Heinrich, der mit einem Grinsen dastand und wild gestikulierte, wahrscheinlich wieder irgendetwas aus seinem wilden Leben erzählend, bis... Bis Heinrichs Miene plötzlich todernst wurde und er abwesend an Sophie vorbei zu einem Balkon des Schlosses sah. Kim erwachte aus seiner Trance als Eduards Bruder ihm einmal kurz auf die Schulter klopfte und sich dann von ihnen entfernte, mit einem einfachen, fast bitter klingenden „Entschuldigt mich!“. Noch ein kurzer Blick.
/So voller Mitleid... hast du mich selten angesehen.../ Er blickte dem Blondschopf hinterher, wie er sich versuchte, einen Weg durch die Menschenmassen zu bahnen und dabei sämtliche Personen ungewollt anrempelte, die sich dann wohl beschwerten. /Woher auf einmal diese Gemütsschwankung? Seine Augen so plötzlich erfüllt von Strenge, fast schon Furcht. Wohin hat er gesehen? Er blickte in diese Richtung. Genau hier vorbei an Sophie... aber was sah er?/ Suchend fuhr Kim mit seinen hellen Augen alles ab.
/Es schnürt mir die Brust ab. Niemals. Niemals hätte ich mich darauf einlassen sollen. O Gott... das Schicksal nimmt heute seinen Gang... und ich muss hilflos dabei zusehen, wie es ihnen das Herz zerbricht.../ Verbissen kämpfte sich Heinrich durch die dicht gedrängten Menschen, immer weiter auf den Eingang des Schlosses zu. /Und ich bin schuld, was soll ich tun? Es ist... zu spät. Viel zu...! Heinrich, was hast du nur getan?! Sie werden dich dafür hassen... /
Kim gab es schließlich auf, die Gegend nach etwas Auffälligem abzusuchen. Welchen Sinn machte das schon? Wahrscheinlich war Heinrich nur etwas wichtiges eingefallen oder er hatte etwas mit einem Freund zu bereden, das nicht warten konnte. /Aber weshalb dieser verzweifelte, steinerne Blick, den ich bisher noch nie bei ihm bemerkt habe? Er gibt mir immer wieder Rätsel auf, die ich zu lösen nicht fähig bin.../ „Kim? Träumst du schon wieder vor dich hin?“ fragte Sophie vorsichtig und zupfte dabei leicht an Kims Hemdärmel, bis der Junge schließlich auf ihre Worte reagierte. „...“ „Die meisten Gäste haben sich nun schon zu Tisch begeben, wir sollten auch langsam ins Schloss gehen, sonst fangen sie ohne uns an! Du bist doch sicher auch hungrig, oniichan?“ Noch bevor Sophie ihren Satz zuende gesprochen hatte, war Kim losgelaufen. Direkt auf das Schloss zu und hatte das Mädchen zusammen mit ihrem Gemahl einfach stehen gelassen. /Was hast du nur, mein Bruder? Dich bedrückt etwas, das kann ich sehen. Und du weißt nicht, wie sehr es mich kränkt, wenn du mir so wenig Beachtung schenkst, wo wir uns schon so lange nicht mehr gesehen haben. Ich bin dir unwichtig geworden, nicht wahr? Der Kummer hat dein Herz aufgezehrt und nagt noch immer in dir!“ Sophie warf von Reichert einen scheuen Blick zu, versuchte dann aber zu lächeln. Zusammen begaben auch sie sich schließlich zum Eingang des Schlosses.
Kim betrat die Treppe zum Speisesaal nur mit Widerwillen. Die steinernen Stufen waren bedeckt mit einem roten Teppich, auf dem sich schon einige dunkle Flecken gebildet hatten, die die Gäste mit ihren schmutzigen Schuhen darauf hinterlassen hatten. Zwar kannte er den Aufgang ganz genau, wo er doch selbst als Bediensteter ab und zu das Essen in den Festsaal brachte, doch heute schienen ihm die Stufen ein fremdes Hindernis. Abwesend schweifte er mit seinen Augen über die Gemälde, die in goldene Rahmen gefasst, die Wände verschönerten, auch wenn sie in so großer Stückzahl schon fast etwas überladen wirkten. Schritt für Schritt, dicht gefolgt von weiteren Gästen, die es ebenso zu den reich gedeckten Tafeln zog, wie alle anderen, arbeitet sich Kim vor, wobei er immer Acht geben musste, der älteren Dame, die vor ihm herging, nicht auf die lange Schleppe am Kleid zu treten. Am Ende der Treppe befand sich ein schmaler Gang, der direkt zwischen den massiven Eingangstüren des festlichen Speisesaales endete. Leise Musik drang schon aus diesem hervor und das Klirren der Teller und Gläser hallte an den kalten dunklen Wänden wider. Kim zögerte, bevor er eintrat und atmete tief durch, als er einen dicklichen jungen Mann mit leichtem Schnurrbart auf sich zueilen sah. „Du bist sicher Kim, nicht wahr?“ /Bernard sprach von einem Jungen mit schmaler Hüfte und auffallend hellen Augen, er muss es sein.../ Der Junge nickte dem Mann stumm entgegen. „Sehr gut. Ich hatte schon Angst, du könntest mir bei diesen Massen an Menschen durch die Finger gleiten!“ Kim sah sein Gegenüber erstaunt an, denn dessen Kopf lief bei diesen Worten hochrot an. „Was fasle ich nur wieder. Bitte folge mir. Ich bin übrigens ein sehr guter Freund von Joséphine. Ich soll dich zu deinem Platz bringen. Die zwei Geschwister wollen dich in ihrer Nähe haben...“
Als Kim an den langen Tisch trat, blinzelte ihm Joséphine durch ihre langen Wimpern in die Augen und lächelte zart dabei. „Setz’ dich zu mir, lieber Freund!“ Sie deutete mit ihrer Hand auf einen Stuhl an ihrer Seite, doch bevor Kim Platz nehmen konnte, drängte sich eine große hagere Gestalt zwischen ihn und Bernards Schwester. Die fremde Person zeigte Kim den Rücken und stemmte ihre dünnen Arme in die nichtvorhandenen Hüften. „Was soll denn das, Joséphine? Soll ich mich etwa zu Luitbert am anderen Ende des Tisches setzen? So behandelt man also seine Freundin, ja?“ Aufgebracht drehte sich das große Mädchen mit verschränkten Armen und mit Schmollmund zur Seite. „Oje, Amélie... Ich dachte, du säßest gerne bei Luitbert... Wartest du nicht schon die ganze Zeit darauf, dass er dich anspricht? Ich dachte, dieses Essen würde die Gelegenheit für dich bieten. Bitte verzeih, wenn ich mich getäuscht haben sollte!“ Amélie blies angewidert ihre Wangen auf : „Ich und Luitbert? Bist du denn des Wahnsinns? Wann war ich an diesem Ekelpaket interessiert? Vielleicht in deinen Träumen, Joséphine . Ich kann mich nicht neben ihn setzen, das ist ganz ausgeschlossen! Ganz ausgeschlossen!“ Kim beobachtete, wie die Wangen des Mädchens bei diesen Worten feuerrot wurden und er musste sich ein Schmunzeln verkneifen. Natürlich war Amélie an diesem Luitbert interessiert, doch zugeben wollte sie dies auf keinen Fall, und allein neben ihm sitzen schon gar nicht. Joséphine sah sich suchend um. „Diese Situation ist nun etwas... schwierig, wo ich doch alle Plätze neben mir schon eingeteilt habe. Ich kann da leider nichts mehr...“ Plötzlich legte Kim dem Mädchen eine Hand auf die Schulter. „Amélie kann meinen Platz haben, wenn sie unbedingt neben dir sitzen möchte. Ihr zwei habt euch sicher viel zu erzählen und ich würde dich vielleicht nur langweilen, weil mir wieder kein geeignetes Gesprächsthema einfällt!“ Joséphine sah Kim dankbar an. Durch dieses Angebot hatte sie sich viel Ärger mit Amélie erspart. So liebenswert ihre Freundin auch war, umso nachtragender konnte sie jedoch sein, wenn ihr etwas gegen den Strich ging.
Kim begab sich also an einen etwas entfernteren Tisch und nahm neben einem etwas blassen Mann mit rotblondem Haar Platz, der sich bereits genüsslich ein Gläschen Wein zu Gemüte führte und mit der rechten Hand unaufhörlich an seiner Gabel herumspielte. Der Stuhl quietschte leicht, als Kim sich setze, doch das Geräusch ging in dem Gebrabbel und Gemurmel der Gäste restlos unter. Die zwei Stühle links von Kim waren leer, blieben vielleicht auch leer, er wusste es nicht und es kümmerte ihn auch wenig, denn mit Sicherheit hatte Joséphine Heinrich oder Bernard ganz in ihre Nähe gesetzt, um sich mit ihnen unterhalten zu können. Und Heinrich saß tatsächlich nicht weit entfernt von dem Mädchen, umringt von jungen Männern, die ungefähr sein Alter zu haben schienen. Als er Kim erblickte grüßte er ihn mit einem Kopfnicken. /Als wäre nichts geschehen. Ich glaube, ich habe mir umsonst Sorgen gemacht. Heinrich scheint sich vergnügt zu unterhalten.../
Eine Weile lauschte Kim den leisen Klängen des Ensembles, dass bei dem Lärm im Saal Probleme hatte, sich durchzusetzen. Dann, nach einigen Augenblicken bemerkte er, dass der Stuhl zu seiner Linken zurückgezogen wurde. /Also bekomme ich doch noch einen Tischnachbarn.../ Er erblickte ein junges Dienstmädchen, dem er auf Wielnach noch nie begegnet war. Vermutlich war sie sonst in einem anderen, abgelegeneren Bereich des Schlosses tätig. Sie zog den Stuhl an der Lehne zurück und trat anschließend zwei kleine Schritte nach hinten um für den Gast Platz zu machen. „Bitte sehr, mein Herr!“ hörte Kim sie noch leise sprechen. Kim, der nun alles nur noch aus seinen Augenwinkeln beobachtete, um mit seinen Blicken nicht neugierig oder aufdringlich zu wirken, stockte plötzlich der Atem.
/Verflucht!/
Die Person neben ihm nahm Platz.
/Nein, Kim... atme tief ein und aus... lass’ dich nicht verwirren von der Anwesenheit dieses Mannes!/
Kim schluckte, sein Atem ging schneller.
/Ich kann nicht... nicht nach links sehen, nicht zu ihm sehen... nicht in seine Augen, da ich sonst ertrinken würde... Ich kann... nicht.../ Seine Augen weiteten sich, als er plötzlich eine leichte Berührung an seiner Hand spürte und wenig später eine warme tiefe Stimme vernahm.
„Weshalb zitterst du so, geht es dir nicht gut?“ /Wie... kann er mich das fragen? Macht er sich Sorgen um mich oder... zittere ich wirklich so sehr, dass es so aussieht, als wäre ich todkrank?! Das Herz schlägt mir bis zum Hals, ich kann kaum atmen. Wieso muss er... wieso muss ausgerechnet von Sinnt an meiner Seite sitzen?!/
Kim versuchte gelassen nach links zu Blicken, doch erneut überkam ihn eine schreckliche Nervosität, als er in die Augen des Grafen blickte.
/So kalt... ich erfriere in seinem kühlen, doch wunderschönen Gesicht. Wieso zeigt er nie seine Gefühle? Kann er es nicht? Oder spürt er nichts? Aber wenn dem so ist, wieso hat er mir dann diese Frage gestellt?/
Er versuchte ein Lächeln, doch es prallte unbeachtet an dem finsteren Gesichtsausdruck von Sinnts ab, dessen Hand noch immer auf Kims ruhte.
„Vielen Dank. Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Es geht mir...“ Er musste kurz tief durchatmen, da es ihm sonst die Stimme verschlagen hätte. „Es geht mir sehr gut...“
Schweigen.
Es dauerte eine halbe Ewigkeit, wie es Kim vorkam, bevor von Sinnt endlich seine behandschuhte Hand von der des Jungen nahm um sich eine Strähne seines Haares nach hinten zu streichen, die ihn offensichtlich in der Stirn störte. Vertraulich beugte sich der Graf zu Kims Ohr und er konnte den warmen Atem des Mannes in seinem Nacken spüren, was ihn fast zum Wahnsinn trieb. Ein leises Flüstern und doch kam dadurch die Stimme von Sinnts weich zur Geltung: „Wer sagt denn, dass ich mir um dich Sorgen gemacht habe, Kleiner? Ich wollte nur sicher gehen, dass ich mir keine Krankheit zuziehe, wenn ich neben dir sitze!“
Der Tonfall war bitter und durchtränkte Kims Herz wie ein eisiger Windhauch. Fast wütend starrte er dem Grafen ins Gesicht, doch dieser hatte seine Aufmerksamkeit bereits auf seine Frau gerichtet, die sich neben ihn gesetzt hatte und sich mit dem Fächer ununterbrochen frische Luft zuwedelte. Kim schloss unsicher kurz seine Augen und richtete sie wieder auf den Teller, der vor ihm auf dem Tisch stand. /Ich glaube weinen zu müssen, doch warum? Konnten mich die Worte dieses Mannes so tief verletzen? Vielleicht nur, weil... er... wie sein Spiegelbild... und Eduard hätte so etwas nie zu mir gesagt.../
Kim bemerkte in seiner Aufgewühltheit nicht, dass Heinrich schon die ganze Zeit zu ihm herüber sah, jede seiner Bewegungen genau beobachtete und dabei abwesend mit seinem Daumen an der glatten Oberfläche eines Weinglases entlang fuhr.
/Und ich bin schuld, was soll ich tun?/ Gedanken, die er schreien wollte und die doch in seinem Innersten ungehört verstummten.
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Part 10: „Bereust du es nicht langsam, dass du dich nicht doch neben Luitbert gesetzt hast?“ fragte Joséphine mit einem hämischen Grinsen im Gesicht und sah dabei ihrer Freundin eindringlich in die Augen. Diese senkte zuerst verlegen den Kopf um wenige Augenblicke später trotzig aufzusehen: „Pah... ich wüsste nicht, was man da bereuen könnte... Sieh’ ihn dir doch nur einmal an...“ Die Blicke der beiden Mädchen wanderten zu der abgelegnen Tischreihe, um den Herren mit dem rotblonden Haar genau zu begutachten. Sie schmunzelten, als sich automatisch auch die Köpfe der anderen Freundinnen Joséphines in eben dieselbe Richtung drehten. Unter Freundinnen gab es eben keine Geheimnisse. Entweder man teilte seine Anliegen mit allen, oder man behielt sie lieber für sich, wenn man Streitigkeiten vermeiden wollte. „Nun ja... für mich wäre er kein Mann, aber ich dachte durchaus, dass du Gefallen an ihm findest, Amélie!“ Doch das Mädchen winkte nur mit einer knappen Handbewegung ab. Als ihr klar wurde, was ihre Freundin da soeben über Luitbert geäußert hatte, entgegnete sie wirsch: „Natürlich! Der Mann, der für dich in Frage kommt, Joséphine, muss wohl erst noch geboren werden!“ Daraufhin grinste sie voller Genugtuung, als sie ihre Freundin zustimmend seufzen hörte. „Es ist eben doch nicht so einfach, den Richtigen zu finden, obwohl...“ Joséphines Worte gingen in einem lauten Geräusch zu ihrer Linken unter. Bernard stand vor ihr und hatte seinen Stuhl quietschend zurückgezogen um schließlich Platz zu nehmen. „Da bist du ja endlich, oniisan! Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr erscheinen!“ Doch anstatt eines freundlichen Lächelns, blickte ihr Bernard nur stumm und mit boshaftem Funkeln in den Augen in ihr liebreizendes Gesicht. Die Dienstmädchen begannen sodann, die Speisen aufzutragen. „Mhmmm... das duftet lecker! Ich habe ja solchen Hunger!“ murmelte Amélie vor sich hin und alle anderen Mädchen, die mit ihr am selben Tisch saßen, stimmten ihr mit heftigem Kopfnicken zu. Bernard jedoch starrte sie kalt, fast misstrauisch an, bevor er sich an seine Schwester wendete, die bereits damit beschäftigt war, das saftige Stück Fleisch, welches vor ihr auf dem Teller lag, zu zerlegen und es in kleinen Häppchen nacheinander auf ihre silberne Gabel zu spießen. „Wo ist Kim, Joséphine?“ Das Mädchen sah ihren Bruder zögerlich, doch dann mit Standhaftigkeit an. „Er sitzt an einem anderen Tisch. Wenn du dich herumdrehst und deinen Blick etwas weiter rechts hältst, kannst du ihn sehen!“ Doch Bernard bewegte sich nicht. Für einen Moment kehrte Schweigen zwischen den beiden Geschwistern ein. „Und weshalb, geliebtes Schwesterchen, sitzt er bitte an einem anderen Tisch?!“ Als er dies sagte, verlieh er seiner Stimme immer mehr Druck. Joséphine warf Bernard daraufhin nur einen scheuen Blick zu und beschäftigte sich anschließend wieder mit ihrem Essen, als habe sie die eindringliche Frage gar nicht gehört. Als sie jedoch bemerkte, wie die Atemzüge ihres Bruders immer lauter wurden, flüsterte sie kurz: „Ich wüsste nicht, weshalb du dich darüber aufregen solltest. Benimm’ dich bitte!“ „Ich soll mich also benehmen, ja?“ Amélie beobachtete alles, doch mischte sich nicht ein. „O ja, das sagte ich!“ Bernard kochte innerlich bereits vor Wut, doch versuchte, sich unter Kontrolle zu halten und sich nach außen hin nichts anmerken zu lassen. „Er sollte aber hier sitzen, Joséphine! Das war so ausgemacht! Wieso hast du dich nicht daran gehalten?“ Als seine Schwester darauf nichts antwortete, entwich dem Jungen ein lautes Fluchen und er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte und die vollen Gläser beinahe überschwappten. Ärgerlich blickte Joséphine ihm ins Gesicht, konnte sie Bernards Aufgewühltheit doch wirklich nicht verstehen. Zumindest nicht in einem solchen Ausmaß. Na und? Kim hatte sich nun einmal woanders hingesetzt. Was sollte daran so schlimm sein?! Die Gäste an den umstehenden Tischen richteten bereits ihre verschmitzen Augen auf Bernard und Joséphine, was dem Mädchen sichtlich unangenehm war, da sie versuchte, weiter zu essen, als sei nichts vorgefallen. „Verdammt! Ich wollte Kim sehen! Er sollte mir gegenüber sitzen! Doch stattdessen sitzt nun dieses hässliche Furunkel auf seinem Platz!“ Amélie glaubte, ihr Herz hörte auf zu schlagen! „Mäßige deinen Ton, Bernard de Balvenne! Wir sind hier nicht alleine im Speisesaal!“ Doch Bernard lachte nur höhnisch, während Joséphine ihrer Freundin einen entschuldigenden Blick zuwarf. Sie konnte das Verhalten ihres Bruders nicht mehr länger ertragen, nicht das höhnische Lachen noch länger hören. Ruckartig erhob sie sich deshalb von ihrem Stuhl. „Willst du mich vor all den Leuten blamieren, du undankbarer Kerl? Sei endlich still und setz dich wieder hin oder ich...“ „Oder du...was?“ forderte Bernard seine Schwester heraus, was ihm jedoch mit einer schmerzenden Ohrfeige vergolten wurde. Er fasste ungläubig an seine Wange und blickte dann auf Joséphine, der Tränen in den Augen standen, so als tue ihr ihre Handlung bereits wieder leid. Trotzig setze sie sich wieder. „Ich lasse es nicht zu, dass du meine Freunde derart beleidigst. Es tut mir leid, dass ich es dir nicht recht machen konnte, aber ich begreife nicht, was du dich so aufregst, nur weil Kim dir nicht gegenüber sitzt. Ihr könnt heute noch genug Zeit miteinander verbringen. Du tust ja gerade so, als wärst du eifersüchtig, auf jeden, der auch nur mit deinem Freund in Berührung kommt!“ In Bernards Augen blitzte ein unheimliches Feuer auf und er beugte seinen Oberkörper vertraulich zu Joséphine. Ihr ins Gesicht starrend, entgegnete er leise, so dass es keiner sonst hören konnte: „Vielleicht bin ich es auch, Joséphine! Eifersucht ertragen zu müssen ist eine schwere Bürde. Und das weißt du!“ Joséphine blickte beschämt zur Seite. Bernard jedoch sah sich im Raum um. Fast alle Augenpaare waren auf ihn gerichtet. Er setzte ein gemeines Grinsen auf. „Was ist denn... habt Ihr etwa noch nie einem Streit unter Geschwistern beigewohnt? Es ist vorbei! Esst weiter! Esst weiter und sucht euch eine andere Unterhaltung! Musik! Bitte, weshalb spielt ihr denn keine Musik mehr?!“ Das Ensemble begann sogleich, die Geigen wieder zu streichen.
Kim hatte den ganzen Aufruhr mit geröteten Wangen angesehen. Zwar konnte er nicht viel von dem, was geschimpft wurde, verstehen, doch er hatte seinen Namen gehört und schloss daraus, dass es wohl um ihn gehen musste. Die Blicke der Gäste, die auf seinen Schultern ruhten, schienen diese Vermutung zu bestätigen. Zwar wünschte er Bernard und Joséphine keinen Zwist, schon gar nicht, wenn er der Auslöser gewesen sein sollte, aber in gewisser Weise war er auch froh über diese kurze Unterbrechung, denn das eisige Schweigen, das zwischen ihm und von Sinnt herrschte, schien ihm schier unerträglich zu werden. Solche Feste waren schließlich eigentlich dazu gedacht, sich mit anderen Menschen zu unterhalten, mit ihnen zu lachen oder nur Gerüchte zu nuscheln, was Kim an sich zwar verabscheute, aber einfach wortlos dort zu sitzen, war ihm fast noch unangenehmer. /Vielleicht ist es ganz gut, dass er mich nicht anspricht. Bestimmt müsste ich stottern und er würde insgeheim über meine Unsicherheit lachen. Außerdem ist ihm wohl eine Unterhaltung mit seiner Gemahlin wesentlich lieber.../ Kim verspürte keinen Hunger mehr, als er darüber nachdachte. Bis jetzt hatte er nur wenige Bissen getan, doch die Nervosität, die sich in sein Innerstes geschlichen hatte, ließ das Knurren seines Bauches verstummen. Plötzlich wurde er an seinem rechten Arm unsanft angestoßen. „Na, Bursche... schmeckt’s dir etwa nicht?“ Kim blickte in das speckig glänzende Gesicht des Mannes mit den rotblonden Harren, der neben ihm saß und seinem Geruch nach zu urteilen schon vor dem Essen zu viele Weingläser geleert hatte. Kim blinzelte kurz und setzte dann ein leichtes Lächeln auf. „Doch doch, es ist sehr gut... ich...“ „Und warum schnippelst du dann schon seit einer halben Stunde an dem selben Stückchen Fleisch herum?“ Kim wurde rot. „Meine Frage ist dir doch nicht etwa peinlich?“ „Nun, ich...“ „Also sehr gesprächig bist du ja nicht... Wie heißt du überhaupt?“ Kim nannte leise seinen Namen. „Kim also. Mhm, ein ungewöhnlicher Name, muss ich schon sagen! Aber wie findest du Joséphine?“ Kim sah ihn perplex an. Was faselte dieser Mann nur?! „Den Namen meinte ich natürlich. Was ist mit Joséphine?“ Luitberts Augen glänzten verträumt. „Joséphine... welch ein Klang. Schoooooseeeeefiiiiiiinnnnn!“ sprach er langsam und deutlich und Kim verdrehte die Augen bei dem „sch“, welches Luitbert einfach viel zu hart aussprach, wodurch der Name fast ins Lächerliche gezogen wurde. Kim bedauerte plötzlich Amélie, die sich bei diesem Mann wohl falsche Hoffnungen machte, wenn er vom Namen einer anderen schwärmte. Und diese andere war niemand anderes als Amélies beste Freundin. Wenn das mal nicht in Problemen endete...
„Na, Kim, amüsierst du dich denn wenigstens jetzt gut?“ Kim zuckte zusammen, denn an seinem linken Ohr vernahm er plötzlich Bernards aufgewühlte Stimme und als er sich in diese Richtung wendete, sahen ihm zwei blaue Augen entgegen. Kim lächelte und wollte aufstehen, doch Bernard drückte ihn an seiner Schulter mit einem energischen Kopfschütteln hinunter. „Nein, nein, nein! Du wirst dir diesen Genuss doch nicht entgehen lassen...“ Ein fragender Blick. Bernard zuckte deutlich mit seinen Schultern und grinste breit. „Du wirst doch wohl bemerkt haben, wer zu deiner Linken sitzt, oder nicht?“ Kims Augen wurden immer größer und er sah flüchtig zum Grafen, der diese Bemerkung nicht überhört haben konnte. Vielleicht hatte er diese auch einfach nur ignoriert, denn zum Glück zeigte er keine Reaktion. „Wie ich schon sagte, Kim! Ein wirklich sehr schöner Mann! Sieh dir doch nur seine breiten Schultern an... dann diese geschwungenen Lippen und der helle Teint.“ Kim wurde nervös und errötete. Der Graf unterhielt sich mit seiner Gattin. /Bitte nicht... Ihr dürft Bernards Worte nicht hören!/ „O wie schade... er scheint mich nicht zu hören.“ Vertraulich beugte sich Bernard zu Kim.
„Was ist, rast dein Herz, bist du vielleicht sogar ein bisschen erregt, bei dem Anblick von Sinnts? Na was ist... lässt du mich mal fühlen...?“ Bernard wollte Kim zwischen die Beine fassen, doch dieser stand erschrocken auf und entfernte sich wenige Schritte von Joséphines Bruder. Bernard stellte sich zu ihm und fuhr dem Jungen mit der Hand über den Nacken.
„Ah... der edle Herr erhebt sich ebenfalls. Siehst du, wie gut, dass du diese letzten Minuten noch genossen hast, Kim. Lange hätte er sowieso nicht mehr neben dir gesessen. Blickst du diesem Geschöpf nicht etwas zu fasziniert hinterher? Er ist eindeutig zu groß für dich! Willst du dich immer auf Zehenspitzen stellen müssen, wenn du ihn küsst? Denkst du, ihr würdet überhaupt zusammen passen? Ich meine... vielleicht ist er ja viel zu üppig für dich im Bett und würde dir beim ... Eindringen nur Schmerzen bereiten?“
Kim schluckte und richtete seine Blicke auf den Boden. „Was ist nur los mit dir, Bernard?“ „Beschwer’ dich nicht, Kim! Keiner hat von dem, was ich gesagt habe, etwas gehört!“ „Darum geht es nicht!“ entrüstet sah Kim seinem Gegenüber in die Augen. „Ach nein, worum geht es dann? Du schweigst? Gut, dann behalt’ es für dich. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß! Du siehst furchtbar niedlich aus, wenn du errötest. Ich mag das!“ Unbeschwert kicherte der Junge vor sich hin und legte seinen rechten Arm um Kims Schultern. „Lass uns jetzt besser nach unten gehen. Ich höre schon, wie man im Ballsaal Musik spielt!“
Kim wusste nicht, wohin die Zeit geflohen war, denn als er aus einem der vergitterten Seitenfenster des Schlosses sah und sein Blick den Horizont streifte, hüllte die Sonne die vereinzelten Wolken bereits in einen abendlichen roten Glanz. Bernard lief noch immer neben ihm her und schien in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein. Sie mussten nur den anderen Menschen nachfolgen, dann gelangten sie mit Sicherheit in den großen prächtigen Ballsaal, denn jeder der Gäste sehnte sich nun nach etwas Tanz und Vergnügungen anderer Art. Die heitere Musik war bereits zu hören und sie wurde immer lauter, je näher die zwei Jungen dem Saal kamen. Kim hatte diesen noch nie betreten, dies fiel nicht in seinen Aufgabenbereich als Bediensteter dieses Schlosses und er war fast betrübt darüber, denn dieser Raum strahlte eine Art Wärme aus. Die hohen Wände waren weiß gestrichen und zwischen den zahlreichen Spiegeln, die optisch für enorme Vergrößerung sorgten, rankten sich goldene Blumen. Die Decke wölbte sich leicht nach oben und war bemalt mit sagenhaften Gestalten, die Kim jedoch keiner Legende hätte zuordnen können. Der braune Parkettboden ächzte leise unter der menschlichen Last und ein betörender Geruch von Parfum und Wein füllte die Luft. „Komm... mischen wir uns etwas unter die aufgeblasenen Leute, Kim!“ schlug Bernard vor, doch da Kim nur sehr widerwillig folgte, zog er ihn einfach hinter sich her. „Weißt du, auf solchen Festen wird mir eigentlich nur selten langweilig. Doch du scheinst mir überhaupt keine Freude an solchen Anlässen zu haben.“ „Wenn es so erscheint, als würde ich mich langweilen, dann tut es mir aufrichtig leid. Aber ich kann dich beruhigen, ich amüsiere mich recht gut!“ Bernard wusste, dass dies eine Lüge war, doch wollte er darauf nichts entgegnen.
Die beiden Jungen verschwanden in einer abgelegnen Ecke hinter einem Samtvorhang, der nur halb zurückgezogen war. Dahinter lagen drei kleinere Zimmerchen, in denen jeweils Stühle und Sofas standen. Auf dem äußersten Sofa hatte es sich eine ältere Dame mit faltiger Haut und grauen hochgesteckten Haaren bequem gemacht. Sie lächelte die beiden an. „Ihr seid mir willkommen! Wollt ihr euch nicht zu mir setzen? Ein wenig Unterhaltung würde mir gut tun!“ Kim ging auf sie zu und lächelte, doch Bernard hielt ihn mit einem starken Handgriff am Arm zurück. „Nein, nein, Kim! Lass’ dich nicht blenden! Diese Frau ist berüchtigt dafür, dass sie junge Knaben zu jeder Gelegenheit vernascht. Man müsste meinen, das Alter lässt die Gier mit der Zeit erlöschen, doch bei ihr trifft das wohl nie zu!“ Die Frau hob arrogant ihre rechte Augenbraue etwas an und sah dann in eine andere Richtung, wobei sie sich mit ihrem Fächer stets frische Luft zuwedelte, der die Federn in ihren Haaren unter dem Luftzug sich bewegen ließ. „Wieso halten sich Dirnen auf diesem Fest auf?“ „Sie ist keine Dirne, sondern eine über Ecken und Kanten Verwandte von mir! Sie greift bei Frischfleisch zwar kräftig zu, doch zu weit geht sie nie und das macht den Unterschied. Vielleicht hättest du sie ja gerne mal Hand anlegen lassen, Kim?“ Ein hämisches Grinsen flackerte über Bernards Gesicht, doch erlosch gleich wieder.
„So, du wartest hier, während ich uns etwas zu Trinken besorge, verstanden?“ Bernard drückte Kim unsanft in eines der umstehenden Sofas und verschwand anschließend gleich. Lange blieb er jedoch nicht weg, denn bereits nach wenigen Minuten stand er schon wieder vor Kim, mit einem Lachen in den Augen und zwei Gläsern Champagner in den Händen. Davon reichte er Kim eines. „Nun trink’, das wird dich vielleicht etwas aufmuntern!“ Mit einem lauten Seufzen ließ Bernard sich neben Kim in das Sofa fallen und legte seinen Arm auf die Schultern des Jungen. „Du nippst ja nur an deinem Glas! So wird es nie leer werden! Nimm’ doch einmal einen kräftigen Schluck!“ Kim fühlte ein tiefes Unbehagen aufkommen, als er so neben Bernard saß und ständig dessen Launen über sich ergehen lassen musste. Andererseits schien es ihm unhöflich, den Jungen stehen zu lassen. /Im Grunde ist er ein lieber Kerl, nur leider viel zu temperamentvoll und unbedacht in seinen Äußerungen!/ „Gefällt es dir?“ Kims Blicke trafen auf Bernards blaue Augen und dieser lächelte selbstgefällig zurück, das Champagnerglas in der Hand leicht schwenkend. „Ist es für dich schön, so mit mir hier zu sitzen? Du wirst schon wieder rot! Also doch! Ich wusste es ja!“ Flüchtig und unerwartet berührte Bernard sanft Kims Lippen mit seinem Mund. Dieser streckte ihm eine abwehrende Hand gegen die Brust. „Lass das nicht zur Gewohnheit werden, ja Bernard?“ Doch sein Gegenüber schmunzelte nur und zog Kim näher zu sich heran.
„Bernard?“ Ein gut gekleideter junger Mann schob sich durch den Vorhang und grüßte Joséphines Bruder mit einer lockeren Handbewegung. „Hast du vergessen, dass wir noch über eine wichtige Angelegenheit reden müssen? Ich suche dich schon seit einer halben Ewigkeit!“ Bernard verzog sein Gesicht zu einer gelangweilten Grimasse. „Hat das nicht noch etwas Zeit, Gustav? Du siehst doch, dass ich gerade beschäftigt bin!“ „So leid es mir tut, aber noch länger hinausschieben kann ich es nicht. Ich werde auch bald aufbrechen!“ „Du willst schon gehen?“ „Von Wollen kann nicht die Rede sein, die Pflicht zwingt mich dazu!“ Unter einem Stöhnen erhob sich Bernard mühsam. „Entschuldige mich kurz! Es wird nicht lange dauern!“ Dann wendete er Kim den Rücken zu und folgte Gustav, der bereits durch den Vorhang verschwunden war.
Kim war froh, einen Moment alleine zu sein. Nervös fuhr er sich durch die Haare und lehnte seinen Kopf etwas nach hinten. Dann stand er auf um sich das Bild an der Wand genauer anzusehen, welches direkt neben dem Sofa hing und in sanften Farben gezeichnet war. Es zeigte einen Schwan, dessen weiß-lila gefiederte Schwingen sich zum Himmel streckten, so als wolle er zum Flug ansetzen und würde doch durch irgendeine magische Kraft am Boden festgehalten werden. Als Kim sich umdrehte, wäre ihm beinahe ein Schrei entwichen, so erschreckt war er, als er plötzlich von Sinnt erblickte. Dieser schob mit seiner linken Hand, den Samtvorhang etwas nach oben, um unter ihm durchgehen zu können.
Ein fester Blick traf Kim und der Graf näherte sich langsam, doch mit bestimmten Schritten. Regungslos stand der Junge da und wartete ab. Vielleicht wollte sich der Graf einfach nur auf einen Stuhl setzen... oder er suchte jemanden. War er an dem Bild an der Wand interessiert? /Mir wird... so plötzlich schlecht und fiebrig heiß. Weshalb...?/ Von Sinnt stand vor dem Jungen in voller Größe und sah ihm tief in die Augen. Kim starrte zurück, unfähig seinen Blick aus dem tiefen Grün zu entfesseln, das ihn unwahrscheinlich anzog und nie mehr freizugeben drohte. Kim wollte einen Schritt zurück weichen, doch er stieß mit seinem Fuß an die Wand. Er schluckte, seine Augen nicht vom Grafen abwendend.
/Sein Blick ist so erfĂĽllt von Trauer. Will er mir etwas sagen?/
Von Sinnt hob langsam seine Arme und stemmte sie über Kims Schultern an die Wand, so dass es für den Jungen keine Ausweichmöglichkeit mehr gab. Die ganze Zeit über hatte der Graf ihm fest in die hellen Augen gesehen, doch plötzlich senkte er nun seinen Kopf und vereinzelte Strähnen seines Haselnussbraunen Haares fielen ihm in die Stirn. Kim stockte der Atem und er fühlte, wie von Sinnt ihm auf die Brust starrte und deutlich sehen konnte, wie sie sich mit seinem kurzen Atemzügen schnell hob und dann wieder senkte. /Er ringt um Worte... wieso sagt er nichts? Was will er von mir und weshalb... steht er so geknickt vor mir...?/ Er erschrak innerlich erneut, als von Sinnt seinen Blick wieder in sein Gesicht richtete. Lange standen sich beide Männer gegenüber. Die Umgebung nahmen sie nicht mehr war. Stille, nur absolute Stille um sie herum.
Kim konnte sehen, wie sich die sinnlichen Lippen des Grafen leicht öffneten, wie sie bebten und...
„Kim... wieso hast du .... ... Wieso denn nur?“
... und Worte sprachen, die er nicht begreifen konnte. Schweigen.
„Ich bin wieder...“ Bernards Stimme holte die beiden jäh in die Wirklichkeit zurück. Von Sinnt löste sich mit gesenktem Blick von Kim, einen verzweifelten Ausdruck in den schönen Gesichtszügen. Der Junge sah dem Grafen verstört hinterher und wendete sich anschließend zu Bernard, dessen Mundwinkel vor Wut zuckten.
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Part 11: Eine zornige Blässe hatte Bernards Gesichtszüge befallen und seine Augen reflektierten wie Spiegel seinen Unmut. Doch kein Wort entfloh seinen Lippen, auch dann nicht, als er Kim grob am Arm packte und ihm tief in die Augen sah. Schützend hielt sich sein Gegenüber die Hände vor den Körper, als würden die giftigen Blicke jeden Moment sein Herz durchtränken und es zu Asche zerfallen lassen. „Bitte... ich war genauso überrascht wie du! Ich weiß ja selbst nicht, was der Graf...“ Kim stockte mitten im Satz, da er sich selbst fragte, weshalb er sich eigentlich entschuldigte. Vielleicht um Bernard zu besänftigen, weil er diese Spannungen zwischen ihm und sich selbst nicht mehr länger ertrug oder... „Schon in Ordnung, Kim!“ Die Worte waren unerwartet gewesen und rissen Kim aus seinen Gedanken. Bernard schlug ihm freundschaftlich kurz auf die Schultern und grinste dabei. „Du dachtest doch nicht ernsthaft, dass ich dich deshalb anklage, oder? Hast du dich nun satt gesehen an seinem makellosen Körper, wo er dir doch so nahe stand? Mhm, noch immer hast du diesen unzufriedenen Ausdruck im Gesicht. Uns bleibt noch etwas Zeit, weshalb sehen wir den Paaren nicht ein wenig beim Tanzen zu?“ Als Antwort bekam Joséphines Bruder ein kurzes Kopfnicken. Sie gesellten sich zu den anderen Menschen, die rings um die Ballsaalmitte standen und ließen ihre Augen umherschweifen. Schließlich streckte nach einiger Zeit Bernard seinen linken Arm nach vorne. „Da! Sieh’ mal, wer sich da unter die Tanzenden gemischt hat. Wenn das nicht dein Freund der Graf ist! Hat er immer diesen lethargisch abwesenden Gesichtsausdruck? Ich an seiner Stelle...“ Kim nahm die Stimme des Jungen immer undeutlicher wahr, denn aufmerksam verfolgte er jede Bewegung von Sinnts. Zärtlich hielt dieser seine Gemahlin in den Armen, umfasste ihre schmale Hüfte und die Augen der Frau verrieten, dass sie in diesem Moment sehr glücklich sein musste. Ihre schillernden Ohrringe wippten mit jeder Drehung und Bewegung hin und her und der ausfallende Rock bauschte sich luftig auf.
/Auch Eduard führte mich einst auf diese Weise. Ich weiß noch, wie angenehm es war, seine Wärme zu spüren, wie friedlich seine Umarmung wirkte.../
Plötzlich durchzog ein lautes Raunen den Saal und die Musik verstummte. Verwirrt blickte sich Kim um, was war denn geschehen? Als er seine Aufmerksamkeit jedoch wieder auf von Sinnt richtete, zuckte gleißende Angst durch sein Herz. „Verdammt... was ist denn...?“ Er versuchte sich durch die Mengen zu drängen, die sich begannen bereits zu einem Kreis um den Grafen herum zu formieren. Von Sinnt war während des Tanzens ganz plötzlich stehen geblieben, mitten in der Bewegung. Seine Gemahlin hatte ihm besorgt in das blasse Gesicht geblickt, auf dessen Stirn sich kleine Schweißperlen gebildet hatten. Müde waren von Sinnts Augen zu Schlitzen geworden und sein ganzer Körper zitterte, so dass er Halt bei seiner Frau suchen musste und sich vorsichtig auf sie stützte. Kim konnte nicht hören, was seine Gemahlin zu ihm sagte, sondern sah nur die Bewegungen ihres Mundes, die von Angst zeugten.
„Was hat der Mann denn?“ „Ist ihm nicht gut?“ „Er sieht sehr blass aus...“ „Blasser als sonst!“ „Vielleicht hat er Schmerzen...“ „Er wird nur zuviel getrunken haben...“
Kim versuchte, die laut geäußerten Gedanken der Gäste um sich herum zu überhören. Keinem würde er aufrichtige Anteilnahme abnehmen, alle waren doch nur an ihrer eigenen Person interessiert und das sinnlose Herumraten, was denn mit dem Grafen passiert sein könnte, diente ihnen bloß zur Belustigung. Kim zerriss es fast das Herz, als er sah, wie von Sinnt hilflos am Boden kniete und sich an die Schultern seiner Frau klammerte, die schützend ihre rechte Hand um seinen Körper gelegt hatte und mit der anderen an dem Hemdkragen des Grafen herumzupfte. Kim kam immer näher, hatte die Menschenmauern fast durchbrochen. „Lasst mich doch durch! Lasst mich durch!“
„Ich brauche einen Arzt! So schickt doch einen Arzt! Worauf wartet ihr noch? Beeilt euch, dieses Mal schaffe ich es nicht alleine!“ Doch von Sinnt bemühte sich angestrengt, wieder aufzustehen und legte seiner Gemahlin seine Hand über die ihre. „Kein Arzt, Alexandra! Es geht mir schon wieder gut!“
Heinrich war hinzugetreten. „Natürlich geht es dir gut, deshalb kannst du dich ja auch kaum auf den Beinen halten!“ „Wenn ich sage, dass ich mich besser fühle, dann meine ich das auch so und kann auf deine Diagnosen verzichten!“ Ein mürrischer Blick streifte Eduards Bruder und er zog es vor, keine Bemerkung mehr dazu zu machen, sondern half dem Grafen zu einem nahestehenden Stuhl, auf den er sich zitternd niederließ. Heinrich bemerkte mit misstrauischen Blicken, wie unregelmäßig von Sinnt atmete und griff ihm deshalb geradewegs an den zugeschnürten Kragen seines Hemdes um ihn mit wenigen erfahrenen Handgriffen zu lockern.
Kim unterdessen bekam von alledem nichts mit, denn Bernard hatte ihn abgefangen, als er sich mühevoll durch die Massen einen Weg bahnte. „Komm’ jetzt, Kim, es ist höchste Zeit!“ /Von Sinnt, ich.../ Bernard umfasste sein Handgelenk. /Ich muss doch.../ „Hörst du mir nicht zu? Ich sagte, es wird höchste Zeit!“ /Zeit wozu?/ „Mach’ dir keine Sorgen um den Grafen! Er ist in guten Händen! Sie werden sich schon um ihn kümmern!“ /Ich... kann doch nicht.../ Kim wurde mit einem Mal schwindlig und er schwankte in Bernards Arme. „O, Junge. Du bist sogar schon überfällig! Das muss die Aufregung gemacht haben!“ Kim verstand kein Wort von dem, was Joséphines Bruder da faselte und war noch immer nicht bereit, ihm zu folgen. Da Bernard keinen anderen Weg sah, um Kim zu ernüchtern, fasste er ihn grob am Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. „Hör’ mir doch einmal zu! Willst du dich tatsächlich mit zu den Schaulustigen gesellen? Glaubst du, es gefällt dem Grafen, von so vielen Menschen umstellt und ihren Blicken ausgesetzt zu sein? Denkst du, du kannst seine Zuneigung gewinnen, wenn er auch dich unter ihnen sieht? Geh’ mit mir auf mein Zimmer! Es wird hier bestens für ihn gesorgt!“ /Mir ist so übel... Vielleicht hat Bernard recht. Ich kann... von Sinnt auf diese Weise nicht helfen... Ich.../ Die zwei Jungs stiegen eine lange Treppe nach oben, die in Dunkelheit mündete. Kim fühlte sich noch immer nicht wohl und stützte sich auf Bernard. „Wohin gehen wir?“ „Es ist Zeit, es ist Zeit! Haha... ja, es ist endlich an der Zeit!“ „Wovon redest du? Ich verstehe kein Wort!“ „Kim, ich glaube, der Alkohol ist dir wohl nicht gut bekommen...“ „...“
Sie kamen an einer moosgrün verkleideten Tür an, deren Knauf golden in der Dunkelheit schimmerte. Bernard öffnete leise und nachdem sie eingetreten waren, half er Kim auf das große Bett, das weit hinten in dem Raum stand und um das von oben herab zarte Seidenvorhänge fielen. „So, wir sind da! Warte noch kurz, ich will schnell die Tür schließen!“ „Bernard... mir ist übel... vielleicht sollte ich...“ Doch Joséphines Bruder saß bereits wieder neben Kim auf dem Bett und legte ihm fürsorglich seine warme Hand auf die Stirn. „Keine Angst, das vergeht wieder! Fieber hast du jedenfalls keines. Leg dich doch etwas hin und ruhe dich aus!“ Ein weiches Lächeln huschte über Bernards Gesicht und Kim spürte, wie sein Arm sanft nach oben gedrückt wurde. „Das Mittelchen hat schneller gewirkt, als ich dachte...“ nuschelte Bernard vor sich hin und fing sich einen fragenden Blick von Kim ein. „O... nichts weiter, Junge! Ich habe deinen Champagner nur ein klein wenig versüßt...“ „Wozu das ganze?!“ Ein Lautes Lachen durchdröhnte das Zimmer und brach sich an den dunklen Wänden. „So naiv kannst aber auch nur du sein!“ Kim wollte sich aufrichten als er bemerkte, dass es Bernard irgendwie gelungen war, seine Handgelenke an den oberen Bettrand zu fesseln. „Uhuh... du bleibst schön da, wo du bist!“ „Das ist nicht lustig! Binde mich sofort wieder los! Auf solch makabere Scherze kann ich gerne verzichten!“ Ein gefährliches Funkeln bäumte sich in Bernards Augen auf und loderte. Mit einer ruckartigen Bewegung fasste er sich an den Kopf und raufte sich kurz die Haare, seine Augen zu großen Löchern erstarrt. „Hahahaaa... du hältst also noch immer alles für ein dummes Kinderspiel?“ Mit einem kräftigen Ruck fasste er nach Kims rechtem Bein, um auch diesem ein Seil umzulegen und es ans Bett zu binden. „Hör’ auf wie wild herumzustrammen! Du verletzt mich nur und das möchtest du doch sicher nicht! Einem guten Freund tut man nicht weh!“
/Ich will nicht. Es soll mich nicht mehr berĂĽhren. Ist er denn wahnsinnig geworden? Ja, er muss es sein.../
„Hast du Angst?“ Unsanft packte er Kims Hals und drückte etwas zu. „Du brauchst dich vor mir nicht zu fürchten! Ich liebe dich doch! Und wenn du schön artig bist, Kim, dann... wird alles wunderschön sein! Nicht doch... wenn du dich wehrst, muss ich nur fester zudrücken... So, siehst du!“ Die Luft wurde knapp und Kim keuchte leise, dann ließ Bernard los, stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Der weiße leichte Bettüberhang war zurückgezogen und Kim konnte die Bewegungen des Jüngeren genau verfolgen. „Wieso tust du das, verdammt?!“ platzte es plötzlich aus ihm heraus, doch wenig später wünschte er sich bereits, er hätte diese Frage niemals gestellt, denn sie sorgte für neue Nahrung in dem Feuer, das in Bernards Augen brannte. „Weshalb ich das alles mache? Du bist so dreist, mir diese Frage zu stellen! Aber wenn du, mein ach so unschuldiger Kim, wenn du es wirklich wissen willst, nun gut! Ich tue es, weil ich Lust dazu habe, weil es mir Spaß macht, dich wie einen Fisch in meinem Netz zappeln zu sehen, weil es mich erregt, wenn ich mir vorstelle, dass ich gleich deine Nacktheit vor mir haben werde, weil... o es gibt so viele Gründe! Du hast mich immer zurückgewiesen und statt mich zu beachten schenktest du deine Aufmerksamkeit stets diesem Hurensohn von Sinnt, der überhaupt nicht zu dir passt. Er könnte dir gegenüber niemals zärtlich sein, so wie ich! Er würde dich nie so berühren... wie... und ich bin mir sicher, dass du in Agonie aufschreien würdest, wenn ihr euch liebt. Und deshalb, da du es einfach nicht begreifen willst, wie sehr ich mich nach dir sehne, nachts, wenn ich alleine im Bett liege... ich kann an nichts anderes denken, als an deine Nähe, dein Lächeln und ich frage mich oft... was verbirgt sich wohl unter deiner Kleidung...“ Er verstummte und setzte seinen Gang durch das Zimmer fort. „Denke ja nicht, dass ich mich durch die Tränen, mit denen du mein Bett befleckst erweichen lasse! Heute nacht nehme ich mir, was mir gehört und du kannst es nicht verhindern. Niemand kann es verhindern! Auch dein verteufelt geliebter von Sinnt weiß nicht, dass du hier wimmernd liegst und hoffst, dass alles nur ein schlechter Traum ist. Aber weißt du was? Gleich wird es dir dämmern, dass alles wahr ist und du niemals aufwachen wirst, da du nicht schläfst!“ Mit langsamen Schritten näherte sich Bernard dem Bett, mit seinen lüsternen Blicken Kims Körper streifend. Er setzte sich neben den Jungen, der ihm mit glasigen Augen entgegenstarrte. „Ist dir noch immer schlecht? Oder lässt die Wirkung schon nach?“ „...“ „Du zitterst ja, ist dir etwa kalt? Aber ich weiß, wie dir wärmer werden kann, wie uns beide eine unvorstellbare Hitze durchströmen kann!“ Während er diesen Satz Wort für Wort immer sanfter betonte, strich er mit der Handfläche über Kims Brust, die sich unter heftigen Atemstößen bewegte. Zuerst knöpfte Bernard vorsichtig die Weste auf, dann das Hemd Stück für Stück, immer wieder kurz zögernd um Kim in die Augen zu sehen. „Bernard... Bernard... hör’ mir zu!“ „Sprich... ich werde dir meine Aufmerksamkeit schenken...“ „Hör’ auf damit! Ich möchte mit dir reden...“ „O... ich halte dich doch von nichts ab. Oder ist es meine Berührung, die dir zu schaffen macht und dich nicht mehr klar denken lässt?!“ „Bernard, ich bitte dich! Das willst du doch nicht. Du...“ Kim spürte einen bohrenden Schmerz auf seiner Wange! „Zweifle nie wieder an meinen Absichten, oder meine Hand wird noch einmal ausrutschen. Dann weiß ich allerdings nicht, wo sie dich treffen wird!“ Kim schloss seine Augen und einzelne Tränen bahnten sich einen Weg über seine Wangen, flossen seitlich hinab und tropften dann auf das weiche Bettlaken. Joséphines Bruder glitt nun langsam mit der Hand unter Kims Hemd und schob es beiseite um sich an blasser Haut zu laben. Sogleich senkte er seine Lippen zu Kims Bauchnabel und glitt mit der Zunge in die kleine Vertiefung. Von dort fuhr er weiter nach unten und wenig später öffneten seine Hände Kims Hose vorsichtig. „Du wirst ja ganz rot. Genier’ dich nicht! Ich will dich in deiner Männlichkeit sehen und andere Gefühle als Lust mindern die Heißblütigkeit deiner Lenden...“ „Gut so... die Droge hilft dir dabei, still zu bleiben. Gib’ dich mir hin!“ Kim wollte sich dagegen wehren, wollte ankämpfen gegen die Liebkosungen Bernards, doch sein Körper war zu kraftlos. Sanft zog Bernard schließlich die Hose nach unten. „Es macht mich rasend, dich so zu sehen!“
/ Die göttlichen Glocken eines anderen Landes... Hörst du sie schlagen? Schlagen im Takt deines Herzens, welches schon lange tot unter den kalten Mauern deines Selbst vergeht. Nein, ich höre sie nicht.../
„Öffne deine Augen, Kim... willst du nicht zusehen, wie ich...“ Bernards Stimme verstummte und Kim fühlte eine intensive Wärme zwischen seinen Beinen. Er spürte Lippen, die ihn aufnahmen und fast zum Wahnsinn trieben.
/ Siehst du die weiĂźen Federn eines anderen Landes... Siehst du sie schweben? Schweben so leicht wie deine Seele In einem dunklen Meer, das einst Hoffnung genannt. Wo sind sie?/
„Uhhh... hör damit auf...“ Nur verschleiert sah Kim Bernard über sich knien, den Kopf in langsamen Bewegungen auf und abgleitend, dann verschnellerte er sein Tempo und Kim bewegte sein Becken ungewollt im Takt.
/ Tag ein, Tag aus Zerbricht das Licht In einem ewigen Lächeln./
/Es gefällt dir also doch!/ „Uh... nicht mehr... Bernard! Bitte...“ nur gebrochen konnte der Junge die Worte formulieren. /Du bist gleich soweit. Ich weiß es.../ Bernard löste sich plötzlich von Kims Männlichkeit und ließ ihn keuchend unter sich erzittern. „So gefällst du mir schon viel besser!“ Mit gequältem Gesichtsausdruck und zusammengekniffenen Augen schüttelte Kim kaum merklich seinen Kopf. „Uh... uh... lass’ ab von diesem grausamen Spiel... ich bitte dich. Nimm’ doch Vernunft an!“ Doch Bernard gab vor, diese Worte überhört zu haben und begann nun, sich selbst zu entkleiden. Verzweifelt zerrte Kim an seinen Fesseln, doch sie zogen sich nur fester um seine Handgelenke und schnitten tiefer in die Haut. „Shhht... ist deine Vorfreude so groß, dass du nicht stillhalten kannst?!“ Bernard kletterte langsam über sein Opfer, Haut auf Haut, Hitze auf Hitze. Kim schloss bitter seine Augen. „Ja... so kannst du dich besser auf die Gefühle konzentrieren, die gleich deinen wie auch meinen Körper durchströmen werden...“ Als Bernard den älteren Jungen sanft umfasste und ihn in sich einführen wollte, schreckte Kim plötzlich hoch. „Tu das nicht, verdammt! Tu das nicht, du hast ja keine Ahnung...!“ Doch Bernard drückte ihm nur leicht seine flache Hand auf die Brust, um ihn still zu halten. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich bedarf hierfür keiner Vorbereitung. Was denkst du eigentlich von mir, Kim? Denkst du, ich habe es noch nie getan? Da irrst du, bestimmt kam ich schon öfter in den Genuss als du.“ Dabei flackerte ein unheimliches Grinsen über seine Lippen. Kim spürte schon die Nähe des anderen und kniff erneut die Augen zusammen. Er fühlte Ekel in sich aufkeimen und erwartete angsterfüllt den Moment, in dem er von Bernard aufgenommen und verschluckt werden würde. Doch die Berührung blieb aus, denn der Jüngere hielt plötzlich in seiner Bewegung inne. Mit halb geöffneten Augen starrte er vorwurfsvoll auf Kim, dann wendete er seinen Blick auf das Bettlaken und seine Miene erstarrte. „Mein... Kristall...“ Mit einer schnellen ruckartigen Bewegung ergriff er das Schmuckstück, welches Kim aus der aufgeknöpften Weste gefallen sein musste. Bernard liebkoste den Stein, als wäre dieser mehr als ein kleines Spielzeug und wieder huschte Trauer über das Gesicht des Jungen. Mit einer abfälligen Handgeste erhob er sich schließlich, ließ ab von Kim und setzte sich auf den Bettrand. „Er lässt mich wohl niemals zur Ruhe kommen. Niemals. Und du bist Schuld! Wieso konntest du ihn nicht besser verbergen?! Denkst du etwa, ich hab’ dir das Ding ohne Hintergedanken geschenkt? Ich wollte es doch... nur loswerden!“ Müde erwiderte Kim seine Blicke, doch er verstand nichts von dem, was Joséphines Bruder von sich gab. „Ich werde dich losbinden. Die Tür ist verschlossen, also denke nicht daran, fortzulaufen. Und greif’ mich nicht an, sonst...“ Wieder ließ er den Kristall durch seine Hände gleiten, bevor er leise fortfuhr: „Sonst widerfährt dir das gleiche Schicksal wie meinem kleinen Bruder. Weißt du...“ Während er sprach, entfesselte er Kim, der sich aufrichtete und sich die Handgelenke rieb, an denen die Spuren der Seile noch zu erkennen waren. „... eigentlich war Thorgund ein lieber Kerl, aber ich... Ich mochte es nicht, wenn er sich in meine Angelegenheiten mischte. Immer kam er auf mich zu... mit diesem barmherzigen Lächeln in den großen Augen und immer wies ich ihn ab, da ich seine Nähe einfach nicht ertragen konnte. Er beging eines Tages einen großen Fehler...“ Kurz schwieg der Junge und musterte Kim, beobachtete ihn dabei, wie er sich wieder anzog. „Wie hätte ich mich denn sonst gegen ihn wehren sollen?! Es gab nur diese eine Möglichkeit... Er wusste doch, wie lieb mir dieses Spielzeug hier war, er wusste, dass ich es niemanden anfassen lassen wollte, aber irgendwann hat er mein Versteck gefunden und entwendete ihn. Ich wollte ihm eigentlich nicht weh tun, wollte doch nur... mein liebstes Spielzeug zurück, da... ... Da habe ich ihn hinabgestoßen!“ Kim wurde bleich. „Er fiel und ich lachte... lachte so lange, bis ich sah, wie sich die Pflastersteine unter ihm rot färbten. Sieh mich nicht so erschüttert an, Kim! Ich war jung und zornig, da kann so etwas doch schon einmal passieren...“ Er lächelte abwesend. „Den Stein hab’ ich dir gegeben, weil er mich immer wieder an diesen Tag erinnert. Natürlich fühle ich mich schuldig, doch keiner weiß, dass ich es war, weil ich... fortrannte. Ich rannte und sperrte mich in mein Zimmer ein. Alle glaubten, Thorgund sei gestolpert und gefallen, niemand verdächtigte mich...“ Bernard zog verdrießlich seine Oberlippe etwas nach oben und knirschte mit den Zähnen. Dann durchzog ein Seufzen die Stille, die zwischen den beiden Jungen eingezogen war. Kim hatte alles mit angehört, die Wahrheit verschlug ihm die Worte. „Hier! Das ist der Schlüssel zur Tür. Nimm ihn und geh’. Erzähle herum, was du vernommen hast, du bist der erste, der es weiß. Meinst du, sie sperren mich ein? Gewiss...“ „Ich... werde nichts sagen. Was du mir erzählt hast, wird nicht über meine Lippen gehen, denn ich bin nicht dazu da, dich zu richten, Bernard!“ „...“
Kim blickte sich noch einmal um und überließ den Jungen dann der Finsternis des kalten Raumes. Er hatte Mitleid mit ihm, doch es wäre unklug gewesen, ihn nun in die Arme zu nehmen. Vielleicht hätte er erneut die Beherrschung verloren und dann hätte... Kim lehnte sich an die dunkelgrüne Tür und seufzte leise. Dann wischte er sich die Tränen mit dem Hemdärmel aus den Augen und stieg die lange Treppe hinunter, zurück zum geschäftigen Treiben des Geburtstagsfestes. **************************************** |
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