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***** Forgivable Sinner II to turn the wheel of fortune*****

Autor: Di-chan

Part 1:

Seltsame Töne einer Violine drangen durch die neblige Luft aus einem kleinen Theater, weit ab von der Stadt. Erst traurig sanft, dann erfüllt von Verzweiflung und Sehnsucht. Die Welt schien zu schweigen, selbst der Wind ruhte an diesem Tag.

„Wieso... wieso hast du mich hierher gebracht... Heinrich?“ Kim standen funkelnde Tränen in den Augen als er in Heinrichs lächelndes Gesicht blickte. Bald darauf spürte er eine warme Berührung an seiner Schulter und den leisen Hauch eines Flüsterns an seinem Ohr.
„Hast du vergessen, welcher Tag heute ist?“
Kim blickte auf seine Hände, die er zusammengefaltet in seinem Schoß liegen hatte.
„Wie könnte ich diesen Tag vergessen, Heinrich?! Wie könnte ich?! Aber... wieso hier?“
„Es war sein Lieblingsstück. Er hat es sich immer angehört, noch bevor er dich kennen lernte und es war jedes Mal die einzige Zeit, in der er seinen Gefühlen freien Lauf ließ... Es mag dir grausam erscheinen, dass ich dich an seinem Todestag hierher gebracht habe, aber wenn....“
Kim ergriff Heinrichs Hand und unterbrach ihn, indem er ihm seinen Zeige -und Mittelfinger über die Lippen legte.
„Ist schon gut, Heinrich. Ist schon gut. Ich verstehe... Du...“ und dabei lächelte er „...du wolltest ihn uns noch einmal in Erinnerung rufen. Drei Jahre sind eine lange Zeit und wenn wir ihn auch niemals vergessen werden, so wird er doch mit jedem Monat, der dahinstreift ein bisschen undeutlicher in unserem Inneren. Das macht mich manchmal wahnsinnig, aber was soll ich dagegen tun? Man sagt, dass Zeit Veränderung bringt und die Wunden heilt. Ich frage mich, ob sie meine jemals schließen kann?!“
Heinrich legte seine Hand unter Kims Kinn und sah ihm in die Augen, wobei er mit seinem Daumen leise über die Wange des Jungen strich.
„Es wird alles wieder gut, Kim. Ich verspreche es dir. Dein Leben steht nicht still und du wirst irgendwann über seinen Verlust hinwegkommen.“ Heinrich näherte sich langsam Kims Gesicht. Er wusste nicht, weshalb er das tat, aber Kims Lippen zogen ihn in einen Bann und er bemerkte erst, was er vorhatte, als er Kims unregelmäßige Atemzüge auf seiner Haut spürte. Schnell wich er aus und küsste den Jungen auf die Wange.
Kim schluckte und Heinrich strich ihm liebevoll durch das Haar.
„Entschuldige, Kleiner! Ich bin zwar Eduards Bruder, aber eigentlich steh’ ich nicht auf Männer, wenn du verstehst, was ich meine?“ Er grinste und dabei wiederholte er diese Worte in seinem Inneren immer und immer wieder. „Ich hatte nur das Gefühl, dass ich dich irgendwie trösten müsste. Immerhin bin ich Schuld daran, dass du so traurig bist...“
Kim stand auf und Heinrich bemerkte, dass der Junge zitterte. Als er gehen wollte, ergriff er seine Hand und hielt sie fest. „Ganz ruhig. Ich... hab’s nicht so gemeint. Es tut mir leid. Es tut mir leid, Kim!“ Kim streifte ihn mit einem flüchtigen Blick. Tränen liefen ihm über das blasse Gesicht.
„Du... ich war... du hast mich nur so sehr an ihn erinnert. Ihr seht euch nicht sehr ähnlich, aber in eurer Art merkt man, dass ihr Brüder seid.“
Beide schwiegen sie eine Weile, dann ergriff Kim das Wort.
„Lass’ uns nun zurück nach Hornbach fahren...“ Heinrich nickte zustimmend und beide verließen sie schweigend das Theater. Die Fahrt in der Kutsche schien eine Ewigkeit zu dauern, es hatte sich ein beklemmendes Gefühl eingestellt.
/Wieso hab’ ich versucht, ihn zu küssen? Manchmal wundere ich mich über mich selbst. Wenn Madelene dabei gewesen wäre... ich glaube, ich hätte es auch nicht verhindern können... Vielleicht war es einfach die Traurigkeit dieses Jungen, die mich so überwältigt hat. Ich besuche ihn nicht oft, aber wenn ich ihn sehe, dann fällt es ihm jedes Mal schwer zu lächeln. Sieht er in mir Eduard? Bin ich es, der ihn an so vieles erinnert, dass er manchmal denkt, er müsse in diesem Schmerz an die Vergangenheit ertrinken? Ich... weiß es nicht.../
Als sie in den großen Schlosshof von Hornbach einfuhren, durchbrach nur das Knistern der Kutschräder auf dem steinigen Untergrund die Stille. Sie hielten an und Kim stieg aus. Der frische Nachtwind strich ihm durch die Haare und schien noch immer die Klänge der Violine mit sich zu tragen. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, sondern ganz in Gedanken versunken, lief Kim zum Eingang des Schlosses. Erst als er schon vor der Tür stand, bemerkte er, dass Heinrich ihm nicht gefolgt war. Er blickte zurück und sah Eduards Bruder vor der Kutsche stehen, ihm mit den Rücken zugewandt. Er wollte gerade wieder einsteigen.
„Kim... ich werde nach Hause fahren. Madelene ist nicht gerne allein, weißt du?“
„Heinrich... aber du...“
„Wir sehen uns dann spätestens in ein paar Monaten wieder. Jetzt muss ich gehen...“
Kim ballte seine Hände zu Fäusten und schloss seine Augen. Dann wendete auch er sich ab. Er legte seine Hand auf den kalten Griff der Tür.

„Verzeih’ mir, Kim.... denn ich wusste nicht, was ich tat!“

Heinrichs Worte durchhallten die Einsamkeit der Nacht. Kim blieb wie versteinert stehen, doch sah nicht zurück. Seine Hand ruhte noch immer auf der Klinke. Erst als er die Pferde wiehern hörte, drehte er sich um, doch die Kutsche war bereits aus dem Schlosshof ausgefahren und war von der Dunkelheit verschluckt worden.

/Wie jeden Tag. Das Schloss... es ist so schrecklich leer. Was gäbe ich dafür, jetzt seine tiefe Stimme hören zu können, wie sie meinen Namen ruft. Sie füllte immer das gesamte Schloss. Jeden kleinen Winkel, es schien immer so warm./
Kim stieg müde die Treppe hinauf.
/Normalerweise würdet Ihr jetzt hinter mir stehen, mich mit Euren starken Armen umfassen und mir zärtliche Worte ins Ohr flüstern. Doch stattdessen schreit die Dunkelheit nach mir./
Er hielt sich die Ohren zu und betrat Eduards ehemaliges Zimmer. Er kniete sich neben dem Bett auf den Boden und verkrampfte seine Hände im dunkelgrünen Laken. Die Tränen in dieser Nacht wollten nicht versiegen. Kim schluchzte laut und sein Oberkörper zitterte mit seinen ungleichmäßigen Atemstößen.
„Jetzt bin ich ganz allein. Verdammt, Heinrich, du wolltest doch noch bis Ende der Woche bei mir bleiben. Dachtest du, ich mochte deine Anwesenheit nicht? Ich... ich hab’ doch heute im Theater nicht geweint, weil du mich erschreckt hast, als du versuchtest, mich zu küssen. Nein, verdammt... es war doch nur... weil du mich an alte Zeiten erinnert hast. An IHN, an IHN...“ und jetzt verebbte seine Stimme allmählich „... an IHN, der mich einfach verlassen hat... der sein Versprechen gebrochen hat und mich der trostlosen Schwärze des Daseins auslieferte.“
Kim strich langsam mit seiner rechten Hand über das weiche Laken. /In diesem Bett habt Ihr mich geliebt. Hier habe ich... meine Unschuld an Euch verloren.../

Irgendwann war Kim in seinem Kummer eingeschlafen. Als er am Morgen erwachte, fand er sich in seinem weißen Bett, zugedeckt. Sein Blick wanderte im Zimmer umher und als er zu seiner Rechten blickte, sah er Heinrich, der auf einem Sessel saß und seinen Oberkörper auf das Bett gebeugt hatte. Er schlief. Kim blieb ganz still sitzen, lauschte nur auf den leisen Wind, der durch das geöffnete Fenster drang und das Zimmer mit feuchter Herbstluft füllte.
„Dxy%&? &$%test %x$$& §$“%&!en können… Dummkopf!” Kim zuckte zusammen, als er plötzlich Heinrich im Schlaf nuscheln hörte. Es war ihm irgendwie peinlich, den jungen Mann beim Schlafen beobachtet zu haben. Vorsichtig schob er seine Bettdecke beiseite, was einige Probleme machte, da Heinrichs linker Arm genau über ihr lag. Er wollte gerade aus dem Bett huschen, als er sich an seinem Handgelenk gepackt fühlte.
„Hab’ ich dir nicht eben gesagt, dass du nicht aufstehen sollst?!“
Kim überlegte und schüttelte dann den Kopf. „Nein, kann mich nicht erinnern. Du hast nur irgendetwas vor dich hingenuschelt... Ich dachte, du würdest noch schlafen.“
Mit einem Ruck schnellte Heinrichs Körper nach oben, so dass er aufrecht im Sessel saß. „Haha, von wegen geschlafen! Da kennst du mich aber schlecht, mein lieber Kim. Ich und Schlaf! Putzmunter war ich. Die ganze Zeit. Und wehe zu bezichtigst mich noch einmal des Nuschelns. Ich hab’ die beste Aussprache überhaupt!“
Kim schmunzelte und musste auf einmal kichern.
/Ich bin froh, dass es dir wieder etwas besser geht, Kim Prokter... Es tut gut, dich wieder einmal lachen zu hören, auch wenn... auch wenn du über mich lachst.../ Heinrich rieb sich mit der Hand den Hinterkopf.
„Wieso bist du eigentlich... ich meine, warum...“
„Ich konnte dich doch nicht alleine lassen. Ich wollte dir nur etwas Zeit geben. Was vielleicht keine so gute Idee war, ich seh’ es ja ein. Aber jetzt bin ich ja hier und es tut mir leid, was gestern passiert ist...“
„Hast du deswegen diese seltsamen Worte gesagt?“
„Welche seltsamen Worte?!“
„`Vergib mir, denn ich wusste nicht, was ich tat.` Ich habe überlegt, was du damit wohl gemeint hast...“
Heinrich stand auf.
„Den Sinn dieser Worte wirst du vielleicht eines Tages noch verstehen. Doch jetzt ist die Zeit noch nicht reif dafür. Was sie bedeuten, wird dich vermutlich traurig stimmen und wenn du die Wahrheit erfährst, wirst du mich hassen. Doch mehr kann ich dir nicht sagen...“
„Heinrich... wie sollte ich dich jemals hassen können?!“
Eduards Bruder blickte Kim tief in die Augen.
„Shhh, frag’ so etwas nicht. Frage keine Dinge, die du jetzt noch nicht verstehen kannst... So, und jetzt Schluss mit dieser Grübelei! Zieh’ dich an! Mach’ dich fertig, ich erwarte dich in einer halben Stunde zum Frühstück. Und komm’ ja nicht zu spät, hörst du? Ich werde nachher nicht auf dich warten!“
„Was haben wir denn vor?“
„Das bleibt mein kleines Geheimnis. Jedenfalls wird es dich ein bisschen auf andere Gedanken bringen, glaub’ mir. Also bis dann!“ Und mit diesen Worten verschwand er aus der Zimmertür.
Heinrich starrte auf den dunkelgrünen Teppich unter seinen Füßen.
„Du wirst mich hassen Kim... für das, was ich dir angetan habe... dir und meinem eigenen Bruder... du wirst mich hassen und es gibt nichts, was ich tun könnte, um alles ungeschehen zu machen...“

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Part 2:

„Heinrich... jetzt sag’ schon! Wohin fahren wir denn?“ Heinrich verzog seinen rechten Mundwinkel zu einem breiten Grinsen. Er saß Kim in der Kutsche gegenüber und als der Junge zum dritten Mal die selbe Frage stellte, rollte er mit den Augen und hob seinen Zeigefinger.
„Uhuhuhh... zügle deine Neugier, Kim Prokter. Lass’ dich einfach einmal überraschen. Lange dauert es nicht mehr, wir sind gleich da, keine Sorge!“
Kim stieß einen hörbaren Seufzer aus. Diese Heimlichtuerei brachte ihn irgendwann noch einmal um seinen Verstand. 
„Manchmal benimmst du dich wie ein kleiner Junge...!“ spottete Heinrich und dabei funkelten amüsiert seine Augen. Ein Sonnenstrahl drang durch das Fenster der Kutsche, das halb von einem kleinen Vorhang bedeckt war und breitete sein warmes Licht über Heinrichs blondes Haar.
„Wir haben Glück, dass heute so schönes Wetter ist, sonst wäre unser Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes wohl ins Wasser gefallen.... Da, siehst du... da vorne müssen wir noch einmal rechts abbiegen, dann die Straße entlang und noch einmal links. Dann sind wir da!“
„Ich bin ja mal gespannt, was du dir da wieder ausgedacht hast!“

Nach wenigen Minuten kam die Kutsche schließlich zum Stehen. Heinrich öffnete die kleine Tür und trat als erster nach draußen, gefolgt von Kim.
Zuerst fühlten sie sich von der Sonne geblendet, doch die Wärme, die sie umhüllte, breitete ein angenehmes Gefühl in ihrem Inneren aus. Heinrich strich sich durch seine langen Haare, redete anschließend noch drei Worte mit dem Kutscher und nahm Kim dann bei der Hand um ihn mit sich zu ziehen. Kim kam es so vor, als würde die gesamte Umgebung an ihm wie in einem Traum vorbei ziehen. Er achtete nicht einmal auf den weißen Brunnen, an dem sie soeben vorbeigingen, denn seine Aufmerksamkeit galt voll und ganz der prächtigen Residenz am anderen Ende des Hofes. Viele einzelne gelb umrandete Fenster unterbrachen das einheitliche Weiß des Gebäudes. Das Eingangstor war mit winzigsten Verzierungen geschmückt, an denen sich das helle Licht der Morgensonne in vielen Farbfacetten widerspiegelte.
„Ich sehe, es gefällt dir! Das freut mich, Kim, aber innen ist es sogar noch prunkvoller...“
Als sie die Türschwelle betraten, wurden sie bereits von einem düster blickenden Diener empfangen, der sie mit einem gurgelnden „Guten Tag, meine Herren“ empfing. Kim lächelte ihn unsicher an und nickte mit dem Kopf.
„Er ist immer so schlecht gelaunt. Er war es schon vor 10 Jahren und ist es noch. Daran wird sich wohl auch nichts mehr ändern...“
Der Diener warf Heinrich einen kritischen Blick zu, doch wendete sich dann von den beiden ab um in der nächsten Minute auch schon hinter einer kleinen Seitentür zu verschwinden, die in den Ostflügel des Schlosses führte.
Die große leere Vorhalle, in der sie nun standen, war dunkel. Die schweren Vorhänge waren zugezogen und nur hier und da fielen einzelne dumpfe Lichtstrahlen in den Raum.
Kim stand dicht neben Heinrich. Worauf warteten sie? Was wollten sie hier überhaupt? Kim wollte schon vorschlagen, wieder zu gehen, als er plötzlich eine Hand vor seinen Augen spürte, die ihm die Sicht versperrte. Eine weitere Hand fühlte er an seiner Hüfte, wie sie allmählich nach oben wanderte. Erschrocken wollte er sich umdrehen, doch auf irgend eine Art und Weise konnte er das nicht, da ihn diese Hände festhielten.
Sein Herz begann schneller zu schlagen. Er mochte es nicht, so berührt zu werden. Noch dazu wenn er nicht wusste, wer da hinter ihm stand. Noch immer ruhte die Hand vor seinen Augen und er griff danach um sich von ihr zu befreien als er ein leises Flüstern neben seinem rechten Ohr vernahm.
„Ich lass’ dich los, wenn du errätst, wer ich bin...“
Der Fremde stellte sich ganz dicht hinter ihn, Kim konnte bereits die Wärme spüren, die sich an seinem Rücken ausbreitete.
„Ich... ich weiß nicht, wer Ihr seid... Woher sollte ich es denn auch wissen...?“
Ganz plötzlich lösten sich die Hände von Kims Körper und er drehte sich um.
„Heinrich! Du hast ihm also nichts von mir erzählt, ja? Ein schöner Freund bist du!“ Kim blickte in zwei glasklare blaue Augen, die Heinrich wütende Blicke zuwarfen.
„Dabei hätte unser kleines Spielchen so interessant werden können!“
Heinrich erwiderte nur ein Lächeln und beugte sich über den Jungen, wobei er mit seiner Hand dessen Wange liebkoste. „Unzufrieden und vorlaut wie immer. Du hast dich nicht verändert Bernard!“
Der Junge umfasste Heinrichs breite Schultern und stieß dabei ein leises Seufzen aus. „Ich bin so froh, dich einmal wieder zu sehen. Du hättest mich ruhig öfter besuchen können. Wie geht es dir?“
„Es ging leider nicht früher...“
Sie lösten sich aus der freundschaftlichen Umarmung. Als nächstes ergriff Heinrich das Wort.
„Kim ... darf ich vorstellen? Das hier ist Bernard de Balvenne. Und Bernard... von Kim hab’ ich dir ja bereits in meinem letzten Brief erzählt.“
Kim reichte Bernard die Hand und lächelte ihm lieb zu. Dieser beugte sich nahe zu seinem Gesicht und sah ihm tief in die Augen.
„Du scheinst ziemlich schüchtern zu sein. Wie alt bist du?“
Kim stutzte und antwortete dann nur mit einem kurzen „22“.
„Ha, sogar ein Jahr älter als ich! Wieso wirst du denn jetzt rot? Das von vorhin muss dir nicht peinlich sein. Es war doch nur Spaß, ich wollte dir nicht zu nahe treten... So, aber lasst uns doch etwas in den Wintergarten gehen. Hier ist es viel zu dunkel. Ich kann eure hübschen Gesichter ja gar nicht richtig erkennen!“
Bernard legte seinen Arm über Kims Schultern und führte seine Besucher in einen von der Sonne durchfluteten Raum.
Reine Glaswände schirmten dieses Zimmer von der Außenwelt ab. In jeder Ecke standen kleine gemütliche Sofas. Und auf einem ganz in der Nähe einer grünen Blattpflanze saß ein zierliches Persönchen mit lockigen Haaren, die in ein Buch vertieft zu sein schien.
Bernard räusperte sich laut und das Mädchen blickte auf.
„Oh...“ ihr feine Stimme klang überrascht. „Sind deine Gäste bereits angekommen, Bernard? Nun, das freut mich sehr. In letzter Zeit ist unser Haus so schrecklich leer seit Mutter und Vater auf Reisen sind.“ Ein Seufzer huschte über ihre kleinen sinnlichen Lippen.
Dann machte sie einen höflichen Knicks vor Heinrich und Kim, wobei sie ihr blassgraues Kleid anhob. „Wie schön, dich so wohlauf zu sehen Heinrich. Wie geht es deiner Frau und deinem Sohn?“
Heinrich nahm sie bei der Hand und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Beiden geht es sehr gut, vielen Dank der Nachfrage, Josèphine. Erlaube mir die Bemerkung, dass du eine richtige junge Frau geworden bist, seit ich dir das letzte Mal begegnet bin...“ Sie lächelte ihm daraufhin mit einem strahlenden Zwinkern ins Gesicht.
„Noch genauso charmant wie früher. Und wer ist dieser Mann an deiner Seite?“
„Sein Name ist Kim, Kim Prokter. Er ist ein guter Freund von mir und...“ Heinrich zögerte und sah flüchtig zu Kim. „...und Eduard.“
/Verzeih’ mir Kim. Hättest du gewollt, dass ich dich als Eduards Geliebten vorstelle? Wenn ich doch nur manchmal in dein Inneres sehen könnte. Vielleicht habe ich dich jetzt verletzt... vielleicht war es aber auch gut so... Wir werden sehen.../
„Ahhh... Eduard. Dein Bruder nicht wahr? Herzlich Willkommen, Kim. Ich hoffe sehr, dass du dich bei uns wohlfühlen wirst.“ Dann hob sie ihr kleines Zeigefingerchen. „Und lass’ dich von meinem Bruderherz nicht verunsichern. Er treibt seine Späßchen mit jedem, der ihm in die Quere kommt. Heinrich ist der einzige, den ich kenne, der Bernard darin noch übertrifft.“ Sie schmunzelte, wartete jedoch nicht mehr auf Heinrichs Reaktion. Mit einer schnellen Bewegung schlug sie ihr Buch zu und tippelte anschließend auf leichten Füßen aus dem Wintergarten, wobei sie nur noch hinterher rief: „Ich will euere Männergesellschaft ja nicht stören... Ruft Caroline, wenn ihr etwas braucht. Sie hat den Tee bereits fertig...“ Dann verschwand sie in der dunklen Vorhalle.

/Meine Schritte hallen schwer auf dem zerbrechlichen Marmorboden. Ich sollte nicht hier sein... Zu sehr drückt mir die Last der Trauer aufs Gemüt und widersetzt sich der Freude der Menschen um mich herum.../

Sie nahmen an einem kleinen runden Tisch platz, der etwas abseits im Wintergarten stand. Es dauerte auch nicht lange, da kam bereits Caroline mit dem Tee.
Bernard stützte seine Ellenbogen auf die Tischplatte und faltete seine Hände, auf die er sein Kinn legte. Mit einem Lächeln im Gesicht sah er Heinrich eindringlich an.
„Erzähl’ mir mehr von deiner Frau. Sie ist wirklich ein bezauberndes Geschöpf. Wie alt ist euer Sohn jetzt?“
„Noel ist zwei Jahre, wird aber bald drei. Er kommt ganz nach Madelene, aber das solltest du besser selbst beurteilen. Ich bin sicher, dass du ihn in naher Zukunft einmal kennen lernen wirst. Madelene würde sich sicher über einen Besuch von dir freuen, auch wenn ich dann gerade nicht zu Hause sein sollte. Du hast einen sehr sympathischen Eindruck bei ihr hinterlassen!“
Bernard blinzelte Heinrich offen zu und wendete sich anschließend zu Kim.
Dieser hatte schon die ganze Zeit mit gesenktem Blick dagesessen und rührte unaufhörlich in seiner Tasse Tee.
Kim wich mit seiner Hand plötzlich etwas zurück, als er eine unerwartete Berührung verspürte. Dann sah er auf.
„Was ist denn los, Kim? Fühlst du dich nicht wohl bei uns? Du scheinst mir die ganze Zeit so abwesend. Worüber denkst du nach?“
Kim versuchte ein Lächeln, doch seine Augen verrieten, dass er nicht wirklich glücklich war. Bernards Hand ruhte noch immer auf seiner und strahlte eine angenehme Wärme aus.
„Bitte denke nicht, dass es mir hier nicht gefällt. Das Schloss ist wirklich wunderschön und ich habe dich und deine Schwester bereits liebgewonnen, aber...“
/... aber ich kann in Heinrichs Gegenwart einfach nicht vergessen. Ja, das ist es, was mich quält und doch.../
Heinrich warf Bernard einen vielsagenden Blick zu und der Junge verstand, dass es besser wäre, Kim nicht noch länger zum Reden zu bewegen.
„Schon in Ordnung, Kim. Keiner verlangt von dir, dass du dich rechtfertigst. Ich kann es bloß nicht mit ansehen, wenn du so in dich gekehrt am Tisch sitzt und dich vor uns auszuschließen scheinst. Das ist es doch, was du tust, nicht wahr?“
Wieder lächelte Bernard, dann ließ er Kims Hand los, wobei sein Daumen noch einmal sanfte Liebkosungen ausführte.

„Entschuldigt bitte... aber... würde euch etwas Gesellschaft vielleicht doch nichts ausmachen? Eigentlich hatte ich gehofft, dass Alicia jeden Moment an der Tür klingelt, aber jetzt habe ich Nachricht erhalten, dass sie krank ist und mich leider nicht besuchen kann...“
Heinrich und Kim standen höflichkeitshalber auf, als Bernards Schwester den Wintergarten betrat. Mit einem flüchtigen Blick streifte sie Kim, dann sah sie Heinrich ins Gesicht.

/Sehr schön, Joséphine. Vielen Dank für die kleine Unterbrechung. Du hast seine Aufmerksamkeit auf dich gelenkt und nun kann ich ihn ganz unbemerkt beobachten. Seinem schmalen Körper mit meinen Augen entlang fahren und mir vorstellen, was sich hinter dem luftigen weiten Hemd mit der seidenen Weste verbirgt. Nimm ihn mir ja nicht weg, Joséphine, hörst du? Nimm ihn mir nicht weg... oder wir sind nicht länger Bruder und Schwester.../

„Aber es ist uns eine Ehre, wenn sich eine nette junge Dame wie du zu uns gesellt. Bitte...“ Heinrich rückte einen Stuhl vor und das Mädchen nahm mit einer geschmeidigen Bewegung darauf Platz. Sie bedankte sich bei Heinrich mit einem Schmunzeln.

Sie saßen noch bis in den späten Nachmittag und redeten über alle möglichen Dinge, bis Joséphine plötzlich Kim mit ihren Blicken fixierte. Ihr kleiner Zeigefinger spielte mit einer Locke glänzenden Haares. „Ich hoffe, es hört sich jetzt nicht zu unhöflich an... aber was ich mich schon die ganze Zeit frage ist... nun...“ Sie blickte kurz in die Runde und sah dann wieder zu Kim.
„Kim... bist du verheiratet? Hast du eine Geliebte?“ Man konnte Joséphine ansehen, dass ihr diese Frage peinlich war, denn ein zarter roter Schimmer legte sich über ihre heißen Wangen.
Kim schluckte, sein Blick wurde auf einmal leer und er schien ins Nichts zu starren, durch die Tischplatte hindurch, auf der seine Hände lagen. Seine Augen schweiften zu einer dunklen Ecke des Raumes.
„Ich... habe...“ Er sah auf, ein Funkeln in den traurigen Augen.
„Ich habe geliebt... doch diese Liebe endete im Verrat. Verrat, weil ein Versprechen gebrochen wurde, an das ich mich mein Leben lang geklammert habe.“

/Nein, Kim... Eduard hat keinen Verrat begangen. Nur ich, ich allein, sein schandhafter Bruder.../

Bestürzung zeichnete sich auf Joséphines Gesicht ab. Sie wollte etwas erwidern, doch Kim war bereits vom Tisch aufgestanden und entschuldigte sich für einen Moment mit zitternder Stimme. Dann hatte er den Wintergarten verlassen und war in der schwarzen Vorhalle verschwunden.
Joséphine wollte aufstehen und ihm nachgehen, doch sie fühlte sich an ihrer rechten Hand festgehalten. Bernard warf ihr einen nichtssagenden, gleichgültigen Blick zu und stand statt ihrer auf.
„Ich glaube nicht, dass er dich jetzt sehen möchte, Schwester...“
Heinrich bemerkte einen betroffenen Blick in Joséphines Gesicht und strich ihr tröstend über die Haare.
„Mach’ dir keine Gedanken, Kleines. Für deine Frage brauchst du dir wirklich keine Vorwürfe zu machen. Kim ist dir sicher nicht böse, er braucht nur etwas Zeit, die Erinnerung zu verkraften...“
Joséphine stieß ein leises Seufzen aus. „Sie muss... ihn sehr unglücklich gemacht haben. Bestimmt liebt er sie noch immer. Keiner hat das Recht, einen anderen Menschen so sehr zu verletzen...“
Die Worte des Mädchens hallten dumpf in Heinrichs Kopf.
/“Sie muss ihn sehr unglücklich gemacht haben...“ Ja, das hat er. Er hat ihn sehr unglücklich gemacht... Kim kann ihn nicht vergessen. Er kann es einfach nicht und ich habe es aufgegeben, ihn wieder glücklich zu machen. Doch die Wahrheit bringt mich um. Ich muss sie verschweigen. Zu schuldig. Ich bin zu schuldig.../

Bernard trat aus dem Schloss. Er hatte gesehen, wie Kim durch das Eingangstor geeilt war. Die goldene Abendsonne schien ihm ins Gesicht und er sah sich um.
Kim lehnte mit hängenden Schultern an einer alten Trauerweide, deren dünne biegsame Äste sich leise im lauen Wind bewegten.
Langsam näherte sich Bernard Kim und stellte sich dann neben ihn.
Schweigen.
Kim hatte seine Arme um sich selbst geschlungen, den Kopf gesenkt, wobei ihm die braunen Haare über die Augen fielen. Bernard bemerkte nur die zwei kleinen schillernden Perlen, die sich ihren Weg über Kims Wangen in die Tiefe bahnten.
„Bitte verzeih’ die Worte meiner Schwester. Sie...“ Doch seinen Satz konnte er nicht vollenden, da Kim ihm ins Wort fiel.
„Sie konnte nicht wissen...“ Ein bitteres Lächeln flog über Kims Lippen. „Niemand kann es wissen. Niemand kann verstehen,... weil ich es ja selbst nicht kann.“
Wieder kehrte eine kreischende Stille ein, nur durchbrochen von den flüsternden Weidenzweigen, die sich im Wind aneinander rieben.
„Drei Jahre... mein Gott... verstehst du, was das bedeutet? Drei ganze lange Jahre sind inzwischen vergangen und ich... spüre immer noch den selben Schmerz wie an jenem Tag. Es...“
Mit einer flüchtigen Bewegung wischte er sich die Tränen aus den Augen.
„Es war so ungerecht. Wie konnte er das nur tun?“
„Er...?“
Bernard atmete tief durch, dann stellte er sich direkt vor Kim und fasste ihn sanft an den Schultern.
„Er..., Kim? Soll das heißen... Hast du etwa einen...“
„Mann geliebt...“ flüsterte Kim.
„Ja, ich liebte einen Mann. Verabscheue mich nun ...!“
Ein Kuss unterbrach Kim in seinem Satz. Die Zeit schien still zu stehen und Kim wusste nicht, wie ihm geschah oder wie er darauf hätte reagieren sollen. Er fühlte nur Bernards warme Zunge in seinem Mund, wie sie mit der seinen versuchte zu spielen und doch keinen Widerklang fand. Bernard legte seine linke Hand an Kims Hüfte, mit der anderen fuhr er an seiner Weste entlang, öffnete ganz behutsam und vorsichtig die zwei obersten Knöpfe , so dass er mit seinen Fingern Zugang zu Kims Hemdkragen hatte. Er konnte die kleine Vertiefung zwischen den Schlüsselbeinen spüren und eine unheimliche Wärme breitete sich in seinem ganzen Körper aus, bis... bis Kim aus seiner Trance zu erwachen schien und dem Jungen langsam klar wurde, was Bernard vorhatte.
Er drückte Bernard sanft von sich und sah ihm dann in die blauen Augen.
„Willst du dich etwa über mich lustig machen? Hattest du deine Freude, ja?“
„Ja, meine Freude hatte ich, bis du mich von dir gestoßen hast. Verstehst du nicht, Kim? Ich würde mich nicht über dich lustig machen. Nicht in dieser Sache.“
„Willst du mir damit sagen...“
„Genau das! Ich finde ebenso Gefallen an jungen Männern. Wir zwei sind uns so ähnlich...“ Wieder näherte er sich Kim und strich ihm über die Wange.
„Willst du mich denn nicht, Kim?“
Keine Antwort.
„Wenn ich ein bisschen zu schnell für dich war, dann tut es mir leid. Ja, vielleicht hätte ich warten sollen, aber ich war einfach überwältigt... Ich bin eben noch jung, man hat seine Gefühle manchmal nicht ganz unter Kontrolle... Bitte verzeih’!“
Kim achtete gar nicht darauf, was Bernard versuchte, ihm zu sagen. Er war viel zu verwirrt. Wie hatte er diesen Kuss nur zulassen können, wie diese Berührung?

„Wo bleibt ihr beiden denn?!“ Heinrich stand plötzlich in der Eingangstür und winkte ihnen kurz zu. Er lächelte, war vermutlich zuversichtlich, dass es Kim bereits wieder besser ging. Dann wandte er den beiden Jungen wieder den Rücken zu.
Bernard und Kim schwiegen eine Weile und rührten sich nicht von der Stelle.
„Ich nehme an, Heinrich will aufbrechen...“
„Kim?“
Zwei blaue Augen, so unendlich tief...
„Willst du heute nacht nicht hier bleiben? Es würde uns sehr freuen. Heinrich könnte auch hier übernachten...“ Doch noch während er diese Frage stellte, war Kim bereits einige Schritte in Richtung Eingangstor gelaufen.
„Hasst du mich jetzt?“
Ein Kopfschütteln.
„Bleibst du dann?“
„Das geht leider nicht...“
„Und weshalb? Denkst du ich komme nachts in dein Zimmer geschlichen und falle über dich her? Habe ich mich nicht bereits entschuldigt?“
Kim atmete tief durch und drehte sich dann Bernard zu.
„Was du getan hast oder nicht, Bernard... spielt überhaupt keine Rolle. Ich bin dir deswegen  nicht böse. Gerne würde ich heute nacht hier bleiben, aber ich fürchte, dass das eine Unmöglichkeit darstellt. Ich muss morgen sehr früh wieder zum Dienst. Der Herzog sieht es nicht gerne, wenn sich seine Angestellten frei nehmen.“ Und dann fügte er leiser hinzu: „Es geht einfach nicht, bitte versteh’ das...“
„Gut, aber dann kommst du mich bald wieder besuchen, ja? Ich weiß auch schon wann. Das ist ein Sonntag, da wirst du doch einmal Zeit haben? Joséphine hat in drei Wochen Geburtstag. Ich bin sicher, sie ist überaus glücklich, wenn du kommst... Sagst du ja? Außerdem kann ich an solchen Tagen Unterstützung immer gut gebrauchen.“ Er kicherte vor sich hin. „Ihre Freundinnen hängen mit immerzu am Bein, wenn du verstehst, was ich meine. Ich verstehe ja, wenn sie meinem Charme nicht entkommen können, aber auf die Dauer kann das ganz schön lästig werden...! Also, kommst du?“
Ein sonniges Lächeln legte sich über Kims Gesicht. „Sehr gerne sogar...“

Eine halbe Stunde später saßen Heinrich und Kim auch schon wieder in der Kutsche und näherten sich Schloss Trevelsburg.
„Die ganze Zeit sprichst du schon kein Wort mehr mit mir. Hat dir der Besuch heute missfallen?“
„Nein, hat er nicht. Ich frage mich nur die ganze Zeit...“
„Was fragst du dich?“
„Hast du etwa versucht, einen neuen Liebhaber für mich zu finden?... Jetzt tu’ nicht so überrascht Heinrich von Kalau! Sag’ mir nicht, du wusstest nichts von Bernards Vorlieben...“
„Erzähl’ du mir nicht, dass der Kleine auf Männer steht... Dazu schwärmt er zu oft von Frauen, denen er schon begegnet ist. Das war sicher nur wieder einer seiner dummen Scherze. Soweit ich weiß ist er sogar verlobt...“
Kim überlegte. „Vielleicht hast du recht... Es war sicher nur ein Scherz.“
/Und in meinem Inneren tut sich eine Leere auf, die zu füllen ich nicht fähig bin./

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Part 3:

Die Dunkelheit verschluckte noch die ersten Strahlen der Morgensonne, die sich versuchten, ihren Weg in die kahle Welt zu bahnen. Eine dünne Wolkendecke ließ den Himmel grau und verschleiert erscheinen, nur hier und da taten sich ab und zu ein paar Risse auf und manchmal konnte man sogar noch die durchsichtige Silhouette des vergehenden Mondes erkennen.
Kim stand mit unordentlichen Haaren in seinem Schlafgemach und band sich sein Halstuch um das weiße Hemd. Sein Blick wanderte zu dem kleinen Holztischchen, das neben ihm stand und in dessen glänzender Lackierung sich das gelbe Kerzenlicht verfing. Zuerst zögerte er eine Weile, doch dann griff er behutsam nach der kleinen silbrigen Brosche, die auf der Tischplatte lag. Er fuhr ihre glatte Oberfläche mit dem Daumen ab. In der Dunkelheit des Zimmers, in dem lediglich die kleinen Kerzen Licht spendeten, konnte er kaum das Azurblau erkennen, das den Kern des Schmuckstücks bildete. Dieser war in feinste Ornamentik eingefasst. Kim schien es absurd, einem Bediensteten eine solche Kostbarkeit anzuvertrauen. Doch dies war das erste, was man ihm am Schloss des Herzogs in die Hand gedrückt hatte. Vermutlich sollte dies ein Symbol der Großzügigkeit sein, oder es war einfach nur der Eitelkeit halber gedacht.
Mit drei geübten Handgriffen befestigte Kim das Juwel an dem Knoten seines Halstuches. Anschließend zog er sich die taillierte schwarze Weste über, die die weiten Ärmel des Hemdes hervorhob. Er war jedes Mal froh, wenn er am Abend dieses Kleidungsstück wieder ablegen konnte, denn in gewisser Weise erinnerte es ihn an die Weste, die er von seiner Mutter aus immer hatte anziehen müssen.
Nachdem er sich die Haare gekämmt hatte, streifte er seine dunkle Jacke über. Zwei silbrig schillernde Längsstreifen zogen sich von den Schulten bis zum Saum und betonten Kims schlanke Figur.
Ein bitteres Lächeln huschte über seine Miene und er kniff kurz die Augen zusammen, bevor er durch die Wohnungstür hinaus in die kalte morgendliche Luft trat, die sich sogleich durch seine Kleider fraß. Ihn fröstelte und er faltete schützend seine Arme vor dem Oberkörper. Sein Pferd wieherte bereits in einiger Entfernung.

„Wie kannst du es wagen?! Sagte ich nicht, du solltest heute deinen Dienst bereits um Mitternacht antreten?! Antworte mir!“
„Nun...ich, bitte verzeiht, aber...“
„Ich habe dich in meinen Dienst genommen, da ich der Meinung war, mich auf dich verlassen zu können. Du hattest Glück, dass Hans hier war. Was hätte ich wohl ohne ihn getan?!“
/Ihr hättet einen Eurer anderen duzend Diener herbeigerufen. Wir sind alle ersetzbar./
Kim stand dem großgewachsenen Herzog gegenüber und hatte seine Blicke auf den Boden gesenkt. Er konnte spüren, wie ihn die Wut dieses Mannes durchdrang, wie sie drohte, ihn von innen heraus in tausend Stücke zu zerreißen. Und das alles nur, weil...
„Bitte verzeiht mein Zuspätkommen, aber ich wusste nichts davon. Ich wusste nicht, dass Ihr mich bereits ab Mitternacht ...“
„Ich ließ es dir ausrichten! Komm’ mir nun nicht mit derartigen Geschichten. Du weißt, ich habe keine Verpflichtung dazu, dich hierzubehalten! Erzürne mich nicht noch einmal Junge...“ Mit fester Hand griff er nach Kims Kinn und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen.
„Hast du verstanden? Es könnte... Folgen für dich haben...“
/Folgen.../
Nachdem der Herzog von Kim abgelassen hatte, verbeugte sich dieser tief und verließ anschließend, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen, das Arbeitszimmer. Langsam schloss er die wuchtige Tür hinter sich. Seine Glieder schienen ihm auf einmal wie aus Blei und erschöpft lehnte er sich an die Tür.
„Oi Kim... da hast du dir aber wieder ziemlichen Ärger eingebrockt. Man konnte die Stimme des Herzogs ja bis hier heraus hören!“ Eine junge Frau in schwarz weißem Kleid stand vor ihm und grinste ihn breit an.
„Hast du etwa wieder gelauscht, Luise?“
Doch das Mädchen gab keine Antwort, sondern murmelte nur ein paar unverständliche Worte vor sich her, die fast wie eine Art Gebet klangen. Kim schüttelte verständnislos und mit kritischem Blick den Kopf und lief dann die Treppe hinab. Er wusste nicht, wie viele Stufen es jedes Mal waren, die er bis zum Zimmer des Herzogs emporsteigen musste. Gezählt hatte er sie noch nie. Jedoch schienen sie nicht enden zu wollen und jedes Mal, wenn er von ihm gerufen wurde, fühlte er sich erschöpft, wenn er oben ankam. Diese Stufen schienen eine Art Foltermethode für die Bediensteten dieses Schlossen darzustellen. Es wurde auch gemunkelt, dass der Herzog mit Absicht die Zimmer der Diener in eine der untersten Etagen hatte verlegen lassen, weil es ihm Genugtuung und absurde Freunde bereitete, sie bei jeder Kleinigkeit diese Tortur auf sich nehmen zu lassen. Kim war schon fast unten angelangt, als er einen schrillen Pfiff von oben herab hörte.
Er blickte hinauf, doch konnte nichts erkennen. Dann waren nur noch die klackenden hastigen Schritte einer Person wahrzunehmen, die die Marmortreppe herabgeeilt kam. Wieder ein Pfeifen, diesmal gefolgt von einem Lachen.
/Moment... das kommt mir doch bekannt vor.../ Gerade als er sich umdrehen wollte, schlangen sich zwei Arme von hinten um seinen Nacken.
„Kim... wie schön, dich hier zu treffen! Arbeitest du also in diesem Schloss?“
„Bernard?“
Ein Nicken.
„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du Diener meines Großonkels bist?“
„Ich... wusste nicht, dass ihr auf irgend eine Weise verwandt seid...“
„Nun ja, ist ja auch egal. Jedenfalls freut es mich, dich hier zu treffen! Das hätte ich mir nicht träumen lassen...“
Bernard verstummte plötzlich als sich eine Dienstmagd mit misstrauischen Blicken an den beiden vorbeischlich. Vermutlich versuchte sie, irgend etwas von dem Gespräch zwischen ihnen mitzubekommen, denn ihr Gang wurde immer langsamer, bis sie dann endlich in einer kleinen Abzweigung der Treppe verschwand.
„Ich hab’... die ganze Nacht nur an dich denken müssen, Kim!“
/Oh.../
„So, hast du das? Na hoffentlich hast du nichts schlechtes von mir gedacht?“
„Wie könnte ich! Nein... du... hast mir gefehlt. Ich verspürte die ganze Zeit eine innere Sehnsucht nach dir, ich kann es nicht beschreiben. Und wenn ich jetzt hier direkt neben dir stehe, fühle ich mich so unendlich glücklich. So aufgewühlt, Kim!“
Er nahm Kim bei den Händen und drehte sich tanzend um ihn herum.
„O, verzeih... eigentlich ist es Bediensteten hier nicht gestattet, unaufgefordert mit Bewohnern des Schlosses zu reden. Aber bei dir geht sicher eine Ausnahme. Mein Onkel würde mir diese Freude nicht nehmen wollen. Ich möchte dir nur keinen Ärger machen...“
„Dein Onkel ist, denke ich, heute weniger gut auf mich zu sprechen. Bitte entschuldige mich jetzt Bernard, ich habe leider noch sehr viel zu erledigen. Es hat mich gefreut, dich wieder zu sehen.“
„Mhm, ich bin noch eine ganze Weile hier. Vielleicht kann ich dich nachher einmal zu mir bitten lassen... wir werden sehen.“
Kim verabschiedete sich mit einem sanften Lächeln und wendete sich dann von Bernard ab um seiner Arbeit nachzukommen.
„Genau so...“ erklang plötzlich Bernards Stimme erneut.
Kim sah zu ihm.

/Genau so?/

„Genau so... hast du mir heute Nacht in meinen Träumen zugelächelt...“

Der Nachmittag ging allmählich auf sein Ende zu und Kim übermannte die Müdigkeit. Er hatte ununterbrochen gearbeitet, und der Gedanke daran, dass der Abend noch lang sein würde, ließ ihn erschaudern.

„Ich frage mich, was der Herzog nur immerfort von dir will, Kim... Ständig ruft er dich zu sich...“
„...“
„Du bist müde und solltest dich etwas ausruhen. Ich kann ja für eine Stunde für dich übernehmen, wenn du willst. Meine Arbeit ist getan. Luise blickte Kim tief in die Augen und umfasste dann mit ihren geschickten Fingerchen sein Halstuch.
„Es ist dir verrutscht. Du solltest besser darauf Acht geben. Die Brosche ist schön... was gäbe ich drum, auch so eine zu besitzen...“
Kim war es nicht aufgefallen, dass sie tatsächlich kein solches Schmuckstück bei sich trug.
„Hast du deines verloren?“
Da begann sie laut zu kichern.
„O nein, Kim. Ich... hatte nie eines. Ich bin ein Mädchen...“
„Was hat das damit zu tun?“
Sie lächelte zart.
„Ich bin ein Mädchen und du ein Junge. Ich besitze keine, aber du schon. Außerdem bin ich Küchenmagd...“
Kim hatte nicht die Zeit, noch weiter darüber nachzudenken. Vermutlich hatte Luise ihre tatsächlich nur verloren oder war in Ungnade gefallen und machte sich damit jetzt über ihn lustig. Es ertönte das kleine Glöckchen, das ihm bedeutete, zum Herzog zu kommen. Er stand auf und wollte gerade gehen, als er Luises Hand auf seiner Schulter spürte.
„Halt... hast du nicht etwas vergessen?“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf ein silbernes Tablett, welches auf dem Küchentisch hinter ihnen stand.
„O... ja richtig...“
„Wenn der Herzog Besuch hat, dürfen dir keine Fehler unterlaufen, Kim.“
„Was würde ich nur ohne deine wachsamen Augen tun, liebste Luise!“ Kim schmunzelte als er sah, wie sich das Mädchen verlegen den Hinterkopf rieb und dabei rot wurde.
„Den Tee hab’ ich vor zwei Minuten frisch aufgegossen. Du kannst ihn jetzt servieren.“
„Ich danke dir!“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und nahm anschließend das Tablett mit den Teetassen und der Kanne in die Hände.

Kim erreichte nach wenigen Minuten das Empfangszimmer des Herzogs, das sich im Westflügel des großen Schlosses befand. Vor der Tür blieb er zögernd stehen und betrachtete zuerst die Malereien und Gemälde an den Wänden. Es waren hauptsächlich schöne junge Frauen dargestellt, mit großen lachenden Augen und einem schüchternen Lächeln auf den vollen Lippen. Die eine mit dem rosé- farbigen Kleid erinnerte ihn ein bisschen an seine Schwester Sophie und auch die kleinen Perlenohrringe, die sie trug kamen ihm bekannt vor.
/Meine kleine Sophie... wie lange habe ich dich schon nicht mehr gesehen... Ich wünschte.../
Aus seinen träumerischen Gedanken holte ihn plötzlich das Knacken der Tür vor ihm. Man hatte von innen den Griff herabgedrückt und wenig später wurde die Tür geöffnet. Der Diener, der mit hastigen Schritten aus dem Zimmer kam, hätte Kim beinahe überrannt, doch bevor dies geschehen konnte war Kim einen Schritt zur Seite gewichen. Der Bedienstete eilte die Treppe hinab und Kim blickte ihm verwundert hinterher.
„Ah, da bist du ja endlich. Ich dachte schon, ich müsste dich noch einmal rufen lassen...“ erklang die raue Stimme des Herzogs und Kims Augen wanderten in den Empfangssaal. Die Zimmerdecke war hoch und endete in ovalen Gewölben, die über golden glänzende Leisten miteinander verbunden waren und einen sehr edlen Eindruck machten.
„Du darfst eintreten!“

Unsicheren Schrittes huschte Kim in den Raum, dann stellte er zuerst das Tablett auf das niedrige Tischchen, das gleich rechts an der Wand stand und schloss die Tür hinter sich. Anschließend nahm er das Tablett wieder auf. Er lief langsam zu dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers, doch blieb plötzlich stehen, als sein Blick, den er die ganze Zeit zu Boden gesenkt hatte, auf den fremden Mann fiel, der am Fenster stand. Der Gast des Herzogs war groß, sogar noch größer als der Herzog selbst und er schien aus dem Fenster hinaus in die Dämmerung zu sehen. Seine Arme hatte er vor seiner Brust verschränkt. Er stand einfach nur so da und regte sich nicht.
„Bitte... setzen wir uns doch!“
Der Herzog deutete dem Mann mit einer unbeholfenen Handbewegung, die dieser jedoch unmöglich gesehen haben konnte, am Tisch Platz zu nehmen.
Zuerst kam keine Reaktion, Kim stand noch immer an der gleichen Stelle, war nicht fähig, sich zu rühren. Der Fremde drehte sich um, ganz langsam, als wäre er mit seinen Gedanken noch immer in der Dämmerung verloren.
Doch dann sah er Kim tief in die Augen.
Ein finsterer Blick getragen von Gleichgültigkeit. Noch immer stand er im Halbschatten, den die zurückgezogene Gardine am Fenster auf ihn warf. Er trat heraus und lief auf Kim zu, seine Blicke nicht von ihm abwendend. Ganz langsam kam er näher und das einzige, was Kim denken konnte war...
/Ein Traum... ein trügerischer Traum.../
Der großgewachsene Mann strich sich mit seiner linken Hand grazil eine Strähne seines braunen Haares aus dem Gesicht, die jedoch gleich wieder zurückfiel.
/Seine Augen... Er durchdringt meine Seele und spiegelt die Trauer meines Herzens wider... Und... er weiß nicht, wie er mich verletzt, wenn er mit solcher Geringschätzung einfach an mir vorbeiläuft... so als... als wäre ich der Abschaum dieser Welt... /
Kim wurde übel und er hätte beinahe das Tablett fallen lassen, denn er verspürte das Verlangen, sich mit der Hand ans Herz zu fassen, so als müsste er es wieder zur Ruhe bringen.
Er sah dem breitschultrigen Mann hinterher, beobachtete, wie er sich auf den Stuhl setzte, sich zurücklehnte und dann die Beine übereinander schlug.
/So ähnlich... nur so verteufelt kalt... und ... /

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tbc                                                                                                                             back