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***** Forgivable Sinner II – to turn the wheel of fortune***** Autor: Di-chan Part 4: Kims Hände zitterten und er verkrampfte sie am Tablett. Noch immer starrte er zu dem Fremden, der ihm doch so unendlich vertraut zu sein schien. /Er sieht mich nicht an, doch wieso habe ich das Gefühl, als beobachtete er mich? Seine Augen... wie zwei dunkelgrüne Glasperlen,
durch die das Sonnenlicht flutet. Doch sie sehen mich nicht.../ Kim zuckte zusammen als er plötzlich eine Berührung auf seiner Schulter spürte und er drehte sich hastig um. Zwei verschmitzte Augen blinzelten ihm entgegen und er war froh, Bernards Gesicht zu sehen. „Wo bist du denn nur wieder mit deinen Gedanken, Kim? Ich habe dich von der Tür aus schon eine ganze Weile beobachtet.“ Dann näherte er sich mit seinem Mund Kims Ohr. Mit einem warmen Hauch flüsterte er leise:“ Du starrst ihn an...“ Kims Gesichtsausdruck verriet, dass er überrascht war. „Hast du es nicht einmal bemerkt? Du hast ihn die ganze Zeit angestarrt. Ununterbrochen deine Augen nicht von diesem Mann dort
genommen. Und ich frage mich... wieso?“ /Wieso? Ich... weiß nicht wieso... Wegen seiner Augen... seines Körpers, der sich so geschmeidig und doch kraftvoll bewegt...
wegen... seiner haselnussbraunen Haare, einfach weil... er aussieht wie .../ „Gefällt dir der Kerl etwa? Nun, sein Erscheinungsbild wirkt vielleicht ziemlich edel... aber es kommt doch schließlich auf das Innere an, nicht wahr Kim?“ Kim kam es so vor, als würde Bernards Stimme immer lauter werden, unerträglich laut, als schrie er schon fast und das ganze Schloss würde erfahren, dass er seine Augen nicht hatte von dem Fremden ablassen können. Doch weder der Herzog, der ununterbrochen auf seinen Besuch einredete, noch dieser selbst, schienen auch nur ein Wort von dem gehört zu haben, was Bernard gesprochen hatte. „Auf das Innere...“ /Ich werde nicht zulassen, dass du dich in einen anderen verliebst, als in mich, Kim! Du stehst nur mir zu, mir allein. Und ich werde bekommen, wonach mich zehrt.../ Leicht schubste er Kim etwas am Rücken. „Mach’ jetzt und serviere den Tee. Mein Großonkel mag keine faulen Bediensteten.“ Kim warf Bernard einen traurigen Blick zu, konnte nicht verstehen, weshalb der Junge auf einmal so ... bitter war. Doch er hatte recht. Schon viel zu lange hatte er einfach nur da gestanden. Er hatte Glück gehabt, dass der Herzog mit dem Fremden so sehr in ein einseitiges Gespräch vertieft war, dass er ihn fast nicht bemerkt hatte. Bernard grüßte seinen Onkel und dessen Gast mit einem freundlichen Kopfnicken und setzte sich dann ebenfalls an den Tisch. Mit stechenden Blicken musterte er jede vom Kims Handbewegungen, wie er die Tassen auf den Tisch stellte, das Zuckerdöschen, dann die Löffel auf die Servietten legte und schließlich den heißen Tee eingoss. Kim schien nun in seine Arbeit ganz vertieft zu sein, doch Bernard glaubte misstrauisch zu bemerken, wie sich seine Wangen röteten, als er neben dem Gast seines Onkels stand. War da vielleicht sogar ein leichtes Zittern in seinen Bewegungen?! Es durfte nicht sein, dass ein anderer Mann Kim so aus der Fassung bringen konnte, während er selbst von Kim nicht mehr Reaktion bekam als vielleicht ein kleines sanftes Lächeln. Bernard starrte in den Raum, seine rechte Hand spielte nervös mit einem kleinen silbernen Löffel. „Onkel Theobald... ich werde heute nacht hier übernachten... Und ich will, dass Kim mein persönlicher Diener ist...“ Er sagte dies einfach so in den Raum und unterbrach damit den Herzog, der ihn erstaunt anblinzelte und dann zu Kim blickte, der sich etwas abseits gestellt hatte. „Dass du bei mir bleiben willst, überrascht mich, Junge. Aber mir soll’s recht sein. Platz haben wir genug zur Verfügung. Und was Kim anbelangt...“ dabei musterte er seinen Bediensteten mit strengen Augen von oben bis unten. „Er wird...“ Plötzlich durchdrang ein lautes Quietschen den Raum. Alle blickten erstaunt zu dem Mann mit den grünen Augen, der aufgestanden war und dabei seinen Stuhl geräuschvoll über den teuren Parkettboden zurückgeschoben hatte. Für einen Moment herrschte Schweigen. Der Fremde sah Bernard tief in die Augen, ließ dann flüchtig seinen Blick zu Kim wandern, der seine Augen zu Boden gesenkt hatte. „Es wird Zeit. Die Kutsche erwartet mich bereits!“ /Seine tiefe dunkle Stimme durchflutet den ganzen Raum... Sie wirkt so warm!/ Kim sah nicht auf, verfolgte in seinem Inneren nur das
dumpfe Geräusch, dass die Schuhe des großen Mannes auf dem Fußboden hinterließen. Er war gegangen, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen. „Onkel... dein Besucher entbehrt aller Manieren!“ spottete Bernard und beobachtete dabei, wie sich der Herzog mit einem weißen Tuch vereinzelte Schweißperlen aus der Stirn wischte. „Nun ja... er muss es wohl ziemlich eilig gehabt haben...“ „Wer war das überhaupt?“ /Ja, wie ist sein Name? Was ist, wenn es... Eduard.../ Kims Gedanken drehten sich alle im Kreis. Sein Herz war so voller Hoffnung, doch die Wirklichkeit brachte sie wieder zu Bruch. „Graf von Sinnt. Ein angesehener Bursche. Er ist von weit angereist...“ „Nun... wo waren wir vorhin stehen geblieben?“ Bernard deutete mit seinem Zeigefinger auf Kim, dessen Herz ihm bis zum Hals schlug. /Von Sinnt... und ich hätte schwören können... War alles nur Einbildung? Habe ich mir so sehr gewünscht, ihn wieder zu sehen, dass ich sogar diesen Mann für ihn hielt? Soweit ist es jetzt schon mit mir gekommen?!/ „Ich werde dir Kim zur Verfügung stellen...“ Die letzten Worte des Herzogs genügten, um in Bernard wieder ein leidenschaftliches Feuer zu wecken. Er lachte laut auf und rannte sogleich zu Kim. „Siehst du... es wird einfach wunderbar werden. Du als mein persönlicher Diener! Oh es gibt so viel, was ich dir noch erzählen muss. So viel...“ Der Herzog erhob sich müde von seinem Stuhl und verschwand dann hinter einem großen roten Samtvorhang, der das Gästezimmer vom Empfangsraum abgrenzte und mit einer gold schimmernden Kordel zurückgebunden war. Mit seiner rechten Hand fuhr er dem weichen Stoff entlang, warf noch einen Blick zurück auf die beiden Jungen und verschwand dann im Nebenzimmer. „Zuerst... möchte ich ein heißes Bad nehmen. Wirst du mir eines vorbereiten? Ich gehe solange auf mein Zimmer und werde dort warten, bis du mich holst...“ /Ein Bad? Um diese Zeit? Luise wird sich freuen, wenn sie schon wieder aufstehen muss um in der Küche Wasser zu erhitzen.../ „Weshalb zögerst du, Kim? Du musst mir doch gehorchen...“ Bernard lächelte Kim unschuldig ins Gesicht und fuhr ihm dabei mit den Fingern über die Wange.
Luise hatte tatsächlich gestöhnt, als Kim sie aus dem Bett geholt hatte. Aber sie war das einzige Mädchen gewesen, dass sich dazu letztendlich doch noch bereit erklärt hatte. Das Bad war angerichtet und der kleine Raum, in dem die Wanne stand war von der Wärme des Wassers ganz neblig. Kim klopfte an Bernards Tür und wenig später kam der Junge, eingehüllt in einen luftig-dünnen Bademantel auf den Flur getreten. „Das hat aber lange gedauert. Komm, begleite mich!“ Er zog Kim an der Hand hinter sich her. Sie betraten den vom Nebel verschleierten Raum gemeinsam und Bernard deutete Kim mit einer Handbewegung, die Tür zu schließen. „Nein Kim... du bleibst hier. Denkst du ich würde dich auffordern, die Tür zu verschließen, wenn ich hier drin und du draußen bist?“ Kim war heiß. Seim Hemd klebte ihm von der Feuchtigkeit durchdrungen bereits am schmalen Körper. Er strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Nimm mir den Bademantel ab!“ Bernard stellte sich vor ihm hin und legte Kims Hände an den Knoten des Gürtels, der seine Hüfte umgab und den Mantel zusammenhielt. Kim öffnete langsam das Kleidungsstück. /Jetzt möchte ich gerne in dein Inneres sehen. Bist du aufgewühlt, mich so nackt vor dir stehen zu sehen? Ja, du machst das sehr gut. Streife den Mantel sanft von meinen Schultern... Sieh’ doch nicht weg! Ich will... dass du mich genau betrachtest, denn dies ist der Körper, mit dem du heute Nacht zusammen in einem Bett liegen wirst!“ Bernard küsste Kim sanft auf die Lippen, nur ganz flüchtig und doch wich Kim dabei einen Schritt zurück. „Du solltest mir gegenüber etwas offener sein, Kim!“ Ein lüsternes, falsches Grinsen legte sich über Bernards Gesicht und er stieg mit bedachten Bewegungen in die Wanne. „Das Wasser ist sehr angenehm. Ich danke dir!“ Einen Moment lang herrschte Schweigen. Bernard hatte seine Augen geschlossen, das gleichmäßige Auf und Ab seiner Brust warf das Wasser, das ihn umgab, in kleine Wellen. Unerwartet drückte Bernard Kim plötzlich ein Stück Seife in die Hand. Kim zögerte, wusste nicht, was der Junge von ihm erwartete. Doch als Bernard nach seinem Arm griff, Kims Hemdärmel zurückschob und ihn dann ins Wasser tauchte, war Kim klar, dass er Bernard waschen sollte. /Was ist nur in den Jungen gefahren? Er benimmt sich so seltsam... Ob er sich einsam fühlt und deshalb berührt werden will?/ Mit sanften Bewegungen kreiste Kim Bernards Körper ab. „Ich bin noch nicht ganz fertig... Kim! Du hast eine Stelle meines Körpers vergessen. So soll ich doch heute nicht schlafen gehen?!“ Er grinste Kim an und nahm erneut dessen Hand. „Siehst du... hier...“ Kim schluckte, doch Bernard lachte plötzlich laut auf und schnellte seine Hand, mit der er Kims festhielt aus dem Wasser in die Höhe. „Hahaha... nein, lass’ mal... Das kann ich selber!“ Und er schnappte sich das Stück Seife. „Geh’ jetzt und bereite mein Schlafgemach vor. Ich komme alleine zurecht!“ Kim war erleichtert und verbeugte sich ein wenig. Aus reiner Gewohnheit, doch er wusste nicht, ob Bernard ihn nicht vielleicht doch sogar zu dieser Demutsgeste aufgefordert hätte... Kim zog gerade die holunder farbige Bettdecke glatt, als Bernard den Raum betrat und sich gleich müde auf das Bett fallen ließ. Sein Bademantel war nicht zugeschnürt und entblößte seinen ganzen Körper. „Was denn... du bist ja noch gar nicht umgezogen, Kim? Willst du etwa in deiner Dienstkleidung schlafen? Aber... vielleicht hast du ja recht... komm’ mal her!“ Zögerlich tat Kim zwei Schritte auf das Bett zu, an dessen Rand sich Bernard gesetzt hatte. Von unten blickte er hinauf zu Kim, seine Augen fast ganz hinter den hellen Haarsträhnen verborgen. Mit einer schnellen Bewegung umfasste er mit beiden Armen Kims Taille und lehnte seinen Kopf an den Jungen. Dabei nestelte er mit seiner linken Hand geschickt an Kims Hosenbund herum und zog das Hemd heraus. /Du protestierst noch nicht? Das soll mir recht sein!/ Er knöpfte die Weste seines Gegenübers auf, dann schließlich das Hemd und fuhr sacht mit den Fingerspitzen über Kims Brust. Ein leises Stöhnen durchdrang den Raum und Bernard fühlte, wie Kim unruhig wurde. Er legte seine Hände an Kims Wangen und zwang ihn, ihm ins Gesicht zu sehen. „Hier spielt die Musik, Kim! Du lässt dich doch nicht etwa von diesen Geräuschen ablenken? Oder gefällt es dir, zuzuhören? Ja... immer wenn ich hier bin... liege ich nachts wach und lausche diesem leidenschaftlichen Stöhnen nebenan. Hörst du? Mein Onkel scheint gerade sehr beschäftigt zu sein. Und wir sollten das gleiche tun, Kim!“ Mit seiner Zunge glitt er über Kims Lippen und hinterließ auf ihnen einen glänzenden Film. Bernard wollte Kim gerade auf das Bett ziehen, als dieser sich abrupt von ihm abwendete und dabei begann, sein Hemd wieder zuzuknöpfen. „Du liebst mich doch gar nicht Bernard! Das ... was du als Liebe empfindest ist doch bloß eine Flucht in zärtliche Gefühle.“ Bernard sagte kein Wort. Kim wusste, dass in seinen Augen eine wütende Glut flackerte. „Verstehst du, was ich damit sa...“ Er hatte sich gerade wieder zu Bernard drehen wollen, als er einen festen Faustschlag im Gesicht spürte, der ihn zu Boden warf. Bernard sprang ihm gleich hinterher und packte ihn zähneknirschend am Kragen. „Wie kannst du nur so mit mir reden, Kim? Ich bin kein kleines Kind mehr... und weiß Gott... ich habe inzwischen zu unterscheiden gelernt zwischen Liebe und Schwärmerei.“ Kim griff mit seiner Hand zärtlich nach der seines Angreifers und legte sie über diese. „Und dennoch... du liebst nicht mich!“ Bernard standen Tränen in den Augen, war es aus Hass oder schierer Verzweiflung, Kim konnte es nicht sagen. „Ist es wegen Sinnt? Hat er dir den Kopf verdreht? Oder bin ich es, den du nicht ansehen magst, weil ich zu... kindisch für dich bin?!“ Kim stützte sich mit beiden Händen auf. Noch immer saß Bernard auf seinen Beinen. „Du weißt selbst, dass du kein Kind mehr bist. Und... dass ich nicht ... es ist zu deinem Besten, glaub’ mir!“ „Es wäre so leicht, Kim. So unendlich einfach, dich jetzt hier auf der Stelle zu nehmen. Mein Onkel würde im Zimmer nebenan deine Hilfeschreie einfach ignorieren, holt er sich ja selbst Befriedigungen bei Frauen, die meist nicht willig sind...“ Er starrte Kim ins Gesicht. Die Ewigkeit schien diesen Blick eingefroren zu haben. Dann, nach einer Weile, ließ Bernard von Kim ab. Er stand auf und setzte sich auf den Rand des großen Bettes, seine Hände zu Fäusten geballt. Kim stand ebenfalls auf, schritt auf leisen Sohlen zu Bernard und strich ihm zärtlich durch die Haare. Der Junge hatte seine Hände vor die Augen gelegt und dicke schwere Tränen tropften auf seine nackten Beine. Er versuchte nicht zu schluchzen, doch seine Traurigkeit wollte sich ihren Weg in die Freiheit bahnen. „Schon gut, Bernard. Geh’ jetzt schlafen. Es ist spät. Morgen wird alles besser... Du wirst sehen!“ Und Bernard ließ sich willenlos zurück ins Bett sinken. Kim deckte den Jungen behutsam zu und wollte gerade gehen, als er fühlte, dass er an seinem Hemd festgehalten wurde. Er sah in zwei schillernde blaue Augen, die jeder Hoffnung entbehrten. „Kim?... Bitte... bleib’ heute nacht hier. Nur für heute nacht. Das Bett ist groß genug. Lass’...“ und die Stimme verlor allmählich ihren Klang im großen Schlafgemach. „Lass’ mich nicht alleine. Bleib’... bei mir. Nur für heute nacht, ... bitte!“ Und noch einmal fügte er ein leises „bitte“ hinzu, bevor er die Augen schloss und einschlief. ********************************************************* Part 5: „Der Himmel bewölkt sich erneut. Wie habe ich gehofft, die wärmenden Strahlen der späten Herbstsonne noch etwas länger auf meiner blassen Haut zu spüren. Doch in letzter Zeit scheint mir jede Hoffnung verwehrt... und ich frage mich, weshalb. Doch auch du wirst mir hierauf keine Antwort geben können, mein lieber Kim. Der Grund, dass ich dir diesen Brief nun schreibe ist, dass ich dich noch einmal an dein Versprechen erinnern möchte, welches du mir am Tage unserer ersten Begegnung gegeben hast. Joséphine ist schon sehr aufgeregt und ersehnt ihr Älterwerden wie ein kleines Kind, obwohl sie nur ein Jahr jünger ist als ich. Ich muss schmunzeln, denn wenn ich diese Zeilen über sie schreibe, sehe ich sie in meinem inneren Auge stets vor mir, wie sie eifrig bei den Vorbereitungen ist. Ich hoffe, dass du uns mit deiner Anwesenheit beglücken wirst. Nein, ich vertraue vielmehr darauf, dass du kommen wirst, denn du hältst doch Wort, nicht wahr, Kim? Und falls du in deinem Entschluss doch noch schwanken solltest, so kann ich dir nur noch sagen, dass Graf von Sinnt ebenfalls geladen ist. Hochachtungsvoll und mit besten Wünschen, dein dir geneigter
Bernard de Balvenne
PS: Wegen dem „Vorfall“ letzte Woche auf dem Schloss meines Onkels, Kim... Mach’ dir deswegen bitte keine Gedanken. Ich war töricht und es tut mir aufrichtig leid, wenn du dich durch mich bedrängt gefühlt haben solltest. Ich möchte mich bei dir aufrichtig bedanken. Dafür, dass du die Nacht tatsächlich bei mir geblieben bist und an meinem Bett gewacht hast. Kim strich mit seinen Fingerspitzen sanft über die letzten Zeilen des Briefes. Er schmunzelte leicht. /Eine ganze Woche lang habe ich nun nichts mehr von dir gehört Bernard. Warst du zu beschäftigt? Oder wolltest du mir einfach aus dem Weg gehen? Die Nacht damals habe ich tatsächlich an deinem Bett gesessen. Ich wollte dich nicht alleine lassen. Du sahst so... hilflos aus. Doch am nächsten Morgen, als du dann einfach aufgestanden und ohne mich auch nur einmal anzusehen aus dem Zimmer gegangen bist, fragte ich mich, ob ich nicht doch lieber hätte gehen sollen. Hatte ich dich gekränkt? Warst du wütend auf mich? Oder warst du einfach noch so schlaftrunken, dass du gar nicht gemerkt hast, dass noch jemand mit dir im Zimmer war?/ Kim atmete kurz tief aus und faltete dann den kleinen Zettel wieder zusammen um ihn in das beige Couvert mit dem gebrochenen Siegel zurückzustecken. Da klopfte es plötzlich und einen kleinen Augenblick später stand Anna mit ihrer geknitterten Kittelschürze in der Tür. „Herr... es ist Besuch für Euch gekommen. Soll ich ihn hereinbitten? Ich...“ „Mach’ Platz, schmutzige Dienstmagd!“ ertönte eine unangenehme Stimme im Hintergrund. Kims Augen weiteten sich. /Was.../ Eine kleine gedrungene Person erschien zusammen mit zwei dunkel gekleideten Männern hinter Anna. „Denkst du tatsächlich, ich würde auf Einlass warten?“ Kim war einige Schritte auf den Eindringling zugelaufen und hatte seine Hände zu Fäusten geballt. „Was sucht Ihr hier?! Ich habe...“ er kniff seine Augen misstrauisch zusammen. „Ich habe Euch nicht hereingebeten! Verlasst auf der Stelle dieses Schloss. Minsk, macht, dass Ihr von hier verschwindet! Verschwindet und... wagt es nicht...“ Ein heißer Schmerz durchzog plötzlich seine Magengrube. Alles schien sich zu drehen und eine betäubende Übelkeit übermannte Kim. Er sackte auf die Knie und seine Hände verkrampften sich an seinem Bauch. Es fiel ihm schwer zu atmen und er sah mit glasigen Augen erneut auf den Fürsten. „Ist das... ist das stets Eure Antwort? Ihr hetzt einen Eurer Leibwächter auf Euer Gegenüber und glaubt so, gesiegt zu haben? Was seid Ihr nur für ein verdammter Mistkerl?!“ Der rechte der beiden schwarz gekleideten Männer versetzte Kim einen weiteren Tritt. „Ahhh, nein bitte, hört auf!“ Anna ließ sich vor Minsk auf den Boden sinken und sah den Fürst mit flehenden Blicken an. „Bitte... hört auf, mein Herr...“ Doch Minsk brachte sie mit einer kräftigen Ohrfeige zum Schweigen. „Wage es nicht noch einmal, mich auf diese Weise anzusehen, Magd. Oder ich lasse dich wegen Ungehorsam gefangen nehmen und im Kerker verhungern!“ Anna wimmerte elend vor sich hin und rieb sich die Wange. Dicke Tränen rollten ihr Gesicht hinab und zersplitterten auf den schwarzen Marmorplatten, die den Fußboden des Zimmers bildeten. Kim lag noch immer auf dem kalten Boden und die harten Schritte des Fürsten hallten unerträglich laut in seinen Ohren. Minsk stand über ihm und sah herablassend auf den Jungen nieder, mit einem breiten Grinsen auf den trockenen Lippen. Er stellte seinen linken Fuß fest auf Kims Brust und drückte ihn so nach unten. „So ist das doch gleich schon viel besser. Ich lasse mich nicht gerne beleidigen, Kim! Weder von dir, noch von sonst jemandem. Vergiss nicht, wen du vor dir hast!“ Kim sah ihn hasserfüllt an. „O nein, ich werde... nie vergessen, was für ein Scheusal ihr seid. Niemals!“ Ihm blieb die Luft weg, als Minsk mehr Gewicht auf seinen linken Fuß legte. „Ich kann dich ganz einfach unter mir zerquetschen. Siehst du... so leicht...“ Und der Druck auf Kims Brust wurde immer stärker. Er griff nach Minsks Bein und versucht es wegzuschieben, doch seine Situation schien schier ausweglos. Minsk beugte sein hässliches Gesicht etwas zu ihm hinunter. „Eduard hatte mehr Ausdauer als du, wenn er sich wehrte!“ Ein bösartiges Glänzen erschein in den Augen des Fürsten und er empfand eine unheimliche Genugtuung darin, Kim unter sich zerbrechen zu sehen bei dem Wort, das er soeben in den Mund genommen hatte. „Ja, da werden Erinnerungen wach, nicht wahr, Junge? Eduard... schmerzt dich sein Verlust noch immer?“ Schweigen... und Kim wendete seinen Blick von Minsk ab. „Glaub’ mir, er schmerzt dich nicht so, wie er mich schmerzte. Eduard gehörte mir und ich habe einen kostbaren Teil meines Eigentums verloren. Ja, Tuberkulose ist eine bittere Krankheit, die meisten sterben daran...“ Wieder bohrte er sich mit seinen stechenden Blicken durch Kims Innerstes. Und für kurze Zeit, die Kim jedoch wie eine halbe Ewigkeit vorkam, kehrte plötzlich Stille ein. Nur Annas leises Seufzen war noch zu hören. Sie hatte sich bereits in das Nebenzimmer zurückgezogen und hoffte vermutlich inständig, dass alles bald vorbei sein würde. Was konnte so ein kleines Mädchen wie sie schon gegen drei Männer unternehmen? Andere Bedienstete holen? Sie lachte bitter. Welche? Sie waren an Schloss Hornbach inzwischen nur noch zu dritt. Das Geld wurde knapp, sie wusste es so gut, wie es jeder andere wusste. Bald würde vermutlich auch sie Hornbach verlassen müssen.
Minsk nahm seinen Fuß von Kims Körper. „Ich bin im Grunde nicht gekommen, um meine kostbare Zeit mit dir zu verschwenden, Kim Prokter... Ich bin hier, um mir etwas zu holen, was mir schon längst zusteht... Und du kannst es mir geben. Es ist ganz einfach. Danach werde ich auch wieder verschwinden und du hast vorerst deine Ruhe.“ Mühsam versuchte Kim aufzustehen, doch seine Beine schienen anfangs unter ihm nachzugeben. Er schwankte etwas. Minsk beugte sich vertraulich nahe zu Kim und flüsterte mit kratziger Stimme: „Gib es mir, Kim! Gib’ mir... dieses Schloss!“ Kim stockte der Atem. /Hat er es also noch immer auf Hornbach abgesehen? Was liegt ihm nur so daran?/ Er wendete Minsk den Rücken zu und lief zu einem der großen Fenster des Zimmers. Sein Blick wanderte nach draußen und Kim legte seine linke Hand an die kühle Glasscheibe. „Ihr wisst, dass ich es Euch nicht geben werde. Euer Kommen war zwecklos. Verschwindet von hier, sonst...“ „Sonst was? Mit deinen leeren Drohungen erreichst du gar nichts. Du machst mich bloß wütend. Ich will Hornbach und ich werde es
bekommen. Wenn nicht auf friedliche Art, dann gewaltsam!“ „Wieso?!“ Kim sah Minsk aufgewühlt an. Seine Augen glänzten, erfüllt von Verzweiflung. „Wieso verdammt?! Weshalb könnt Ihr Euch nicht damit abfinden, dass es Dinge gibt, die Ihr Euch nicht einfach zu eigen machen könnt? Weshalb wollt Ihr unbedingt dieses Schloss? Es gibt doch so viele andere! Warum könnt Ihr es nicht aufgeben?!“ Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille. Dann näherte sich Minsk mit langsamen Schritten Kim, wobei das schwarze Leder seiner Schuhe knarrte. „Wieso? Und was würdest du mir antworten, Junge, wenn ich dir genau die gleiche Frage stellte? Weshalb bist du nicht bereit, mir Hornbach zu überlassen?... Bekomme ich keine Antwort? Kannst du die Worte nicht in den Mund nehmen? ... Nein? Nun, soll ich es dann für dich tun?!“ Kim starrte Minsk ungläubig an. „Es ist wegen IHM! Eduard, Eduard, Eduard!“ Minsks Stimme wurde immer lauter und brach sich hallend an den Seitenwänden. Schallendes Gelächter folgte. „Eduard... – graut es dich so vor der Erinnerung, dass du nicht einmal seinen Namen auszusprechen wagst?!“ „Ihr versteht gar nichts!“ Ein böses Funkeln mischte sich in das blasse Grau der Augen des Fürsten. „Ich will dieses Schloss! Ich will dieses verfluchte Gebäude, das mir für Jahre IHN entzogen hat. Das IHN vor mir verbarg, wie eine undurchdringliche Festung!“ „Verschwindet von hier, Fürst!“ Kim wartete eine Weile und blickte dann ungläubig auf, als er vernahm, wie sich Minsk von ihm entfernte und das Zimmer schließlich ganz verließ, dicht gefolgt von seinen beiden Leibwächtern. Eine Tür fiel ins Schloss und alles war totenstill. Erleichtert atmete Kim aus und blickte wieder zum Fenster hinaus. Minsk war gerade dabei, in die kolossale Kutsche zu steigen. Schwerfällig schienen die Bewegungen des plumpen Fürsten. Kim beobachtete ihn eine ganze Weile, wollte sicher sein, dass er auch tatsächlich verschwand. /Wo sind die beiden Begl.../ Eine große raue Hand umschloss Kims Lippen. Er spürte sich an beiden Armen gepackt, wurde herumgerissen und sah sich Minsks Leibwächtern gegenüber. /Aber ich dachte.../ Seine Augen wanderten schnell zum Fenster und er konnte gerade noch sehen, wie die fürstliche Kutsche durch das schmiedeeiserne Tor verschwand. Kim brachte nur ein gequältes „Minsk!“ hervor, bevor ihm ein Schlag in die Magengrube die Stimme verschlug. „Fürst Minsk ist nicht mehr hier. Wie bedauerlich. Wir drei sind jetzt ganz alleine!“ Kim versuchte, einen der beiden Angreifer wegzutreten, doch sein Tritt verfehlte knapp. Danach wurde der Junge unsanft zu Boden gedrückt. „Wir sollen dir eine Lektion erteilen. Wie kann man so jemanden wie dich wohl am besten bestrafen, huh?“ Kims Atem ging schnell. Einer der beiden Männer legte seinen Kopf auf die Brust des Jungen. „Das Herzchen rast ja förmlich. Hast du denn solche Angst vor uns?“ Kim spürte plötzlich ein starkes Kratzen an seinem Hals und ihm wurde bewusst, dann man ihm ein dünnes Seil umgelegt hatte. „Wenn du uns zu laut schreist, drehen wir dir einfach die Luft ab, verstanden?!“ „Bastarde!“ würgte Kim hervor. „Ahh, wir haben einen Beobachter!“ bemerkte einer der Angreifer. Anna stand in der Tür, Wut in den tränenverquollenen Augen. „Vielleicht möchte die Kleine ja mitmachen... Komm doch her! Sei nicht so schüchtern Mädchen!“ Doch Anna rannte schnell davon. Die dunkel gekleideten Männer warfen sich amüsierte Blicke zu und kicherten dann belustigt miteinander. Anschließend richteten sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Kim, der noch immer unter ihrer Last am Boden lag und versuchte, sich aus seiner Situation zu befreien. „Hat alles keinen Sinn, Kleiner! Du bist einfach nur hilflos. Warum findest du dich damit nicht einfach ab? So ist es doch wesentlich einfacher für dich!“ Der kleinere der zwei finsteren Kerle holte ein langes Messer hervor, das er dann zu Kims Hemd führte um mit beharrlicher Langsamkeit jeden Knopf einzeln abzutrennen. Er zog dem Jungen das Hemd aus der Hose und riss es dann mit kräftigem Zug auf. Seine feuchten warmen Finger fuhren langsam über Kims entblößte Haut. „Nehmt eure dreckigen Finger von mir! Lasst mich verdammt noch mal los! Lasst mich... los...“ Das Seil um Kims Hals wurde fester gezogen. „Bitte hört... damit... auf...“ Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen. „Hört... bit...te..“
„Nehmt Eure Finger von dem Jungen!“
Eine tiefe Bassstimme durchdrang den Raum. Für einen Moment schien alles zu schweigen, nur Kims stoßartige Atemzüge waren zu hören. Die Angreifer drehten sich misstrauisch dem Eindringling zu. Einer der beiden erhob sich ruckartig vom Boden. „Das ist nicht nett, uns einfach zu unterbrechen. Habt Ihr keine Manieren?!“ „Lasst den Kleinen gehen, muss ich es noch einmal sagen?!“ „Und was lässt Euch in dem Glauben, dass wir Eurem Befehl Folge leisten?“ Er drehte sich mit breitem Grinsen zu seinem Partner um. „Mach’ ruhig weiter! Ich werde mich um den Kerl hier kümmern!“ Er zog sein Messer, doch sein Gegenüber lächelte nur herablassend. Kim beobachtete mit weit geöffneten Augen, wie Minsks Leibwächter mit einem schrillen Schrei auf den anderen Mann zurannte. Doch dieser wich geschickt dem Angriff aus, schien fast gelangweilt davon und versetzte dem Angreifer einen kräftigen Schlag in den Nacken, so dass dieser taumelte und unter Stöhnen zusammenbrach. Kim spürte, wie die Last des zweiten Mannes von seinem Körper gehoben wurde, wie dieser noch fluchte und dann jedoch durch einen gekonnten Hieb in den Magen verstummte. „Verschwindet!“ Die Leibwächter huschten beinahe geräuschlos durch die Tür, eingeschüchtert und doch mit boshaftigem Glanz in den Augen. Kim versuchte sich mit beiden Armen aufzustützen, doch eine starke Hand hatte bereits seinen Oberkörper umfasst und hob ihn nach oben. Er wusste nicht, ob er hätte stehen können, wenn ihm dieser Halt entzogen würde. Zu tief saß noch immer der Schreck. „Alles in Ordnung?“ /So sanft... ich glaube, ich könnte mich in dieser Stimme verlieren, so wie damals.../ Kim blickte nach oben und sah in zwei tiefgrüne Augen, die ihn fragend musterten. /Von Sinnt?/ Kim bemerkte erst jetzt, dass ihm das offene Hemd noch immer lose am Körper hing und versuchte seine Nacktheit zu verbergen, indem er den Stoff mit der rechten Hand vor seiner Brust zusammenzog. Der Graf führte Kim zu einem der kleinen Sofas, die an den Wänden des Zimmers standen. Sie sprachen eine Weile kein einziges Wort. Kim wurde rot, denn von Sinnt hatte noch immer seinen Arm um den Jungen geschlungen und Kim fühlte sich so unendlich geborgen. „Die zwei kommen nicht wieder. Dafür werde ich sorgen!“ „Uhm... ich...“ Kim blickte auf seine zitternden Hände. „Vielen Dank!“ Der Graf sagte darauf nichts mehr, sondern stand einfach auf. Kim blickte ihm hinterher, sah, wie sich der dicke Mantel des Grafen dessen geschmeidigen Bewegungen anpasste. /Eduard.../ Kim wollte gerade noch eine Frage stellen, als auch schon die schwere Tür ins Schloss fiel und anschließend Anna auf ihn zugerannt kam. „Herr? O Herr... bitte verzeiht, dass ich Euch nicht beistehen konnte. Was Euch diese Männer antun wollten, war einfach schrecklich...“ Sie schluchzte laut und legte ihre kleinen Hände vor ihr Gesicht um ihre Tränen zu verbergen. „Ich bin bestimmt nicht aus Feigheit weggerannt...“ fügte sie schließlich hinzu. „Aber... was... was hätte ich denn anderes tun sollen...“ Kim legte seine Hand auf Annas Schulter. „Schon gut Anna... beruhige dich erst einmal. Es ist... ja nichts passiert. Ich...“ „O Gott sei Dank! Dann ist er also noch rechtzeitig gekommen, ja?“ Kim sah die Dienstmagd verwundert an. „Ja... er hat es also noch geschafft, ein Unglück zu verhindern. Ich bin ihm ja so dankbar. Ich bin hinausgerannt als ich sah, was die beiden Männer mit Euch vorhatten. Ich bin einfach gerannt, immer weiter und dann... ganz plötzlich stand ich vor ihm. Wie ein Engel oder ein tapferer Krieger saß er auf seinem Pferd, edel und elegant. Ich dachte erst, er würde mir sicher nicht zuhören, aber als ich Euren Namen nannte, da ist er sofort in Richtung Hornbach geritten. Und ich habe gebetet, dass er noch rechtzeitig ankommen würde...“ „Verstehe...“ /Das Schloss ist sehr abgelegen, was hatte von Sinnt in dieser Gegend zu suchen?/ „Ich bin dir sehr dankbar, Anna. Ich weiß nicht, was ohne deine Hilfe geschehen wäre...“ Annas Gesicht strahlte plötzlich vor Freude und sie machte einen höflichen Knicks vor Kim. Dann drehte sie sich um und lief zur Tür. Dort blieb sie für kurze Zeit noch einmal stehen. „Herr?“ Kim sah zu ihr. „Darf ich ehrlich sein?“ „Natürlich.“ „Ich... es mag sich jetzt albern anhören, aber... Aber als ich vor dem Grafen stand... ich... ich dachte... Ich dachte, es wäre der Herr. Ich dachte, es wäre Graf von Kalau.“ Danach verschwand sie, ohne sich auch nur noch ein einziges Mal umzusehen.
Kim lächelte plötzlich, doch in seinen Augen standen Tränen. /Von Sinnt.../
************************************************************ Part 6: Kim kauerte in einer kleinen Sofaecke neben dem Kamin. Seine hellen Augen folgten dem gleichmäßigen Hin- und Her des Pendels der großen bronzenen Wanduhr, deren Ziffernblatt fahl das Licht der Kerzen reflektierte. /Eigentlich ist es belanglos... und doch quält mich die Frage... Wie können sich zwei Menschen nur so unendlich ähnlich sein?! Ähnlich in ihrem Aussehen, der Stimme, im Gang und in der Art... ihrer Blicke./ Das Schlagen der Uhr ließ Kim aufschrecken. Er kniff seine Augen zusammen und hielt sich krampfhaft die Ohren zu. /Zehn Schläge... und wieder ist ein Tag in meinem sinnlosen Leben verstrichen. Die Zeit rennt, und doch erscheint sie mir wie die Ewigkeit.../ Ein bitteres Lächeln strich Kim über das Gesicht. /Ewigkeit... existiert sie überhaupt? Vermutlich nicht. Einst glaubte ich, das Grün wäre ewig, doch dann verlosch es mit seinem letzten Augenschlag.../ Mit langsamen Bewegungen erhob sich Kim schließlich vom Sofa, nachdem er beschlossen hatte, zu Bett zu gehen. Er war nicht müde, doch wie so oft drängte ihn die Einsamkeit zu dieser Entscheidung. Als er die große schwere Tür zur Vorhalle öffnete fiel sein Blick auf den kleinen goldenen Ring an seinem Finger. Er blieb stehen und betrachtete ihn aufmerksam, als plötzlich ein Dienstmädchen an ihm vorbeihuschte. Fast lautlos. Er blickte ihr nach, sie wendete sich ihm zu und machte einen höflichen Knicks. „Habe ich Euch etwa erschreckt, Herr? Bitte verzeiht mir, aber auf mein „Guten Abend“ schient ihr nicht zu reagieren. Ihr wart in Gedanken versunken, wie ich annehme?“ Die Magd wurde rot, als der Junge ihr nichts entgegnete. „Wenn Ihr es erlaubt, werde ich nun die Eingangstür öffnen. Es hat geläutet, habt Ihr es nicht auch gehört?“ Kim lächelte ihr auf diese Frage hin etwas verwirrt ins Gesicht und schüttelte dabei leicht den Kopf bevor er sagte: „Bitte begebe dich wieder auf dein Zimmer, Adelia! Ich werde selbst öffnen!“ Erneut verbeugte sich das Dienstmädchen vor ihm und verschwand anschließend mit schnellen Schritten wieder in dem dunklen Gang, aus welchem sie erschienen war. /An was der junge Herr nur in letzter Zeit immerzu denkt. Seine Augen sehen so leer und verzweifelt aus, aber spricht man ihn darauf an, lächelt er einem nur ins Gesicht und gibt vor, glücklich zu sein.../ Adelia stieß ein leises Stöhnen aus und betrat schließlich ihr kleines Zimmer, das sich gleich neben der Küche befand und in welchem auch Anna bereits schlief. Kim währenddessen lief mit unsicheren Schritten zur Eingangstür. Wer um alles in der Welt konnte zu so später Stunde noch um Einlass bitten?! Vielleicht war Minsk zurückgekehrt... vielleicht müsste er sich von dem Fürsten wieder demütigen lassen. Nur mir Widerwillen dachte er an die vergangenen Stunden. Oder kam Heinrich auf einen Überraschungsbesuch vorbei? Möglich war bei diesem Hitzkopf schließlich alles. Vielleicht war es aber auch... von Sinnt, dem er dann gegenüber stehen würde. Doch was hätte der Graf schon für einen Grund, noch einmal zurück nach Hornbach zu kommen... Wieder zog sich ein bitteres Lächeln über Kims Gesichtszüge. Schließlich drückte er die kalte Klinke der Eingangstür nach unten und öffnete. „Guten Abend Kim, Junge. Bitte entschuldige die Störung zu so später Stunde.“ Kims Gesicht verriet, dass er sehr überrascht war, als er plötzlich seine Mutter in der Tür stehen sah und hinter ihr, seinen Vater. Eine ganze Weile stand er nur so da, wusste auch nicht, was genau er hätte sagen sollen, oder was sie von ihm wollten. Doch dann ergriff Frau Prokter schließlich wieder das Wort. „Möchte unser Sohn uns denn nicht hereinbitten?“ Kim trat einen Schritt nach hinten und gab somit die Eingangstür frei. Seine Mutter betrat als erste die Vorhalle, dann folgte Mr. Prokter und hinter Kims Vater erschien noch ein junges Mädchen, die vielleicht genauso alt war wie Kim oder ein zwei Jahre jünger. Sie trug ein weites Ballkleid, dessen Ärmel mit kleinen azurblauen Perlen besetzt waren. Inzwischen war Anna, die sich in aller Eile nur schnell ihren Kittel übergezogen hatte, herangeeilt und nahm den Gästen ihre schweren Mäntel von den Schultern. „Sicher wunderst du dich, Sohn, weshalb wir dich so völlig unerwartet besuchen, nicht wahr? Nun, eigentlich ist das nur das Resultat eines kleinen Missgeschickes unseres Kutschers, aber wir wollen dir schon noch alles erzählen. Lass uns doch bitte etwas hinsetzen. Mathilde und mir tun vom vielen Tanzen noch die Füße weh.“ Frau Prokter versuchte durch ein freundliches Lachen ihren Sohn zu einer Antwort zu bewegen, aber Kim blieb stumm und führte sie ohne Worte in einen kaminbeheizten großen Saal, dessen Wände mit grau-silbrig schimmernden Tapeten hervorstachen. „Oh...sehr schöner Raum. Ich kann mich nicht erinnern, ihn bei unserem letzten Aufenthalt in Hornbach gesehen zu haben...“ „Euer letzter Aufenthalt hier war vor mehr als vier Jahren. Ihr könnt Euch nur nicht mehr daran erinnern...“ Misstrauisch folgte Kim jeder Bewegung seiner Mutter und seines Vaters, der ihn mit strengen Blicken musterte und noch kein Wort zu ihm gesprochen hatte. /Was wollen sie hier... nach so langer Zeit. „Sohn“... Bin ich es denn? Soll ich tatsächlich ihr „Sohn“ sein, ich... der kranke Kerl, den sie verstoßen haben.../ Frau Prokter und das fremde Mädchen ließen sich auf ein großes Sofa fallen, wobei ihre Bewegungen sehr schwermütig und müde anmuteten. Mr Prokter nahm auf dem purpurroten Sessel neben seiner Frau Platz. „Nun setze dich zu uns, Junge, und erzähle, wie es dir in der Zwischenzeit ergangen ist. Du siehst etwas blass aus...“ Kim verschränkte seine Arme vor der Brust und starrte seiner Mutter direkt in die kleinen Augen mit den auffallend langen Wimpern. Für einen Moment herrschte Schweigen, dann senkte Kim den Blick. „Was wollt Ihr hier?“ Frau Prokter stieß ein Seufzen aus und griff nach der Hand des jungen Mädchens, das neben ihr saß. „Ich dachte mir schon, dass du noch immer verärgert bist. Du bist sehr nachtragend Kim! Nun, wie gesagt... sind wir eher aus Zufall hier, denn unserem Kutscher ist leider ein Pferd durchgegangen, weshalb er nun mit einer klaffenden Wunde am Oberschenkel in das nächstgelegene Hospital eingeliefert wird. Und wir sitzen fest. Hornbach lag ganz in der Nähe der Unglücksstelle und deshalb sind wir nun hier. Du wirst doch sicher nichts dagegen haben, uns hier für eine Nacht zu beherbergen, habe ich nicht recht? Schließlich sind wir deine Familie und...“ „Meine Familie...“ wiederholte Kim sarkastisch und zog seine rechte Augenbraue kritisch nach oben. Kim fiel der verletzte Blick in den Augen seiner Mutter auf, bemerkte, wie sie enttäuscht und hilflos zu ihrer Rechten blickte um Trost bei dem fremden Mädchen zu finden. Diese legte Frau Prokter das zierliche Händchen über die Schultern und begann leise ein Lied zu summen, bis sich Kims Mutter wieder etwas gefasst hatte. Herr Prokter hatte die ganze Zeit über einfach nur dagesessen, hatte alles mit angesehen, doch sich zurückgehalten. „Entschuldige dich bei deiner Mutter!“ erklang die hohle tiefe Stimme des großen Mannes plötzlich und ließ Kim einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „ Ich würde mich entschuldigen, vielleicht... wenn ich mir nicht absolut sicher wäre, dass diese Traurigkeit nur vorgespielt ist. Wollt Ihr mir etwa ein schlechtes Gewissen machen? Ich... ein Sohn, der seine Eltern nicht ehrt, der sie in Schande geworfen hat und mit seinem kalten Wesen seine Mutter bis ins Tiefste verle...“ Kim vollendete seinen Satz nicht, denn ein heißer Schmerz durchfuhr seine Wange. Er fühlte sich am Kragen gepackt, feste Hände an seinem schlanken Hals. Tränen stiegen ihm ungewollt in die Augen, nicht aus Traurigkeit, nicht aus Angst (Weshalb dann? Weißt du es nicht?). /Seine vorwurfsvollen Blicke fressen sich tief in mein Herz. Wird er mich jetzt wieder schlagen? Ich wünschte ich könnte sie hassen. Hassen für ihre Falschheit, hassen für das, was sie mir angetan haben. Aber ich... ich... kann nicht. Und dafür verabscheue ich mich selbst! Denn ich bin ein Verräter!/ Die erwarteten Schläge jedoch kamen nicht. Kims Vater ließ von dem Jungen ab,sah seinem Sohn jedoch giftig in die Augen, bis dieser nicht mehr standhalten konnte und seinen Kopf senkte. /Schwach... ich bin so schwach.../ Plötzlich fühlte er eine sanfte Berührung auf seiner Schulter, warme große Hände, die ihn umfassten. /Er umarmt mich?!/ „Ich habe dich damals verstoßen, mein Junge! Und ich bedauere es nicht, denn wäre ich nicht streng mit dir gewesen, hättest du dich vielleicht nie mehr aus dem Bann dieses Grafen lösen können. Nun wird alles anders!“ Kim spürte den rauchigen Atem seines Vaters in seinem Nacken und dicht neben seinem Ohr erklang Herr Prokters tiefe Stimme, in der nun eine Art Wärme mitschwang. „Es wird alles anders werden, glaube mir. Es war nicht deine Schuld. Du warst noch nicht gefestigt, kanntest noch nicht die Vorzüge einer Frau...“ /Die Vorzüge einer Frau?!/ Mr. Prokter löste die Umarmung, hielt seinen Sohn jedoch mit beiden Händen fest an den Schultern fest. „Sophie erzählte uns davon.“ „Sophie? Wie geht es ihr? Ist sie gesund?“ „Sie hat uns alles erzählt!“ „Die kleine Sophie! Wie lange habe ich sie schon nicht mehr gesehen...“ /Bitte nicht... meine Augen füllen sich erneut mit Tränen... doch dieses Mal aus Traurigkeit. Bitte nicht.../ „Wir wissen bescheid über...“ Kim packte seinen Vater energisch am Arm und führte ihn zurück zu dem Sessel, auf dem er zuvor gesessen hatte. „Bitte erzählt mir von Sophie. Sie schreibt mir so selten. Ich hoffe doch, dass sie mit ihrem Mann glücklich zusammen lebt?“ /Schweigt! Lasst diese Worte nicht noch einmal das Schloss erzittern! Ich will sie nicht hören! Nicht jetzt... niemals mehr!/ „Kim...!“ erklang die sanfte Stimme seiner Mutter. Kim blickte auf. /Die kleine Sophie. Die kleine Sophie... Die kleine Sophie. Bitte sagt es nicht... sagt nicht... nicht... o Gott... tut mir das nicht
an./ „Dass der Graf tot ist... wir wissen es. Sie erzählte es uns!“ /Tot... tot... tot.../ Kims Hände verkrampften sich in seiner schwarzen Hose. „Ich...“ würgte Kim trocken hervor, doch weiter konnte er nicht sprechen. „Ja, es ist bedauerlich, einen nahestehenden Menschen zu verlieren!“ /Ich liebte ihn.../ „Aber es war zu deinem Besten. Sein Tod war richtig!“ /Richtig...falsch... richtig?/ Kim blickte mit glasigen Augen zu seinem Vater. „Wie könnt ...“ Herr Prokter faltete seine Hände in seinem Schoß und Kim glaubte, ein leichtes Grinsen in seinen Gesichtszügen erkennen zu können. „Ob du es wahr haben willst oder nicht, Kim. Sein Tod war richtig, denn... zu fest hatte er bereits seine Fesseln um dich geschlungen. Zu tief war der Abgrund, vor dem ihr euch beide befandet. Und weshalb das Ganze? Doch nicht etwa aus Liebe... nein, Kim. Es war keine Liebe und das weißt du! Was euch zusammenhielt, war nur die Lust!“ Kim begann am ganzen Körper zu zittern. „Er hat dich verführt, weil gerade keine Frau zur Stelle war.“ „Eduard hätte jede haben können. Aber er...“ /... er wollte mich!/ „Und er hatte auch jede. Hat sich stets mit ihnen vergnügt, nahm sich ihre Unschuld und er liebte sie. Aber dich...dich benutzte
er nur. Woher willst du wissen, dass er hinter deinem Rücken nicht einfach... na du weißt schon...?“ „Das hätte er nie getan!“ „O doch, hat er!“ Das Mädchen neben Frau Prokter hatte sich plötzlich ins Gespräch eingemischt. Kim sah sie ungläubig an. „Ich habe euch beide ja noch gar nicht miteinander bekannt gemacht. Kim, dass ist die reizende Tochter einer sehr guten Freundin von mir. Ihr Name ist Mathilde und sie ist bei uns, da meine Freundin gerade mit ihrem Mann auf einer wichtigen Reise ist... und Mathilde... das hier ist unser Sohn Kim!“ Mathilde setzte ein offenes Lächeln auf und blinzelte Kim zu. „Ich kenne Eduard, Kim. Was deine Eltern sagen, ist wahr!“ „Woher willst du das so genau wissen?! Eduard hätte mich nie betrogen!“
„Er würde nicht...“ „O doch, er hat! Und als ich seine Narbe auf der Brust dabei berührte hat er in Leidenschaft gestöhnt und meinen Namen gerufen! Ich erinnere mich noch genau an jene Nacht. Sein Haar funkelte im Mondschein als wir auf der Terrasse unserer Villa standen. Auf seinen starken Armen trug er mich in mein Zimmer, dann schloss er die Tür. Er übersäte mich mit heißen Küssen und streichelte mich... Eduard liebt Frauen. Es wundert mich, dass er dich so lange täuschen konnte. Hast du es tatsächlich nicht bemerkt? Seine ganzen Liebschaften? Das Parfum, nach dem er immer roch, wenn er nach einer Geschäftsreise zu dir zurückgekehrt ist? Was meinst du... woher hatte er wohl die Krankheit? Es wäre töricht zu glauben, er hätte sie einfach so aufgeschnappt. Küssen kann gefährlich sein, mein lieber Kim. Vor allem, wenn man so viele verschiedene Frauen küsst wie er!“ Kims Atem ging schnell und er starrte vor sich hin, dunkle Strähnen seines Haares verdeckten ihm die zusammengekniffenen Augen. /Ist das ein böser Scherz? Ein Traum? Woher... weiß sie von der... Narbe. Er hat sie immer versteckt, außer wenn... Er... hat...
mich betrogen! Mich benutzt, mich ausgelacht, wenn er mit einer dieser Frauen im Bett die Nacht verbrachte. Waren seine Gefühle nicht aufrichtig? Ich.../ „Ich bin müde. Anna wird Euch die Zimmer herrichten. Bitte entschuldigt mich nun. Ich werde mich auf mein Gemach begeben. Rechnet morgen früh nicht mit meiner Anwesenheit. Richtet Sophie herzliche Grüße von mir aus. Gute Nacht!“ Die Anwesenden im Raum sahen Kim hinterher, wie er mit langsamen Schritten das Zimmer verließ und dann die Tür hinter sich schloss. **************************************** Part 7: „Davor hatte ich immer Angst. – Irgendwann zu erfahren, dass er mich nicht liebte, sondern ich nur ein Spielzeug für ihn war. Doch nun weiß ich es, jetzt, wo alles zu spät ist. Ich kann daran nichts ändern und eigentlich will ich es auch nicht, denn... obwohl ich mich verraten fühle, kann ich ihn nicht für so schlecht halten. Wie konnten diese Augen lügen? Seine Art schien mir immer ehrlich, auch wenn ich mich manchmal fragte, welchen Grund es für die Kälte und Gleichgültigkeit in seinem Gesichtsausdruck gab. Vielleicht lügt das Mädchen nur und ich tue Eduard nun unrecht, aber wenn es so ist, woher... woher wusste sie von der Narbe?! Und woher soll ich wissen, was ich glauben kann?! Ich suche nach einer Antwort... und werde sie doch nicht finden. Niemals mehr.../ Kim stand auf dem Balkon seines Schlafzimmers und stützte sich mit beiden Händen auf das kleine Mäuerchen am Rande des Vorsprungs. Sein Blick schweifte in die Dunkelheit und der kühle Nachtwind verursachte ein leichtes Frösteln auf seiner Haut. Der Mond beschien sein blasses Gesicht und spiegelte sich ab und zu in einer kleinen Perle, die Kims Wange hinabrann und in die Tiefe stürzte. Er war es leid, Tränen zu vergießen (es hat alles keinen Sinn...), doch sie flossen unaufhörlich. „Wieso hat Heinrich nie etwas gesagt? Bestimmt wusste er von Eduards Liebschaften. Er musste es wissen, denn er kannte seinen Bruder besser als jeder andere. Aber er verschwieg es mir. Weshalb? Vielleicht tat er es dem Grafen zuliebe, vielleicht wollte er mir den Kummer ersparen und hoffte, ich würde es niemals erfahren...“ Kim merkte nicht, dass er diese Worte leise vor sich hinsprach, denn in seinen Gedanken wiederholte er immer wieder Mathildes Worte.
/Ich verstehe es einfach nicht, kann nicht, will nicht... will... doch nicht! Seine Worte schienen stets so aufrichtig... / Kim horchte auf als ein kleiner Vogel in einem nahestehenden Baum sein süßes Liedchen anstimmte. „So spät noch unterwegs? Du solltest lieber von diesem einsamen Ort hier verschwinden, bevor du nicht mehr entkommst... Dann bist du gefangen, so wie ich und kennst deinen Platz in dieser trostlosen Welt nicht mehr...“ Kim lauschte noch eine Weile den lieblichen Klängen, bevor er sich in sein Zimmer begab und schlafen legte. „Ein Gutenachtlied nur für mich... Ich wünschte, es wäre das letzte, das ich höre, weil... ich... nicht mehr...“ Am nächsten Morgen blinzelten die ersten goldenen Strahlen der Morgensonne durch das große Fenster, welches weit geöffnet war und dessen Vorhänge sich sanft in der kalten Luft bewegten. Auch wenn es den Anschein machte, dass ein sonniger Tag bevorstand, fiel es Kim dennoch schwer seine Augen zu öffnen und die Müdigkeit von sich abzuschütteln. Er hatte gehofft, dass alles nur ein Traum gewesen war, aber als er sich ans Fenster stellte, nachdem er zuvor mühsam aus seinem Bett gestiegen war, und Mathilde im Hof mit seiner Mutter an der Hand auf und ab gehen sah, übermannte ihn erneut die Traurigkeit. Er stellte sich so hinter die Gardine, dass er die zwei Personen im Schlosshof gut beobachten konnte. Wo sein Vater war wusste er nicht und er konnte sich auch beim besten Willen nicht erklären, was Frau Prokter und das Mädchen mit dem beharrlichen Hin- und Hergehen bezwecken wollten. Sollte das eine Art Morgenspaziergang darstellen? Beinahe hätte sich ein Schmunzeln auf seine Lippen gelegt, so seltsam muteten die Bewegungen der zwei an. „Heyho... du bist ja sogar schon wach! Frierst du nicht in deinem dünnen Hemdchen in dieser Eiseskälte? Nicht mal Schuhe hast du dir angezogen. Kannst du denn nicht ein wenig Acht auf dich selbst geben, Kim?!“ „Heinrich? Was tust du denn hier?!“ Kim starrte den Blondschopf mit großen Augen an und in seiner Stimme schwang eine Art Vorwurf mit. „Ich bin ja nur froh, dass mich jeder immer so unendlich herzlich begrüßt!“ „Wie bist du denn an meinen Eltern vorbeigekommen?“ Heinrich zögerte mit seiner Antwort eine Weile und betrachtete Kim aufmerksam von oben bis unten, so dass es dem Jungen schon fast peinlich war. „Ja... Eltern stellen schon ein sehr großes Hindernis dar, nicht wahr? Aber ich will dir gerne sagen, wie ich an ihnen vorbeikam... Zuerst wechselten wir ein paar Blicke, dann grüßte ich die zwei Damen- die nebenbei jetzt noch immer unten im Hof auf- und ablaufen dürften – und machte ihnen ein Kompliment über ihre Kleider. Dann habe ich mich kurz als dein Geliebter vorgestellt und bin dann schnurstracks in dein Schlafgemach gestürmt...“ „Du hast dich wie vorgestellt?!“ Heinrich erwiderte diese Frage nur mit einem breiten Grinsen. „Also Kim... du hast nun zwei Möglichkeiten... aber nein... erst einmal muss ich dir ja noch diesen Brief hier überreichen und wenn du den gelesen hast... ja DANN hast du zwei Möglichkeiten!“ Heinrich zog aus seinem schwarzen Mantel mit dem dunkelroten Schal ein kleines helles Couvert und überreichte es Kim, der es öffnete und wenig später aufmerksam das Schreiben las. „Was denn... Joséphine feiert ihren Geburtstag schon heute? Aber das ist doch eine Woche zu früh...“ „Du hast es erfasst. Aber das braucht dich nun nicht zu beunruhigen. Genau deshalb bin ich nämlich hier. Um genau zu sein schickt mich Bernard. Ich soll dich abholen und gleich mit dir zum Schloss seines Onkels fahren. Jetzt zieh’ nicht so ein Gesicht, du musst auch mal ein bisschen spontan sein, Kim!“ „Darum geht es doch gar nicht... Die Geburtstagsfeier findet also auf Schloss Weilnach statt, richtig?“ Erneut überflog Kim die untersten Zeilen des Briefes und kaute dabei an einem Bändchen seines geschnürten Hemdes. „Ich denke nicht, dass mich der Herzog dort gerne als seinen Gast empfangen wird. Immerhin arbeite ich dort!“ „Sonntag ist dein freier Tag, Kim. Da kannst du tun und lassen, was du willst. Und wenn du zu Joséphines Geburtstagsfeier geladen bist, geht dies dem Herzog überhaupt nichts an. Du machst dir immer viel zu viele Gedanken, Junge!“ „Doch manchmal nicht genug!“ „Wie bitte?“ Kim schwieg. „Nun noch einmal zu den zwei ausstehenden Möglichkeiten. Wie gesagt könntest du gleich mit mir zusammen fahren, oder aber du bevorzugst, deine eigene Kutsche zu nehmen, weil du dann unabhängiger bist... Wäre wohl jedoch Unsinn, denn du übernachtest sowieso dort und kannst dann am Montag früh gleich deinen Dienst antreten!“ „Mhm...“ Kim wendete Heinrich den Rücken zu und lief zu seiner Kommode um sich dort seine Kleidung herauszusuchen. Er wählte die schwarze Hose mit der silbernen Stickerei am oberen Bund, dazu ein dunkelgrünes Hemd mit silbrig schimmernden Knöpfen und weiten Ärmeln. Von der Schulter bis zur Hüfte zogen sich zwei Längsstreifen, die seine Figur sehr schlank und tailliert erschienen ließen. Während er sich anzog – zuvor war Heinrich von ihm gebeten worden, sich solange die Schnitzereien an der Tür genau zu betrachten- sprachen beide kein Wort miteinander, bis Heinrich schließlich das Schweigen brach. „Kim?“ „Mhm...?“ „Weshalb sind deine Eltern hier?“ „Gestern nacht standen sie plötzlich vor meiner Tür und... oh... du kannst dich jetzt übrigens wieder umdrehen... Sie sagten, ihr Kutscher hätte einen Unfall gehabt und baten mich, sie bei mir übernachten zu lassen, da sie keine Heimreisemöglichkeit hatten...“ „Verstehe... Und hast du ihnen...“ „Verziehen meinst du?“ Kims Augen wanderten zu Boden und er seufzte. „Ich weiß nicht. Ich denke nicht, oder vielleicht doch... Vielleicht war ich auch niemals wirklich verärgert... Wie sehe ich aus?“ „Zum Anbeißen!“ „Lass’ doch endlich die Witze!“ „Und wenn ich es ernst meine?“ „Das tust du nicht...“ „Was ist los mit dir? Bist du mit dem falschen Bein aufgestanden? Du scheinst mir sehr mürrisch zu sein...“ Heinrich bekam nur ein kurzes aber deutliches Schulternzucken zu sehen. „Na schön... dann würde ich sagen, du frühstückst noch etwas und wir machen uns dann gleich auf den Weg. Lass uns noch einmal kurz in die Stadt fahren, ja? Sicher möchtest du auch noch ein paar Blumen oder ein anderes Geschenk für Joséphine besorgen...“ Kim nickte nur stumm.
Nach dem Frühstück war die Kutsche bereits vorgefahren und wartete am Hintereingang des Schlosses, da Kim eine Konfrontation mit seinen Eltern unbedingt vermeiden wollte. „Bitte kümmere dich um die Gäste, Anna. Ich werde erst morgen Abend wieder zurück nach Hornbach kommen.“ Die Dienstmagd nickte demütig mit dem Köpfchen und faltete ihre Hände zusammen. Es sah fast so aus, als würde sie beten. „Sie scheint eine treue Magd zu sein!“ bemerkte Heinrich, als er nach Kim in die Kutsche stieg und sich ihm gegenüber auf das kleine Bänkchen aus dunklem glatten Holz setze. Kim sah aus dem Fenster und stimmte abwesend zu. Wie geplant hatten sie einen kurzen Ausflug in die Stadt gemacht, doch länger als eine Stunde hatte ihr Aufenthalt nicht gedauert, da sie pünktlich um halb zwölf auf Schloss Weilnach sein wollten.
Der Kutscher brachte das Gefährt schließlich zum stehen und öffnete nach wenigen Sekunden auch schon die Tür. „Wir sind nun auf Schloss Weilnach angekommen, Herr!“ Heinrich bedankte sich mit einem gemütlichen Kopfnicken und lächelte dann Kim aufmunternd an. „Gehen wir?“ Heinrich ließ Kim als erstes aussteigen, wobei ihm die geknickte Körperhaltung des Jungen auffiel und er begann, sich ernsthafte Sorgen um ihn zu machen. Aber darauf ansprechen wollte er ihn nicht. Er wusste zwar, dass Kim nur sehr selten von sich aus sein Innerstes offenbarte, aber manchmal wollte der Junge mit seinen Gedanken sicherlich auch einfach nur alleine gelassen werden. Heinrich gab seinem Kutscher letzte Anweisungen, wann er wieder hier zu sein hatte und lief dann zum Eingang des Schlosses, dicht gefolgt von Kim, dessen Augen unauffällig von links nach recht wanderten und die eitlen Menschen um ihn herum musterten. Kaum am Eingang angekommen, sahen sie auch schon Joséphine, wie sie von vielen Adligen beglückwünscht wurde und ihre Geschenke freudig, manchmal weniger freudig entgegennahm, wenn sie die Person nicht sonderlich mochte. Als sie Heinrich und Kim erblickte ließ sie jedoch alles stehen und liegen und rannte auf die Beiden winkend zu, ihr Kleid dabei etwas nach oben ziehend, damit sie nicht stolperte. „Guten Morgen ihr beiden! Wie freut es mich, endlich einmal ein paar junge Menschen hier zu sehen. Ich hatte schon Angst, alle meine Freunde würden nicht kommen und ich müsste einen langweiligen Tag mit meinen Verwandten verbringen. Zwar bestreite ich nicht, dass ich auch diese mag, aber bis auf meinen Großcousin Theodor sind doch alle recht alt und nicht wirklich zu etwas Spaßigem zu gebrauchen, wenn ihr versteht, was ich meine!“ Dabei lächelte sie breit und streckte ihr zierliches Händchen den beiden Männern entgegen, die ihr nacheinander jeder einen zarten Handkuss aufdrückten und dem Mädchen dann ihre Geschenke überreichten. „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen, Kim..., Heinrich! Ich freue mich natürlich über die Blumen... und...“ Sie packte eifrig das kleine Päckchen mit der goldenen Schleife aus... „... und oh nein... das darf doch nicht wahr sein... so schöne Ohrringe, Heinrich! Womit hab’ ich die denn verdient?!“ Heinrich rieb sich den Hinterkopf und grinste zurück. „Wenn ich ehrlich bin, war das nicht meine Idee, sondern die meiner Gemahlin. Sie weiß eben, worüber sich Mädchen in deinem Alter freuen...“ Joséphine machte einen leichten Knicks, wobei sie kurz ihre Augen schloss. „Dann bedanke ich mich auch recht herzlich bei deiner Frau... für diese wunderbare Idee! Komm’ mit, Kim... ich will die herrlichen Blumen von dir schnell ins Wasser stellen, bevor sie noch vertrocknen und die Köpfe hängen lassen!“ Sie umfasste Kims Handgelenk und wollte ihn gerade mit sich ziehen, als schon wieder ein neuer Gast auf sie zukam und sie beglückwünschte. Dieser Tag musste für das Mädchen sehr aufregend sein, so viele Leute an einem Ort, so viele Sitten und Bräuche, denen nachzukommen war. Kim war froh, dass sein Geburtstag früher nicht so ausschweifend gefeiert wurde. Vermutlich hätte er sich selbst sonst in sein Zimmer verkrochen und gewartet, bis alles vorüber war. Er hatte es noch nie leiden können, der Mittelpunkt einer Veranstaltung zu sein. Als Kim sich nach hinten umblickte war Heinrich verschwunden. Wahrscheinlich hatte er sich bereits unter die Menge gemischt und trank schon das ein oder andere Gläschen Wein bei einem gemütlichen Plausch mit alten Bekannten. Manchmal wünschte sich Kim, dass er auch so ungeniert auf andere Menschen zugehen könnte, ohne diesen ständigen Knoten in seinem Bauch und ohne auch nur jemals die Gefahr aufkommen lassen zu müssen, ein peinliches Schweigen einkehren zu sehen. Da Joséphine ihre Aufmerksamkeit nun ganz den neuen Ankömmlingen widmete, unter denen sich auch einige Freundinnen und Freunde von ihr befanden, beschloss Kim schließlich, sich auch unter die Menge zu mischen, selbst wenn ihm bei diesem Gedanken nicht ganz wohl zumute war. Er entfernte sich einige Schritte von Joséphine und blickte kurz in den azurblauen Himmel, wobei er sich eine Hand vor die Stirn hielt, um von der Sonne nicht zu sehr geblendet zu werden. Doch dies erübrigte sich dann von selbst, da sich eine dicke Wolke über die helle Scheibe am Himmel schob und die Umgebung für kurze zeit in graue Melancholie tauchte. Genau in diesem Augenblick fiel Kims Blick durch die Menschenmengen auf eine auffallend dunkle Kutsche, aus der zuerst eine Frau ausstieg. Sie war schön anzusehen, trug ein dunkelrotes Kleid mit weitem Rock und hielt einen ebenso dunklen Fächer in der Hand. Ihr Gesicht war sehr blass, doch die Hautfarbe passte sehr gut zu ihren dunkelblonden Haaren, die sie hochgesteckt trug. Kim wusste nicht, weshalb er zu ihr hinüber starren musste. Ab und zu wurde ihre zierliche Gestalt von vorbeilaufenden Menschen verdeckt, doch bald wurde immer wieder eine Lücke frei, durch die Kim sie beobachten konnte. Nachdem sie ausgestiegen war hielt sie ihre Hand etwas nach oben in Richtung Kutsche und Kim bemerkte angespannt, dass eine größere Hand nach der ihren griff. Plötzlich schien sich die ganze Welt um ihn herum zu drehen, sein Herz klopfte schnell in seiner Brust und er wollte seine Augen abwenden, was ihm jedoch nicht gelingen wollte.
Wieder verdeckten Kim einzelne Personen die Sicht, doch als sie verschwunden waren, konnte er den großen Mann genau sehen. Dieser hielt die Frau, die vor ihm aus der Kutsche gestiegen war an der Schulter und beugte seinen Kopf etwas zu ihr nach unten, da sie ihm anscheinend etwas sagen wollte, was bei den vielen Geräuschen wohl sonst untergegangen wäre. Kim bemerkte plötzlich, dass er die ganze Zeit über furchtbar sehr in eine Richtung gestarrt haben musste und seine Wangen röteten sich etwas. Dann wendete er seinen Blick jedoch ab und lief in die entgegengesetzte Richtung. /Von Sinnt scheint verheiratet zu sein... Sie ist eine schöne Frau... / Sein Herz schlug ihm noch immer bis zum Hals und wahrscheinlich hätte er noch eine ganze Zeit über von Sinnt und dessen Frau gebrütet, wenn ihm nicht plötzlich eine andere Person den Weg versperrt hätte. Kims Augen wanderten ganz langsam an seinem Gegenüber von unten nach oben bis er schließlich in ein lieb lächelndes Gesicht sah. „Ich habe dich schon überall gesucht, liebster Freund!“ Bernard ergriff Kims Hand und drückte sie herzlich. „Wie schön, dass du so kurzfristig kommen konntest. Ich bin Heinrich begegnet und war schon richtig enttäuscht, als ich dich nicht an seiner Seite sah. Aber er hatte schon recht, als er sagte, dass er nicht dein Aufpasser sei. Amüsierst du dich gut? Ich schätze nicht, denn hier im Hofplatz ist ja noch gar nichts los im Vergleich zum Garten...“ beide liefen sie nebeneinander auf das Schloss zu. „Ist das heute nicht ein wunderschöner Tag, Kim? Die Sonne scheint, blauer Himmel... ah... die Wolke verzieht sich gerade wieder. Ich bekomme jedes Mal eine Gänsehaut, wenn an einem so herrlichen Tag das Licht der Sonne verschwindet... Eigentlich war die Feier im Schloss geplant, aber nun haben wir das ganze ins Freie gelegt. Natürlich kann man sich auch im Gebäude aufhalten und feiern, aber die Reden werden draußen gehalten. Wieso schweigst du die ganze Zeit? Denkst du über etwas nach?“ Neugierig sah Bernard Kim ins Gesicht, doch er erhielt keine Antwort. Ein Seufzen. „Komm’ mit!“ Er griff nach Kims Hand und in seinen Augen schwang eine Art Eindringlichkeit mit. „Ich möchte dir etwas zeigen...“ Kim ließ sich wortlos hinter dem Jungen herziehen. Sie liefen an der Vorderseite des Schlosses entlang und kamen schließlich zu einer der Baumreihen, die Kim zuvor bei seiner Ankunft schon betrachtet hatte. „Hier entlang!“ Zwei Rosenbüsche, die aufgrund der Jahreszeit jedoch keine Blüten trugen, rankten sich um einen schmiedeeisernen Torbogen und stellten den Eingang eines schmalen Ganges dar. Bernard blieb nach einigen Metern plötzlich stehen und sah sich absichernd nach allen Seiten um. „Lass uns durch die Hecke schlüpfen. Da ist der Weg viel kürzer. Hoffentlich sieht uns der Gärtner meines Onkels nicht...“ Und wenig später war er auch schon hinter dem Gesträuch verschwunden. Kim blieb unschlüssig stehen und erschreckte beinahe, als Bernards Hand plötzlich durch die Büsche nach seiner griff um ihn auf die andere Seite der Hecke zu ziehen. „Jetzt komm’ schon! Sonst sieht uns wirklich noch jemand!“ Nachdem Kim ebenfalls durchgeschlüpft war hörte er Bernards lautes Lachen und sah ihn verwundert an. „Jetzt hast du buntes Laub in deinem Haar, Kim!“ Vorsichtig griff Bernard nach den einzelnen Blättern auf Kims Kopf, die Wange des Jungen dabei mit der anderen Hand berührend und ihm ununterbrochen in die Augen blinzelnd. /Was gäbe ich drum, dich jetzt küssen zu dürfen, Kim! Aber wenn ich es tue, schreckst du sicher wieder vor mir zurück. Wie gemein von dir, mich so auf die Folter zu spannen! Aber der Augenblick wird kommen, in dem ich... / **************************************** |
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